Espedal | Biografie, Tagebuch, Briefe | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 347 Seiten

Espedal Biografie, Tagebuch, Briefe


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95757-425-1
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 347 Seiten

ISBN: 978-3-95757-425-1
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Buch wie ein Vermächtnis. Tomas Espedal schreibt in seinem bislang intimsten Buch über die Orte, an denen er lebte, die Frauen, die er begehrte, die Gesichter derer, die er als junger Boxer zertrümmerte, die Bücher, die er las, und über die Liebe zu seiner sterbenden Mutter. Espedal lotet die Grenzen von fiktionalem und autobiografischem Schreiben aus : In jedem der in sich eigenständigen Texte »Biografie«, »Tagebuch« und »Briefe« gibt er schmerzvoll preis, wie er wurde, was er ist, bis am Ende der Schriftsteller über die Privatperson siegt.

Tomas Espedal, 1961 in Bergen geboren, gab sein literarisches Debut 1988 mit dem Roman En vill flukt av parfymer (Eine wilde Flucht vor dem Parfüm). Seither veröffentlichte er zahlreiche, mit vielen Preisen ausgezeichnete Romane und gilt neben seinem Freund Karl Ove Knausgård als einer der wichtigsten Schriftsteller Skandinaviens.
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1

Die neue Wohnung, und mehr als das: eine neue Wohnung denken, die Freude dabei, die neue Wohnung zu schreiben, eine Dreizimmerwohnung mit Balkon, Wohn- und Arbeitszimmer. Das Bett steht mitten im Zimmer, eingerahmt von vier zwei Meter hohen Pfosten und quergelegten Kanthölzern aus Buchenholz, daran zwei weiße Baumwollgardinen, die den Schlaf einschließen. Die in helle Stoffe eingedruckten lichten Muster, wie ein Wasserzeichen, ein Brief, den man im Bett öffnet. Er schreibt: Rue d’Amsterdam, und ich spüre die rastlose Müdigkeit bei dem Gedanken an das Reisen. Er hat die Reise ins Schlafzimmer geschickt, die fast unlesbare Handschrift im Licht der Nachttischlampe, ein Aufblitzen von Ungeduld, und ich bin getroffen und liege wach und ich denke nicht an dich.

Die Wände sind mit Büchern tapeziert, in Leder gebundene, geheftete, gelbe und schwarze Rücken, all die schönen und jämmerlichen Titel, Ledereinbände mit abgeschabten Buchstaben, sie ähneln Tierspuren, du siehst es und liest die Landschaft, die sich in einem Hochregal einfangen lässt, in einem Wohnzimmer, in Büchern aller Art; sie bedecken den Wohnzimmerboden, Bücher über und unter den Tischen, in einer langen Reihe im Fensterrahmen, auf den Sesseln, holterdipolter im Bett. Ein Bett voller Bücher, so auch der Garderobenschrank, auf alten und neuen Borden, in Regalen und hinter Glas: ein Traum von Büchern.

2

Die Wände des Arbeitszimmers sind mit Blumen bedeckt, wie das Hotelzimmer im Hôtel de Lille in der Rue Mazarin, wo ich beim offenen Fenster mit ihr schlief, sie schrie über die Köpfe derer hinweg, die unten durch die Straßen gingen. Ich habe immer gerne hoch über der Erde gewohnt. Sie saß nackt im Fensterrahmen. Nachdem sie eingeschlafen war, saß ich rauchend am Fenster und dachte, wie unerreichbar und schön du wohl von der Straße aus wirktest.

Der Schreibtisch in diesem Zimmer ähnelt einem anderen, die Aussicht über die Straßen des Stadtzentrums, eine Lampe, Aschenbecher, Stifte, Bücher, ich sehe selten hinaus.

Wie sehr die Tischplatte einer Karte ähnelt, und wie unnötig es ist zu reisen.

Das Zimmer ist eine Nachahmung, und genau diese Nachahmung macht mir Lust zu arbeiten. Vielleicht, weil ich das Zimmer mit einem anderen verbinde, das dir ähnelt. Sie steht in der Tür und sieht mich am Schreibtisch sitzen. Ich sehe sie im Spiegel. Du sagst: Was für ein unanständiges Zimmer das doch ist, dein Arbeitszimmer hier.

