E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Evans Masken
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7549-8596-0
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-7549-8596-0
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
A. Evans studierte Übersetzungswissenschaft an der Universität Heidelberg und arbeitet seit dem Masterabschluss als Übersetzerin. Die Autorin bezeichnet sich selbst als leidenschaftliche Leserin. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie erst, als sie als Übersetzerin arbeitete und selbst Lust bekam, Geschichten zu schreiben.
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1
Vincent McKenzie saß in seinem Büro, das Gesicht in die Hände gestützt, die Augen geschlossen. Er war hundemüde. Kein Wunder. Er arbeitete schließlich seit über einem Jahr als Privatdetektiv und war sein eigener Chef. Das hatte eine Menge Vorteile, aber ein eindeutiger Nachteil war, dass er seit Beginn seiner Tätigkeit keinen einzigen Tag Urlaub oder frei gehabt hatte. An den seltenen Tagen, an denen er keine klassischen Detektivtätigkeiten ausübte, musste er den Berg an Buchhaltung abarbeiten, der in den stressigen Ermittlungsphasen regelmäßig viel zu stark anwuchs.
Er wusste, dass er eigentlich Unterstützung damit brauchte, aber zuerst hatte er das Geschäft zum Laufen bringen wollen – worüber er sich nicht beschweren konnte, es lief wirklich besser als erwartet. Doch nun war er in dem Teufelskreis gefangen, dass er sich eigentlich die Zeit nehmen wollte, um in einem gründlichen Bewerbungsprozess einen geeigneten Mitarbeiter oder eine geeignete Mitarbeiterin zu finden, aber das Gefühl hatte, dies nicht zu können, da er bereits so viele geschäftliche Verpflichtungen hatte, um die er sich von Tag zu Tag kümmern musste.
Er atmete tief ein und ging dann in die Küche, um sich eine Tasse grünen Tee zu kochen. Er trank zwar seit einigen Jahren kein Koffein mehr, brauchte bei seinem Arbeitspensum aber definitiv auch ab und zu einen kleinen Wachmacher.
Im Moment befasste er sich mit zwei Fällen. Der eine war ein Scheidungsfall. Die Noch-Ehefrau hatte ihn beauftragt, ihren Noch-Ehemann zu beschatten und fotografisch festzuhalten, wenn er in unseriöse Geschäfte verwickelt war. Der Plan war, dass sie das alleinige Sorgerecht für die zwei Kinder bekommen wollte. Der Ehemann hatte während der Ehe kein tiefgehendes Interesse an seinen Kindern gezeigt, wollte seinerseits aber auch das alleinige Sorgerecht aus Prinzip haben – wie wohl bei allen anderen Dingen aus dem gemeinsamen Haushalt auch. Während seiner einjährigen Tätigkeit als Privatdetektiv, in der ein Großteil der Fälle mit Beziehungen oder besser mit zum Scheitern verurteilten Beziehungen zu tun hatten, hatte Vincent McKenzie sich oft dabei beobachtet, sehr erleichtert und froh über sein Single-Dasein zu sein. Nicht, dass ich überhaupt gerade die Zeit für eine Beziehung hätte…, dachte er.
