E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Erdmann Ingeborg und das Meer
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-667-12721-1
Verlag: Delius Klasing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die erste deutsche Frau, die allein über den Atlantik segelte
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-667-12721-1
Verlag: Delius Klasing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ingeborg von Heister, Segel-Pionierin und Atlantik-Bezwingerin
Ein Solo-Segeltörn ist ein Abenteuer, bei dem auch erfahrene Fahrtensegler mit modernen Booten an ihre Grenzen kommen können. Wie viel größer muss die Herausforderung 1969 gewesen sein, als Ingeborg von Heister als erste deutsche Frau eine Atlantiküberquerung allein auf ihrem Trimaran wagte? Ihr Schwiegersohn Wilfried Erdmann zeichnet anhand ihrer Log-Tagebücher und vieler persönlicher Gespräche das Segelabenteuer nach – eine Verbeugung vor dieser überragenden Leistung!
• Allein von Deutschland bis in die Karibik – und retour: eine historische Erstleistung
• Hingabe, Leidensfähigkeit, Zähigkeit, Mut: Was es für Segelreisen übers Meer braucht
• Die Geschichte einer Atlantiküberquerung, erzählt vom herausragenden Segler und Segelschriftsteller Wilfried Erdmann
Ein Boot, Wind und Wellen, die Leinen loswerfen und die eigenen Ängste überwinden
Fahrtensegeln an sich ist nicht frei von kniffligen Situationen. Das ist umso mehr der Fall, wenn der Segeltörn allein in Angriff genommen wird. Doch Wilfried Erdmann hat nicht nur eine Hommage an die Alleinseglerin geschrieben, die alle Probleme auf dem Weg in die Karibik und zurück über die Bermudainseln und die Azoren nach Europa meisterte. Sein Buch ist zugleich eine Universalgeschichte des Segelns. Denn auch, wenn sich moderner Technik viel im Segelsport verändert hat, gibt es doch Punkte, die universell gültig sind: Fernweh, Wind, Wellen und eine unbändige Freiheitsliebe!
Autoren/Hrsg.
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Dann, 1959, war es soweit. Sie schreibt: »Ich hatte SIE.« Die erste ULTIMA RATIO war ein neun Meter langes Stahlschiff. Kostete 25.000 Mark – eine Menge Geld für zunächst reinsten Luxus. Kauffrau Ingeborg musste ganz schön durchatmen. Ihr Autozubehörgeschäft war zwar das größte in Düsseldorf, aber die zehn Angestellten mussten bezahlt werden. Doch sie widerstand und liebte ihr Schiff mit all den dummen, unnötigen Dingen, mit denen sie es einrichtete: handbemaltes Porzellan in Delftblau, Bettwäsche mit gestickten Bootsmotiven, nette Gardinen, für die Pantry eine Geflügelschere und mehrere Riesentöpfe für Gäste. Es war eine Zeit wie die ersten Kinderjahre, ungebunden, ohne Ängste, ohne Komplikationen. Nur das Schiff zählte. Der Anfang vom Segeln war das nicht. Der Anfang war ein Erlebnis mit einem Freund auf dem Plöner See. Er hatte Ingeborg zu einer Jollensegelei eingeladen. Der blauweiße Schleswig-Holstein-Himmel über ihnen, das stille Dahingleiten des Bootes an diesem besonderen Tag ließen Ingeborg von Wind, Wasser und Segeln träumen. ULTIMA RATIO 1 war Ingeborgs erstes Schiff. Sie wollte segeln und tat dies zunächst auf den holländischen Gewässern und der Themsemündung. In ihrem Tagebuch steht: Ich will segeln! Die Idee war geboren. Dieser eine Tag zeigte mir die Lösung. Beim Segeln ist man frei. Ich kriege Gänsehaut, wenn ich an den Tag denke. Frei sein nach all den Zwängen, die mein Leben bisher bestimmten. Vor Aufregung konnte ich die Nacht kaum schlafen. Jetzt war die Zeit gekommen, etwas