Novelle
Buch, Deutsch, 128 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 190 mm, Gewicht: 157 g
ISBN: 978-3-937037-89-9
Verlag: Silver Horse Edition
Die 1970er Jahre mit ihrer Rockmusik und lockeren Lebensphilosophie bilden den Rahmen dieser tragischen Novelle. Ein Junge, Schulabbrecher, Rebell, Träumer, haut von zu Hause ab. Er versucht sein Glück auf der Straße, bei einem Freund und schließlich im Wald bei einer Hippie-Kommune, wo er sich unglücklich in ein älteres Mädchen verliebt. Als er auch dort keinen Halt findet, zieht er wieder los – und ein furchtbares Unglück geschieht.
Zielgruppe
Liebhaber moderner Literatur, speziell von Novellen
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
The Knife
immelherrgottsakrament, wie mein Opa immer so schön fluchte – das war mein letztes Stündlein bei
den Hippies. Ich musste mich gewaltig zusammenreißen, um nicht loszuheulen, zog meine Sachen an, als sie trocken waren, bevor ich mich aus dem Staub machte. Mit einem größeren Rucksack und einer dickeren Decke und ein paar Konserven. Alles Abschiedsgeschenke. Und ein Feuerzeug, einen Dosenöffner und ein kleines Taschenmesser zählte ich jetzt zu meinem Eigentum.
Da hing auch so ne Story dran – am Messer. Manni hatte mir mal beim Holzhacken zugesehen, weil ich wie ein Spasti auf die armen Baumreste losgegangen war, hatte sich einen abgegrinst und mir dann gezeigt, wie man das Holz ver- nünftig spaltet. Weil ich es so brav nachmachte, zeigte er mir einen Trick, wie man mit dem Beil richtig wirft. Er erklärte mir, wo man den Stiel anfasst und in welchem Winkel das Geschoss fliegen soll. Er traf aus sechs oder sieben Metern Entfernung. Die Beilklinge blieb, wie gewünscht, mit dem oberen Teil der scharfen Seite im Baumstamm hängen. Ich versuchte es mehrere Male, aber meist prallte das doofe Teil mit der stumpfen Rückseite vom Holz ab. Aber zweimal schaffte ich es und jubelte wie ein Feuersalamander. Das schönste aber war, dass Manni dann dieses kleine Taschen- messer hervorholte, die Klinge ausklappte und das Messer über seinen Rücken auf den Baum warf. Zack! steckte es
in der Rinde. Das war schon ein kleines Zauberkunststück. Noch größerer Zauber war, dass ich es auf Anhieb schaffte, die Klinge im Baum zu versenken. Zwar nicht über den Rü- cken, aber trotzdem. Irgendwie hatte ich sofort den Bogen raus und war mächtig stolz. Na, so unter uns gesagt: Ich hatte schon gehofft, dass der Manni mir das kleine, scharfe Ding schenkt. Aber das tat er nicht. Zumindest vorläufig. Ich glaube, er hat damals kurz überlegt, das Messer dann aber wieder eingesteckt. Und nun gehörte es tatsächlich mir.
Und einen neuen Schnürsenkel bekam ich von Manni, weil der alte gerissen war. Zugegeben: Es war eigentlich ein Teil einer Paketschnur, aber die hielt recht gut meine Latschen zusammen. Ein paar Münzen hatten sie mir auch noch zugesteckt, heimlich in meine Jeanstaschen getan. Ich bemerkte sie natürlich sofort, als ich die Hose anzog. Es waren drei Fünfer. Immerhin. Mir wurde ganz wehmütig dabei, als ich die Geldstücke entdeckte.
Erst wollte ich sie zurückgeben, aber dann dachte ich da- ran, dass ich sie wohl recht bald brauchen könnte und tat so, als hätte ich sie gar nicht bemerkt. Ganz stolz bin ich darauf, dass ich die beiden Jungs mit Peacezeichen verab- schiedet habe, Trixi jedoch mit einem dicken Bussi, mitten auf die verdammt schönen Lippen. Ein sehr langes Bussi. Ohne Zunge. Es schien auch ihr zumindest ein klein we- nig was auszumachen, dass ich von hier wegging. Jedenfalls drehte sie sich nach unserer letzten Umarmung schnell um und verschwand oben in ihrem Zimmer.
»Halt die Ohren steif!« hat sie mir zuvor noch nachgeru-
fen, und lange, lange bekam ich diesen, diesen letzten Blick aus ihren dunklen Augen nicht mehr aus dem Sinn. Selbst das von einem der Jungs nachgerufene und mit Gelächter begleitete »…und auch sonst alles!« verhagelte mir nicht diese schöne Abschiedsszene. Trixi. Zu schön um wahr zu sein. Wieder ein geplatzter Traum. Aber es nützte nichts. Ich wollte, ich musste fort von hier. War es zu Hause nicht aushaltbar gewesen, weil alles ohne Zukunft, ohne Hoff- nung gewesen war, so war es hier keine Heimat, gerade weil es Hoffnung war und eventuelle Zukunft, aber nüchtern betrachtet dann doch nicht. Oder umgekehrt oder so, was weiß denn ich!
