E-Book, Deutsch, 111 Seiten
Euripides Medea
1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-21082-6
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 111 Seiten
ISBN: 978-87-28-21082-6
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Euripides (480-406 v Chr.) ist einer der bekanntesten großen Tragödien-Dichter der griechischen Antike. Von seinen rund 90 Tragödien sind lediglich 18 erhalten, die jedoch zu den meist gespielten Stücken auf westlichen Bühnen zählen. Zu seinem Leben ist neben der regelmäßigen Teilnahme an den Tragödienwettbewerben in Athen wenig bekannt.
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Vor dem Hause Jasons zu Korinth.
AMME.
Oh, wäre durch die schwarzen Wunderfelsen nie
Das Schiff geflogen, steuernd nach dem Kolcherland,
Wär auf den Waldhöhn Pelions nie der Fichtenstamm
Durchs Beil gefallen, hätte nie zum Steuer gedient
Der Hand erkorner Helden, die das goldne Vlies
Dem Pelias holten! Nimmermehr wär auch geschifft
Medea, meine Herrin, dann zur Griechenstadt,
Von Jasons Liebe hingerissen und betört,
Und hätte Pelias' Töchter nie zum Vatermord
Verführt und wohnte nicht im Land Korinthos hier
Mit Mann und Kindern – bei den Bürgern zwar beliebt,
In deren Land sich niederließ die Fliehende,
Und treu zur Seite Jason stehend überall,
Worauf die Wohlfahrt allermeist im Haus beruht,
Wenn mit dem Manne einträchtig wirkt des Weibes Sinn. –
Doch nun ist alles feindlich, und das Leben siecht,
Weil Jason meine Herrin samt den Kindern hat
Im Stich gelassen und die junge Fürstin freit,
Die Tochter Kreons, der in diesem Land gebeut.
Und sie, das unglückselige, frech verschmähte Weib,
Medea, ruft die Eide, ruft der Treue Pfand,
Den Bund der Hände, rufet laut der Götter Macht
Zu Zeugen, wie von Jason ihr vergolten sei.
Dem Schmerze hingegeben, ohne Speise liegt
Sie da, verzehrt in Tränen sich die ganze Zeit,
Seitdem sie weiß, verraten sei sie vom Gemahl.
Das Auge nicht aufschlagend noch vom Boden je
Das Antlitz hebend, hört auf Freundeswort und Trost
Sie minder als der Felsen, als die Welle im Meer;
Nur daß mitunter, wendend ihren blassen Hals,
Sie für sich selber um den trauten Vater stöhnt,
Um Haus und Heimat, die sie einst verriet und floh,
Dem Manne folgend, der ihr mit Verschmähung lohnt.
Erkannt an ihrem Leide hat die Arme nun,
Wie glücklich ist, wer Herd und Heimat nicht verließ!
Die Kinder haßt sie, freut an ihrem Blick sich nicht –
Sie brütet, fürcht ich, über etwas Schrecklichem!
Ihr Herz ist schlimm, und Unrecht wird es nimmermehr
Ertragen; ja, ich kenne diese und fürchte sehr,
Sie stößt sich durch die eigne Brust den scharfen Stahl,
Ermordet wohl den Kreon samt dem Bräutigam
Und ladet dann noch größres Unheil auf ihr Haupt.
Denn schrecklich ist sie, und den Sieg gewinnt so leicht
Kein Gegner, der zum Kampf mit ihr anbinden mag.
Doch von der Rennbahn kommen nach beendigtem
Spiel hier die Knaben, von der Mutter Ungemach
Nichts ahnend. Harmlos ist der Jugend muntrer Sinn!
Der Erzieher mit den Kindern tritt auf.
ERZIEHER.
Du, meiner Herrin altgetreues Gut im Haus,
Warum so einsam stehst du vor den Pforten hier,
Beklagst in Selbstgesprächen unsre Not? Wie kommt's,
Daß ohne dich Medea einsam weilen will?
AMME.
Du greiser Führer, Jasons Kindern beigesellt,
Dem braven Diener ist der Herrschaft Ungemach
Wie eignes Leiden, greift ihm innig tief ans Herz.
So hat der Kummer dergestalt mich übermannt,
Daß mich's heraus ins Freie hier getrieben hat,
Die Not der Herrin Erd und Himmel kundzutun.
ERZIEHER.
Zufrieden also gibt sich noch ihr Jammer nicht?
AMME.
Ich bitt dich! Nicht die Hälft ist das! Erst hebt er an.
ERZIEHER.
O Törin! – wenn man seine Herrn so nennen darf.
Und weiß noch gar nichts von der andern neuen Not!
AMME.
Was ist es, Alter? Teile mir's aufrichtig mit!
