Esch Bergkristall - Folge 245
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-1975-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Und Amor lacht dazu
E-Book, Deutsch, Band 245, 64 Seiten
Reihe: Bergkristall
ISBN: 978-3-7325-1975-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ach, was für ein wunderbarer Tag! Hat je die Sonne so schön vom Himmel gelacht? Haben je die Vögel so fröhlich gesungen? Oder ist das alles nur der Widerschein des großen Glücks, das die Herzen von Lorenz und seiner Marie erfüllt?
Sie haben nämlich gerade beschlossen zu heiraten, so bald wie nur möglich, weil sie es vor lauter Liebe schon gar nicht mehr aushalten. Noch an diesem Abend wollen sie es den Eltern sagen ...
Doch wenn sie freudige Zustimmung erwartet haben, weil man sich ja mag und kennt und gute Nachbarschaft pflegt, so werden die verliebten jungen Leute bitter enttäuscht.
Empörung, Entsetzen, Tränen bei den Müttern, ein beinhartes Nein von den Vätern - eine einzige Katastrophe. Marie und Lorenz verstehen die Welt nicht mehr. Was ist bloß in die Eltern gefahren?
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Marie Leitner beugte sich weit über das Holzgeländer des Balkons und schaute hinüber zu den Wiesen, die zum Linden-Hof gehörten und direkt an die des Kreuz-Hofes, des Anwesens ihrer Eltern, grenzten.
Es wäre fast schon ein Bild für die Fremdenverkehrswerbung gewesen: das bildhübsche Madel im knapp sitzenden, weißroten Dirndl, wie es sich über die roten und rosa Geranien beugte. Dazu der bayerisch-blaue Himmel, der sich seidig über den prächtigen, von Wohlstand zeugenden Hof spannte. Den Duft der Blumen in dem liebevoll gepflegten Vorgarten, den Gesang der Vögel und den Geruch nach Sommer und frischem Heu hätte man freilich nicht einfangen können. Die Aufnahme wäre aber auch ohne diese zusätzlichen Verlockungen einladend genug gewesen.
Aber Marie Leitner hatte ganz anderes im Sinn als Touristenwerbung. Nachdem sie gesehen hatte, was sie hatte sehen wollen, lief sie durch das Zimmer, die Treppe hinunter und aus der rückwärtigen Tür zum Haus hinaus – in der Hoffnung, dass die Mutter es nicht bemerkte.
Sie zog ihr Rad aus dem Schuppen und ermahnte den Hofhund Wastl, um Himmels willen still zu sein. Als er trotzdem aufgeregt fiepte, machte sie ihn mit einem ärgerlichen Seufzer von der Kette los, damit er mit ihr mitlaufen konnte, und schwang sich auf das Rad.
Und dann sauste sie so schnell los, wie sie nur konnte. Und wenn jetzt noch jemand gerufen hätte, sie hätte einfach getan, als würde sie nichts hören.
Einer hatte sie aber doch gesehen, und der grinste stillvergnügt vor sich hin. Und das war der Moser-Sepp, ein entfernter Neffe des Leitner-Bauern, den der mit ganz bestimmten Absichten auf den Hof geholt hatte. Absichten, von denen Sepp gar nichts hielt und von denen Marie nichts wusste. Hätte sie davon etwas gewusst, hätte sie davon noch weniger gehalten als der Sepp. Falls das überhaupt möglich war.
Sepp grinste so zufrieden, weil er sich durchaus denken konnte, wohin seine hübsche Base eilte.
Auf den Wiesen vom Linden-Hof fuhr nämlich der einzige Sohn des Bauern Benno Weigel, der Lorenz, das Grummet ein. Marie sah den Lorenz mehr als bloß gern. Und Lorenz war genauso in sie verliebt.
Merkwürdig war bloß, dass die jeweiligen Eltern noch nichts davon gemerkt hatten! Wo doch die zwei schönen Höfe, der Linden-Hof und der Kreuz-Hof, so einmalig günstig nebeneinander lagen und es sich schon aus diesem Grund anbot, die beiden Erben miteinander zu verhandeln.
