Erikson Das Spiel der Götter (7)
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-08988-7
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Haus der Ketten
E-Book, Deutsch, Band 7, 608 Seiten
Reihe: Das Spiel der Götter
ISBN: 978-3-641-08988-7
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Steven Erikson, in Kanada geboren, lebt heute in Cornwall. Der Anthropologe und Archäologe feierte 1999 mit dem ersten Band seines Zyklus Das Spiel der Götter nach einer sechsjährigen akribischen Vorbereitungsphase seinen weltweit beachteten Einstieg in die Liga der großen Fantasy-Autoren.
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Kapitel Zwei
Es ist nicht unüblich, die Gewirre Meanas und Rashan als engste Verwandte zu betrachten. Doch sind die Spiele von Illusion und Schatten nicht auch Spiele des Lichts? Daher kommt irgendwann der Moment, an dem der Hinweis auf Unterschiede zwischen diesen Gewirren nicht mehr von Bedeutung ist. Meanas, Rashan und Thyr. Nur die fanatischsten Nutzer dieser Gewirre würden dem widersprechen. Der Aspekt, den alle drei gemeinsam haben, ist Ambivalenz; ihre Spiele sind Spiele der Vieldeutigkeit. Alles ist Täuschung, alles ist Irreführung. In ihnen ist nichts – ganz und gar nichts – so, wie es scheint.
Eine vorläufige Untersuchung der Gewirre
Konoralandas
Fünfzehnhundert Wüstenkrieger hatten sich am südlichen Rand der Ruinenstadt versammelt. Ihre weißen Pferde schimmerten geisterhaft durch die bernsteinfarbenen Staubwolken, und dann und wann blitzten Kettenhemden und Schuppenpanzer unter goldenen Telabas auf. Fünfhundert Ersatzpferde begleiteten die Reiter.
Korbolo Dom stand zusammen mit Sha’ik und Geisterhand auf einer von Wind und Wetter glatt geschliffenen Plattform, die einst das Fundament eines Tempels oder eines öffentlichen Gebäudes gewesen war und nun freien Blick auf die versammelten Krieger gewährte.
Der napanesische Renegat schaute ausdruckslos zu, wie Leoman von den Dreschflegeln herangeritten kam, um ein letztes Wort mit der Erwählten zu wechseln. Er selbst würde sich nicht mit irgendwelchen guten Wünschen aufhalten, denn ihm wäre es viel lieber, wenn Leoman nicht zurückkehrte. Und falls doch, dann zumindest nicht als Triumphator. Und auch wenn sein narbiges Gesicht nichts verriet, wusste Korbolo sehr wohl, dass Leoman sich über die Gedanken und Gefühle der abtrünnigen Faust keine Illusionen machte.
Sie waren nur insofern Verbündete, als sie beide Sha’ik dienten. Und selbst das war längst nicht so sicher, wie es nach außen den Anschein hatte. Der Malazaner glaubte allerdings auch nicht, dass die Erwählte über die Missgunst und Feindseligkeit zwischen ihren Generälen nicht im Bilde war. Unwissend war sie nur im Hinblick auf die Pläne, die langsam und unmerklich Gestalt annahmen und ihren Untergang herbeiführen würden. Dessen war sich Korbolo gewiss.