Der zweite Fall war eine willkommene Abwechslung zu den üblichen Beziehungsfällen. Der Chef eines kleinen regionalen Unternehmens hatte Vincent McKenzie eingeschaltet, da er einen seiner Auszubildenden in Verdacht hatte, Drogen zu nehmen. Da es sich um ein renommiertes und erfolgreiches Unternehmen handelte, war er sehr um diesen Ruf bemüht und wollte um jeden Preis negative Schlagzeilen vermeiden. Vincent war eigentlich froh, dass er seine Zeit gerade nur zwischen zwei Fällen aufteilen musste – vor ein paar Monaten gab es eine Phase, in der er an vier Fällen gleichzeitig gearbeitet hatte. Er fragte sich bis heute, wie er das geschafft hatte. Diese Zeit tauchte in seinem Gedächtnis nur als undeutliches Gemisch von unbestimmten Erinnerungen an drei untreue Ehemänner und eine untreue Ehefrau auf. Die schwammige Erinnerung an diese Phase war der Tatsache geschuldet, dass er unter extremen Schlafentzug gelitten hatte, der mit Nährstoffmangel (er aß nur noch auswärts oder Fertiggerichte) und Zeitmangel (für sich selbst und soziale Kontakte) einherging. Seine aktuelle Erschöpfung führte er darauf zurück, dass er immer noch meistens 10-Stunden-Tage arbeitete und das kontinuierlich, ohne Urlaub, seit über einem Jahr. Egal wie sehr man mit seiner Arbeit zufrieden war, Vincent McKenzie war sich inzwischen darüber im Klaren, dass ununterbrochene Arbeit für niemandem zumutbar war.
Da es sich um einen Dienstagnachmittag handelte und sich seine beiden Beschattungsobjekte an ihren jeweiligen Arbeitsplätzen befanden, nutzte Vincent McKenzie die Zeit, seine eigene Buchhaltung abzuarbeiten. Vorsichtig nippte er an dem heißen Tee, entschied dann, dass er auch ein paar Nüsse vertragen konnte und holte sich welche aus der Küche. Seufzend wandte er sich wieder dem Stapel an Dokumenten zu.
*
Solana Bright schaute zum zwanzigsten Mal auf die Uhr. Immerhin zeigte sie inzwischen 15:45 Uhr an, was bedeutete, dass sie in 15 Minuten endlich Feierabend machen konnte. Das Wort Feierabend kam ihr immer noch falsch vor, seitdem sie sich nach der Arbeit nicht mehr freute, nach Hause zu kommen. Seit dem entsetzlichen Tag vor heute genau 2 Monaten wurde sie jeden Tag von einer leeren und stillen Wohnung empfangen, die sie konstant mit Erinnerungen an Marie konfrontierte.
Ich kann einfach nicht glauben, dass sie schon seit 8 Wochen tot ist, dachte sie und schüttelte unbewusst den Kopf.
Die ersten 4 Wochen war die reinste emotionale Achterbahnfahrt gewesen. Sie hatte bereits alle Trauerphasen durchgemacht und glaubte nicht, dass sich das bald großartig ändern würde. Akuter Schock, tiefer Schmerz, das Gefühl, einen unsagbaren Verlust erlitten zu haben, Wut, Ohnmacht. 2 Wochen hatte sie sich von ihrem Hausarzt krankschreiben lassen, sie hatte den Alltag nicht bewältigen können und wollen. Danach hatte sie es für eine gute Idee gehalten, wieder ihrer Arbeit als Rechtsanwaltsfachangestellte in einer Kanzlei nachzugehen, um allmählich wieder eine Alltagsroutine zu bekommen. Allerdings hatte sie bereits vor Maries Tod das leichte Gefühl gehabt, dass sie sich bald einen neuen Job suchen wollte. Irgendwie fühlte sich die Arbeit in der Kanzlei nicht mehr befriedigend an. Diese unterschwellige Unzufriedenheit war nach ihrem großen Verlust noch deutlicher hervorgekommen und sie merkte, dass ihr die Arbeit zwar Beschäftigung bot, aber sie überhaupt nicht mehr erfüllte. Irgendwo hatte Solana mal gelesen, dass Krisen oftmals Veränderungen auslösten. Ob das nun Veränderungen des Aussehens, des sozialen Netzwerks oder berufliche Veränderungen waren, war sehr individuell. In meinem Fall scheint es ja definitiv zuzutreffen, stellte sie fest.
Heute führte allerdings nicht nur die allgemeine Unzufriedenheit mit ihrem Job dazu, dass sie alle 2 Minuten auf die Uhr schaute. Sie war nervös, da sie um 16:30 Uhr einen Termin mit Vincent McKenzie hatte.
