Eriksson | Das brennende Meer | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 491 Seiten

Eriksson Das brennende Meer

Liebe und Krieg Band 1 (1799-1819)
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-941895-53-9
Verlag: Oktober Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Liebe und Krieg Band 1 (1799-1819)

E-Book, Deutsch, 491 Seiten

ISBN: 978-3-941895-53-9
Verlag: Oktober Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



In Erik Erikssons neuem Buch bildet die Küste Roslagens den Hintergrund für eine breit angelegte Familienchronik in insgesamt vier Bänden, die Anfang des 19. Jahrhunderts bei der jungen Magd Johanna beginnt. Sie ist ein fleißiges und kluges Mädchen, das im Alter von 14 Jahren ihr Zuhause verlässt, um in der Postmeisterei von Grisslehamn als Magd zu arbeiten. In einer elenden Hütte in Byholma lässt sie ihre alleinstehende Mutter, ihren kleinen Bruder und zwei dem Alkohol verfallene Onkels zurück. Der Dienst in der Küche des Posthauses bringt Johanna eine Welt nahe, die weniger von Armut geprägt ist. Neue Möglichkeiten eröffnen sich für das Mädchen, neue Freundschaften und auch eine erste Liebesbeziehung. Kristoffer ist ein junger Soldat, der in Grisslehamn stationiert ist, ihre gemeinsame Zeit jedoch ist kurz. Draußen in der Welt herrscht Napoleon und Kristoffer muss gegen die Russen auf der anderen Seite des

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Die Frauenklippe


Johanna wurde davon wach, dass jemand sie anstieß, wahrscheinlich der ältere Bruder ihrer Mutter, der aufgestanden war, um auf dem Hof seine Notdurft zu verrichten. Es war dunkel, aber sie erkannte die Hausbewohner, auch ohne hinzusehen, denn die Geräusche blieben sich gleich. Onkel Filip ging unsicher, er stolperte und brummelte vor sich hin, nachdem er sich mühsam von der Küchenbank hochgezogen hatte. Dann konnte sie das Plätschern hören, denn er hatte die Tür offen gelassen und stand direkt draußen davor. Es klang, als ob das Pferd in den Schnee platschte, dasselbe hohle Geräusch und derselbe scharfe Geruch.

Als Filip zurück in die Küche kam, brachte er den Geruch mit herein. Er legte sich wieder hin, und Johanna rückte näher zur Wand hin, denn sie wollte sich möglichst weit von ihm entfernen. Aber die schmale Wandbank, auf der sie schlief, stand direkt neben seiner Schlafbank. Wenn er den Arm ausstreckte, konnte er sie erreichen, und manchmal tat er das mitten in der Nacht.

Johannas Eltern schliefen zusammen mit dem kleinen Bruder in der Kammer neben der Küche. Die anderen schliefen in der Küche, die beiden Brüder ihrer Mutter, die alte Mutter ihres Vaters und Johanna selbst. Es kam manchmal vor, dass irgendein Tagelöhner über Nacht blieb, oder jemand, der mit dem Postboot mitfahren wollte, und auch diese Besucher schliefen dann in der Küche, denn dort gab der Herd Wärme.

Jetzt war es spät im Herbst, und der Morgen war lang und dunkel. Johanna war während der Nacht aufgewacht und hatte auf den Sturm gehorcht, doch der hatte jetzt nachgelassen, und Johanna war erleichtert, da ihr Vater ja mit dem Postboot unterwegs war. Er wurde am Vormittag zurückerwartet, dann würde es wieder einen Monat dauern, bis er das nächste Mal hinaus musste.

Manchmal herrschte eine unruhige Stimmung, wenn er aufbrechen musste. Vater selbst zeigte sich nie beunruhigt. Johanna war sicher, dass er sich nie vor irgendetwas fürchtete. Nein, diejenige, die ängstlich war, war Johannas Mutter Maria. Sie sagte zwar nichts, aber Johanna spürte die gedrückte Stimmung. Ein einziges Mal hatten sie darüber gesprochen, und da hatte Maria zu ihrer Tochter gesagt, dass diese Unruhe die ewige Bürde der Frauen sei.