ERZIEHER.
Nichts! Hätt ich lieber auch das vorige nicht gesagt!
AMME.
Der Dienstgenossin birg es nicht, bei deinem Bart!
Ich will, wenn's nötig, treu verschweigen, was du sagst.
ERZIEHER.
Ich stand beim Brettspiel, wo die ältern Männer sich
Einfinden, um Peirenes allverehrten Born,
Da hört ich einen sagen, so, als hörte ich's nicht,
Daß diese Kinder aus dem Weichbild von Korinth
Mit ihrer Mutter treiben wolle dieses Lands
Gebieter Kreon. Ob die Rede wahr jedoch,
Das weiß ich nicht und wollte wohl, sie wär es nicht.
AMME.
Und könnte Jason über seine Kinder dies
Ergehen lassen, wenn er auch die Mutter haßt?
ERZIEHER.
Vor neuen Liebesbanden weichen alte stets,
Und er ist unserm Hause nicht mehr zugetan.
AMME.
So sind wir denn verloren, wenn sich neues Leid
Gesellt zum alten, eh noch dies verwunden ist!
ERZIEHER.
Doch da die Zeit jetzt, dies der Herrin kundzutun,
Nicht ist, so sei ja ruhig und verschweig das Wort!
AMME.
O Kinder, hört ihr's, wie's der Vater meint mit euch?
Ich will ihm zwar nicht fluchen, denn er ist mein Herr,
Doch schlecht und treulos an den Seinen handelt er!
ERZIEHER.
Wer in der Welt macht's anders? Jetzt erst siehst du ein,
Daß jeder sein mehr als des Nächsten Wohl bedenkt,
Wie diese hier ihr Vater opfert seiner Lust?
AMME.
Es wird noch gut gehn, Kinder, geht ins Haus hinein.
Du aber halte möglichst abgeschlossen sie
Und bring sie nicht der Mutter nah, der wütenden.
Schon sah ich, wie sie grimmen Blicks die Kinder hier
Anstiert', als hätt sie etwas vor, und sicher wird
Ihr Zorn nicht ruhen, eh er losbricht irgendwo.
Doch mög er Feinde treffen, nur die Freunde nicht!
MEDEAim Hause.
Ach weh!
Ich unglückseliges, leidendes Weib!
Ach, weh mir! Wär ich doch tot nur!
AMME.
Das ist's, was ich sagt, ihr Söhn', empört
Ist der Mutter Gemüt, empört ihr Zorn!
Geht schleunig hinein, ins Zimmer hinein,
Und tretet ihr nicht vor das Antlitz hin,
Nein, bleibt in der Fern und nehmt euch in acht
Vor der wilden Natur und der grimmigen Art
Des so störrigen Sinns.
Geht denn, begebt euch schleunig hinein jetzt!
Klar ist es, des Wehs dunkles Gewölke,
Das erst aufsteigt, schwingt bald sich empor
Mit heftgerem Sturm. Was verübt noch dies
Stolzempfindende, nimmer beruhigte
Herz, so von Schmerzen verwundet?
MEDEA.
Ach, ach! Elend ist, was ich erduld,
Elend und wert lauten Bejammerns!
O verwünschte, verderbt, Kinder der leidigen
Mutter, mitsamt ihm,
Und gehe zugrunde das Haus ganz!
AMME.
Ach weh, ach, Unglückselige, weh!
Was haben die Söhn' an des Vaters Vergehn
Dir verschuldet? Warum sie hassen? O weh,
Kinder, wie bangt mir vor eurer Gefahr!
Schlimm ist der Gewalthaber Begier! Denn
Nur selten beherrscht, immer gebietend,
Lassen sie schwer vom heftig Gewollten.
Ja, besser in Gleichheit lebt sich's, gewohnt!
Mir gönne das Glück, ob in Glanz nicht, doch
In gesichertem Stand zu verleben die Zeit.
Denn das Bescheidene erbet den Preis schon
In dem Namen allein, ist in der Übung
Bei weitem das Best, aber das Unmaß,
Wo immer es Macht übt, störet das Glück,
Und größeres Leid, wenn das Schicksal grollt,
Zum Verderben erzeugt es dem Hause.
Der Chor zieht ein.
CHOR.
Ich vernehme die Stimm, ich vernehme den Schrei
Dieser verlassenen
Kolcherin. Ist sie so wenig beruhigt noch? sag mir,
Greisin! Ich hör an den Flügeln der Türe von drinnen ihr
Schrein. Tief schmerzt mich der Jammer des Hauses; wir haben ja
Der trauten Teilnahme Bund geknüpfet.
AMME.
Wir haben kein Haus! Das ist...




