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E-Book, Deutsch, 364 Seiten

Ertl Auf der Wegwacht


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7437-0845-7
Verlag: Hofenberg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 364 Seiten

ISBN: 978-3-7437-0845-7
Verlag: Hofenberg
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Emil Ertl: Auf der Wegwacht Erstdruck: Leipzig, L. Staakmann, 1911 Neuausgabe. Herausgegeben von Karl-Maria Guth. Berlin 2017. Umschlaggestaltung von Thomas Schultz-Overhage. Gesetzt aus der Minion Pro, 11 pt.

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Das Klosterschlößchen

Das alte Schlößchen hinter St. Jodok in der Lüsen, von dem ich euch jetzt erzähle, hat seine Geschichte, aber niemand kennt sie. Wir haben in Erfahrung gebracht, daß vor zweihundert Jahren oder länger die Pröpste eines wohlhabenden Stiftes im österreichischen Friaul die Tafelfreuden liebten und darum nach einer Wald- und Berggegend Ausschau hielten, deren Wildreichtum die Fülle von Wein und Früchten, welche das sonnige Unterland ihnen lieferte, würdig ergänzen sollte. Es lag ihnen aber außer dem Wildbret für ihren Tisch auch ganz besonders das Jagdvergnügen am Herzen, und sie wollten nicht nur auf Damhirsche und Rehe, sondern gelegentlich auch auf Hochgebirgswild wie Gemsen, Steinböcke oder Auerhähne birschen. Darum verfielen die geistlichen Herren auf die Gegend hinter St. Jodok in der Lüsen, die knapp an der Grenze zwischen dem deutschen und wendisch-italienischen Sprachgebiet inmitten hoher Berge eingebettet liegt und damals noch wenig gerodet war. Dort erwarben sie ein Gut mit Waldbesitz und allerhand Jagd- und Weiderechten und bauten im Geschmack ihrer Zeit ein schmuckes Jagdschlößchen hin, mit vorspringenden Türmen an den vier Ecken und gipsenen Fruchtgewinden, die von wohlgenährten Putten gehalten werden, an den Saaldecken.

So erstand jenes reizende, unter hohen Lindenbäumen versteckte Herrenhaus, das den Alpenwanderer noch heute entzückt und anheimelt, wenn er daran vorüberkommt, um durch die innere Lüsen einen der gewaltigen Berggipfel zu ersteigen, die rings heruntergrüßen und bald einen deutschen, bald einen slawischen, bald einen welschen Namen tragen. Falls er aber stehen bliebe, um sich zu erkundigen, wer der glückliche Eigentümer sei, so wüßte ihm niemand von jagdlustigen Klosterbrüdern und Prälaten zu berichten. Er erführe bloß, daß jetzt eine stille, vornehme Frau von bürgerlicher Herkunft darin wohne, die jeden Sommer eine ganze Schar fröhlicher junger Leute um sich zu versammeln wisse, obgleich sie selbst kinderlos, unvermählt und kränklich sei. Seine Neugierde, sie kennen zu lernen, würde wach, denn man spräche von ihr wie von einer gütigen Fee. Und früge er noch weiter, so beschriebe man sie ihm als eine edle, hochherzige Dame mit schneeweißem Haar, die weit im Umkreis als Wohltäterin verehrt und nicht anders als Gioja genannt werde, weil sie ein Kleinod sei unter den Menschen, weil Freude sprieße allenthalben, wohin sie ihren Schritt setze, wie Blumen aus den Fußstapfen des heiligen Franziskus.

