E-Book, Deutsch, 408 Seiten
Ernshaw Der Fluch der drei Hexen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98676-035-9
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller
E-Book, Deutsch, 408 Seiten
ISBN: 978-3-98676-035-9
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Autoren/Hrsg.
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1
Ich besitze ein altes Schwarz-Weiß-Foto, das in den 20er-Jahren aufgenommen wurde. Darauf ist eine Frau aus einem Wanderzirkus zu sehen, die in einem riesigen Wassertank schwebt. Ihr blondes Haar wogt um ihren Kopf, die Beine sind in einer falschen Meerjungfrauenflosse verborgen, die aus metallisch glänzendem Stoff gemacht und so genäht ist, dass es aussieht, als wären es Schuppen. Sie ist zartgliedrig und engelhaft, hält mit schmalen, fest zusammengepressten Lippen den Atem in dem eisigen Wasser an. Mehrere Männer stehen vor dem gläsernen Tank und starren sie an, als wäre sie echt. So leicht getäuscht von diesem Schauspiel.
Jedes Frühjahr denke ich an diese Fotografie, wenn das Gemurmel wieder durch das Städtchen Sparrow zu wandern beginnt, das Gemurmel über die drei Schwestern, die jenseits des Hafenschlunds ertränkt wurden, hinter Lumiere Island, wo ich mit meiner Mutter lebe. Ich stelle mir vor, wie die drei Schwestern wie zarte Gespenster in den dunklen Schatten unter der Wasseroberfläche treiben, schillernd und konserviert wie die Meerjungfrau vom Tingeltangel. Strampelten sie, um über der Wasserlinie zu bleiben, als man sie vor 200 Jahren ins tiefe Wasser zwang, oder ließen sie sich vom Gewicht ihres jeweiligen Steinbrockens schnell hinuntertragen auf den kalten, felsigen Grund des Pazifiks?
Morgennebel schliert trüb und klamm über die Oberfläche des Ozeans zwischen Lumiere Island und dem Städtchen Sparrow. Das Wasser ist ruhig, als ich zum Dock hinuntergehe und mich daranmache, das Skiff loszubinden – ein Boot mit flachem Boden, zwei Banksitzen und einem Außenbordmotor. Es ist nicht ideal, um in Stürmen oder bei starkem Wind zu manövrieren, reicht aber völlig aus, um rasch in die Stadt und zurück zu gelangen. Otis und Olga, zwei orangefarbene Tigerkatzen, die vor zwei Jahren als Kätzchen auf mysteriöse Weise auf der Insel aufgetaucht waren, sind mir bis ans Wasser gefolgt und miauen hinter mir her, als würden sie meine Abfahrt beweinen. Ich verlasse die Insel jeden Morgen um diese Zeit, setze tuckernd über die Bucht, bevor die Glocke zur ersten Stunde läutet – Wirtschaft in globaler Betrachtung, ein Fach, mit dem ich niemals etwas anfangen werde –, und sie folgen mir jeden Morgen zum Dock. Der periodische Lichtstrahl des Leuchtturms schwenkt über die Insel und streift einen Moment lang eine Silhouette, die am felsigen Westufer auf der Klippe steht: meine Mutter. Die Arme verschränkt in ihrem knotigen kamelhaarfarbigen Pullover, der eng um ihren zerbrechlichen Oberkörper geschlungen ist, starrt sie auf den weiten Pazifik hinaus, wie sie es jeden Morgen tut. Sie wartet auf jemanden, der nie zurückkehren wird: meinen Vater.
Olga reibt sich an meiner Jeans, reckt den knochigen Rücken zum Buckel und hebt ihren Schwanz, will mich dazu bringen, sie hochzuheben, aber ich habe keine Zeit dafür. Ich ziehe mir die Kapuze meiner marineblauen Regenjacke über den Kopf, steige ins Boot und zerre an der Leine des Motors, bis dieser stotternd zum Leben erwacht. Dann lenke ich das Boot in den Nebel hinaus. Ich kann weder das Ufer noch den Ort Sparrow durch die trübe, feuchte Schicht erkennen, aber ich weiß, dass sich beides dort befindet.
