Eversberg | Dividuell aktiviert | Buch | 978-3-593-50059-1 | sack.de

Buch, Deutsch, Band 7, 686 Seiten, Format (B × H): 151 mm x 231 mm, Gewicht: 960 g

Reihe: Labour Studies

Eversberg

Dividuell aktiviert

Wie Arbeitsmarktpolitik Subjektivitäten produziert

Buch, Deutsch, Band 7, 686 Seiten, Format (B × H): 151 mm x 231 mm, Gewicht: 960 g

Reihe: Labour Studies

ISBN: 978-3-593-50059-1
Verlag: Campus Verlag GmbH


Die Hartz-Reformen rückten das Paradigma der aktivierenden Arbeitspolitik in den Fokus: Durch Eigeninitiative sollen aus 'passiven' Arbeitslosen 'aktive' Arbeitssuchende werden. Dennis Eversberg entwickelt eine soziologische Konzeption dieses Arbeitsmarkts, der 'aktivierte' Subjekte erzeugen soll. Er entschlüsselt damit an einer empirischen Fallstudie die gesellschaftliche Dynamik der 'Dividualisierung': Arbeitskraft bezieht sich nicht mehr auf das Individuum. Stattdessen sind 'Dividuen' gefragt, die ihre Kompetenzen permanent messen, vergleichen und optimieren, um den Marktanforderungen gerecht zu werden.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Inhalt
Dank 9
1. Einleitung 11
2. Warum "Aktivierung"? 29
2.1 Regulationstheorie: Unwiderrufliches Ende des Fordismus, Finanzialisierung und "funktionale" Dividualisierung 30
2.2 Postoperaismus: "Biokapitalismus" und die raum-zeitliche Dimension von Dividualisierung 40
2.3 Zwischenfazit: Die Grenze des Ökonomismus 45
2.4 Klassenreproduktion im Übergang zum organisierten Kapitalismus 50
2.5 Die zweite Welle von Umstellungsstrategien 65
2.6 Diskursive Verarbeitungen von Dividualisierung 77
2.7 Aktivierung: Die Erzeugung marktförmigen Handelns 86
2.8 Fazit: Zwei Schlussfolgerungen 93
3. Elemente einer feldtheoretischen Konzeption des Arbeitsmarkts 97
3.1 Bourdieus Feldbegriff: Verwendung und Hintergrund 98
3.2 Feld und Markt 101
3.3 Arbeitsmärkte als Felder - was heißt das? 107
3.4 Fazit: Von den Strategien zu den Technologien 139
4. Das Dispositiv der Arbeitskraft 147
4.1 Analytik der Macht statt Theorie der Macht 149
4.2 Kritik der juridisch-diskursiven Machtkonzeption 150
4.3 Macht und Widerstand 153
4.4 Wie die so verstandene Macht untersuchen? Vier Regeln 158
4.5 Vom juridischen zum militärischen Modell? 160
4.6 Von der Allianz zur Sexualität, vom Beruf zur Kompetenz 163
4.7 Die Chronologie der Techniken 168
4.8 Klasseneffekte 171
4.9 Fazit: Zwei Bestimmungen des Dispositivbegriffs 178
5. Dispositive als strukturierte strukturierende Strukturen 183
5.1 Foucaults "Bilderverbot" 184
5.2 Suspendierung der Universalien:
Das Dispositiv als strukturierte Struktur 190
5.3 Foucaults Klassenbegriff: Das Dispositiv als konkret strukturierende Struktur 194
5.4 Realitätsproduktion im "Mikro-Makro-Kreislauf" 201
5.5 Dispositive und Dispositionen als Elemente von Verhältnissen der Realitätsproduktion 206
5.6 Fazit: Eine machtkritische "Bifokalbrille" 214
6. Forschungsstrategien und Forschungstechniken 217
6.1 Datenmaterial und Erhebung 218
6.2 Evaluationsforschung und reflexive Forschungshaltung 221
6.3 Theoriegeleitete qualitative Forschung 224
6.4 Die Analyse von KapUZe "als Dispositiv": Strategien und Technologien der Realitätsproduktion 230
6.5 Habitus-Hermeneutik und empirische Analyse von Machtwirkungen 241
6.6 Fazit: Machtförmige Realitätsproduktion erforschen 252
7. Feld der Aushandlungsbedingungen 255
7.1 Legitimität im arbeitsmarktpolitischen Feld 256
7.2 Wie es zu KapUZe kam 257
7.3 Die NORMATEMP-Stiftung 259
7.4 Das IAB 260
7.5 NORMATEMP 262
7.6 Die Bundesagentur 270
7.7 Fazit: Konkurrierende Legitimationsprinzipien 281
8. Realität des Programms - Die politische Rationalität von KapUZe 287
8.1 Grundsätzliches 289
8.2 Wissen: KapUZe als Politik der Wahrheit 299
8.3 Macht: KapUZe als Politik des Realen 311
8.4 Subjektivierung: KapUZe als Politik des Subjekts 334
8.5 Artikulation: Die Konstitution einer "Projektlogik" über die
Dimensionen hinweg 353
8.6 Fazit: Die Programmatik von KapUZe als kontrollgesellschaftliche Utopie 361
9. Felder der Umsetzungsbedingungen 367
9.1 Altstadt 368
9.2 Carlsberg 374
9.3 Fazit: Marktorientierter Pragmatismus 379
10. Administrative Realitäten 383
10.1 Wissen - Politik der Wahrheit 385
10.2 Macht - Politik des Realen 399
10.3 Subjektivierung - Politik des Selbst 423
10.4 Artikulation - Die Gesamtlogik der Projektpraxis 437
10.5 Fazit: Die Projektpraxis als Hybrid zwischen Disziplin und Kontrolle 444
11. Techniken und Praktiken: Subjektive und subjektivierende Wirkungen 449
11.1 Methodische Vorbemerkungen 449
11.2 Gelobtes Land Betrieb: Die Arbeitseinsätze 461
11.3 Das Leiharbeitsverhältnis - Arrangements mit der Prekarität 499
11.4 Qualifizierung - Die Schwierigkeiten der Produktion von Kompetenzsubjekten 510
11.5 Die Beziehung zum Coach - Das Fördern und Fordern der Dividualität 526
11.6 Die Wirkungen von KapUZe als Gesamtensemble 534
11.7 Fazit: Dynamiken der Praxis - Klasseneffekte 610
12. Schluss: Individualismus als Verteidigungsposition 625
Quellen 657
Literatur 661


