E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Epstein Wave of Lies
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7336-0414-1
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Jugendthriller voller Geheimnisse, Spannung und Lügen ¦ Jugendbuch ab 14 Jahre
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-7336-0414-1
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sarah Epstein wuchs in Sydney auf und lebt inzwischen in Melbourne, zusammen mit ihrem Mann, zwei Söhnen und einer Hundedame namens Luna. Sie studierte Graphikdesign, doch Sarah fand schnell heraus, dass nicht das Gestalten von Büchern, sondern das Schreiben sie wirklich glücklich macht. Genau wie ihre Leser. In Australien hat sie bereits zahlreiche Preise gewonnen.
Weitere Infos & Material
1 Chloe
Heute
Im Abwasserkanal suchten wir Henry zuerst. Dann an den überfluteten Ufern des Shallow Reservoir. Der Sturm der vergangenen Nacht war seit Jahren der stärkste und wildeste in dieser Gegend gewesen. Innerhalb einer Stunde regnete und hagelte es so viel wie normalerweise in zwei Monaten, Äste brachen von den Bäumen ab, und Rinnsteine verwandelten sich in reißende Bäche. Vom Dach des Postgebäudes wurden Wellblechplatten gerissen, und bei Cutler Bend, wo erst vor einem Jahr ein Buschfeuer gewütet hatte, ging eine Schlammlawine ab.
Es war eine Nacht, die alles gründlich durchkaute und wieder ausspuckte. Keiner von uns wollte darüber nachdenken, dass sie womöglich Henry zwischen die Zähne bekommen hatte.
Wir klopften an Haustüren und fragten in den Läden, sahen auch in der Bibliothek und an seinem angestammten Angelplatz nach. Erst am frühen Nachmittag stolperte jemand über ein schlammiges Mountainbike im Wartebereich des Bahnhofs. Es war ordentlich auf dem Ständer abgestellt, und das Vorderrad stand in einem koketten Winkel, als ob es sagen wollte: »Wo bleibt ihr denn?« Anfangs waren wir erleichtert, dass Henry es unbeschadet zum Bahnhof geschafft hatte. Vermutlich hatte er den Nachtzug genommen oder einen der ersten Züge am frühen Morgen. Wir mussten nur ein paar Stunden lang warten, bis er wieder nach Hause kam.
Aber aus den Stunden wurden Tage.
Aus Tagen Wochen.
Und mittlerweile haben sich die Wochen zu Monaten ausgedehnt.
Seit Januar lese ich alles über vermisste Personen, was ich auftreiben kann. Einige Menschen gehen absichtlich fort, sie laufen weg oder brauchen einfach eine Auszeit; andere gehen verloren, ohne es zu wollen, durch einen Unfall oder eine psychische Störung. Manchmal, wie bei Entführungen oder Mord, ist Gewalt im Spiel.
Und wenn eine Person länger als drei Monate nicht auftaucht, dann gilt sie als langzeit-vermisst. Henry ist jetzt seit zwei Monaten und dreißig Tagen fort.
Ab morgen ist er ein Langzeit-Vermisster.
Am nächsten Freitag wird er vierzehn.
Ich habe früher nie großartig über verschwundene Teenager nachgedacht. Die meisten, von denen man in den Social Media liest, tauchen nach ein paar Tagen – ein bisschen zerschlissen – wieder auf und müssen eine Menge Fragen beantworten. Aber abgesehen von der flüchtigen Überlegung, warum sie überhaupt abgehauen waren, hatte ich nie darüber nachgedacht, was in diesen verschwundenen Tagen passiert war, in diesem schwarzen Abgrund zwischen Davonlaufen und ihrem Wiederauftauchen.
Jetzt kann ich an nichts anderes mehr denken.
Wo schlafen diese Kids? Haben sie es warm genug? Haben sie Geld, um sich etwas zu essen zu kaufen? Können sie sich duschen und die Zähne putzen? Fällt es ihnen leicht, einzuschlafen, oder liegen sie stundenlang in der Dunkelheit wach und fühlen sich allein?
Auf einer Website stand, dass eine vermisste Person sein könnte, was sich total dämlich anhört, so als hätte man sich auf einem Ausflug den Fuß verstaucht. Das erinnert mich an eine Unterhaltung mit Henry ein paar Monate vor seinem Verschwinden. Wir standen an der Tankstelle auf der Bridge Road, von wo aus man die Gleise sehen kann, und Henry blickte einem Zug nach, der gerade aus dem Bahnhof ausfuhr und allmählich Geschwindigkeit aufnahm, während er in Richtung Sydney davontuckerte.
»Wenn ich von hier weggehe«, sagte er zu mir, »dann nicht so wie du. Ich werde nicht immer wieder zurückkommen.«
So, wie er das sagte, hätte man meinen können, dass ich eine Wahl habe. Seit Jahren springe ich zwischen meinen Eltern hin und her wie ein Pingpongball. Nach der Trennung hat sich mein Dad auf jede Sorgerechtsvereinbarung eingelassen, die Mum ihm vorschrieb, weil er nicht wollte, dass wir vor dem Familiengericht landen.