Andernfalls hätte sie schon vor langer Zeit eingegriffen. Leoman zügelte sein Pferd vor der Plattform. »Erwählte! Wir brechen jetzt auf, und wenn wir zurückkehren, werden wir Euch Neuigkeiten über die malazanische Armee mitbringen. Über ihre Aufstellung, die Länge ihrer Tagesmärsche –«
»Aber nicht über ihren Eifer«, unterbrach Sha’ik ihn streng. »Keine Kämpfe, Leoman. Das Blut ihrer Armee wird erst hier vergossen werden. Durch meine eigene Hand.«
Leoman nickte, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. »Einige Stämme haben bestimmt schon Überfälle auf sie verübt, Erwählte«, sagte er. »Wahrscheinlich schon, als sie kaum mehr als eine Länge von den Wällen von Aren entfernt waren. Sie werden bereits Blut vergossen haben –«
»Ich kann nicht erkennen, inwiefern solche kleineren Scharmützel von Bedeutung sein sollten«, erwiderte Sha’ik. »Diese Stämme schicken ihre Krieger hierher – sie kommen tagtäglich hier an. Deine Streitmacht wäre die größte, die sie zu Gesicht bekämen – und das will ich nicht. Bring nicht schon wieder Einwände gegen diesen Punkt vor, Leoman, sonst werde ich dir verbieten, die Raraku zu verlassen!«
»Ganz wie Ihr sagt, Erwählte«, erwiderte Leoman zähneknirschend. Seine erstaunlich blauen Augen richteten sich auf Geisterhand. »Wenn du irgendetwas brauchen solltest, alter Mann, wende dich an Mathok.«
Korbolo Dom zog die Augenbrauen hoch.
»Das ist ein merkwürdiges Angebot«, kommentierte Sha’ik. »Schließlich steht Geisterhand unter meinem Schutz.«
»Es geht natürlich nur um unwichtige Bedürfnisse«, sagte Leoman. »Solche, die Euch nur ablenken würden, Erwählte. Schließlich habt Ihr eine Armee aufzustellen –«
»Eine Aufgabe, mit der die Erwählte mich betraut hat, Leoman.«
Der Wüstenkrieger lächelte nur. Dann packte er die Zügel. »Möge der Wirbelwind Euch beschützen, Erwählte.«
»Und dich auch, Leoman.«
Er ritt zu seinen wartenden Reiterkriegern zurück.
Mögen deine Knochen bleichen und leicht wie Federn werden, Leoman von den Dreschflegeln. Korbolo Dom drehte sich zu Sha’ik um. »Er wird Euch nicht gehorchen, Erwählte.«
»Natürlich wird er das nicht.«
Der Napanese blinzelte, kniff die Augen zusammen. »Dann wäre es Wahnsinn, ihm den Weg durch den Sandwall zu öffnen.«
Sie sah ihn mit fragendem Blick an. »Also fürchtet Ihr Euch doch vor der Armee der Mandata? Habt Ihr mir nicht wieder und wieder gesagt, wie überlegen Ihr unsere Truppen gemacht habt? Im Hinblick auf ihre Disziplin und ihre Angriffslust? Das ist nicht Einarms Heer, dem Ihr Euch stellen werdet, sondern ein unsicherer Haufen aus Rekruten; und selbst wenn sie durch ein oder zwei kleinere Gefechte gestählt werden sollten – welche Chance haben sie gegen Eure Hundeschlächter? Und was die Mandata angeht … überlasst sie mir. Deshalb ist das, was Leoman mit seinen fünfzehnhundert Wüstenwölfen tut, in Wahrheit ohne jede Bedeutung. Oder wollt Ihr Eure Meinung nun vollständig ändern, Korbolo Dom?«
»Natürlich nicht, Erwählte. Aber ein Wolf wie Leoman sollte an der Leine bleiben.«
»An der Leine? Das Wort, das Ihr stattdessen hättet gebrauchen sollen, lautet getötet. Nicht wie ein Wolf, sondern wie ein tollwütiger Hund. Nun, er wird nicht getötet werden, und wenn er tatsächlich ein tollwütiger Hund ist, was könnte es Besseres geben, als ihn der Mandata entgegenzuschicken?«
»Was diese Dinge anbelangt, verfügt Ihr über mehr Weitblick als ich, Erwählte.«
Geisterhand gab ein Schnauben von sich, als er diese Worte hörte, und sogar Sha’ik lächelte. Korbolo Doms Gesicht fühlte sich plötzlich heiß an von dem Blut, das ihm zu Kopf gestiegen war.