Erster Grundsatz: Die Frage nach der Macht
"Aktivierung" präsentiert sich hier also als Strategie machtförmiger Einwirkung auf die subjektive Verfassung von Individuen, durch die diese im "gesellschaftlichen" Interesse auf aktives Handeln verpflichtet und die Herstellung von Passung zu den Anforderungen des Marktes zum Erfolgsmaßstab dieses Handelns erklärt werden. Damit ist über die konkreten Formen politisch-administrativen Intervenierens, die sich mit dieser Zielsetzung in Programmatik wie Praxis verbinden, noch nichts gesagt, wohl aber über Menschenbild und Politikvorstellungen eines Modus der Herstellung des Sozialen: Menschen gelten als form- und anpassbar, insbesondere aber als zur Selbstanpassung fähig, "der Markt" dagegen erscheint als unbeeinflussbare Größe, deren Diktate anzuerkennen und zu befolgen sind. Arbeitsmarktpolitische Interventionen geraten folglich zu Technologien der Erzeugung von aktiv handelnden, sich aus freien Stücken an den Bedarfen "des Markts" orientierenden Arbeitsmarktsubjekten. In guter soziologischer Tradition ist dies der erste Grundsatz der Perspektive auf den Gegenstand "Ar-beitsmarkt", die ich hier theoretisch begründen und auf ein empirisches Beispiel anwenden will: Es geht um Macht, und zwar um eine Macht, die auf die Subjektivität derer zielt, über die sie ausgeübt wird, und diese zu modifizieren sucht.
Über Struktur und Logiken von Politiken der "Aktivierung" ist auch und gerade aus machtkritischer Perspektive viel geschrieben worden. Darüber hinaus wurden gerade die Hartz-Reformen - also jene politischen Restrukturierungsmaßnahmen, durch die die oben wiedergegebene "Leitidee" von der Aktivitäts-Absicherungs-Relation als oberste Handlungsmaxime arbeitsmarktpolitischer Intervention institutionell verankert werden sollte - in ihren Folgen durch ein beispiellos aufwendiges evaluierendes Forschungsprogramm untersucht. Angesichts dessen ist es umso erstaunlicher, dass die Frage, inwiefern denn "aktivierende" Arbeitsmarktpolitiken in ihrer Praxis ihren programmatischen Kernanspruch - die Hervorbringung von ihrem Selbstverständnis nach aktiven, sich aus eigenem Antrieb um Teilhabe am ökonomisch gerahmten, kommodifizierten Prozess der Produktion des Gesellschaftlichen bemühenden Subjekten - eigentlich einlösen, bisher kaum gestellt wurde.
Diese Frage aber ist es, die für diese Studie erkenntnisleitend sein soll und die ich, wie durch das bis hierher Gesagte schon angedeutet, aus einer den In-tentionen machtförmiger Bearbeitung von Subjektivität gegenüber grundsätzlich kritischen Perspektive zu stellen suche. Wenn ich hier also untersuche, ob "Aktivierung" ihre Ziele erreicht, dann richtet sich dies nicht auf die Erhöhung der Effektivität "aktivierender" Interventionen, sondern auf eine Kritik der Formen von Zurichtung, Unterordnung und Zwang, die solche Politiken erzeugen - und zwar nicht nur dort, wo diese intentional ausgeübt werden, sondern auch und gerade da, wo sie sich "hinter der Kulisse" programmatischer Versprechen von Integration, sozialem Aufstieg und Selbstbestimmung auf strukturellem Wege materialisieren. Dazu entwickle ich nach einer historisch-soziologischen Kontextualisierung von "Aktivierung" (Kapitel 2) zunächst auf theoretischer Ebene eine machtkritische Analyseperspektive auf Arbeitsmärkte und Arbeitskraft, ausgehend von Pierre Bourdieus Konzepten des Feldes und des Habitus beziehungsweise der Dispositionen