Ernst | Fremd unter Fremden | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 346 Seiten

Ernst Fremd unter Fremden


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7549-8060-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 346 Seiten

ISBN: 978-3-7549-8060-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Hineingeboren in die Kriegswirren des 2. Weltkriegs. Flucht und Vertreibung. Fünf Jahre in einem Barackenlager an der Kieler Förde. Nach der Volks-und Mittelschule e Lehre auf einer Werft. Mit 21 Jahren heiratete er. Mit 30 Jahren gründete eine Firma für Energietechnik. Nach 17 Jahren Selbständigkeit Aufgabe allen Besitz. Reisen mit seiner Frau durch Westeuropa auf der Suche nach einem richtigen Leben.

1941 in Westpreußen, heute Polen geboren. Mit 4 Jahren Flucht mit Mutter und Bruder an die Kieler Förde, Aufgewachsen in einem Barackenlager. Nach der Mittelschule Lehre auf einer Werft, Heirat mit 21 Jahren, Gründung einer Firma für Energietechnik, mit 48 Jahren Verkauf allen Besitzes und Reisen durch Westeuropa. Sesshaft in Tirol und Neuanfang, nach 26 Jahren wieder zurück nach Deutschland.
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Auf der Fahrt nach Mountmellik begann es leicht zu regnen, als gelte es die üblichen Klischeevorstellungen von Irland, als Regenland zu bestätigen.

Und tatsächlich gab es während der ganzen Zeit von Rs Aufenthalt keinen Tag,

an dem es nicht zumindest einmal geregnet hätte. 

Später standen sie dann an der Theke eines Pubs, ein Pint in der Hand und schauten etwas verlegen in die Runde. Die improvisierte Disco, ein paar in den Raum gestellte Lautsprecherboxen, Plattenpult und Verstärker machten eine Unterhaltung fast unmöglich.

Ps Bekannte waren an einem anderen Ort bei einem Festival, und R war froh, nicht gleich am ersten Abend mit Ps Clique, wie sie es nannte, zusammenzutreffen.

P hatte den Eindruck, dass R etwas enttäuscht war, und sich ihr Wiedersehen anders vorgestellt hatte, wie, das wollte sie P nicht verraten.

Später, im Raumschiff, kam dann noch eine Missstimmung auf, P zog sich gekränkt in sich selbst zurück; aber R ergriff die Initiative in dieser Nacht, und am nächsten Morgen waren aller Zwist und alle Fremdheit verflogen.

Sie verbrachten die Tage in gelöster, heiterer Stimmung in dem verwilderten Garten mit den mannigfaltigen Blumen, Sträuchern und Obstbäumen.

Es war ein beinahe paradiesischer Ort, aus dem sie nur hin und wieder ein Regenschauer vertrieb.

Ab Donnerstag besuchten sie Pubs und Discos im Ort und in der näheren Umgebung, von Montag bis Mittwoch blieben sie nüchtern.

P stellte R seinen Bekannten vor, Greg zeigte sich anfangs verlegen und schüchtern, er fürchtete das Zusammentreffen, wie er P gestand, da er nicht wusste, was P alles über ihn berichtet hatte. Für jeweils drei bis vier Tage machten sie Ausflüge an die West- und Südwestküste Irlands, befuhren die obligatorischen Tourirouten, und an wenigen schönen Tagen erklommen sie steile Klippen über dem Meer und einen bis zum Gipfel feuchten und sumpfigen Berg. Besonders der Abstieg war eine schlammige Rutschpartie. Sie übernachteten an einsam gelegenen Seen, oder direkt am Atlantik. Sie stürzten sich morgens in die eisigen Fluten, die kein Golfstrom zu erwärmen vermochte. Manche Küstenlandschaften erinnerten an die Westküste Portugals und heftiges Heimweh ergriff sie beide. Es war auch das Empfinden eines schmerzlichen Verlustes, einer verpassten Gelegenheit und versäumten Chance.

Melancholisch hingen sie ihren Gedanken und Erinnerungen nach, saßen nebeneinander im Gras zwischen den gelben Stechginsterbüschen und sahen träumend auf das endlose, im Sonnenlicht silbern flimmernde Meer hinaus. Das Wetter wurde täglich schlechter, doch die Enge im Raumschiff bedrückte sie nicht. P las englische Lektüre, R nähte einen Mantel aus nachtblauem Samt. Sobald die Sonne schien, legten sie sich auf die Wiese in ihrem Paradiesgarten, oder spielten Federball, aber oft schon nach einer viertel Stunde prasselte ein Schauer auf sie nieder, und eilig rafften sie ihre Bücher, Stoffe und Decken zusammen. Kaum waren sie im Wohnmobil, schien wieder die Sonne. Dann prasselte plötzlich eine Flut von Hagelkörnern nieder, sprangen und hüpften lustig auf dem Kies herum und bildeten im nu eine glitschige Eismasse, in der sie barfuß herum wateten. In der letzten gemeinsamen Woche regnete es fast ununterbrochen, und R konnte kaum begreifen, wie P es so lange aushalten konnte. Das fragte P sich nun auch immer mehr, und innerlich stand sein Entschluss, Irland zu verlassen, schon seit langem fest. Es war nicht das Wetter, aber natürlich war es auch das Wetter, Greg erzählte ihm, dass nun der Sommer vorbei sei, und die Regenzeit beginnt.

Im Regen wirkten die eintönige und öde Landschaft hier in der Mitte Irlands und die grauen, trostlosen Ortschaften noch deprimierender. 

Was mache ich hier nur, fragte er sich immer wieder. Dann waren die fünf Wochen plötzlich vorüber, eine letzte gemeinsame Nacht im Dubliner Hafen, und am frühen Morgen die Fahrt zum Flughafen. Wieder ein Abschied. Jetzt war die Zukunft zur Vergangenheit geworden, dass zu Erlebende erlebt. Wieder allein auf dem von grauen Gebäuden umgebenen Hof in Summergrove verfiel P in Schwermut und Lethargie. Jeder Song aus dem Radio erinnerte ihn daran, wie sie die Melodie gemeinsam mitgesungen hatten, die Kaffeetasse war noch mit Rs rotem Kuss geschmückt, die Spuren im Gras von ihren Federballmatchen erinnerten an ihre kurze, glückliche Zeit.

Nach einer Woche teilte P seinem Arbeitgeber mit, dass er kündige und in einer weiteren Woche Irland verlassen werde. Sein Chef hatte sich schon so etwas gedacht und zeigte Verständnis für Ps Entschluss. Sie nahmen freundschaftlich und herzlich Abschied voneinander. Vertrauensvoll erhielt P seinen letzten Scheck, der seinen Arbeitslohn für die nächste Woche schon einschloss. Auf der Fahrt zurück nach Summergrove hatte P wieder diese Aufbruchsstimmung, er fühlte sich erleichtert und befreit, ein neuer Lebensabschnitt sollte beginnen.

Sein Irland Aufenthalt war keine vergeudete Zeit, er musste diesen Weg gehen, ein Umweg, der ihn aber zum Ziel führen würde. Hier ist ihm klar geworden, dass er das Herumhängen satthatte, und dass er von einer kontemplativen Lebensweise zu einer aktiveren wechseln wollte. Er wollte wieder richtig arbeiten, möglichst wieder selbständig, noch einmal für ein paar Jahre Power machen.

Und er wollte mit R zusammenleben. Zunächst einmal zurück nach Tirol ins Häusele, von dort müsste man das Terrain der Möglichkeiten abstecken.

Das Gefühl der Freiheit, eine unsichtbare Last wird von den Schultern genommen, und der Körper schwebt aufwärts. Für P war das Gefühl der Freiheit ein Rausch, ein Höhenflug, die absolute Freude. Dieses Streben nach Freiheit hatte sein ganzes Leben bestimmt, eine Illusion, schon klar, man konnte danach streben, die absolute Freiheit würde man nie erreichen. Es war auch immer nur das Gefühl von Freiheit, welches sich einstellte, wenn er von einer Belastung befreit wurde. Ob der Mensch wirklich frei ist in seinem Tun und Lassen, dafür hatte er sich schon früh interessiert. Hegels These, dass Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit sei, ist etwas armselig. Aber einig sind sich die Disziplinen nicht, Philosophie, Psychologie, Sozialwissenschaften und moderne Hirnforschung ringen um die Deutungshoheit. Ob der Mensch in seinen Entscheidungen absolut frei ist, glaubte er nicht.