Aber irgendwie war die Marie fünfundzwanzig Jahre alt geworden und der Lorenz sogar schon achtundzwanzig, und bisher war noch niemand auf diese nahe liegende Idee gekommen. Als der Sepp damals, als man ihn herholte, weil die Arbeit für den inzwischen fünfundfünfzigjährigen Bauern allein zu viel wurde, vorsichtig etwas in der Richtung andeutete, waren der Xaver Leitner und seine noch immer fesche Bäuerin Genoveva so empört aufgefahren, dass man sich nur wundern konnte. Denn ansonsten standen sich die Leute vom Kreuz-Hof und die vom Linden-Hof eigentlich recht gut.
Nachdem Marie die Gefahrenzone, in der ein Ruf der Mutter sie hätte erreichen können, verlassen hatte, radelte sie etwas gemütlicher den Wiesenweg entlang. Der Wastl war auch froh, dass er bei der Hitze nicht so rennen musste, sondern hin und wieder stehen bleiben und schnüffeln konnte.
Marie wollte keinesfalls verschwitzt und abgehetzt beim Lorenz ankommen. Wo sie doch schon extra das neue Dirndl angezogen hatte!
Lorenz hatte sie längst bemerkt. Aber er tat so, als wäre er restlos in seine Arbeit vertieft.
Er war ein gut aussehender Bursch, groß, schlank und dunkelhaarig. Am Sonntag, wenn er in seinem Lodenjanker und der Lederbundhose, den Trachtenhut frech ins Genick geschoben, vor der Kirche stand und die Madeln, die mit sittsam niedergeschlagenen Augen zur Messe kamen – was sie freilich nicht hinderte, nach dem Burschen zu blinzeln –, musterte, dann sah er so verwegen aus, dass er nicht bloß der Leitner-Marie gefiel.
Jetzt hatte er freilich nur kurze Hosen an, und sein schweißglänzender Oberkörper war nackt und von der Sonne braun gebrannt, aber Marie fand ihn so sogar noch aufregender und fühlte, wie ihr Herz heftig in dem engen Mieder pochte.
Jetzt warf er mit gleichmäßigen, kräftigen Bewegungen noch ein paar Heugabeln mit dem restlichen Grummet auf den Anhänger. Gerade, als sie ihn rufen wollte, drehte er sich um und lachte sie an, dass die weißen Zähne in dem gebräunten Gesicht mit seinen schwarzen Augen nur so um die Wette blitzten.
Der Lorenz musste es sein – das wusste Marie in diesem Augenblick ganz sicher. Hundertprozentig … zweihundertprozentig! Er und kein anderer, und wenn der andere ein Prinz wäre und ein reicher dazu!
Sie ließ das Rad am Wegesrand stehen, der Wastl legte sich hechelnd daneben, und dann ging sie auf den Lorenz zu. Der zog sich ein T-Shirt über den Kopf und wischte sich das verschwitzte Gesicht mit einem Tuch ab, das auf dem Schlepper lag.
„Schön, dass du mich besuchst, Marie“, sagte er. „Ich wollte gerade Brotzeit machen. Leistest du mir Gesellschaft?“
Sie nickte, obwohl ihr bestimmt nicht nach Essen zumute war.
Sie setzten sich unter eine wunderschöne alte Linde, deren mächtige Äste reichlich Schatten boten und deren dicker Stamm sie weitgehend von etwa vorbeigehenden Spaziergängern verbarg.
Lorenz bot Marie aus dem Brotzeitkorb belegte Brote und Bier an, aber sie schüttelte nur den Kopf. Bloß einen Apfel nahm sie in die Hand, vergaß aber, in ihn reinzubeißen.
„Ich muss mit dir reden“, begann sie.
„Aha“, erwiderte er interessiert und biss kräftig in sein Wurstbrot. „Über den Sepp vielleicht?“
Sie fuhr auf und wurde vor Zorn ganz rot im Gesicht.
„Hast du auch schon davon gehört? So ein Schmarrn! Ich weiß wirklich net, was die Eltern sich da denken! Sie meinen, ich hätte nix bemerkt. Als ob ich blind und blöd wäre!“
Lorenz lachte nur auf und biss wieder in sein Brot.