sowie von einer konstruktivistisch-strukturalistischen Reinterpretation des Dispositivbegriffs Michel Foucaults (Kapitel 3-5). Diese wende ich dann mit Hilfe qualitativer Methoden auf das empirische Beispiel der an benachteiligte Jugendliche gerichteten "aktivierenden" Pilotmaßnahme KapUZe ("Kompetenzaufbau durch persönliche Unterstützung in der Zeitarbeit") an, um herauszuarbeiten, wie sich deren Rationalitäten und Tech-nologien über mehrere Ebenen hinweg - von den Intentionen der Program-matik bis in die Wahrnehmung und die Handlungen der zuvor arbeitslosen Teilnehmenden hinein - brechen und welche Auswirkungen auf deren subjektive Verfasstheit sowie auf ihre Position im sozialen Raum der Klassen sie erzeugen.
Aus der Untersuchung der "Machtstruktur" des Projekts KapUZe auf die-sem Wege und mit diesem theoretischen Rüstzeug hat sich ein zentraler Befund ergeben, der der Darstellung meiner Forschungsergebnisse in diesem Buch als strukturierende Kernthese zugrunde liegt und der auch in seinem Titel bereits angedeutet ist: "Aktivierung" ist nicht, wie häufig unterstellt, ein Programm der Individualisierung, sondern eines der Dividualisierung. Wie zu zeigen sein wird, ist die Ausübung von Macht innerhalb "aktivierender" Politikformen wie KapUZe darauf angelegt, die bearbeiteten Subjekte mit den Anforderungen von "flexibilisierten", kleinteilig und kurzzyklisch reorganisierten Arbeitsprozessen kompatibel zu machen, innerhalb derer - diktiert durch den kapitalistischen Imperativ der optimalen Ausnutzung aller der Verwertung zugeführten Ressourcen - auf menschliche Arbeitskraft nunmehr auf sub-individueller Ebene zugegriffen wird.
Ausgangspunkt: Eine doppelte Kritik
Ausgangspunkt meines Herangehens an die Erforschung von "Aktivierung" ist eine Kritik der beiden grundsätzlichen Ansätze der wissenschaftlichen Ausein-andersetzung mit diesem Gegenstand - der quantifizierenden arbeitsmarktpoli-tischen Evaluationsforschung auf der einen und der Mehrheit der machtkritisch argumentierenden Arbeiten zum Thema, darunter die sich auf Foucault berufenden Gouvernementalitätsstudien sowie qualitativ-empirische Arbeiten zur subjektiven Verarbeitung von "Aktivierung", auf der anderen Seite.
Meine Kritik an den vor allem quantitativen Ansätzen, die den Mainstream der Arbeitsmarktforschung bilden, richtet sich im Kern darauf, dass diese, in-dem sie "den Arbeitsmarkt" als eine Sphäre freien wirtschaftlichen Austausches und "Arbeitsmarktpolitik" als regulierendes, rahmensetzendes Eingreifen des Staates in diesen Markt konzipieren, die Macht- und Herrschaftsphänomene, auf denen das "Funktionieren" dieser Sphäre gesellschaftlicher Wirklichkeit grundlegend beruht, weitgehend unsichtbar machen. Diese Forschungen leugnen nicht etwa den Machtcharakter "aktivierender" Arbeitsmarktpolitik, sondern sie dethematisieren ihn konsequent, indem deren Interventionen als staatliches Handeln zur Herstellung eines Ausgleichs zwischen "Angebot" und "Nachfrage" kontextualisiert werden, dessen Legitimation sich nur auf den Erfolg dieses ausgleichenden Eingreifens begründen kann. Infolge dieser Dethematisierung sind die Ergebnisse des Reformprozesses zwar im Hinblick auf dessen institutionelle Faktoren und auf die quantitativ messbaren Größen des Erfolgs "am Markt" (Integrationsquoten, Dauer der erzielten Integrationen) in beispielloser Dichte dokumentiert - aber darüber, ob denn die zum zentralen Ziel