Fort. Ich wollte fort und wollte bleiben und verfluchte mich und den Wankelmotor, der sich in mir immer um sich selbst drehte. Trotzig und dann doch mit ein paar Tränchen unter den Augen, die ich sofort wegwischte, ging ich auf der Stelle raus aus dem Gärtchen, durch den Wald den be- kannten Pfad, den Hang hinunter. Ich zeigte meiner Höhle den gestreckten Mittelfinger, hangelte mich ab, lief über die Bahngleise, kurz hoch, dann nochmal einen Hang runter, über eine riesige Wiese, bis mich die Landstraße mit ihrem tristen Grau aufnahm. In meinem Kopf spielten die ver- schiedensten Songs Mikado-Musik. Bis ich mich hinsetzte, direkt am Straßenrand, die Knie hochzog und zu mir laut sagte: »Ok. Jetzt. Jetzt darfst du weinen. Jetzt sieht niemand zu.« Aber jetzt kam nichts Flüssiges mehr raus aus den Au- gen. Auch sonst kam nichts. Keine Erleuchtung, keine Wut, keine Trauer. Ich saß einfach still da wie einer, den man am Straßenrand vergessen hatte.
Da lange Zeit kein Auto vorbeikam, marschierte ich los, der Straße entlang. Kein Ziel ist auch ein Ziel, dachte ich und versuchte mir einzureden, dass es richtig sei, was ich machte. Aber immer kamen die Zweifel zurück und nagten und nag- ten. Mit jedem Schritt, den ich machte, rief eine Stimme in mir »mach keinen Blödsinn, geh zurück, dort weißt du we- nigstens, dass du Freunde hast und ein Dach überm Kopf!« Jetzt war zumindest der Himmel über meinem Kopf. Als hätte sich wieder mal alles gegen mich verschworen, spürte ich plötzlich einen heftigen Schmerz im rechten Bein. Der Rücken tat mir weh und der Wind, der saublöde Wind, blies aus der falschen Richtung und wehte meine Haare immer entgegengesetzt über die Augen, auf die falsche Seite. Das war ja nun wirklich nichts, was man erwähnen müsste, aber mir ging es tatsächlich gegen den Strich. Als ein paar Autos vorbeifuhren, streckte ich nicht mal den Daumen raus. Ich war einfach müde und alles kam mir plötzlich so sinnlos vor. Bis ich es sah, aus der Ferne schon. Alarm, das Herz schlug plötzlich wie wild. Blaues Licht. Blinkend! Und den unheilvollen Ton hörte ich langsam anschwellen. Die Bul- len! Verdammt. Wohin? Links eine Wiese, rechts ein Getrei- defeld, aber nur kniehoch. Deckung, wo ist die verdammte Deckung, wenn man sie braucht!?
Nützte alles nichts, ich rannte ins Feld und legte mich flach, presste mich zwischen die harten Stängel und ver- suchte mich als Flunder. Den Rucksack stellte ich vor mei- nen Kopf, als ob das was nützen würde. Der Ton schwoll an und… verendete in diesem kläglichen Miauen, wenn die Sirene dann von der anderen Seite heult. Die Gefahr war
vorbeigerast. Ich wusste ja gar nicht, ob es wirklich eine Ge- fahr gewesen wäre, ob meine Alten die Polizei eingeschaltet hatten. Also, an ein paar Fingern abgezählt war ich wohl schon zwei Wochen überfällig, aber… ich glaube nicht, dass dies meinen Vater interessiert hätte. Meine Mutter… ok, die war wohl schon unterwegs, nahm ich an, bei Freunden anklopfen, in der Schule nachfragen, meinen älteren Bru- der bitten, nach mir zu forschen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich wusste ja, dass sie bei Joe gewesen war, geklopft hatte, gefragt, ob ich da sei. Ganz vorsichtig, als wollte sie mich nicht verscheuchen.
Dann sah ich meine dreckigen Pfoten, sah mich selbst da liegen wie ein toter Zinnsoldat und musste fast lachen. Wo- vor läufst du eigentlich davon, du komischer Held? fragte ich mich und stand langsam auf. Mann, sah ich aus, überall Erd- und Grasflecken. Aus dem Mundwinkel fischte ich ein Getreide- korn. Aber das war unwichtig. Viel wichtiger war, dass ich mich innerlich wieder aufrichtete und mir einredete, dass das alles in Ordnung sei, alles, was ich machte und dachte. Ich gab mir sozusagen selbst die Hand und klopfte mir auf die Schulter. War ja sonst keiner mehr da, der diesen Part übernommen hätte...




