E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Erdrich Liebeszauber
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-8412-1713-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-8412-1713-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine ungewöhnliche Familienchronik.
'Liebeszauber' ist die Geschichte der Kashpaws und der Lamartines, zweier Familien, deren Schicksal unauflösbar miteinander verknüpft ist. Sie sind Nachfahren der Ojibwe-Indigenen und Überlebende einer rauen Welt. Zwischen Tradition und Moderne, Abenteuerlust und Heimatverbundenheit erzählen die einzelnen Familienmitglieder mal unerbittlich und düster, mal humorvoll und lakonisch ihre Geschichten. Eine Mischung, die Louise Erdrichs Debütroman 'schon nach wenigen Seiten unwiderstehlich' (Neue Zürcher Zeitung) macht.
Louise Erdrich, geboren 1954 als Tochter einer Ojibwe und eines Deutsch-Amerikaners, ist eine der erfolgreichsten amerikanischen Gegenwartsautorinnen. Zuletzt erhielt sie den National Book Award für 'Das Haus des Windes', den PEN/Saul Bellow Award und den Library of Congress Prize. Louise Erdrich lebt in Minnesota und ist Inhaberin der Buchhandlung Birchbark Books. Im Aufbau Verlag ist ihr Roman 'Der Gott am Ende der Straße' lieferbar und im Aufbau Taschenbuch ihre Romane 'Der Club der singenden Metzger', 'Die Rübenkönigin', 'Der Klang der Trommel', 'Liebeszauber', 'Das Haus des Windes' und 'Ein Lied für die Geister'.
Weitere Infos & Material
I
Am Morgen vor Ostersonntag schlenderte June Kashpaw die verstopfte Hauptstraße der Ölboom-Stadt Williston in North Dakota entlang, um sich die Zeit zu vertreiben, bis der Mittagsbus kam, der sie heimbringen sollte. Sie war eine langbeinige Chippewa-Frau, stark gealtert in jeder Hinsicht, außer in ihren Bewegungen. Wahrscheinlich war es die Art, wie sie sich bewegte, leicht wie ein junges Mädchen auf schlanken, festen Beinen, die den Blick des Mannes einfingen, der ihr vom Innern der Rigger Bar durchs Fenster zuklopfte. Er kam ihr bekannt vor, wie viele Leute ihr bekannt vorkamen. Sie hatte so viele kommen und gehen sehen. Er beugte den Arm, lud sie ein hereinzukommen, und sie tat es ohne Zögern, dachte nur, daß sie einen oder zwei mit ihm heben könnte und dann ihre Taschen holen, um zum Bus zu gehen. Sie wollte wenigstens sehen, ob sie ihn wirklich kannte. Sogar durch das wäßrige Glas bemerkte sie, daß er gar nicht mal so alt war und daß seine Brust dick mit dunkelrotem Nylon und teuren Daunen gepolstert war.
Auf der Theke standen Kartons mit gefärbten Eiern, jedes glänzte wie ein Edelstein in seiner Zellophanhülle. Als sie durch die Tür kam, pellte er eines, das bläulich war, wie das einer Wanderdrossel, er hielt es in der Handfläche, während er die Schale mit dem Daumen ablöste. Obwohl es ein trüber Tag war, reflektierte der Schnee allein so viel Licht, daß sie einen Augenblick geblendet war. Es war wie ein Eintauchen in Wasser. Mehr als auf alles andere ging sie auf dieses blaue Ei in der weißen Hand zu, einen Leuchtturm in der dunstigen Luft.
Er bestellte ein Bier für sie, ein Blue Ribbon, und sagte, sie verdiene einen Preis, weil sie das Beste sei, was er seit Tagen gesehen hätte. Er pellte ihr ein Ei, ein rosarotes, und meinte, es passe zu ihrem Rollkragenpulli. Sie erklärte, das sei kein Rollkragenpulli. Diese Dinger hießen ›Schale‹. Er sagte, er würde ihr die auch abpellen, wenn sie wollte, dann grinste er dem Barkeeper zu und reichte ihr das nackte Ei.