Die Hirnforschung meint aus ihren bunten Bildern herauszulesen, dass der Mensch in seinen Entscheidungen determiniert ist.

Das Gehirn entscheidet bereits Millisekunden vor dem eigentlichen Willensakt. Der Mensch ist bei seiner Geburt kein unbeschriebenes Blatt, nicht nur die Umwelt und Sozialisation bestimmt unser Handeln. Wir sind frei im Rahmen unserer Anlagen, unsere Gene haben einen erheblichen Anteil an unseren Entscheidungen. Für P war Freiheit das höchste Gut. Seine Arbeit und die Entlohnung diente ihm nur für seine Freiheit von allen Konventionen. In seiner Jugend hatte er erlebt, was Unfreiheit bedeutete. Jeden Sonnabend nach Feierabend sprang er auf der Landstraße vor seinem Elternhaus in die Luft und jubelte:

Hinaus in die Freiheit.

Dabei puffte er seine Freunde, die auf ihn warteten auf die Armmuskeln.

Sie machten sich lustig über ihn und zogen ihn auf, vielleicht weil sie dieses Gefühl der Befreiung von einer schweren Last in dieser Intensität nicht kannten. Sie neckten ihn mit den Worten: warte ab bis Montag früh, da wird dir der Übermut schon vergehen, wenn du mit dem Rad zur Arbeit fährst.

Aber daran wollte er jetzt nicht denken, sofort stellte sich ein unangenehmer Druck in der Magengegend ein, und er wusste, dass der Druck Sonntagabend zunehmen, und er sich wieder schlaflos durch die Nacht wälzen würde.

Er hasste seine Lehre auf der Werft, hasste die meisten der stupiden Gesellen, die ihn nach Bier und Zigaretten schickten und ihre anzüglichen Zoten rissen, hasste den ständig besoffenen Meister, diesen kleinen, fiesen, sadistischen Wichtelmann, der die Lehrlinge Stunden nach Feierabend immer noch einmal die Slipanlagen, die Schmiede, die Dreherei, die Werkstatt und die Frühstücksräume der Gesellen aufräumen ließ. Schwankend nahm er den Bericht des ältesten Lehrlings entgegen: Meister, wir sind fertig. So, lallte er dann sadistisch, und was ist das?

Er zeigte auf eine leere Zigarettenschachtel unter der Werkbank, die er selbst dort hingeworfen hatte. Dann schickte er sie los, das Gelände nochmals aufzuräumen. Sie setzten sich dann hinter eine Bretterwand und verfluchten den Kerl. Nach einer viertel Stunde trotteten sie wieder vor ihn hin.

Er war immer noch mit den Fischern, die mit ihren Booten zur Reparatur angelegt hatten, am Saufen. Mit blutunterlaufenen Augen hörte er sich den Bericht der Lehrlinge an, und wenn es ihm einfiel, sich noch einmal vor den Fischern zu produzieren, seine Macht auszuspielen, dann schickte er sie wieder los.

Wie P das alles hasste, den stämmigen Vorarbeiter aus der Zimmerei, der sich als Kumpel mit den Lehrlingen und Gesellen gab, auch mal eine Flasche Bier ausgab, sie aber hintenherum beim Chef anschwärzte.

Er hasste den dicken Chef, der in den Betrieb eingeheiratet und überall den dicken Max spielte. Besonders P hatte er im Visier. Wenn der Vorarbeiter P wegen irgendeines Missgeschicks angeschwärzt hatte, und P, da er sich ungerecht behandelt glaubte, verteidigte, so galt er als aufsässig, man würde ihm schon die Flötentöne beibringen.

Am allermeisten hasste er seinen Stiefvater. Es war eine sogenannte Onkelehe, die Ps Mutter gleich nach dem Krieg und ihrer Flucht aus Westpreußen eingegangen war. Für P und seinen drei Jahre jüngeren Bruder war Walter kein Vaterersatz.

Sie nannten ihn Onkel Walter. 

Seine...



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