Hohe Masten ragen wie Säbelzähne aus dem Wasser hervor. Landminen, Schiffswracks vergangener Zeiten. Wenn man sich nicht auskennt, könnte man mit dem Boot leicht in eins der Wracks geraten, von denen in diesen Gewässern immer noch ein halbes Dutzend herumspukt. Unter mir liegt ein Netzwerk aus Metall, das von einer Kruste aus Rankenfußkrebsen bedeckt ist, verrosteten Kettengliedern über zerbrochenem Bug und Fischen, die in verrotteten Bullaugen ein Zuhause gefunden haben, während das Tauwerk schon längst vom salzigen Wasser zerfressen ist. Es ist ein Schiffsfriedhof. Aber wie die hiesigen Fischer, die durch den tristen Dunst hinaus ins offene Meer tuckern, kann ich durch die Bucht mit vor Kälte zusammengekniffenen Augen navigieren. Das Wasser ist tief hier. Riesige Schiffe brachten einst über diesen Hafen Vorräte und Nachschub ins Land, aber heute nicht mehr. Jetzt blubbern nur noch kleine Fischerboote und Touristenkähne hier hindurch. Diese Gewässer sind voller Gespenster, sagen die Seeleute bis heute – und sie haben recht.
Das Skiff stößt gegen Dock elf, Liegeplatz Nummer vier, wo ich das Boot parke, solange ich im Unterricht bin. Die meisten 17-Jährigen haben Führerscheine und durchgerostete Karren, die sie auf Craigslist gefunden oder von älteren Geschwistern übernommen haben. Ich habe stattdessen ein Boot. Mit einem Auto könnte ich nichts anfangen.
Ich hänge mir die Segeltuchtasche über die Schulter, die unter dem Gewicht der Schulbücher nachgibt, und dann jogge ich die grauen, glitschigen Straßen zur Sparrow High School hinauf. Der Ort wurde erbaut, wo zwei Bergzüge sich treffen – eingeklemmt zwischen der See und den Bergen –, und das sorgt dafür, dass Schlammlawinen hier viel zu alltäglich sind. Eines Tages wird das Städtchen wahrscheinlich komplett davongespült werden. Es wird hinunter bis ins Wasser geschoben und unter zwölf Metern Regen und Schlick begraben werden. In Sparrow gibt es keine Fast-Food-Ketten, keine Einkaufszentren oder Kinos, keinen Starbucks – wir haben immerhin eine Drive-through-Kaffeebude. Unser kleines Städtchen besteht abgeschirmt von der Außenwelt, in der Zeit gefangen. Wir haben eine Einwohnerzahl von sage und schreibe 2024 Seelen. Aber diese Zahl wächst jedes Jahr am 1. Juni immens an, wenn die Touristen im Ort einfallen und alles übernehmen.
Rose steht auf dem abschüssigen Rasen vor der Sparrow High und tippt etwas in ihr Handy ein. Ihre wilden, zimtroten Haare sprießen in unbändigen Locken aus ihrer Kopfhaut, was ihr zuwider ist. Aber ich habe sie immer beneidet, weil ihr quicklebendiges Haar sich nicht bändigen oder hochbinden oder mit Spangen am Kopf feststecken lässt, während meine glatten nussbraunen Haare sich eben auf keinerlei Weise locker und fröhlich in Form bringen lassen – und ich habe es wirklich versucht. Aber gerades, glattes Haar bleibt stets gerades, glattes Haar.