Nach längerer Recherche nach einem guten Privatdetektiv in Perlstadt und Umgebung hatte sie sich entschieden, bei ihm einen Termin zu vereinbaren. Einige der Websites anderer Privatdetektive hatten mehr als unseriös ausgesehen. Sie war froh, als sie schließlich auf McKenzies Seite gestoßen war, die in ihren Augen seriös aussah und den Detektiv kompetent erscheinen ließ. Natürlich war sie dennoch leicht misstrauisch und dementsprechend etwas nervös vor ihrem Termin. Eine weitere Rolle dabei konnte ihr Anliegen spielen, mit dem sie auf den Privatdetektiv zugehen wollte.
Nachdem sich der anfängliche Schock wegen Maries Tod gelegt hatte, während dem sie unfähig gewesen war, zusammenhängend zu denken, beschlichen sie immer mehr Gedanken darüber, dass Marie keines natürlichen Todes gestorben war. Gleich nach ihrem Tod hatte die Polizei standardmäßig Maries näheres Umfeld befragt, da eine 26-Jährige, die zwar an Diabetes Typ 1 litt, aber ansonsten gesund war, normalerweise nicht urplötzlich zu Hause vor ihrem Fernseher verstirbt. Da sie jedoch nichts Ungewöhnliches dabei herausfand und bei der Obduktion nur festgestellt wurde, dass die Todesursache tatsächlich ein diabetisches Koma gewesen, aber ansonsten unauffällig war, legte die Polizei den Fall zu den Akten. Als Solana nach ihrer anfänglichen Schockphase begann, die Geschehnisse zu verarbeiten und der Polizei gegenüber ihre Zweifel an einem natürlichen Tod äußerte, wies diese sie behutsam, aber bestimmt zurück. Auch als sie es nach einigen Wochen noch einmal versuchte, ließen die Beamten nicht mit sich reden.
Solanas ungutes Gefühl nagte jedoch weiterhin an ihr. Sie war extrem unruhig. Weder konnte, noch wollte sie das Thema beiseitelegen, wie ihr die Polizei geraten hatte. Sie glaubte nicht, dass sie dieses Gefühl unbewusst herbeigeführt hatte, nur damit sie sich noch nicht mit Maries Tod abfinden musste. Sie war sich nur zu schmerzhaft bewusst, dass kein Umstand der Welt etwas daran ändern würde, dass sie zukünftig ohne sie weiterleben musste. So hatte sie sich also entschieden, diesen Vincent McKenzie aufzusuchen. Sie wusste nicht, was er genau für sie tun konnte. Aber er war ihre einzige Chance, noch etwas Neues über Maries Todesumstände herauszufinden.
*
Vincent McKenzie hatte konzentriert eine halbe Stunde lang seine Unterlagen weiter abgearbeitet und merkte, ohne vorher auf die Uhr zu schauen, dass es fast Zeit für seinen Termin war. Auf seine innere Uhr konnte er sich wirklich verlassen. Solana Bright hieß seine neue potenzielle Klientin. Bisher hatte er nur per E-Mail mit ihr Kontakt gehabt. Er stellte fest, dass er ein starkes Interesse an dem Anliegen hatte, mit dem sie auf ihn zugekommen war. Auf den ersten Blick lag zwar die Erklärung nahe, dass die Frau schlichtweg nicht mit dem Tod ihrer Partnerin zurechtkam und ihn deswegen mit einer Untersuchung der Todesumstände beauftragte. Seine natürliche Neugier war aber automatisch geweckt worden und er war bereit, die Frau zumindest einmal anzuhören und zu überprüfen, ob eine Untersuchung den Aufwand wert wäre. Ein Fall über mysteriöse Todesumstände war bei weitem spannender als die ganzen Aufträge, die mit Untreue oder Scheidungen zu tun hatten. Ich bin eben doch noch im Herzen Polizist, dachte er.
Vincent McKenzie hatte nach dem...




