Enxing / Gautier | Satisfactio | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 122, 360 Seiten, Format (B × H): 145 mm x 215 mm

Reihe: Beihefte zur Ökumenischen Rundschau (BÖR)

Enxing / Gautier Satisfactio

Über (Un-)Möglichkeiten von Wiedergutmachung

E-Book, Deutsch, Band 122, 360 Seiten, Format (B × H): 145 mm x 215 mm

Reihe: Beihefte zur Ökumenischen Rundschau (BÖR)

ISBN: 978-3-374-05830-3
Verlag: Evangelische Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit dem Sammelband 'Satisfactio' bildet das DFG-Netzwerk 'Schuld ErTragen. Die Kirche und ihre Schuld' den Stand eines dreijährigen Diskussionsprozesses ab. Nach den Publikationen 'Contritio' (BÖR 114) und 'Confessio' (BÖR 118) beleuchtet 'Satisfactio' die Frage nach einer Transformation von Beziehungen, die durch Schuld gebrochen sind.
Mehr noch als bei Reue (Confessio) und Schuldbekenntnis (Contritio), steht hierbei der Gedanke des aktiven Tuns im Mittelpunkt des Bußelements der Wiedergutmachung (Satisfactio). Satisfactio impliziert es, sich der Herausforderung zu stellen, Verantwortlichkeiten auszumachen und einzufordern. Am Ende finden sich zehn Thesen, die als 'Kondensat' der Netzwerkarbeit verstanden werden können.

Mit Beiträgen von Carina Brankovic, Julia Enxing, Ottmar Fuchs, Dominik Gautier, Gerard den Hertog, Sören Koselitz, