E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Etter Spitalkost und Taralli
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-30053-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-347-30053-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Bruno Etter wurde 1936 in Biel (Schweiz) geboren, wo er auch die Schulen besuchte. Bereits während der Schulzeit begeisterte er sich für das kreative Schreiben. Nach einem siebenjährigen Aufenthalt in Kanada, kehrte er in sein Heimatland zurück und absolvierte ein Studium als Ingenieur. Während seiner Berufszeit schrieb er Berichte für eine technische Zeitschrift und redigierte Vereinszeitschriften. Später engagierte er sich mit Jugendarbeit. Erst im Rentenalter findet er Zeit für Buchprojekte. Heute lebt er in der Nähe seiner Heimatstadt.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
Zwei Tage regnet es schon fast ohne Unterbrechung und heute Morgen, als Gerald die schweren Gardinen in seinem Zimmer zur Seite schiebt, ist noch keine Wetterbesserung in Sicht. Dunkle Wolken hängen tief über der Stadt. Der Regen klatscht gegen das Fenster und in langen Bahnen läuft das Wasser über die Scheiben runter.
Gerald brummt noch der Kopf. Viel zu spät hat er sich gestern niedergelegt. Die Einladung zur Geburtstagsparty seines Freundes Peter konnte er einfach nicht abschlagen. Peter ist ein Jahr älter als Gerald. Im Kreise einiger Freunde feierte er gestern seinen achtzehnten Geburtstag.
Der heutige Tag ist für Gerald auch kein unbedeutender. Der erste Schultag im Gymnasium steht bevor. Eine neue Schule in einem weiter entfernten Stadtteil, neue Lehrer – und neue, ihm unbekannte Mitschüler. Gerald schaut durch das Fenster in die verregnete Umgebung. Das Ungewisse, das auf ihn zukommt, gibt ihm zu denken. Aber er ist nicht ganz alleine. Sonja, seine langjährige Freundin, hat den Übertritt in die höhere Schule ebenfalls geschafft. Lange war es ungewiss, ob Sonja die Aufnahmeprüfung bestehen kann. Mathe und Physik sind ihre schwachen Fächer. Vielleicht war Geralds Hilfeleistung bei den Aufgaben in der Oberstufe letztlich nicht ganz unbeteiligt am Bestehen der Aufnahmeprüfung. Sei es, wie es wolle. Beide können fortan weiterhin zusammen zur Schule gehen.
Die Mutter sitzt am Tisch, als sich Gerald neben ihr niederlässt. Er hält den Stundenplan in der Hand und noch bevor er ein Stück vom gestrigen Brotlaib abschneidet, liest er laut: «Mathematik … Biologie … Geschichte …, es geht gleich in der ersten Stunde mit Mathe los.»
«Da wird Sonja sicher nicht begeistert sein.»
«Sie macht sich schon Sorgen deswegen. Ihre Mutter will sie in einen Nachhilfeunterricht schicken!», seufzt Gerald.
«In der Oberstufe hast du ihr doch regelmäßig bei den Aufgaben geholfen. War das nicht genügend?»
«In einem Gespräch zeigte sich die Mutter dankbar für meine Hilfe. Sie befürchtet, dass es nicht genügt. Sie will noch abwarten.»
«War Sonjas Note im Schlusszeugnis der Oberstufe ungenügend?»
«Nein, sie hatte eine Vier. Und jetzt spricht ihre Mutter von einer Nachhilfe – das ist ärgerlich! Mathe und Physik sind nun einmal Sonjas Schwäche! Diese Tatsache kann sie nicht wegzaubern. Warum will sie viel Geld für einen Nachhilfeunterricht ausgeben, wenn es doch so auch geht?»
«Mütter sind halt so – sie wollen nur das Beste für ihr Kind!»
«Das ist aber nicht, was Sonja will! Wenn ihre Mutter auf einem Nachhilfeunterricht durch eine fremde Person besteht, dann werde ich …» Gerald wird durch das Klingeln der Hausglocke unterbrochen.
«Das ist Sonja – sie ist heute früh.»
Er stürzt noch eine zweite Tasse Kakao herunter, dann verabschiedet er sich von der Mutter, die ihm einen guten Start wünscht.
Gut in ihre Pelerine eingehüllt, ist Sonja kaum noch erkenntlich. Mit einem kurzen «Hallo» begrüßen sie sich. Gerald schiebt die Kapuze, die Sonjas Gesicht teilweise verdeckt, ein wenig zur Seite und fragt: «Wie fühlst du dich?»
Unter der Kapuze hervorguckend antwortet Sonja mit leiser Stimme: «Ich habe ein bisschen Angst.»
«Angst? Wovor?»
«Vor dem Ungewissen. Alles ist neu und ich kenne dort niemanden.»
«Ich gehe auch mit gemischten Gefühlen in die neue Schule. Mich kennst du ja schon. Wir müssen darauf achten, dass wir nebeneinandersitzen können.»
Sonja nickt.
Gerald holt noch sein Fahrrad vom Keller herauf, dann sind sie abfahrbereit. Die Schule befindet sich in leicht erhöhter Lage. Um sie zu erreichen, müssen Gerald und Sonja die Stadt durchqueren. Auf der Fahrt wäre Gerald noch bald gestürzt. Bei einer Linksabbiegung gerät sein Regenschutz in die Speichen des Vorderrades.
«Irgendwie ist mein Regenschutz nicht für das Fahrrad geeignet!», ruft er zu Sonja, die vor ihm fährt. Sonja hat nichts mitbekommen. Sie fährt weiter.
