Ernst | Beste Beziehungen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

Ernst Beste Beziehungen

Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-7099-7514-5
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

ISBN: 978-3-7099-7514-5
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Lisa und Franz haben zwei nette kleine Kinder und arbeiten auf das gemeinsame Haus hin, deshalb soll Franz sich gefälligst um seine Beförderung bemühen, wie Lisa findet; Jack ist Büroleiter des Wirtschaftsministers und mitten im Wahlkampf, sieht seine Frau selten und seine Affäre gelegentlich; dass Hanno mit Exfrau Sabine und seiner neuen Freundin unter einem Dach wohnt, findet er in Ordnung, aber nur er; und Stöger, der pflichtbewusste Deutschlehrer, will seiner Nichte Pia eigentlich nur Nachhilfe geben ... Ungefiltert und ungeschönt lässt Gustav Ernst in seinem neuen Roman seine Figuren sprechen. In ihren bestechend authentischen Dialogen schwelt die Abneigung, keimt leise Aggression auf, stumpfen Gefühle allmählich ab und die Moral verfällt. Und dann kommt der Punkt, an dem alles eskaliert. Gustav Ernst erweist sich in Beste Beziehungen als unbarmherziger Autor, der dort weiterspricht, wo andere längst schweigen - und er ist dabei glaubwürdiger, als einem lieb ist.

Gustav Ernst, geboren 1944 in Wien, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor ebendort. Studium der Philosophie, Geschichte und Germanistik. Seit 1997 Herausgeber der Literaturzeitschrift kolik (gem. mit Karin Fleischanderl). U.a. erschienen die Romane Die Frau des Kanzlers (2002) und Grado. Süße Nacht (2004).
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I


Lisa fährt für gewöhnlich, wenn sie die Firma um 16 Uhr verlässt, um zirka 16 Uhr 35 mit der U-Bahn unter ihrem Haus durch und denkt sich: Jetzt fahre ich unter unserem Haus durch. Aber nicht jedes Mal. Meist ist sie damit beschäftigt zu überprüfen, welche der Männer, die sie von der täglichen Fahrt kennt und die für sie als Männer in Betracht kommen, ihr wohlwollende Blicke zuwerfen und welche nicht. Wobei sie die Frage, warum der oder jener ihr keinen Blick zuwirft, am meisten beschäftigt. Hab ich die falsche Bluse an? Ist mein Make-up mangelhaft? Passt die Frisur nicht? Sehe ich abgehärmt aus? Vor allem aber interessieren sie die Blicke der Männer, die sie noch nie auf ihrer Heimfahrt gesehen hat. Heute, findet sie, kann sie zufrieden sein. Beim Aussteigen hat sie das Gefühl, gerade bei diesen einen guten Eindruck hinterlassen zu haben. Einer hat sie besonders lang angesehen und ihren Blick gesucht. Ein gut aussehender und gut angezogener Herr, deutlich jünger als ich, denkt sie, dem sie, und sie fühlt sich nahezu glücklich bei der Erinnerung daran, einen Blick auch gewährt hat, und geht, mit der Rolltreppe oben angekommen, obwohl sie nichts einzukaufen vorgehabt hat, über die Straße in den Supermarkt, um noch etwas einzukaufen.

