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E-Book

E-Book, Deutsch, 156 Seiten

Espedal Bergeners


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95757-651-4
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 156 Seiten

ISBN: 978-3-95757-651-4
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Bergeners ist eine ungewöhnliche Liebeserklärung an den zwischen Bergen und Fjorden gelegenen Heimatort Tomas Espedals. Die Erzählung beginnt im extravagantenThe Standard Hotel in New York und endet im Berliner Askanischen Hof, denn immer wieder versucht Tomas zu fliehen: vor demTrubel um seine Person nach dem Erscheinen von Knausgårds Büchern, vor der Einsamkeit, nachdem seine Freundin ihn verließ, vor sich selbst. Jedes Mal kehrt er aber zurück zu dem Ort seiner Kindheit, dem Ort, der seine Erinnerungen konserviert. Meist sind es Erinnerungen an die Frauen,die der Autor einst liebte. So intim, so unmittelbar wie noch nie, erzählt er seinen Nächsten - und damit uns - von seinem wilden und poetischen Leben.

Tomas Espedal, 1961 in Bergen geboren, gab sein literarisches Debut 1988 mit dem Roman En vill flukt av parfymer (Eine wilde Flucht vor dem Parfüm). Seither veröffentlichte er zahlreiche, mit vielen Preisen ausgezeichnete Romane und gilt neben seinem Freund Karl Ove Knausgård als einer der wichtigsten Schriftsteller Skandinaviens.
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Exakt von der Stelle aus, wo die Gaula in einer langen Biegung um die Ortschaft Sygna herumfließt und sich taillenartig einschnürt, um als kraftvoller, breiter Wasserfall hinabzustürzen, so gewaltig und schäumend weiß, dass der Fluss nicht mehr wie Wasser aussieht, sondern wie ein fallender Berg, kann man den Storehesten sehen, einen hohen, stumpf zulaufenden Gipfel, als würde der Berg in ein und demselben Moment zusammenstürzen und sich erheben, eine Art optische Täuschung nur; man sieht den Gipfel durch die in der Luft zerstiebenden Wassersplitter hindurch. Der Junge steht auf den glatten Steinen direkt unter dem Wasserfall, der Wasserstaub stiebt ihm ins Gesicht und ins Haar, die kleinen Wasserperlen legen sich auf seine Jacke und die Hose, er steht in der Sonne und wird klitschnass. Ein dünner Regenbogen über dem herabstürzenden Wasser, über der Kaskade, die so laut brüllt, dass er keine anderen Stimmen hören kann als die Stimme des Wassers, sie ruft ihm zu. Dann und wann sieht er einen Lachs sich in hohem Bogen im Wasserfall hinanwerfen, in den Wasserfall hinein, als würde der Fisch nach einem Punkt darin suchen, an dem Stille herrscht, nach einer Stelle, an der er sich ausruhen kann.

Wo der Fisch sich ausruhen kann, bevor er sich weiter den Wasserfall emporwirft, bevor er dann endlich das stille Wasser des Flusses erreicht.

Es wirkt unmöglich.

Die Wassermassen spülen den Lachs gnadenlos hinab, wieder zum Grunde des Wasserfalls hinunter, in die geräumige Mulde, in der die Fische warten. Der Junge sieht, wie der Lachs es erneut versucht, ein neuer Sprung in die tobenden Wassermassen hinein.

Es wirkt unmöglich.

Der Junge fängt an zu weinen, will sich die Tränen mit dem nassen Jackenärmel wegwischen. Jetzt erst bemerkt er, dass er durchnässt ist, die Jacke, die Hose, bis auf die Haut. Er hatte nicht weinen wollen, er weint sonst nie, in keiner Situation, nicht einmal, wenn es ganz schlimm ist, nie, aber das stiebende Wasser läuft ihm aus den Haaren über die Stirn in die Augen.

