E-Book, Deutsch, Band 17, 880 Seiten
Reihe: Das Spiel der Götter
Erikson Das Spiel der Götter 17
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-20273-6
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Schwingen der Dunkelheit
E-Book, Deutsch, Band 17, 880 Seiten
Reihe: Das Spiel der Götter
ISBN: 978-3-641-20273-6
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit dieser komplexen epischen Fantasy-Saga wurde Steven Erikson zu einem der bedeutendsten Vertreter der modernen Fantasy.
Steven Erikson, in Kanada geboren, lebt heute in Cornwall. Der Anthropologe und Archäologe feierte 1999 mit dem ersten Band seines Zyklus Das Spiel der Götter nach einer sechsjährigen akribischen Vorbereitungsphase seinen weltweit beachteten Einstieg in die Liga der großen Fantasy-Autoren.
Weitere Infos & Material
Kapitel Eins
Sie kamen spät in das leere Land und blickten voller Bitterkeit auf die sechs Wölfe, die sie vom fernen Horizont aus beobachteten. Eine Herde Ziegen und ein Dutzend schwarze Schafe waren bei ihnen. Sie kümmerten sich nicht darum, dass dieser Ort den Wölfen gehörte, denn ihrer Meinung nach war Eigentum eine Krone, die zu tragen niemand außer den Menschen berechtigt war. Die Tiere waren es zufrieden, gemeinsam am Überlebenskampf teilzunehmen, zu jagen und Beute zu machen, und die Kehlen der meckernden Ziegen und blökenden Schafe waren weich, Sorglosigkeit ein in den Herden weit verbreiteter Fehler; und außerdem hatten sie das Verhalten der zweibeinigen Eindringlinge noch nicht zu deuten gelernt. Die Wölfe teilten sich ihre Mahlzeiten häufig mit Krähen und Kojoten und bekamen Gelegenheit, sich mit schwerfälligen Bären um köstliche Beute zu streiten.
Als ich zu den Hirten und ihrem auf einer Ebene oberhalb des Tals gelegenen Langhaus kam, sah ich sechs über der Haupttür angenagelte Wolfsschädel. Auf meinen Reisen als Barde hatte ich genug erlebt, dass ich keine Fragen stellen musste – dies war schließlich eine Geschichte, die in unsere Art eingewoben war. Ich verlor auch kein Wort über die Bären- und Antilopenfelle und die Hirschgeweihe an den Wänden. Hob auch keine Braue angesichts der unzähligen Bhederin-Knochen in der Abfallgrube oder der Geier, die durch die vergifteten Köder getötet worden waren, die für die Kojoten gedacht gewesen waren.
Als Gegenleistung dafür, dass sie mich beherbergten, sang ich in dieser Nacht und erzählte Geschichten. Lieder über Helden und große Taten, und sie waren damit zufrieden; Bier wurde herumgereicht und der Fleisch-Eintopf war schmackhaft.
Dichter sind einfühlsame Wesen und dazu fähig, in die Haut eines Mannes, einer Frau, eines Kindes oder Tiers zu schlüpfen. Einige von ihnen sind insgeheim gezeichnet, den Kulten der Wildnis verschworen. Und in dieser Nacht verteilte ich mein Gift, und am Morgen verließ ich ein lebloses Haus, in dem es nicht einmal mehr einen Hund gab, der hätte jaulen können, saß mit meiner Flöte auf einem Hügel und scharte wieder die wilden Tiere um mich. Ich verteidige ihr Eigentum, wenn sie es nicht können, und setze mich gegen die Anklage wegen Mordes nicht zur Wehr. Aber mäßigt euer Entsetzen, meine Freunde: Es gibt kein universelles Gesetz, das dem Leben eines Menschen einen höheren Wert beimisst als dem eines wilden Tieres. Wie kommt ihr nur auf den Gedanken, es könnte anders sein?