Niemand erinnert sich mehr, daß das Herrenhaus unter den uralten Linden einst mitten im Walde gestanden, niemand weiß etwas davon, daß es einst geistlichen Herren als Jagdschlößchen gedient hat. Denn soweit die ältesten Leute zurückdenken können, war es stets Eigentum der Freiherrn von Gall-Rastenburg-Grahovo gewesen, die sich schließlich, nachdem größere und einträglichere Güter ihnen nach und nach abhanden gekommen, grollend in die Lüsen zurückgezogen und dauernd in dem alten Schlößchen eingenistet hatten. Heute freilich befindet dieses sich so wenig mehr in ihrem Besitz wie in dem der toten Hand. Dem einst reich begüterten Geschlechte ist auch dieser letzte Schmollwinkel in Verlust geraten, denn es hat endgültig abgewirtschaftet. Den letzten Freiherrn von Gall-Rastenburg-Grahovo, einen stolzen, schönen, unnahbaren jungen Mann, kannten noch alle. Er war jähzornig und ungerecht, niemand liebte ihn, obgleich er manchmal, wenn er gerade in der Laune war, dem nächstbesten Knecht, der ihm das Pferd gehalten hatte, eine Fünfguldennote hinwarf. Niemand vermißte ihn, als er ausblieb und sich nicht mehr in der Lüsen sehen ließ, niemand bedauert es, daß er von der Bildfläche verschwunden ist, als wäre er gestorben.

Im Jahre dreiundsiebzig, heißt es, als in Wien draußen der große Börsenkrach war, sei er an den Bettelstab gekommen.

Das Gut samt dem Herrenhaus war damals an den Meistbietenden losgeschlagen worden und hatte seitdem mehrmals hintereinander den Besitzer gewechselt, bis gegen Ende der siebziger Jahre jene kränkliche alte Dame es erwarb und zu ihrem Sommersitz erwählte. Seither haben die Leute in der Lüsen das Gefühl, als sei endlich wieder eine »Herrschaft« da, zu der sie emporblicken können.

Was mag sich in dem alten Schlößchen nicht alles abgespielt haben, im Wechsel der Jahrhunderte? O daß die Steine reden könnten und die Saalwände Zauberspiegel wären, die vorüberziehenden Bilder zu bannen und dauernd festzuhalten! O wer die Sprache der uralten Linden verstünde, die das hochgeschwungene Ziegeldach beschatten und im Winde flüsternd von alten Begebenheiten erzählen, die keine Chronik aufzeichnet! Denn das anheimelnde Schlößchen in der Lüsen hat seine Geschichte wie alle alten Schlösser, aber niemand kennt sie. Nicht einmal, daß es ursprünglich ein Jagdhaus war, und daß die Jäger, die mit der Flinte über der Schulter ein und ausgingen, geistliche Stiftsherren waren, ist in Erinnerung geblieben. Und wenn die Leute in der Gegend es noch heute das Klosterschlüssel nennen, so wissen die wenigsten von ihnen, warum.

Es ist die Zeit, da die Linden blühen, und der herbe Bergwind, der durch die Lüsen streicht, weht den beiden Fußwanderern, die sich auf der Straße von St. Jodok dem Hause nähern, ganze Wolken süßen Duftes in die Nasen. Es sind zwei recht ungleiche Gesellen, der eine jung, der andre alt, Großvater und Enkel vielleicht, der eine hochgewachsen, der andere eher klein, aber rasch beweglich. Der Junge, Hochgewachsene, braucht nur halb so viel Schritte zu machen wie der alte Herr, der kaum mittelgroß geraten ist, darum wallen sie in ziemlich ungleichartigem Gange nebeneinander hin. Zwar läßt der wettergebräunte Jüngling, der die Tracht des Bergsteigers trägt, sich absichtlich Zeit und geht so gemächlich, als es ihm nur möglich ist, an der Seite des Großvaters her, damit dieser sich ja nicht übereile; es nützt ihm aber wenig. Denn der alte Herr in grauem städtischen Anzug, ein graues weiches Filzhütlein jugendfroh auf dem linken Ohr, ein Opernglas im Lederfutteral an einem Riemchen um die Schulter geschnallt, kommt sich beinahe wie ein zwanzigjähriger Springinsfeld vor, seit er der Stadt den Rücken gewendet und sich auf die Wander begeben hat. Und während er die stählerne Zwinge seines Wandelstockes emsig gegen den Straßenschotter klirren läßt, hastet er mit seinen kurzen, raschen Schritten wie ein fröhliches Wiesel dem jüngeren Gefährten, und mag der sich so viel Zeit lassen als er will, doch immer um eine halbe Nasenlänge voraus.