„Was hast du denn gegen den Sepp?“, fragte er dann. „Der ist doch nett. Ich versteh mich ausgezeichnet mit ihm.“
„Du sollst ihn ja auch net heiraten!“, fauchte Marie, und ihre blauen Augen blitzten wütend. „Als ob ich mir meine Leut net selber aussuchen könnte!“
„Und was sagt der Sepp?“, bohrte der Lorenz weiter und bemühte sich, sein Lachen zu unterdrücken.
„Der Sepp? Keine Ahnung! Das ist mir auch wurscht!“, erwiderte sie zornig und warf den Apfel zurück in den Korb. „Aber dass du nimmer vorbeischaust, seit er bei uns ist, das … das …“ Sie brach ab.
„Das ist dir net wurscht?“, erkundigte sich der Lorenz.
„Nein!“, antwortete Marie leise und sah vor sich hin.
Lorenz ergriff ihren Arm und zog sie näher zu sich, den Korb, der bisher zwischen ihnen gestanden hatte, stellte er zu Seite.
„Da bin ich aber schon sehr froh“, sagte er leise und zärtlich. „Denn der Sepp ist richtig nett, und da hätte es ja sein können …“
„Schmarrn!“, erwiderte Marie, und das klang nur noch ein bisserl trotzig.
Er lachte und zog sie nun ganz in seine Arme. Und dann hatten sie eine Weile Wichtigeres zu tun, als zu essen oder auch zu reden.
Nach einer Weile ließ Lorenz die Marie aufatmend los.
„Ich hab den Sepp übrigens direkt gefragt, aber er hat mich nur ausgelacht. Der hat nämlich was ganz anderes im Sinn. Und Bauer will er auch net werden. Er möchte mit dem Geld, mit dem er von seinem älteren Bruder abgefunden wurde, einen kleinen Gasthof aufmachen. Aber er mag net, dass man darüber redet.“
„Mei, bin ich froh!“ Marie ließ sich neben ihm ins Gras sinken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Nett ist er nämlich schon. Jedenfalls, solange er mich net heiraten möchte!“
Sie lachten beide.
Heiraten! Jetzt war ihr das Wort herausgerutscht. Dabei hatte sie sich doch so fest vorgenommen, nicht als Erste davon anzufangen! Hoffentlich dachte er jetzt nicht, dass sie ihm nachlief. Was sie ja eigentlich schon tat, aber er sollte halt zumindest so tun, als ob er es nicht gemerkt hätte …
„Hast du heiraten gesagt?“, fragte der Lorenz in ihre verlegenen Gedanken hinein. Und weil sie net gleich antwortete, richtete er sich auf einen Ellbogen auf, kitzelte sie mit einem Grashalm an der Nase und meinte: „Es ist wirklich höchste Zeit, dass wir uns endlich in aller Öffentlichkeit zusammentun. Auch wenn unsere Altvorderen noch net übergeben wollen.“
„Dann haben wir eben ein bisserl mehr Zeit für uns“, fand die Marie und drehte sich gleichfalls zur Seite, so, dass ganz zufällig ihre Lippen einander berührten.
„Und für unsere Kinder!“, fügte der der Lorenz nach einer Weile hinzu.
Sie lachte ein bisserl verlegen, sagte aber dann gleich: „Zwei Buben und ein Madel möchte ich!“
„Einverstanden! Aber ich nehm auch drei Buben oder drei Madeln oder zwei Madeln und einen Buben oder …“
„Jetzt reicht’s!“, rief Marie lachend und verschloss ihm erneut mit einem Kuss den Mund.
„Wann redest du mit deinen Eltern?“, wollte der Lorenz später wissen.
„Heut Abend. Nach der Arbeit. Bevor sie wieder Fernsehen schauen.“
„Gut. Dann red ich auch um die Zeit mit meinen.“
„Und wenn sie Nein sagen?“, überlegte Marie.
„Warum sollten sie? Es passt doch alles so hervorragend zusammen, die zwei Höfe und vor allem, dass wir uns so gern haben“, fand Lorenz.
„Na ja, aber warum haben sie den Sepp auf den Hof geholt, als sie gemerkt...