»Aber hier ist dein Zuhause«, sagte ich und schaute von dem Fahrradreifen hoch, den ich gerade aufpumpte. »Wirst du das alles nicht vermissen?«
Henry zuckte mit den Schultern. »Nö. Manchmal, wenn ich aufs Rad steige, dann will ich einfach nur weiterfahren und nicht zurückschauen.« Er fuhr mit der Hand durch sein Haar und setzte dann die grüne Baseballkappe mit dem -Schriftzug wieder auf, die sein Gesicht beschattete. »Erinnerst du dich an diese alten Schwarzweißfilme, die Onkel Bernie so toll findet?«
»Die Western?«
»Ja«, sagte er. »Du weißt schon, wenn der Cowboy am Ende auf sein Pferd steigt und in den Sonnenaufgang reitet. Alle Kinder kommen angerannt und bleiben am Rand der Stadt stehen, bis er nur noch ein winziger Fleck am Horizont ist. Dann blinzeln sie einmal, und weg ist er, und sie wissen, dass sie ihn nie wiedersehen.«
»Mm-hmm.«
»Das bin ich. Auf zu neuen Abenteuern.«
Damals habe ich nur mit halbem Ohr zugehört. Vielleicht habe ich gelacht oder etwas Wegwerfendes gesagt.
Dann habe ich geblinzelt, Henry.
Und jetzt bist du weg.
Ich gehe der Länge nach durch den Wartebereich des Bahnhofs und einmal rund um die mit Waschbetonplatten belegte Stelle, wo man Henrys Fahrrad gefunden hat. Seit Januar wurde hier regelmäßig gefegt, vermutlich auch nass gewischt oder der Boden sogar mit einem Schlauch abgespritzt. Jede Spur von Henry wurde weggewaschen, genau wie The Shallows von jenem Sturm durchgespült und ausgewrungen wurde.
Ich kann ihn hier nicht fühlen. Nicht auf eine psychische oder spirituelle Art, an so etwas glaube ich nicht. Ich halte mich an Fakten, Hinweise, an alles, was ich sehen und greifen kann, was mir hilft, die Dinge zusammenzusetzen. Aber ich glaube an Bauchgefühl. Und im Moment kann ich mir einfach nicht vorstellen, wie Henrys nasse Fußspuren von dem Wartebereich hinaus auf den Bahnsteig führen, und genauso schwer fällt es mir zu akzeptieren, dass er ein Ausreißer ist. Er ist wie ein Bruder für mich. Er würde nicht einfach so für immer weggehen, ohne sich zu verabschieden.
Aber vielleicht redet mir das auch nur mein Schuldgefühl ein.
Ich gehe auf den Bahnsteig, wobei ich rechts und links die Gleise entlangblicke. Ein kleines Stinktier huscht über eine Eisenbahnschwelle in ein Büschel totes Gras. Es ist immer noch Nachmittag. Trübe und bewölkt. Ich schließe die Augen und versuche, diese rabenschwarze Januarnacht vor mir zu sehen, die peitschenden Bäume und den Regen, der von der Seite kam, den brausenden Wind, der gegen Gebäude schlug und durch Ritzen stöhnte wie eine gepeinigte Seele. Ich weiß, warum ich das Risiko einging, mich in dieses Wetter hinauszuwagen, aber welchen Grund hatte Henry? Was war geschehen, dass er sich in so einer Nacht in einen Zug setzte, in die Stadt fuhr, weit weg von allem, was er kannte?
»Tach«, sagt eine Stimme hinter mir.
Ruckartig drehe ich mich um. Ein alter Mann schlurft durch das Eingangsgatter in den Wartebereich. Er legt grüßend seine Finger an den Schirm seiner Mütze und scheint mich nicht zu erkennen, obwohl ich ihn auf der Straße anlächele, seit ich sechs bin.
»Hallo Mr. Milburn«, sage ich. »Ich bin’s, Chloe Baxter.«
Er stutzt und legt den Kopf in den Nacken, um mich durch seine Bifokalbrille zu mustern. Er braucht eine Weile, um das Bild der Sechzehnjährigen, die vor ein paar Monaten von hier wegging, mit der Person in Einklang zu bringen, die zurückgekehrt ist. Als es ihm gelingt, ist ein Zucken seiner Augenbrauen der einzige Hinweis darauf, dass er mich erkennt, obwohl ich meine langen, dunkelblonden Haare abgeschnitten habe und jetzt einen mausbraunen Kurzhaarschnitt trage. Die Sommerbräune meiner Haut ist einem teigigen Weiß gewichen, und statt der luftigen Blumenkleider trage ich ein düsteres, schwarzes T-Shirt und Jeans. So ist das in The Shallows – die Leute tun so, als würden sie sich um ihren eigenen Kram kümmern, und niemand sagt einem offen die Meinung ins Gesicht. Wenn es um Flohmärkte und Grillabende geht, wird Gemeinschaft zwar großgeschrieben, aber sobald auch nur der Hauch einer Missstimmung auftaucht, will niemand etwas damit zu tun haben.
»Ich habe etwas für Sie«, sage ich zu Mr. Milburn und gehe schnell zu meinem Koffer, der neben dem Eingang zum Bahnhofsgebäude steht. Ich ziehe einen Hefter aus dem Seitenfach und zupfe ein Blatt Papier heraus. Oben auf der Seite prangt in Großbuchstaben die Überschrift IMMER NOCH VERMISST und darunter ein großes Farbfoto von Henry. Ich pflastere seit Monaten die Bahnhöfe und Einkaufszentren in Sydney damit.
Haben Sie den dreizehnjährigen Henry Weaver gesehen?, steht darauf. Henrys Hautfarbe ist weiß, er ist etwa 1,53 m groß, von schlankem Wuchs, mit blauen Augen und hellbraunen Haaren. Er trägt möglicherweise eine grüne Baseballkappe und schwarze Sneaker und hat einen blau-gelben Rucksack bei sich.
»Würden Sie das bitte im Bowling-Club aufhängen?«, frage ich. »Es sind neue Poster, mit einem anderen Foto.«
...