Was hackst du schon wieder herum auf mir?, sagt Franz. Kaum komme ich bei der Tür herein, schon hackst du herum auf mir. Stell ich die Golfschläger einmal nicht dorthin, wo du willst, dass sie stehen, schon hackst du herum auf mir. Stehen ja sonst immer dort, oder? Und wenn einmal nicht, musst du nicht gleich herumhacken auf mir und sagen: Franz, wieso stehen die Golfschläger schon wieder dort, wo sie nicht stehen sollten? Und gleich darauf: Den Konrad wirst du sicher wieder nicht angerufen haben. Und immer dieser Vorwurf in der Stimme. Warum immer dieser Vorwurf in der Stimme? Ich hab den Konrad angerufen. Was fragst du mich nicht vorher, ob ich den Konrad angerufen hab? Bevor du mir vorwirfst, ich hätte ihn wieder nicht angerufen. Und dass ich sicher wieder nicht zur Geburtstagsfeier deiner Kusine gehen möchte. Warum sollte ich nicht wollen? Ich bin nur nicht gleich Feuer und Flamme. Muss ich denn immer gleich Feuer und Flamme sein, wenn es heißt, wir gehen zu deiner Kusine? Muss ich jubelnd bei der Tür hereinkommen und rufen: Endlich hat deine Kusine wieder Geburtstag, endlich können wir wieder zu deiner Kusine gehen? Und ich werde den Herrn Winter schon einladen. Ich weiß selbst, dass es nicht schlecht ist, den Herrn Winter einzuladen. Du musst mir nicht dauernd sagen: Lad endlich den Herrn Winter ein, der ist gut für dein Fortkommen. In der Früh sagst du es. Wenn wir telefonieren, sagst du es. Am Abend sagst du es. Ich bin gut in meiner Arbeit. Das weiß der Herr Winter. Da brauche ich ihn nicht ständig einzuladen. Das wäre doch kontraproduktiv, wenn er merkt, ich lade ihn nur deswegen ein, weil Umstrukturierungen ins Haus stehen. Weil ihn jetzt alle einladen. Ja, ich weiß schon, dass es andererseits wieder gut wäre, ihn gerade jetzt, wo ihn alle einladen, auch einzuladen. Aber ich muss mir das überlegen, sagt Franz. Ich muss überlegen, wie ich ihm das sage. Wann ich ihm das sage. Wann die Stimmung dafür am besten ist. Das kannst du nicht beurteilen. Das musst du schon mir überlassen. Vorpreschen, sagt Franz. Ich kann nicht so vorpreschen wie du. Ich mach das auf meine Art. Du brauchst nicht immer zu sagen: Wenn du das auf deine Art machst, dann wird nie was daraus. Es wird was daraus. Du brauchst nicht immer auf meiner Art herumzuhacken. Mir vorzuwerfen: Mit deiner Art wirst du nie etwas erreichen. Mir zu sagen: Du hast eine abturnende Art. Schon wie du auftrittst. Du brauchst mir nicht ständig aufzuzählen, was mir im Leben alles nicht gelungen ist, aufgrund meiner Art. Was mir im Leben nie gelingen wird. Es ist mir schon viel gelungen. Jawohl, auch wenn du es nicht gerne hörst: Mir ist im Leben schon einiges gelungen. Und nicht, wie du ständig behauptest, nur mit deiner Hilfe. Und es wird mir noch viel mehr gelingen. Du wirst sehen, was mir noch alles gelingen wird. Und zwar ohne deine Hilfe. Jawohl, liebe Lisa, ohne deine Hilfe. Und du brauchst nicht ständig zu sagen: Reiß dich zusammen. Ich reiß mich schon zusammen. Auch wenn du es nicht siehst. Du siehst eben nicht alles, Lisa. Du brauchst nicht zu glauben, du siehst alles. Du wirst dich noch wundern, was mir alles gelingen wird. Du wirst noch von den Socken sein. Du glaubst, du kennst mich. Du kennst mich überhaupt nicht. Du schaust ja nur auf mich drauf. Nie schaust du in mich hinein. Du kannst ja gar nicht in mich hineinschauen, weil du ja immer nur auf dich schaust und in dich hinein. Bei allem, was ich tue, horchst du zuerst einmal in dich hinein: Bin ich zufrieden mit dem, was er tut? Tut er es so, wie ich es will, dass er es tut, oder tut er es so, wie ich es nicht will? Du redest ja immer nur mit dir selber, wenn du mit mir redest. Ist dir das noch nicht aufgefallen? Natürlich ist dir das noch nicht aufgefallen. Sonst würdest du ja merken, dass ich ganz anders bin. Du lachst! Du lachst dauernd. Wieso lachst du dauernd? Glaubst du mir nicht? Findest du wirklich alles so komisch, was ich sage? Wieso findest du es komisch, wenn ich sage: Mir ist schon viel gelungen, und es wird mir noch mehr gelingen? Wieso lachst du, wenn ich sage, ich werde den Herrn Winter schon einladen? Und es ist immer höhnisch, dein Lachen. Wie man bei Kindern lacht, wenn sie behaupten, sie könnten das oder jenes. Nur lacht man bei Kindern nicht höhnisch, sondern liebevoll und gerührt. Aber bei mir lachst du nie liebevoll oder gerührt, sondern immer nur höhnisch. Auch wenn du es abstreitest. Es ist immer ein durch und durch höhnisches Lachen. Mit dem du genauso auf mir herumhackst. Genau, dein Lachen ist ein einziges Auf-mir-Herumhacken. Ich möchte einmal, dass du lachst, wenn ich was sage oder tue, ohne dass es zugleich ein einziges Auf-mir-Herumhacken ist.

Ich hacke nicht auf dir herum, sagt Lisa. Und jetzt iss bitte fertig, bevor alles kalt wird.