»Die Linden duften, die Beschreibung stimmt«, sagt er jetzt zu seinem Wandergenossen; »hier muß es sein! Hättest du es dir träumen lassen, Doll, daß wir in der Lüsen eine gute alte Bekannte wiederfinden?«

»Und was für eine liebe, einzige Frau!« versetzt der Jüngling warm. »Ich kann nicht sagen, wie ich mich freue, sie wiederzusehen, fast muß ich sagen: sie kennen zu lernen! Denn ich erinnere mich ihrer eigentlich bloß aus früher Jugend, als wir Kinder noch manchmal im Leodolterschen Hause verkehrten. Ich sah sie immer nur auf ihrem Diwan ausgestreckt, und wir hatten etwas wie eine heilige Scheu vor ihr, weil sie krank und dabei so klar, heiter und gütig war. Ja, sie erschien mir selbst fast wie eine Heilige auf ihrem Schmerzenslager. Aber nicht wie eine Heilige der düsteren Dogmen, mehr wie eine solche aus den alten Legenden, die von Freudigkeit und innerem Sonnenglanz leuchten.«

Die beiden Wanderer haben auf einem hölzernen Stege die Lüsen überquert, das rauschende, hüpfende, sich mutwillig überschlagende Wasser, das noch viel älter ist als der alte Herr Bornschbögel und doch ebenso jugendlustig sich tummelt und weiterhastet wie er. Jetzt treten sie in den Abendschatten der Linden, um die das Summen der honigsammelnden Bienen webt. Die Pforte des Klosterschlößchen steht offen, eine kühle Halle mit doppelt geschwungener steinerner Freitreppe nimmt sie auf. Wenige Augenblicke später führt ein flinkes Dienstmädchen sie in den schneeweißen Saal, an dessen Decke die gipsenen Putten gipsene Fruchtgirlanden halten, und durch diesen hindurch auf eine breite, freie, gegen den Garten hin sich öffnende Plattform.

Eine weißhaarige Dame, schmal und zart wie ein Hauch, die in Pelzwerk gehüllt auf einem Ruhebett hingestreckt lag, richtete sich lebhaft empor und streckte dem Großvater mit einer Bewegung von merkwürdiger Anmut und Entschiedenheit die Hand entgegen.

»Wie freue ich mich, bester Herr Bornschbögel, Sie hier zu begrüßen! Und dies ist Ihr Enkel, Doll Mairold? Ich hätte ihn nicht wiedererkannt! Nein, ich glaube kaum, daß ich Sie wiedererkannt hätte, Doll. Und doch gleichen Sie Ihrem seligen Vater, ja, es sind eigentlich dieselben Züge ... Lassen Sie sehen – ja, hier im Kinn und um den Mund, da sitzt die Ähnlichkeit. Es ist ein Zug von Kraft und Energie, oder doch eine Vorahnung davon, wenngleich noch nicht so voll entfaltet wie bei meinem verewigten Freunde« ...

Ihr Blick ruhte sinnend, forschend auf dem jungen Manne, während sie auch ihm die schmale, mit keinem Ring geschmückte und doch so schöne und feine Hand entgegenstreckte.

»Sie waren ein Knabe damals, als ich Sie zum letztenmal sah. Nun sind Sie ein Jüngling, fast ein Mann, und wie ich aus Ihrer Karte ersehe, schon in Beruf und Stellung. Wie doch die Zeit hingeht! Und wenn man so wie ich nur aus der Ferne dem Leben zusieht, so vergißt man immer wieder, daß es sich in steter Bewegung befindet. Manchmal, wenn ich durch bestimmte Anlässe daran erinnert werde, kann ich mich nicht genug darüber wundern, wie in den Jahren her sich alles verändert hat, während ich selbst nach wie vor unbeweglich auf meinem Krankenlager träume. Junge Mädchen, die ich mir noch in ihrer Blüte...



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