Die letzten hundert Meter müssen Gerald und Sonja kräftig in die Pedale treten. Sonjas Herz beginnt zu pochen – aber nicht nur wegen des Anstieges – auch wegen ihrer Angstgefühle, die sich jetzt verstärken, wo sie die neue Schule vor Augen hat.
Die Versammlung der Schüler findet in der Aula statt. Nach einer kurzen Begrüßung erfahren sie, welchem Klassenlehrer sie zugeteilt sind. Wortlos gehen Gerald und Sonja die Treppe hoch – mit ihnen eine Anzahl Mitschüler. Alle streben einer weit offenstehenden Tür zu. Sonja, die vorausgeht, möchte sich einen guten Platz in der vordersten Reihe sichern. Gerald versucht, ihr auf den Fersen zu bleiben. Andere Jungen, die ebenfalls zum Eingang drängen, sind etwas schneller und schieben sich zwischen Sonja und Gerald. Sonja setzt sich an einen der Zweiertische vorn an der Seite des Raumes. Noch bevor sich Gerald neben sie setzen kann, nimmt ein etwas molliger, kurzgewachsener Junge neben Sonja Platz.
«Ich möchte meinen Freund neben mir», sagt Sonja im Flüsterton.
Der Junge schaut auf und zuckt mit den Achseln.
«Wer ist dein Freund?», fragt er laut, dass es alle hören können.
Alle blicken auf Sonja, deren Gesicht rot anläuft, und leise sagt sie:
«Er steht hinter dir.»
Sonja braucht sich nicht zu schämen. Im Gegenteil, sie ist ein hübsches Mädchen. Heute, für den ersten Schultag, hat sie sich besonders hübsch gekleidet. Das schönste Röckchen aus ihrem Kleiderschrank hat sie angezogen. Jenes mit den drei weißen Streifen und den dazu passenden Kniesocken. Ihre langen, über die Schulter reichenden Haare hat sie heute mit einer blauen Schleife zu einem Schwanz zusammengebunden. Gerald ist fasziniert von ihr. Er hat sich gewünscht, neben ihr sitzen zu können, jetzt ist dieser Junge im Begriff, ihm sein Vorhaben streitig zu machen.
Den Kopf drehend, schaut der Junge Gerald mit einem höhnischen Grinsen ins Gesicht.
Gerald versteht. Schweigend gibt er bei und setzt sich auf den freien Platz hinter Sonja. Wenigstens sitzen sie so hintereinander, auch wenn es nicht das ist, was sie wollten.
Der Lehrer begrüßt die Schüler und stellt sich vor. Dann beginnt er den Unterricht mit Mathe. Mit einem Blick auf das Aufgabenblatt, das er verteilt, stellt Gerald fest, dass er ähnliche Rechnungen schon in der Oberstufe gelöst hat. Hiermit sollte Sonja eigentlich keine Probleme haben, und tatsächlich ist sie, über das Aufgabenblatt gebeugt, auch schon fleißig am Schreiben.
Gerald beobachtet den Jungen neben Sonja, der jetzt seinen Stuhl etwas näher gegen sie schiebt. Sie arbeitet so konzentriert, dass sie nichts bemerkt. Mit aufgestelltem Arm den Kopf unterstützend, ist ihr Blick fest auf das Blatt gerichtet. Sie bemerkt nicht, dass der Junge neben ihr ebenfalls auf ihr Blatt sieht. Den Kopf drehend, sagt er ganz leise etwas zu Sonja, das Gerald nicht verstehen kann.
Im Klassenzimmer ist es ganz ruhig. Alle scheinen sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Nur der Junge neben Sonja scheint mit seinen Gedanken abwesend zu sein. Seinen Kopf hin und her bewegend, wandert sein Blick durch das Klassenzimmer.
Gerald ist mit seinen Gedanken auch nicht bei der Sache. Er hat erst eine Aufgabe gelöst und die Zeit ist vorgerückt. Dass der ziemlich ungepflegt aussehende Junge neben seiner Freundin sitzt, beschäftigt ihn. Mühsam rafft er sich schließlich zusammen und wendet seine Aufmerksamkeit den Rechenaufgaben zu. Er bemerkt nicht mehr, was am Tisch vor ihm passiert. Erst Sonjas Stimme lässt ihn aufblicken.
«Hör auf!», zischt Sonja gegen den Jungen neben ihr. Das kann nicht nur Gerald hören – das hören auch andere und der Lehrer, der sich jetzt erhebt und auf Sonja zugeht.
«Was ist hier los?», fragt er mit gedämpfter Stimme.
«Er stört mich!», antwortet Sonja etwas aufgeregt.
«Jeder arbeitet für sich», sagt der Lehrer bedeutungsvoll zum Jungen. «Schieb deinen Stuhl etwas weiter weg.»
Noch bevor die Schulklingel die Pause einläutet, hat Gerald alle Aufgaben gelöst. Mit Genugtuung stellt er fest, dass es auch Sonja geschafft hat, wie ihm ihr hochgestreckter Daumen in seine Richtung zu verstehen gibt.
Gleich zu Beginn der Pause geht sie zum Lehrer, der gerade mit der Anfertigung eines Sitzplanes beschäftigt ist. Mit seiner Hilfe kann eine für alle befriedigende Sitzordnung hergestellt werden. Sonjas Wunsch, neben ihrem Freund sitzen zu dürfen, geht in Erfüllung. Und das Mädchen, das die Mathestunde neben Gerald verbrachte, sitzt ihrem Wunsch entsprechend neben einem anderen Mädchen. Nur für den molligen Jungen geht die Rechnung nicht auf. Er muss jetzt neben einem Jungen sitzen.
«Wie lief es bei...