Geständnisse von Zweihundertdreiundzwanzig Anklagepunkten
Welthan, der Barde (auch bekannt als Sänger Irr)
Er kam als Herzog einer abgelegenen Grenzfeste zu uns – einem Ort, der so abgelegen war, dass niemand auch nur auf die Idee kam, ihm zu misstrauen. Und sein Verhalten, seine harte Miene und die wenigen Worte, die er sprach, passten gut zu den bequemen Vorurteilen, die wir gegenüber einem solchen Mann hegten. Niemand von uns konnte bestreiten, dass da irgendetwas an ihm war, eine Art Selbstsicherheit, wie sie am Hof selten war. Und in seinen Augen lag etwas Animalisches wie bei Wölfen, die an ihren Ketten zerren, die Priesterinnen trieften förmlich.
Aber wie sie herausfinden sollten, war sein Samen überaus stark. Und es war nicht der eines Tiste Andii.«
Silchas Ruin stocherte mit einem Stock im Feuer herum und erweckte die Flammen wieder zum Leben. Funken stoben in der Dunkelheit auf. Rud musterte das blasse, ausgezehrte Gesicht des Kriegers, in das das orangefarbene Licht kurze Momente voller Leben zu malen schien.
Nach einiger Zeit lehnte Silchas Ruin sich zurück und sprach weiter. »Er zog die Macht an wie ein Magnet Eisenspäne; es wirkte alles so … natürlich. Dass er von so weit weg kam, verleitete dazu, ihn für neutral zu halten, und in der Rückschau könnte man argumentieren, dass Draconus tatsächlich neutral war. Er war bereit, jeden Tiste Andii zu benutzen, um seine Ziele zu erreichen, und wie hätten wir auf die Idee kommen sollen, dass sich Liebe im Kern dessen befand, was er begehrte?«
Rud wandte den Blick von Silchas Ruins Gesicht ab und ließ ihn über die rechte Schulter des Tiste Andii hinauf zu den schrecklichen Jadesplittern am Nachthimmel gleiten. Er versuchte, sich etwas einfallen zu lassen, das er sagen könnte: etwas Ironisches vielleicht oder etwas Vielsagendes … oder Zynisches. Aber was wusste er schon von einer Liebe, wie Silchas Ruin sie beschrieb? Was wusste er denn überhaupt von irgendetwas in dieser oder einer anderen Welt?
»Gefährte von Mutter Dunkel – auf diesen Titel erhob er schließlich Anspruch, als wäre es eine Rolle, die er verloren und die wiederzuerlangen er sich geschworen hatte.« Der weißhäutige Krieger schnaubte, den Blick auf die flackernden Flammen gerichtet. »Wer waren wir anzuzweifeln, was er geltend machte? Mutters Kinder hatten damals bereits aufgehört, mit ihr zu sprechen. Und wenn schon. Welcher Sohn würde den Liebhaber seiner Mutter nicht herausfordern – den neuen Liebhaber, den alten Liebhaber, was auch immer …« Er sah auf, schenkte Rud ein schwaches Lächeln. »Vielleicht hast du inzwischen dafür ein bisschen Verständnis entwickelt. Schließlich war Udinaas weder Menandores erste noch ihre einzige Liebe.«
Rud sah wieder weg. »Ich bin mir nicht so sicher, ob Liebe etwas damit zu tun hatte.«
»Möglicherweise nicht. Möchtest du noch etwas Tee, Rud Elalle?«
»Nein, danke. Er ist ziemlich stark.«
»Für die anstehende Reise ist das notwendig.«
Rud runzelte die Stirn. »Das verstehe ich nicht.«
»Heute Nacht werden wir reisen. Es gibt Dinge, die du sehen musst. Es genügt nicht, dass ich dich einfach den einen oder den anderen Pfad entlangführe – ich will keinen treuen Hund an meinen Fersen, ich will einen Kameraden an meiner Seite. Etwas mitanzusehen, es mitzuerleben bedeutet, dem Verstehen näherzukommen, und das wirst du brauchen, wenn du dich entscheidest.«
»Wenn ich was entscheide?«