New York City. The Standard Hotel. Zimmer Nummer 1103. Das schönste Hotelzimmer, das ich jemals gesehen habe. So durchsichtig, so offen, so weiß und streng. Wir standen in der Tür und blickten durch Glasscheiben, durch das Badezimmer und das Schlafzimmer und das Wohnzimmer und Fenster auf die Stadt und die Lichter in der Höhe, die reflektiert wurden durch die Glasscheiben und den Raum, in dessen Tür wir standen. Die Stadt war im Zimmer. Das Zimmer war in der Stadt wie ein durchsichtiger Kubus mit Glaswänden. Ein sechseckiges Zimmer mit Bett und Kissen und Bettdecken, so weich wie Wachs. Hellgelbe Gardinen. Ein mit dickem, grauem Wollstoff bezogenes Sofa. Ein brauner Ledersessel. Ein großer Spiegel. Eine dicke Glaswand zum Bad, darin eine Dusche und eine ovale Badewanne; eine eierschalenweiße Oberfläche, auch so rauh wie Eierschalen, sodass alles im Zimmer die Natur nachahmte, oder es war Natur, zusammengepresst zu einem Kubus inmitten anderer Kuben in der Stadt.

Die New-York-Natur.

Unter uns kreuz und quer die Straßen. Die 14th Street in gerader Linie bis zum Union Square, auf dem sich ein Blumenmarkt befand. Wir füllten das ganze Zimmer mit Blumen. Sie dufteten süß und schwer in der Dunkelheit, und wenn wir morgens aufwachten, das Fenster stand offen, hörten wir die Bienen im Zimmer summen.

Die New-York-Nacht.

So hell und milde. So schlaflos und still, wenn die Geräusche sich in der Stadt verteilt hatten und zu einem langen, tiefen Ton von Verkehr und Helikoptern wurden, von Sirenen und dem Pfeifen der Schiffe auf dem Hudson; wir hörten sie nicht.

Nachts, wenn Janne eingeschlafen war, setzte ich mich aufs Fensterbrett, die Beine nach außen, im elften Stock und rauchte Zigaretten. Plötzlich wurde ich von einem mächtigen Impuls übermannt; ich wollte mich hinauswerfen. Der Gedanke war so beherrschend und stark, ich musste mich zwingen, rückwärts vom Fenster wegzugehen, Schritt für Schritt rücklings zum Bett, mich neben Janne zu legen und ihre Hände über meine Brust zu ziehen. Ich fesselte mich an sie. Zog ihr Haar über mein Gesicht und flocht meine Beine mit ihren zusammen. Jetzt war ich gefesselt. Jetzt war ich in Sicherheit. Ich war an sie gefesselt. Ich spürte ihre ruhigen Atemzüge, mein Puls beruhigte sich, mein Herz schlug normal; ich konnte ausruhen. Aber in der Nacht darauf würde sich alles wiederholen, ich würde allein im Fenster sitzen und mich würde der Gedanke überfallen, dass ich nie ohne sie zurechtkommen würde.

Ich traute mich nicht, Janne zu sagen, dass ich unter Höhenangst litt. Dass ich sie von meiner Mutter geerbt hatte, aus dem elften Stock im Skyttervei, dass ich wieder in der Kindheitshöhe und in der Höhenangst meiner Mutter war und dass meine Mutter in mir lebte mit ihrer Angst, ihrer Furcht, dass ich sie mit mir herumtrug, das konnte ich nicht sagen.

Janne wollte auf die Spitze des Empire State Buildings. Sie wollte auf die Spitze des Rockefeller Centers. Wir nahmen den Fahrstuhl, mit rasender Geschwindigkeit ging es hinauf, ich aber fiel, ich fiel im Fahrstuhl auf den Boden. Ich schlang die Arme um die Japanerin neben mir; sie roch nach Ingwer und Salz.

Wir fuhren im Hotel mit dem Fahrstuhl in die achte Etage, um eine Lesung von Edmund White zu hören. Er erzählte von seinen Liebhabern und las aus seinem neuen Buch. Der Umschlag zeigte ein Foto des Autors als junger Mann. Er hatte dunkles, halblanges Haar und einen ausgeprägten Schnurrbart, er trug einen Hut à la Whitman. Wir waren beide enttäuscht, wie schwer und alt er war, wie dick und plump er war, wie wenig er seiner Darstellung von sich selbst glich.