erklärte Anpas-sung der Subjektivität der Arbeitslosen an den Markt eigentlich stattfindet, ist aus den tausenden Seiten der Evaluationsberichte wenig bis nichts zu erfahren. Das hängt ohne Zweifel damit zusammen, dass den politischen Akteuren mehr oder weniger egal war, ob die Arbeitslosen nun wirklich, praktisch "aktiv" wurden, weil sie das Einwirken auf deren Subjektivität primär als Mittel zum Zweck der Senkung von Arbeitslosenzahlen und öffentlichen Ausgaben sahen. Auftrag der Evaluationsforschung war es, das Interesse der Politik an wissenschaftlich "harten" Indikatoren zu bedienen, die eine klare, objektivierbare Beurteilung des Erfolgs der einzelnen Interventionsinstrumente erlauben sollten. Und weil die politische Intention hinter den Reformen von Anfang an vor allem in der möglichst schnellen Senkung der als politischer Notstand wahrgenommenen hohen Arbeitslosenzahlen bei gleichzeitiger Reduzierung der Kosten bestand, konnte "Erfolg" hier nichts anderes meinen als die Integration in bezahlte Beschäftigung. Als dominierender Ansatz arbeitsmarktpolitischer Evaluationsforschung haben sich daher ökonometrische Verfahren durchgesetzt, die die Effekte eines Instruments in Zahlen oder Anteilen der "erfolgreich Integrierten", also derer, die zu einem bestimmten Zeitpunkt nach der Behandlung ("treatment") mit dem Instrument in einem bezahlten Arbeitsverhältnis waren, zu "messen". Ein Maßnahmetyp gilt demnach als erfolgreich, wenn die Rechenergebnisse einen positiven "Treatment-Effekt" (IZA u.a. 2006; WZB/infas 2006) für die Teilnah-megruppe gegenüber einer vergleichbaren, mit Nichtteilnahme "behandelten" Gruppe belegen, oder wenn positive makroökonomische Effekte nachweisbar sind. Obwohl in der Hartz-Evaluationsforschung auch eine Reihe anderer quantitativer und qualitativer Methoden zur Anwendung kam, waren es gerade die Resultate der quantitativen Kontrollgruppenvergleiche mit ihrem ostentativen Anspruch auf wissenschaftliche Belastbarkeit, die für ihre öffentliche und politische Wahrnehmung bestimmend waren.
So nützlich die ökonometrische Vorgehensweise aus einer politisch-techno-kratischen, vor allem an schnellem und einfachem Rat für die politische Ent-scheidungsfindung interessierten Sicht sein mag, so wenig verrät sie darüber, ob und gegebenenfalls wie sich die angeblich im Zentrum der Intervention stehenden Einstellungen und Handlungsmuster der Betroffenen verändern. Die quantifizierende Evaluationsperspektive dient so als Stütze eines politischen Standpunkts, der jede Form bezahlter Beschäftigung prinzipiell als besser oder wünschenswerter definiert als jede andere denkbare Situation ("Sozial ist, was Arbeit schafft") und dem eine gestiegene Zahl "erfolgreicher Integrationen" als per se gut erscheint. Eine Sichtweise auf die Realität, die positive Wirkungen an der Ausprägung eines einzigen quantitativen Indikators ablesen zu können meint, muss aber gegenüber jedem ethisch begründeten Zweifel an den positiven Qualitäten der angewendeten Technologien indifferent bleiben. Thematisieren lassen sich solche Zweifel nur aus der Sicht einer soziologischen Forschung, die sich eben nicht für politisch diktierte Erfolgskriterien, sondern für die arbeitsmarktpolitisch erzeugten "subjektiven" und "objektiven" Realitäten interessiert.


Dennis Eversberg, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Jena.


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