»Wir sind es, die warten und wachen müssen«, hatte Maria gesagt. »Wir Frauen haben das im Blut, wir, die wir zuhause bleiben, während die Männer ausfahren.«

Johanna hatte ihre Mutter nicht gefragt, was sie eigentlich damit meinte. Sie konnte nicht mit Worten ausdrücken, was sie dachte, aber sie fühlte, dass ihr Vertrauen entgegengebracht worden war, ihre Mutter hatte mit ihr gesprochen wie mit einer erwachsenen Frau, obwohl sie nur ein kleines Mädchen war. Damals war es zeitig im Frühjahr gewesen, das Eis auf dem Meer war noch nicht richtig aufgebrochen, und das Postboot hatte sich um mehrere Tage verspätet. Jetzt war wieder so eine unruhige Zeit.

Das erste graue Tageslicht drang durch das Fenster neben Johannas Schlafbank. Als sie die Schritte ihrer Mutter in der Küche hörte, drehte sie sich um, setzte sich auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

Onkel Filip schnarchte laut nebenan auf seiner Küchenbank.

Johanna stand auf, zog sich die Strümpfe, die Strickjacke und den Rock an. Ihre Mutter hatte inzwischen Feuer im Herd entfacht, die kleinen Stücke Birkenrinde, die Maria in die Glut gesteckt hatte, die vom Abend vorher noch da war, hatten schon Feuer gefangen.

»Der Wind hat sich gelegt«, murmelte sie, als sich Johanna neben sie hockte.

»Vater kommt wohl bald?«, fragte Johanna.

»Bestimmt kommt er bald«, antwortete Maria. »Würdest du bitte Wasser holen.«

Es war ein freundlicher Befehl, keine Frage. Johanna erhob sich sofort und ging hinaus. Sie blieb einen Augenblick stehen, atmete tief ein, betrachtete das graue Tageslicht, das durch die Espen, die ihr Laub verloren hatten, auf den Hofplatz fiel. Man konnte die Wellen vom Strand her hören, aber das war immer so gewesen, das Meer lag direkt hinter dem Gehölz, das Sausen der Kiefernwipfel und das Brausen der Wellen gegen die Felsen und Kiesstrände waren der ewige Gesang der Küste. Johanna achtete nicht auf diese ständige Musik. Wenn sie plötzlich verstummt wäre, vielleicht wäre ihr die Stille dann aufgefallen.

Nachdem sie zu Mittag gegessen hatten, kam die Sonne heraus. Johannas Großmutter Magdalena hatte ein Tischgebet gesprochen, das niemand von ihnen kannte, vielleicht hatte sie es selbst gemacht. Sie murmelte, als sie es sprach, aber Johanna verstand Wörter wie Trost, Gnade und Boot. Vielleicht handelte das Gebet von Seeleuten, Johanna meinte es zu verstehen.

Nachdem sie abgeräumt und die Teller abgewaschen hatten, wusste Johanna, dass die Mutter jetzt sagen würde, dass sie nun dem Vater entgegen gehen sollten, zu sehen, ob er gekommen sei, irgend so etwas. Sie fühlte, es war unvermeidlich.

»Willst du mitkommen?«, fragte Maria, als sie begann, sich ihren Schal um den Kopf zu binden. Johanna hatte sich schon angezogen. Sie lächelte ihrer Mutter zu, sagte jedoch nichts.

Sie gingen auf einem alten ausgetretenen Pfad durch den Wald nach Skatudden. Sie hielten sich im Schutz des niedrigen Strandwaldes, der Pfad schlängelte sich zwischen verkrüppelten Kiefern und Wacholderbüschen hindurch. Sie gaben einen guten Schutz ab gegen den starken Wind und das Schneetreiben während des Winters, wenn jemand die Anhöhe bei Skatudden aufsuchen und aufs Meer hinausschauen wollte. Die Postboote fuhren ja auch dann, wenn das Eis dünn war, wenn es lag, aber noch nicht trug. Trug es, wurden die Posttouren mit dem Schlitten gemacht, die Post musste immer ausgeliefert werden, es gab immer jemanden, der wartete, sich Sorgen machte, Ausschau hielt und nach Osten blickte. Skatudden war die Klippe der besorgten Frauen am Åländischen Meer.

Nach dem stürmischen Tag war der Himmel im Osten jetzt hell, die Sicht war gut, die Wellen hatten runde Kämme, der Wind hatte sich gelegt.