Junes Hand war von draußen kälter als das Ei, deshalb mußte sie es eine Weile zwischen den Fingern ruhen lassen, bis es aufhörte, sich gummiartig warm anzufühlen. Beim Essen merkte sie, wie hungrig sie war. Der Rest des Geldes, das der Mann vor diesem ihr gegeben hatte, war für die Fahrkarte draufgegangen. Sie wußte nicht genau, wann sie zum letztenmal gegessen hatte. Dieser Mann schien beeindruckt zu sein, als ihr Ei aufgegessen war, und schälte ihr noch eines von derselben Sorte. Sie aß auch das und dann noch eins. Der Barkeeper sah sie an. Sie zuckte mit den Schultern und klopfte eine lange Mentholzigarette aus einem weißen Plastiketui, auf dem in Goldbuchstaben ihre Initialen standen. Sie sog einen Atemzug Rauch ein und lehnte sich dann über die zerbrochenen Schalen zu ihrem Begleiter.
»Was läuft denn?« sagte sie. »Wo ist die Party?«
Ihr Haar war sorgfältig eingedreht, für die Busreise mit Spray fixiert, und ihre Augen waren tief wachsam in ihren meerblauen Schattenschluchten. Sie überlegte.
»Ich hab nicht viel Zeit, bis mein Bus ...«, sagte sie.
»Vergiß den Bus!« Er stand auf und nahm sie beim Arm. »Wir zwei machen die Party. Hörst du? Wer hindert uns? Wir haben’s doch nett zusammen!«
Als er zahlte, konnte sie nicht umhin, zu bemerken, daß er einen ansehnlichen Packen von Geldscheinen bei sich hatte, in einem roten Gummi von der Sorte, mit denen im Supermarkt die Bananen gebündelt sind. Dieser Packen half. Aber noch wichtiger war: sie hatte so ein Gefühl. Die Eier brachten Glück. Und er hatte eine gutmütige Langsamkeit an sich, die anders zu sein schien. Vielleicht ist er ja anders, dachte sie. Die Busfahrkarte würde gültig bleiben, vielleicht für immer. Man erwartete sie nicht zu Hause im Reservat. Sie hatte dort nicht einmal einen Mann, außer dem, von dem sie geschieden war. Gordie. Wenn sie in Not geriete, würde er ihr immer noch Geld schicken. So ging sie mit diesem Mann in der dunkelroten Weste weiter zur nächsten Bar. Sie fuhren in seinem Silverado-Pritschenwagen die Straße hinunter. Er war Tiefbauingenieur. Andy. Sie erzählte ihm nicht, daß sie schon andere Tiefbauingenieure kannte, und auch nicht von dem, der, wie sie gehört hatte, durch einen Überdruckschlauch getötet worden war. Der Schlauch war aus der Erde und ihm in den Bauch geschossen.
Der Gedanke an diesen Tod preßte ihr immer einen panischen, trockenen Klumpen in die Kehle, obwohl sie den Mann kaum gekannt hatte. Der Schlauch war es, dachte sie, der plötzlich aus seinem unsichtbaren Nest hochzischte, die Vorstellung von diesem Schlauch, der wie etwas Lebendiges zuschlug, das war fürchterlich. Mit einem Schlag hatte der Schlauch ihm die Eingeweide herausgefetzt. Und auch das verursachte ihr Schmerzen in der Kehle, obwohl sie schon Schlimmeres gehört hatte. Es war dieser Augenblick, dieser eine Augenblick, in dem man merkte, daß man völlig leer war. Er mußte das gefühlt haben. Manchmal, allein im Dunkeln in ihrem Zimmer, meinte sie zu wissen, wie es wäre.
Später, als in einer lauten Bar das Dunkel um sie fiel, schloß sie einen Augenblick die Augen gegen den Rauch und sah diesen Schlauch mit seinem mörderischen Atem plötzlich durch schwarze Erde emporknallen.
»Ahhh«, sagte sie überrascht, fast unter Schmerzen, »du mußt.«
»Ich muß was, Geißblättchen?« Er legte seinen Arm fester um ihre schmalen Schultern. Sie saßen mit ein paar anderen in einer Nische und tranken Angel Wings. Ihr Mund, auf dem der Lippenstift jetzt dunkel verschwamm, kippte schwankend auf seinen zu.
»Du mußt anders sein«, hauchte sie.