»Febryl erwartet Euch in Eurem Zelt«, sagte Sha’ik. »Er wird wegen Eurer Verspätung bereits ungeduldig, Korbolo Dom. Ihr braucht nicht mehr länger hier zu bleiben.«
War ihm einen Augenblick zuvor heiß gewesen, so wurde ihm jetzt eiskalt. Der Malazaner traute sich nicht, etwas zu erwidern, und als die Erwählte ihn fortwinkte, wäre er beinahe zusammengezuckt. Nach ein, zwei Herzschlägen brachte er dann doch noch ein paar Worte über die Lippen. »Dann ist es wohl am besten, wenn ich zu ihm gehe und herausfinde, was er will.«
»Er hält es zweifellos für wichtig«, murmelte Sha’ik. »Diese gereizte Wichtigtuerei scheint eine weit verbreitete Untugend bei alternden Männern zu sein. Ich rate Euch, beruhigend auf ihn einzuwirken, Korbolo Dom, damit sein wild pochendes Herz wieder langsamer schlagen kann.«
»Das scheint mir ein guter Ratschlag, Erwählte.« Mit einem letzten Gruß wandte sich Korbolo Dom zu den nach unten führenden Stufen am Rand der Plattform.
Heboric seufzte, als die Schritte des Napanesen hinter ihnen verklangen. »Der arme Kerl ist eben ganz schön ins Schlingern gekommen. Willst du sie in Panik versetzen, um sie zum Handeln zu verleiten? Ausgerechnet jetzt, wo Leoman fort ist? Und Toblakai auch? Wer ist noch da, dem du trauen kannst, Mädchen?«
»Trauen? Glaubst du wirklich, dass ich irgendjemandem außer mir traue, Heboric? Oh, die Ältere Sha’ik hatte vielleicht sogar Vertrauen … in Leoman und Toblakai. Aber wenn sie mich anschauen, dann sehen sie eine Schwindlerin – ich erkenne das sehr wohl, also versuche gar nicht erst, es mir auszureden.«
»Und was ist mit mir?«, fragte Heboric.
»Ach, Geisterhand, jetzt kommen wir zum entscheidenden Punkt, nicht wahr? Also gut, ich werde offen sprechen. Geh nicht fort. Verlass mich nicht, Heboric. Nicht jetzt. Das, was dich heimsucht, kann warten, bis die bevorstehende Schlacht geschlagen ist. Wenn das geschehen ist, werde ich die Macht des Wirbelwinds ausdehnen – bis an die Küste der Otataral-Insel. Innerhalb dieses Gewirrs wird deine Reise praktisch mühelos sein. Ich fürchte, du wirst, wenn du dich – halsstarrig, wie du bist – anders entscheidest, die lange, lange Reise nicht überleben.«
Er schaute sie an, doch alles, was er erkennen konnte, waren ihre verschwommenen Umrisse, wie sie so in ihrer weißen Telaba dastand. »Gibt es irgendetwas, wovon du nichts weißt, Mädchen?«
»Leider viel zu viel, fürchte ich. L’oric zum Beispiel. Da hätten wir ein echtes Geheimnis. Er scheint in der Lage zu sein, sogar die Ältere Magie des Wirbelwinds abzuwehren, und entzieht sich so meinen Bemühungen, seine Seele zu erkennen. Doch dir hat er, wie ich glaube, vieles offenbart.«
»Im Vertrauen, Erwählte. Es tut mir Leid. Alles, was ich dir in dieser Hinsicht bieten kann, ist dies: L’oric ist nicht dein Feind.«
»Nun, das bedeutet mir mehr, als dir vielleicht selbst klar ist. Er ist nicht mein Feind. Macht ihn das zu meinem Verbündeten?«
Heboric sagte nichts.
Nach einem kurzen Moment seufzte Sha’ik. »Also gut. Er bleibt also ein Geheimnis, was die wichtigste aller Detailfragen angeht. Was kannst du mir darüber erzählen, wie Bidithal dabei vorankommt, Rashan – sein altes Gewirr – zu erforschen?«
Er neigte den Kopf. »Nun, die Antwort auf diese Frage, Erwählte, hängt zumindest teilweise von deinem eigenen Wissen ab. Über das Gewirr der Göttin – über das Bruchstück des Älteren Gewirrs, aus dem der Wirbelwind besteht.«
»Kurald Emurlahn.«
Er nickte. »In der Tat. Und was...