Fünf U-Bahn-Stationen weiter, in der Nähe des Einkaufszentrum Nord, sagt Janine K., 35, bei der Franz sich sicher ist, als er ihr Foto zwei Tage später in den Zeitungen sieht, sie schon einmal gesehen zu haben, wo hab ich die schon einmal gesehen, sagt er zu Lisa, die hab ich doch schon einmal gesehen: Jetzt fick endlich, mir friert schon der Arsch ab.

Sie liegt vornübergebeugt auf dem Küchentisch ihrer Zimmer-Küche-Parterrewohnung mit heruntergezogener Unterhose, schaut in den Saft des Naturschnitzels vor sich, den sie nicht mehr hat auftunken können, und auf die Reiskörner, die darin herumschwimmen, und wartet darauf, dass ihr Ex-Lebensgefährte, Manuel F., 36, ihr endlich seinen Schwanz hineinsteckt.

Manuel F. ist an diesem Abend nach einjähriger Trennung plötzlich wieder aufgetaucht, mit sanften Augen, mit einer Bonbonniere und den Worten: Hast du Zeit, ich würde gern mit dir reden. Woraufhin er ihr beim Naturschnitzel erzählt, dass die Helga, derentwegen er Janine K. vor einem Jahr verlassen hat, ein Trampel sei, nichts gekocht habe, nur gesoffen und ihm ständig vorgeworfen, dass er Geld keines heimbringe, dafür aber täglich darauf bestehe, einen geblasen zu bekommen. Und dass er, Manuel F., in Wirklichkeit immer nur sie, Janine K., geliebt habe, nur sie die Frau seiner Träume gewesen sei, er aus ganzem Herzen bereue und wieder zurückwolle, um mit ihr, Janine K., ein gemeinsames Leben aufzubauen, eine regelmäßige Arbeit habe er, und dass Janine K. ihm verzeihen möge und ihn nicht zurückstoßen. Woraufhin sie ihn, zu Tränen gerührt, geküsst hat, er ihr in die Haare, auf die Brust und zwischen die Beine gegriffen hat, sie beide das Essen unterbrochen und zu keuchen begonnen haben, sie ihm dann mit den Worten: Du bist ein Trottel, aber ein lieber!, den Schwanz aus der Hose gezogen, ihn zuerst in den Mund genommen, dann wieder ausgespuckt hat, aufgesprungen ist, die Teller zur Seite geschoben, die Unterhose heruntergezogen und sich unter Rufen wie: Jetzt komm wieder zu Mami!, mit nacktem Hintern und mit dem Bauch voran auf den Tisch geworfen hat.

Was ist los mit dir?, ruft Janine K. Jetzt halt doch bitte die Goschen, Janine, sagt Manuel F. und wichst an seinem Schwanz herum, der nicht und nicht hart werden will, wie soll ich da hineinkommen zwischen deine fetten Schenkel von hinten. Dann nimm halt das Arschloch, sagt sie. Worauf er sagt: Das find ich schon gar nicht in diesem Fetthaufen. Woraufhin sie sich aufrichtet, sich umdreht zu ihm und sagt: Willst du mich jetzt ficken oder beleidigen?

Aber, Janine, sagt Manuel F. zärtlich und küsst ihre Brüste, die nackt über den hinuntergeschobenen Büstenhalter hängen. Aber der steht ja gar nicht, sagt Janine K. und zeigt auf den Schwanz. Weil du dich so plötzlich umgedreht hast und mich anschaust, sagt Manuel F. Hat er sich erschreckt, der Arme, sagt Janine K. und will nach ihm greifen. Jetzt komm ins Bett, sagt Manuel F. und läuft voraus, da geht es leichter. Aber in einer halben Stunde kommt Melanie, sagt sie, da muss ich ihr das Essen richten. Wie alt ist sie denn schon?, sagt er. Die kannst du nicht ficken, sagt sie, die ist erst zehn. Spinnst du, Janine, sagt Manuel F., das ist meine Tochter. Als ob euch das nicht wurscht wäre, sagt sie, wenn es darauf ankommt. Ankommt?, sagt Manuel F., auf was ankommt? Auf euch,...


Gustav Ernst, geboren 1944 in Wien, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor ebendort. Studium der Philosophie, Geschichte und Germanistik. Seit 1997 Herausgeber der Literaturzeitschrift kolik (gem. mit Karin Fleischanderl). U.a. erschienen die Romane Die Frau des Kanzlers (2002) und Grado. Süße Nacht (2004).



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