richtig zu machen. Zurück in Düsseldorf setzte sie sich gleich ans Telefon und buchte einen Segelkurs. Am Chiemsee stellte sie schnell fest, dass Jollensegeln zu leicht, nicht fordernd sei. Und zum Leben an Bord nicht geeignet. Ein Kajütboot sollte es schon sein. Der Wunsch wurde konkretisiert und fortan wurde dafür gespart. Und gelesen. Hemingway, Hiscock, Lindemann. Der Traum sollte sich erfüllen. Sie schreibt: Träume können sich erfüllen, aber Einsatz ist notwendig. Jede Mark kam auf die hohe Kante. Sie war jung und hatte ein Ziel, der berufliche Stress der Selbstständigkeit konnte ihr nichts anhaben. Mit 14 Jahren absolvierte Ingeborg eine Lehre im elterlichen Geschäft mitten in der Stadt Düsseldorf, das Ingeborg und ihr Ehemann gleich nach dem Krieg wieder aufbauten. Nachdem sie ihre Schiffspläne verwirklicht hatte, trennte sie sich von ihm, bei der Arbeit änderte sich erst mal nichts. Es folgten mit ULTIMA RATIO die ersten Versuche vom Liegeplatz im holländischen Muiden. Volle Kraft zurück. Volle Kraft voraus. Ein Großsegel, das nicht hochzukriegen war. Ein Außenborder, der über Bord fiel. Die vergessene Spring beim Ablegen. Da half nur lernen und viel, viel üben. Jedes Wochenende war sie auf dem Ijsselmeer mit Tochter Astrid: »Segelschule Ultima Ratio«. »Grundlagenwissen erarbeite ich mir«, sagte sie, wenn jemand zweifelte oder sie gar kritisierte. Und davon gab es einige. Ingeborg hält fest: »Sieh an, eine Frau auf einem Neun-Meter-Schiff und nur mit der Tochter. Wo ist denn der Ehemann?« Kaiser Wilhelms Zeiten waren so weit weg noch nicht. Nein, das war bedenklich und nicht zu akzeptieren. Rückblickend eine amüsante Kombination. Man stelle sich die beiden Blonden an Bord von ULTIMA RATIO auf dem Ijsselmeer vor, das damals vor dem Bau eines Binnendeiches fast halbiert wurde. Ingeborg in ihrem Tagebuch: Frauen fehlt die Rippe. Daran ist nicht zu zweifeln. Sie sind in ihre jetzige Bahn gedrückt, die biologische Seite ist auf keinen Fall zu vergessen. Trotzdem kann ich als Frau nach den Sternen greifen. Dass die Tochter sich bald selbstständig machen würde, ließ sich schnell erkennen. In den Sommerferien, die Astrid lieber mit Freunden verbringen wollte, segelte Ingeborg ihre ersten Einhandtörns. Durch die holländischen Kanäle, hinaus auf die Nordsee, die Küste entlang bis Ostende und Dünkirchen. Der nächste Törn führte schon über den Kanal nach England und über die durchaus navigatorisch komplizierte Themsemündung. Immerzu machte die Maschine Trouble. Es war ein Benziner mit Fallbenzinsystem. In jedem Hafen musste der Vergaser in Teile zerlegt und gesäubert werden. Glücklicherweise hatte Ingeborg durch ihren Beruf das notwendige Know-how. Die Eignung zum Sporthochseeschiffer wurde von Lehrern der Seefahrtschule Bremen nach vielen ermüdenden Unterrichtstunden erteilt. Wenig später hatte sie bereits das Patent als Sporthochseeschiffer in der Tasche. Die Prüfung absolvierte sie im Düsseldorfer Yachtclub. Die Prüfer allerdings kamen aus Bremen von der dortigen Seefahrtschule und fragten sie, die sich mit der Theorie der Astronavigation sehr schwertat, zum Beispiel nach dem Sternzeichen auf der Südhalbkugel, das dem großen Wagen der nördlichen Halbkugel als Richtungsweiser gleichkommt. Sie schreibt: Mein Gott, das wusste ich. Das Kreuz des Südens. Hat mich am Ende wohl rausgerissen, denn die Prüfer wollten partout kein Auge zudrücken. Mit dem bestandenen Patent konnte sie mit Sextant, exakter Uhrzeit und Tafeln navigieren und ihre Position errechnen. Ein schwieriges Unterfangen, an dem damals viele Segler, die vom Meer träumten, scheiterten. 