3

Dem Leser gegenüber werden im Moment der Lektüre die einfachen Worte des Verses in die Höhe gehoben, wo sie in einem vielleicht dünnen, doch durchdringenden Licht stehen. Ich lese dies auf dem Balkon. Ich habe immer in der Höhe gewohnt, schon seit das Kind sich im zehnten Stockwerk aus dem Fenster lehnte, hinunterblickte und sich fallen ließ, sich fallen ließ und hinunterblickte. Angst habe ich nie gehabt. Lesen ist eine Vorliebe für Höhen. Ich wünschte wirklich, es wäre möglich, in der Literatur zu wohnen.

4

In der Höhe ein dünnes und durchdringendes Licht, in der Nähe der Nacht; dies muss der Ort des Lesens sein, ein stilles Zimmer im freien Fall, hier sitze ich und falle, dort liegst du und liest.

Die Aussicht vom Balkon: der Tod meiner Mutter.

Ein sich stets wandelndes Dach aus Erde und Wolken. Der Geruch von Dunkelheit und Sonne, das Beerdigungszimmer. Es vergingen über zwei Monate, bevor ich den Tod meiner Mutter beweinte, es war in einem Auto, wir fuhren von Oslo nach Stockholm, und völlig unvermittelt begann ich zu weinen – mag sein, weil es regnete, mag sein, weil der Regen aufhörte und das scharfe Frühlingslicht die Windschutzscheibe traf wie ein schöner Unfall. Ich musste bremsen und anhalten. In jenem Moment fiel mir ein, dass ich nie, nicht ein einziges Mal, deinen Namen ausgesprochen hatte, dass ich ihn nicht mochte und ihn nicht ertrug, dass dein Name mich zerstörte.

5

Die Terrasse, ich möchte gerne etwas über sie lesen, ein Buch aufschlagen und die Familie draußen vor dem Haus wiederauferstanden sehen. Es müsste möglich sein, und wäre es in der losen Luft, ein Baugerüst aus Schatten zu errichten. Zigaretten und Röcke, ich möchte sie gerne durch das Fenster sehen, hinter dem ich sitze.

Es sollte möglich sein, eine Sehnsucht nach dem aufzubauen, was zusammengebrochen ist, einen Anbau mit den ursprünglichen Gesichtern und Materialien. Ich sehe sie dort draußen auferstehen, all die verstorbenen Lieben: Das Haus wird vom Schreibtisch aus gebaut, die Terrasse wird im Buch konstruiert, und jedes Mal, wenn eine Tür geöffnet oder geschlossen wird, fange ich unwillkürlich an zu schreiben.

6

Die Tür, die Tür öffnen, nicht mehr als das, nicht die geringste Anstrengung, nur die Empfindung der Schwere beim Sitzen, die Tür öffnen, hinausschauen und schreiben. Ich schreibe einen Baum vor der Tür, es mag eine Eiche sein oder es mag eine Buche sein, ich brauche den geschriebenen Baum. Sie sagt: Als Allererstes habe ich bewundert, wie viel du über Blumen wusstest. Dann zogen wir um und ich wollte einen Garten anlegen. Der Garten war dir egal und Blumen waren dir egal und ich entdeckte, dass alles, was du über die Natur wusstest, aus Büchern stammte.

7

Ich liebe es zu verschwinden. Sobald ich ein Buch öffne, bin ich zurück im Kind: Ich kannte nichts Schöneres, als mich zu verstecken, hinter die Tür zu stellen, in den Kleiderschrank zu kriechen, auf die Bäume zu klettern und mucksmäuschenstill dazusitzen, bis es nicht mehr möglich war, dieses Vergessensein von dem der Natur zu unterscheiden. Oder aufhören hinter der Tür, verschwinden im Dreieck aus Türrahmen, Linoleum und Schatten verschwinden. Wir sagen: Er verschwand in einem Buch, wurde von der Geschichte verschluckt. Doch ebenso betäubend wie das Verschwinden sind die mit dem Lesen verbundenen Rituale. Du setzt dich in den Sessel, machst das Licht an und verschwindest. Du legst dich auf das Sofa, schlägst das Buch auf, riechst das Papier und verschwindest.