»Du lässt mich heute Abend aber nicht im Regen stehen, oder?«, fragt sie, als sie mich sieht; beide Augenbrauen gekrümmt, während sie ihr Handy in die einstmals weiße Schultasche fallen lässt, die mit Sharpies und breiten Farbstiften vollgekritzelt ist, sodass sich nun eine Collage aus wirbelndem Mitternachtsblau, Grasgrün und Kaugummirosa darüber ausbreitet – buntes Graffiti, das keine Stelle ausgelassen hat. Rose will Künstlerin werden – Rose ist eine Künstlerin. Sie ist fest entschlossen, nach Seattle zu ziehen und aufs Kunstinstitut zu gehen, wenn wir unseren Abschluss haben. Und sie erinnert mich fast im Wochenrhythmus daran, dass sie nicht allein dorthin will und ich mit ihr kommen und ihre Mitbewohnerin sein soll. Seit dem ersten High-School-Jahr habe ich es geschickt vermieden, mich darauf festzulegen.
Es ist nicht etwa so, dass ich nicht ebenfalls dieser verregneten, furchtbaren Stadt entkommen möchte, denn das will ich. Aber ich fühle mich gefangen, und das Gewicht der Verantwortung lastet schwer und sicher auf mir. Ich kann meine Mutter nicht auf der Insel alleinlassen. Ich bin alles, was sie noch hat – das Einzige, was sie noch in der Wirklichkeit verankert hält. Und vielleicht ist es töricht, naiv sogar, aber ich habe auch noch Hoffnung, dass mein Vater eines Tages zurückkommt. Er wird wie durch Magie auf dem Dock auftauchen und zum Haus hinaufstapfen, als wäre kaum Zeit vergangen. Und für den Fall, dass das geschieht, muss ich hier sein.
Aber nun geht unser vorletztes Schuljahr dem Ende zu und unser letztes steht bald bevor, und ich bin gezwungen, über den Rest meines Lebens nachzudenken und die Tatsache in Betracht zu ziehen, dass meine Zukunft womöglich genau hier in Sparrow liegt. Vielleicht werde ich diesen Ort nie verlassen. Vielleicht sitze ich fest.
Ich werde auf der Insel bleiben und den Leuten die Zukunft aus den verschmierten Überresten der Teeblätter in weißen Porzellantassen lesen, genau wie meine Mom das getan hat, bevor Dad verschwand und nie wieder zurückkehrte. Die Einheimischen lenkten ihre Boote quer durch den Hafen, manchmal heimlich unter einem geisterhaften Mond, manchmal mitten am Tag, weil sie eine dringende Frage hatten, auf die sie eine Antwort brauchten, und dann saßen sie in unserer Küche, klopften mit den Fingern ungeduldig auf dem massiven Holzblocktisch herum und warteten darauf, dass Mom ihnen ihr Schicksal enthüllte. Und nachher ließen sie gefaltete oder zerknitterte oder flach gebügelte Geldscheine auf dem Tisch, bevor sie gingen. Mom ließ die Scheine in eine Mehldose gleiten, die sie auf dem Regal neben dem Herd aufbewahrte. Und vielleicht ist dies das Leben, das mir bestimmt ist: am Küchentisch sitzen, während sich der süße Duft von Kamille oder Orangen-Lavendel-Tee in meinem Haar festsetzt, mit dem Finger den Rand einer Tasse nachfahren und Botschaften im wirbelnden Chaos der Teeblätter finden.
Meine eigene Zukunft habe ich schon viele Male in diesen Blättern erspäht: ein Junge, der von jenseits des Meeres herübergeweht wird und auf der Insel Schiffbruch erleidet. Sein Herz schlägt wild, sein Körper ist aus Sand und Wind geformt. Und mein Herz kann ihm nicht widerstehen. Es ist dieselbe Zukunft, die ich immer wieder in den Teeblättern gesehen habe, seit ich fünf war. Damals zeigte meine Mom mir, wie man aus dem Teesatz liest. Dein Schicksal liegt am Boden einer Teetasse verborgen, hatte sie mir oft zugeflüstert, bevor sie mich ins Bett scheuchte. Und der Gedanke an diese Zukunft rührt sich jedes Mal in mir, wenn ich darüber nachdenke, Sparrow zu verlassen – so...