»Unter anderem, auf welcher Seite du in dem bevorstehenden Krieg stehen wirst.«
»Unter anderem. Und was wäre das andere?«
»Wo du dich behaupten wirst. Und wann. Deine Mutter hatte einen guten Grund, einen Sterblichen als deinen Vater auszuwählen, Rud. Der Nachwuchs solcher Paare kann über unerwartete Stärken verfügen und weist oft die besten Charakterzüge beider Seiten auf.«
Rud zuckte zusammen, als im Feuer ein Stein knackte. »Du sagst, dass du mich zu anderen Orten führen willst, Silchas Ruin, weil du nicht möchtest, dass ich einfach nur ein treuer, geistloser Hund bin. Aber es könnte sein, dass ich am Ende zu dem Schluss gelange, dass ich gar nicht an deiner Seite stehen will. Was dann? Was ist, wenn ich mich in diesem Krieg nicht auf deiner, sondern auf der anderen Seite wiederfinde?«
»Dann wird einer von uns beiden sterben.«
»Mein Vater hat mich deiner Obhut überlassen – und du willst sein Vertrauen auf diese Weise verraten?«
Silchas Ruin bleckte die Zähne zu einem humorlosen Lächeln. »Rud Elalle, dein Vater hat dich nicht in meine Obhut gegeben, weil er mir vertraut – dafür kennt er mich zu gut. Betrachte dies als deine erste Lektion. Er teilt deine Liebe zu den Imass des Refugiums. Diese Sphäre – und alles Leben darin – befindet sich in Gefahr. Sollte der Krieg verloren werden, könnte sie ausgelöscht werden …«
»Starvald Demelain – aber das Tor wurde doch versiegelt!«
»Kein Siegel ist vollkommen. Wille und Begierde nagen wie Säure daran. Nun ja. Hunger und Ehrgeiz sind vielleicht treffendere Beschreibungen für das, was dem Tor zusetzt.« Er griff nach dem geschwärzten Topf neben der Glut und füllte Ruds Becher noch einmal. »Trink. Wir sind vom Thema abgekommen. Ich hatte von den uralten Kräften gesprochen – deinen Verwandten, wenn du so willst. Zu denen auch die Eleint zählen. War Draconus ein echter Eleint? Oder war er etwas anderes? Ich kann nur sagen, dass er eine Zeit lang die Haut eines Tiste Andii getragen hat, vielleicht ein bitterer Scherz, mit dem er unsere Selbstherrlichkeit verspottet hat – wer kann das wissen? Jedenfalls war es unausweichlich, dass Anomander, mein Bruder, sich dem Gefährten unserer Mutter in den Weg stellte, und sämtliche Möglichkeiten, Wissen zu erlangen und die Wahrheit zu erfahren, waren dann schnell verloren. Und bis heute frage ich mich«, fügte er seufzend hinzu, »ob Anomander es bereut, Draconus getötet zu haben.«
Rud zuckte zusammen. Seine Gedanken wirbelten. »Was ist mit den Imass? Dieser Krieg …«
»Ich habe es dir doch gesagt«, fauchte Silchas Ruin, dessen Gesicht Gereiztheit verriet. »Kriegen sind ihre Opfer gleichgültig. Unschuld, Schuld, solche Vorstellungen sind bedeutungslos. Konzentrier dich und hör zu. Ich habe mich gefragt, ob Anomander es bereut. Ich weiß, dass ich es nicht tue. Draconus war ein kalter, kalter Dreckskerl – und als dann Vater Licht erwacht ist … ah, ja, da haben wir dann gesehen, wie berechtigt seine eifersüchtige Wut war. Der Gefährte wurde beiseitegeschoben – sieh das schwarze Feuer in den Augen des Verschmähten, entfacht von seiner eigenen Bosheit! Wenn wir von uralten Zeiten sprechen, Rud Elalle, finden wir in unseren Worten Dinge, die viel naheliegender sind, und all diese Gefühle, die wir im Feuer unserer Jugend als neu empfunden haben, erweisen sich doch als uralt … als unvorstellbar alt.« Er spuckte in die Kohlen. »Und deshalb mangelt es Dichtern niemals an etwas, worüber sie singen können, wenn...