Verschwindest wohin?

Ich sehe sie im Bett lesen: Jetzt weiß ich, wie ähnlich der Anblick von Lesenden dem von Toten ist, sie ist da und sie ist weg.

Wo ist die Lesende?

Das ist ebenso unmöglich zu beantworten wie zu erklären, wo sie, die eben starb, geblieben ist. Die Lesende ist weg. Sie liegt im Bett, du liebst sie, aber sie ist verschwunden, und du brauchst nicht zu suchen, denn sie liegt ja neben dir und du weißt, sie ist weg.

Es hat mich immer erschreckt, jemanden lesen zu sehen.

Jetzt weiß ich, warum. Ich habe einen Menschen sterben sehen.

Das Lesen ist mit dem Tod verwandt. Das Lesen ist ein Kind des Todes. Ein elf Jahre altes, bebrilltes Mädchen, mutterlos, halb sitzt sie, halb liegt sie in dem weißen Sessel, sie hält ein Buch dem Licht entgegen, wie einen Schutzschirm.

Das Lesen ereignet sich in der Nähe der Nacht, schreibt Anne-Marie Albiach.

Ich kenne nichts Beunruhigenderes als ein lesendes Kind.

Etwas Beruhigendes: dass es nicht möglich ist, sich selbst lesen zu sehen.

Ich sitze im Wohnzimmer und lese. Habe ich da jemanden gehört? An der Tür? Ich erkenne die Schritte wieder, sehe das Gesicht, bin mit der Stimme und den Bewegungen vertraut, und wieder einmal folgt die Erleichterung darüber, dass es nicht ich bin.

8

Ist es nicht seltsam, Janne, wie schwierig es ist zu sagen: Ich liebe dich. Ich sage deinen Namen ohne jede Schwierigkeit, und ich liebe dich nicht. Das ist die Wahrheit. Ich vermisse dich und freue mich darauf, von dieser Reise zurückzukommen. Heute lag ich am Strand und las Travail vertical et blanc. Wie wichtig es ist, das richtige Buch am richtigen Ort zu lesen! Die richtige Jahreszeit zu wählen, die richtige Tageszeit, Morgen oder Abend, all das ist nicht gleichgültig. Den richtigen Ort für genau dieses Buch zu wählen, ist fast wichtiger als das Buch selbst, findest du nicht? Du solltest aus dem Wohnzimmer hinausgehen, aus dem Haus hinaus, Janne, ganz nach unten in den Garten zu den Johannisbeersträuchern, in den Schatten der Apfelbäume, du solltest dich in die Hängematte legen und in das Blau hinaufschauen können, die Sonnenbrille absetzen und die Schuhe ausziehen, es ist schön in Sainte-Maxime-sur-Mer, du solltest es dir vorstellen können, eine andere Frau, eine wie dich, sie liest auf der Seite liegend, die Hand unter der Wange, sonnengebräunt, und dazu der Kastaniengeruch, ich denke an deine Haut, wenn sie liest. Du solltest nackt im Halbdunklen liegen und lesen können, Janne, das Leben hält so viele Möglichkeiten bereit, wir sollten glücklich werden können, hier ist es behaglich und lau, das Wasser ist klar und mehr als zwanzig Grad warm.

9

Das Wohnzimmer, Holzboden, erd- und grasfarbene Möbel, zwei Sessel und ein Wohnzimmertisch, von Büchern bedeckt. Der Schreibtisch ist am Fenster platziert: zwei Kirchtürme und ein kurzer Blick auf Vögel, die Bäume wachsen in das Fenster hinein, hinter dem du sitzt und liest.

Das Fenster, das höchste aller Quadrate, die Voraussetzung der Schrift, ihr Vorbild, jeden Morgen dieselbe Landschaft zu sehen, vom Licht verwandelt, ein zerbrechlicher, stiller Abstand; was draußen ist, legt sich schwer über die Scheibe. Das Haus ist um diese Abwesenheit herum gebaut, das...



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