Maria und Johanna standen eine ganze Weile schweigend nebeneinander oben auf Skatudden. Sie konnten das Land auf der anderen Seite erahnen, einen dünnen abgebrochenen Landstreifen am Horizont, einzelne Inseln, ein großes Segelschiff weit im Südosten.

Sie hielten jedoch Ausschau nach einem kleinen Boot, einem unauffälligen Segel, einem Punkt auf der unendlichen Meeresfläche. Langsam ließ Johanna ihre Blicke am Horizont entlanggleiten, sie ließ sich Zeit, sie glich ihrer Mutter, ließ ihre Augen jeden Meeresmeter absuchen, jede noch so entfernte Welle, sie näherte ihren Blick dem Land, teilte das Meer in kleine Stücke, suchte, ohne zu finden.

Sie begann noch einmal von vorn. Aber sie fand kein kleines Boot. Trotzdem wollte sie nicht aufgeben.

»Wir sollten uns vielleicht im Posthaus in Grisslehamn erkundigen«, sagte Maria.

Johanna war noch nie im Posthaus gewesen. Es war ein großes und schönes Gebäude, hatte zwei Stockwerke, ein Mansardendach, eine hohe Steintreppe vor der Haustür, viele Räume. Es war wie ein Schloss. In den Märchen gab es Schlösser, das wusste Johanna, dieses Haus hier glich einem Schloss, so wie sie es sich vorstellte.

Sie gingen durch die Gartentür und bogen dann zum linken Flügel hin ab, der Waschhaus genannt wurde. Dort drinnen schien irgendeine Arbeit ausgeführt zu werden, man hörte scharrende Geräusche, so als ob etwas über den Boden rutschte.

Maria klopfte, aber niemand antwortete. Sie klopfte noch einmal, und als auch diesmal keine Antwort erfolgte, schob sie die Tür auf und schaute hinein. Ein Mann in einer dunkelblauen Uniformjacke und eine Frau in einem gestreiften Rock schoben einen großen Waschbottich über den Boden, sie wurden von dieser Tätigkeit voll in Anspruch genommen.

»Guten Tag, Entschuldigung«, rief Maria.

Der Mann blickte auf, nickte und setzte seine Arbeit fort. Maria wartete, Johanna war draußen vor der Tür stehen geblieben. Endlich schien der Bottich an seinem Platz zu sein, denn sowohl der Mann als auch die Frau blickten Maria an.

»Ich bin Maria vom Hof Nygården«, sagte sie, »mein Mann ist Nils Nygren, der erste Mann auf dem Postboot.«

»Ah ja, dann weiß ich«, sagte der Mann.

»Wir kennen uns ja«, sagte die Frau in dem gestreiften Rock.

»Ja, natürlich, du bist doch Birgitta Olsdotter aus Tomta?«

»Das ist richtig, ich arbeite jetzt hier, meistens in der Küche, aber ich verrichte auch einen Teil anderer Arbeiten wie die Wäsche hier. Wir haben gerade einen neuen Waschbottich aufgestellt, das war ziemlich schwer, aber Sigurd ist stark.«

Sie lächelte dem Mann in der blauen Jacke zu, und er lächelte zurück, es war ein kurzes, schiefes Lächeln. Johanna fand, dass er etwas verlegen aussah, so wie der jüngere der beiden Brüder ihrer Mutter aussehen konnte, wenn er gelobt wurde.

»Wir kommen, um nachzufragen, ob man etwas von dem Postboot gehört hat«, sagte Maria.

»Am besten sprichst du mit dem Postmeister«, antwortete Birgitta. »Geht in den Flur und klopft dort an die rechte Tür«.

»Kann ich das denn einfach tun, störe ich nicht?«, fragte Maria.

»Nein, das ist ja dienstlich, dein Mann ist ja Postmann, frag nur.«

Maria tat, was ihr gesagt worden war, doch sie klopfte sehr zögernd an die Tür.

Sie kamen in ein großes helles Zimmer mit hoher Decke. Johanna bemerkte einen grünen Kachelofen, ein mit Büchern gefülltes Regal, Stühle mit geschwungenen Beinen, Kerzenleuchter. Sie hätte sich alle diese seltsamen Dinge gerne länger angeschaut, aber dazu war keine Zeit, denn der grauhaarige Mann, der Postmeister genannt wurde, erhob sich von seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch. Er ging auf Maria zu, gab...



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