Noch später war es, da fühlte sie sich so zerbrechlich. Als sie zur Toilette ging, hatte sie Angst, gegen etwas zu stoßen, weil ihre Haut sich so hart und spröde anfühlte, und sie wußte, daß es in diesem Zustand möglich war, bei der geringsten Berührung zu zerfallen. Sie schloß sich in die Klokabine ein und erinnerte sich an seine Hand, wie sie die durchsichtige Haut und die knisternde blaue Schale abgeblättert hatte. Ihre Kleider juckten. Die rosa Schale war verschwitzt und unter den Armen zu weit hochgezogen, aber sie konnte die Jacke nicht ausziehen, die weiße Nylonjacke, die ihr Sohn King ihr geschenkt hatte, weil das rosa Oberteil über dem Bauch eingerissen war. Aber als sie dort saß, geschah etwas. Ganz plötzlich schien sie aus ihren Kleidern und ihrer Haut herauszutreiben, ohne daß jemand etwas dazutat. Im Sitzen beugte sie sich nach unten und legte ihre Stirn auf die Oberseite des metallenen Papierrollenhalters. Sie spürte, daß darunter ihr ganzer Körper rein und nackt war – nur die Häute waren steif und alt. Auch wenn er nicht anders war, würde sie es noch einmal durchstehen.
Ihre Tasche fiel ihr aus der Hand, alles fiel auf den Boden. Sie setzte sich auf. Der Türknauf rollte aus der offenen Tasche unter die Wand. Sie mußte diesen Türknauf jedesmal mitnehmen, wenn sie ihr Zimmer verließ. Es gab keine andere Möglichkeit, die kaputte Tür abzuschließen. Jetzt hob sie den Knauf auf und ergriff ihn an seinem Metallbolzen. Der runde Griff war aus Porzellan, glatt und weiß. Hart wie Stein. Sie steckte ihn in die tiefe Tasche ihrer Jacke und hielt ihn fest, während sie durch die dichter werdende Menge zurück zu der Nische ging. Ihr Zimmer war verschlossen. Und jetzt war sie bereit für ihn.
Es war eine Wohltat, als sie schließlich anhielten, weit außerhalb der Stadt auf einer Landstraße. Sogar in der Dunkelheit reflektierte der Schnee, als er die Scheinwerfer ausschaltete, genügend Licht zum Sehen. Sie ließ ihn mit ihren Kleidern kämpfen, aber er stellte sich so ungeschickt an, daß sie mithelfen mußte. Sie rollte ihr Oberteil sorgfältig hoch, verbarg immer noch den Riß und machte ein Hohlkreuz, damit er ihre Hose aufmachen konnte. Die Hose war aus einem Stretchmaterial, das elektrisch knisterte und blaue Funken sprühte, als er sie hinunter auf ihre Knöchel schob. Er schlug sich die Hand an den Heizungsklappen an. Sie spürte, wie die Klappen sich an ihren Schultern wie zwei Kiefer öffneten, Hitze ausströmten, und hatte einen Augenblick das lustvolle Gefühl, vor einem großen, breiten Mund ausgestreckt zu liegen. Der Atem strich über ihren Hals und machte ihre Brustwarzen steif. Dann tauchte seine Weste auf sie herunter, so glatt und samtig, daß es sich wie das Lecken einer ungeheuren Zunge anfühlte. Sie konnte nirgends einen Halt für ihre Hände finden. Und sie spürte, wie sie den glatten Plastiksitz entlangglitt, wegglitt, bis sie sich mit dem Kopf gegen die Fahrertür stemmte.
»O Gott«, stöhnte er. »O Gott, Mary, o Gott, das ist gut.«
Er tat nichts, bewegte nur seine Hüften auf ihr, und endlich fiel sein Kopf schwer herunter.
»He du«, sagte sie und schüttelte ihn. »Andy?« Sie schüttelte ihn heftiger. Er rührte sich nicht und ließ auch keinen Takt seiner tiefen Atemzüge aus. Sie wußte, daß er jetzt nicht zu wecken war, deshalb lag sie still unter seinem Gewicht. Sie blieb ruhig, bis sie merkte, wie sie wieder zerbrechlich wurde. Ihre Haut fühlte sich glatt und fremd an. Und dann wußte sie, wenn sie noch länger liegenblieb, würde sie weit aufbrechen, nicht an einer Stelle, sondern in viele Stücke, die er erdrücken würde, wenn er sich im Schlaf bewegte. Sie wollte sich in sich zurück-, zusammenziehen. Deshalb winkelte sie einen Arm über dem Kopf ab, drückte den Ellbogen langsam hinunter auf den Griff und öffnete ihn. Die Tür sprang plötzlich weit auf.
June hatte sich so fest gegen die Tür gestemmt, daß sie hinausfiel, als sie die Klinke löste. In die Kälte. Es war ein...




