E-Book, Deutsch, 156 Seiten
Ermann / Huber Der Andere in der Psychoanalyse
3. Auflage 2025
ISBN: 978-3-17-045812-3
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die intersubjektive Wende
E-Book, Deutsch, 156 Seiten
ISBN: 978-3-17-045812-3
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses Buch handelt von der Bedeutung des realen Anderen in der Psychoanalyse. Von Freud ursprünglich als außenstehender Beobachter sowie Objekt der Triebbefriedigung konzipiert, hat seine Position sich in der Psychoanalyse im Verlauf von mehr als 125 Jahren grundsätzlich verändert. Diese Veränderung wird zwar nicht von allen Analytikern mitgetragen, hat aber bereits nachhaltigen Einfluss auf die meisten Strömungen der Psychoanalyse genommen. Es geht um die Intersubjektivität. In diesem Kontext betrachtet man den Anderen heute nicht nur als unabdingbaren Förderer der Entwicklung, sondern darüber hinaus als aktiven Teilnehmer und Mitgestalter in der psychoanalytischen Behandlung. Das führt zu bedeutenden Veränderungen grundlegender therapeutischer Konzepte und Strategien, welche den Stil und die Atmosphäre der psychoanalytischen Behandlungen maßgeblich verändern - hin zu einer "Psychotherapie auf Augenhöhe".
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2. Vorlesung
Die intersubjektive Wende
Klassische Konzepte der Selbstentwicklung
Die Idee eines Selbst hat im abendländischen Denken eine lange Tradition. »Erkenne dich selbst«, diese Aufforderung über dem Eingang zum Tempel des Apollo von Delphi wurde zur Maxime des antiken Menschenbildes, das bis in unser heutiges Denken hineinwirkt. Nach Sokrates (470?–?399) gründen alle Tugend und Weisheit in der Selbsterkenntnis. Seine Maxime besagt, dass wir uns zum Objekt unserer eigenen Betrachtung machen und uns auf diesem Wege der Grundhaltungen bewusst werden können, die unser Tun und Handeln bestimmen. Für seinen Schüler Platon (428?–?347) besteht das Ziel der Selbsterkenntnis hingegen darin, Wissen um das eigene Nichtwissen zu erlangen.38 Abb. 2.1:
Der Apollontempel in Delphi. Hier verewigten sich berühmte Griechen mit Sprüchen über das Leben. Die Inschrift »Erkenne dich selbst« über dem Eingang wurde Thales von Milet (650?–?570) zugeschrieben. (Bildnachweis: © Patar knight) Diesen Ideen ist die Anschauung zu eigen, dass das Erkennende und das Erkannte »von gleicher Beschaffenheit«39 sind. Sie bilden nach Auffassung der antiken Philosophie letztlich eine Einheit. Im späten 19. Jahrhundert taucht diese Interdependenz bei dem amerikanischen Psychologen William James (1890)40 wieder auf, der als einer der ersten eine Psychologie des Selbst konzipierte. Darin beschreibt er einen Doppelaspekt des Selbst – nämlich einerseits das, was Bewusstsein hat, und andererseits das, was zum Bewusstsein kommt. In der analytischen Psychologie von C. G. Jung taucht der Begriff des Selbst im Zusammenhang mit dem Individuationsprozess auf. Hier ist der Mensch immer wieder gefordert, sich bewusst den neu auftauchenden Problemen zu stellen. Individuation bedeutet, sich nicht nach Normen oder Erwartungen zu richten, sondern ein Gespür für die eigenen Entwicklungstendenzen zu entwickeln und diesen zu folgen. In diesen Tendenzen äußert sich das Selbst als innere Ganzheit. Individuation ist in diesem Sinne Selbstfindung und Selbstverwirklichung.41 Heute betrachten wir das Selbst vor allem aus der Perspektive des Erlebens, d.?h. als Selbsterleben. Wir betonen damit, dass wir trotz aller Entwicklung und Veränderungen im Lebenslauf ein Gefühl von Kohärenz und Kontinuität für unsere Person haben. Es ist eng mit dem Gefühl verbunden, wer und wie wir sind, d.?h. mit einem Gefühl der Identität. Dieses Gefühl nährt sich aus dem Erleben der Gegenwart, aus den Erfahrungen der Vergangenheit und aus den Entwürfen für die Zukunft.42 Es hat seine Quelle im Innern und reflektiert zugleich die Erfahrungen mit den Anderen und die Erwartungen und Vorgaben, die von dort an einen herangetragen werden. Im Selbstgefühl verdichten sich also Konstitution, Lebens- und Beziehungserfahrungen und die Zeitdimensionen des Lebens. Den psychischen Ort, an dem das Selbstgefühl metaphorisch gedacht werden kann, kann man als das Selbst in einem strukturellen Sinne beschreiben. Kasten 2.1: Begriffe der Selbstpsychologie Selbst: Die erfahrungsbedingten Vorstellungen über sich selbst. In der traditionellen Psychoanalyse hat diese Vorstellung die Qualität einer Instanz bzw. Struktur und wird dem Ich, dem Überich und dem Es gleichgestellt. Selbstbewusstsein, Selbstwert (»self-confidence«): Vertrauen, Zuversicht und Gewissheit, einer Aufgabe, einer Herausforderung, der