Wir trafen Frode und Gunnhild, die auch beim New Yorker Literaturfestival waren. Frode ist ein echter Kosmopolit, wo auch immer er ist, wirkt er wie bei sich Zuhause. Er weiß, wie man sitzen muss und wann man aufstehen und gehen sollte. Er weiß, wie man reden muss und wie man schweigen muss. Gunnhild hat keinerlei Orientierungssinn und weiß nie, wo sie ist. Das ist entzückend, bis man auf sie warten muss, weil sie auf eigene Faust dickköpfig lange und weit in die falsche Richtung gegangen ist.

Ich meinerseits war völlig von Janne abhängig. Ohne sie traute ich mich nirgendwohin, und wenn wir zusammen durch die Stadt gingen, hielt ich mich dicht an ihrer Seite oder ich griff nach ihrer Hand, obwohl ich bemerkte, dass sie versuchte, ihre Hand zu verbergen, sie steckte sie in die Jackentasche, und manchmal legte sie sich die Hand auf seltsam gekünstelte Weise auf den Rücken.

Ich hatte Angst, ihr verloren zu gehen.

Sie fand die richtigen Straßen, die Gebäude, sie fand die Eingänge zur Subway und die Züge, die wir nehmen mussten, die Stationen, in denen wir aussteigen mussten, sie fand die Orte, die wir sehen wollten. Sie fand die Museen und die Buchhandlungen, und wenn sie hin und wieder einmal in ein Kleider- oder Schuhgeschäft wollte oder in ein Kaufhaus, so stand ich am Eingang und wartete auf sie.

Ich stand an Ort und Stelle, genau da und genau so lange, wie es zu warten galt.

Ich schloss die Augen, die Sonne schien, sie traf mein Gesicht. Ich stand auf der Ecke der West 15th Street und der 6th Avenue und wartete länger als eine Stunde auf sie.

Und siehe, da kam sie aus dem Geschäft. Jedes Mal geschah dasselbe; mich erfüllten eine unfassbare kindliche Freude, brausendes Glücksgefühl und tiefe Dankbarkeit; sie war meine Liebste. Und jedes Mal, wenn ich sie sah, nachdem ich von ihr getrennt war, nachdem ich auf sie hatte warten müssen, war ich kurz davor zu weinen, konnte es aber zurückdrängen, verstecken; sie kam aus dem Geschäft in einer neuen weißen Bluse, blauen Jeans und ihren alten, abgetretenen Sandalen.

Wir fuhren mit der Subway nach Brooklyn und suchten die Buchhandlung , die eine Freundin Janne empfohlen hatte. Der Laden war nicht groß, hatte aber die Bücher, die wir suchten. Janne fand endlich von Anne Carson. Ich fand die Bücher von Jennifer Moxley, die ich brauchte. Ich stand ganz weit hinten im Laden und konnte die Augen nicht von Janne wenden. Ich bekam nie genug davon, sie anzusehen. Ich folgte ihr mit dem Blick. Ließ sie nicht aus den Augen. Sie versuchte, sich zu verstecken, verschwand hinter einem Bücherregal. Ich folgte ihr. Es ist schön, die Liebste zu sehen, wie sie zwischen Bücherregalen einhergeht und dieselben Bücher sucht wie man selbst.

Direkt am Union Square gibt es eine Buchhandlung namens , wo wir Bücher von Peter Gizzi und Stacy Doris, Bill Luoma und Lee Ann Brown kauften. Mein Lieblingsgedicht, wenn es denn ein Gedicht ist, ist Bill Luomas .

Die 14th Street verläuft in gerader Linie vom Standard Hotel zum Union Square. Wir gingen sie jeden Tag entlang, auf dem linken Bürgersteig hinauf und hinab auf dem rechten, in regelmäßigen Abständen von den Ampelkreuzungen an den Avenues unterbrochen. Die Fußgängerüberwege, ein eigener Rhythmus im...



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