1964, im letzten Jahr mit der geliebten Stahlslup, segelte die eingefleischte Kauffrau über die Themsemündung nach Burnham-on-Crouch. Es ist sehr früh. Gerade eben nach Sonnenaufgang. Nebelschwaden ziehen über das weite Wasser. Es ist zauberhaft, das Licht, die Stimmung, alles, aber dafür habe ich eigentlich keine Zeit. Die Karte liegt auf meinen Knien, die Augen auf die vielen Bojen gerichtet und auf den Kompass und die verschiedenen Strömungen, die man richtig laufen sieht. Dann die großen Dampfer, ganz dicht schräg von achtern, aber gut zu wissen, dass es zwischen ihnen und mir nichts als flaches Wasser gibt. Ich sehe auf den Goodwin Sands Schiffe, die dort gestrandet sind und langsam vor sich hin rosten. Die Alleinseglerin steuerte den River Crouch an. Alle Boote lagen wie in englischen Tidenflüssen üblich in der Mitte an Bojen vertäut. Hunderte und mehr. Sie musste bei auflaufender Tide den Fluss hinaufsegeln, eine freie Boje aufpicken und die Kette an Deck nehmen. Boje aufpicken. Alleine eine tricky Aufgabe. Die Engländer haben einen besonderen Bootshaken dafür. Ich nur meinen normalen, darf sie also nicht verfehlen, denn die Boote liegen ziemlich dicht um mich herum. Alles muss in der Strömung, zudem unter Segel, schnell passieren. Der Vergaser ist mal wieder dicht. Es geht gut. Ich freue mich im Nachhinein, denn solch ein Manöver, wenn es misslingt, kann einem viel Enthusiasmus nehmen. Ganz stolz setzte sie sich in ihr Dingi und ruderte in den Segelclub. Hier erfuhr sie bei einem Guinness, dass ULTIMA die erste deutsche Besucheryacht nach dem Krieg war. Der Abend war gebongt. Ein weiteres Glas Bier stand immer bereit. Von Colchester, einem anderen Flusshafen, zurück nach Holland machte die Einhandseglerin noch eine Erfahrung: ihre erste Nachtfahrt auf See. Überall Lichter und kein Schlaf, das machte es anstrengend, sich zurechtzufinden. Doch damit konnte sie ihre Segelfreunde verblüffen, denn keiner hatte bisher eine Nachtfahrt über die Nordsee riskiert. All das ist über 60 Jahre her. Gegenwärtig springt man an Bord, schaltet die Instrumente an und segelt einfach los. Viele haben vor langer Zeit gezeigt, dass es auch ohne diese Technik gelingen kann. In ihrem England-Logbuch hält Ingeborg fest: Immer sind es die Ersten, die Abenteurer, die Entdecker, die wichtig sind. Sei es Captain Cook, der später auf Hawaii von Eingeborenen erschlagen wurde, Magellan auf der allerersten Weltumseglung oder der Argentinier Vito Dumas, der mit seiner Yacht LEGH, einem Collin-Archer-Typ, 1942/43 seine legendäre Weltumseglung machte. Er war der erste Einhandsegler, der das Kap der Guten Hoffnung und Kap Hoorn umrundete – und überlebte. 1965 fand die endgültige Abnabelung statt. Die Tochter mietete ein Apartement in Düsseldorf, Ingeborgs Geschäftsanteile gingen an ihren ehemaligen Ehemann, die Slup wurde verkauft. Der Ozean konnte kommen – mit Weite, völliger Unabhängigkeit und viel Exotik. Aus ihrem Tagebuch: Wie wundervoll ist es. Ich kann essen, wann ich will, und bis in die Puppen schlafen. Und ich habe ein bisschen Geld übrig. Vor allem: Ich habe mein Hochseeschiffer-Patent. Damit beherrsche ich die Astronavigation. Nur das richtige Schiff, das vermeintlich richtige Schiff, fehlt. Auf der Suche fuhr sie mit Tochter Astrid zur London Boatshow, mit der Empfehlung, sich einmal eine Dreirumpf-Konstruktion anzusehen. Aber dann: sehen, zuhören,...