Zukunft oder dem Leben überhaupt gewachsen zu sein und sie unbekümmert zu meistern. Selbsterkenntnis: Wissenserwerb über die eigenen psychischen Fähigkeiten, Möglichkeiten und Grenzen Selbstgefühl: Empfindung, ein einheitliches, konsistent fühlendes, denkendes und handelndes Wesen zu sein Selbstkohärenz: Fähigkeit zur Aufrechterhaltung des Selbstgefühls Selbstkonzept: das Wissen über sich selbst. Es beruht vornehmlich auf Erinnerungen. William James unterschied materielle (Körper, Familie, Besitz), soziale (Rollen gegenüber anderen) und spirituelle Anteile (Einstellungen und Haltungen). Selbstobjekt: Von Kohut eingeführter Begriff für psychische Funktionen, bei denen der Andere (das Objekt) zur Stabilisierung des Selbstgefühls verwendet wird. Selbstrepräsentanz, Selbstvorstellung: Bewusste und unbewusste Vorstellung vom eigenen Selbst. Im Gegensatz zum Selbst als Struktur wird mit diesem Begriffen die Erlebnisdimension betont. Selbstwertgefühl: Subjektive Bewertung und Wahrnehmung der eigenen Person Vorläufer des Selbst bei Freud
In der Psychoanalyse gab es anfangs kein klares Konzept des Selbst. Als Freud sich um 1915 mit dem Narzissmus43 beschäftigte, beschrieb er das Ich auch als Träger des erfahrungsbedingten Selbstempfindens. In diesem Sinne war das Selbst eine Funktion des Ichs. Danach ist das Selbst eng mit dem Ich verbunden. Dieser Komplex repräsentiert das Subjekt, d.?h. die eigene Person, und betont damit die Abgrenzung von den Anderen, den Objekten der Umwelt. Hier klingt der Subjekt-Objekt-Dualismus an, der seit Descartes das europäische Denken beherrscht. Dieser Ich-Selbst-Komplex, wie man ihn nennen könnte, entwickelt sich aus Lusterlebnissen, die zunächst am eigenen Körper erfahren werden. Freud spricht von einem Zustand des primären Narzissmus, der die frühe Erfahrungswelt prägt. In diesem Zustand ist alle Libido, d.?h. das Interesse und die psychische Energie, ganz auf das Ich bzw. auf den Ich-Selbst-Komplex gerichtet. Dass die Lust am Anderen, am Objekt, der Brust, der Milch vollzogen wird, spielt dabei noch keine Rolle. In diesem Sinne entsteht im Narzissmus der Kern der Selbstrepräsentanzen. Der Andere kommt darin praktisch noch nicht vor. Das Selbst in der Ichpsychologie
Abb. 2.2:Heinz Hartmann (1994?–?1970) präzisierte noch in seiner Wiener Zeit die Konzepte der Ichpsychologie und beschrieb dabei das Selbst als eigenständige Instanz. Später, nach der Emigration in die USA, wurde er zum Vorreiter der amerikanischen Ichpsychologie. Das Selbst als Struktur wurde gleichsam als Nebenprodukt der Ichpsychologie von Heinz Hartmann44 in die Psychoanalyse eingeführt. Er legte seinen Arbeiten das Freud'sche Instanzenmodell von 1923 mit der Unterscheidung der drei Instanzen Ich – Es – Überich und die Freud'sche Triebpsychologie zu Grunde. Bis dahin war die Begrifflichkeit in der Psychoanalyse unklar: Person und Individuum, Subjekt, Selbst und Bewusstsein wurden nicht klar voneinander abgegrenzt.45 Hartmanns Bestreben bestand darin, die unscharfen Begriffe zu präzisieren. Dabei unterschied er zwischen Funktion und Inhalt und gliederte die erfahrungsbedingten Vorstellungen von der eigenen Person aus dem Ich aus, während er die Ichfunktionen weiterhin dem Ich als Instanz zugeordnet beließ. Die Selbstvorstellungen wies er einer übergeordneten Instanz zu, die von ihm als Selbst bezeichnet wurde. Sie wurde dem Überich als Instanz, welche Normen und Werte (Ideale) beinhaltet, und dem Es als Instanz der Triebrepräsentanzen übergeordnet. Das erfahrungsbedingte Selbst entwickelt sich im Wesentlichen durch Identifikationen bzw. durch Verinnerlichung von Erfahrungen. Hartmann konzipierte es als Zentrum der Besetzungen bei der Erklärung des Narzissmus.46 Zugleich stellte er das Selbst den Objektrepräsentanzen gegenüber. Hier geht es also vor allem um Vorstellungen. Das Ich, das dann im Sinne einer Instanz verblieb, wurde vor allem durch seine Funktionen beschrieben, z.?B. durch die Abwehr- und Anpassungsfunktionen. Diese entwickeln sich aus einem konstitutionellen Kern unter dem Einfluss von Trieben und Umwelt. Der Andere, das Objekt, bleibt dabei vergleichsweise blass. Abb. 2.3:
In der Tradition von Hartmanns Ichpsychologie steht auch die Auffassung von Edith Jacobson (1897?–?1978), die ein bedeutendes Buch über das Selbst verfasst hat. Sie war eine der wenigen Psychoanalytikerinnen, die im offenen Widerstand gegen den Nationalsozialismus auftraten. 1935 wurde sie deshalb verhaftet, doch konnte sie 1938 fliehen und schließlich in die USA emigrieren, wo sie zu einer der bedeutendsten Analytikerinnen ihrer Zeit wurde. Damit steht...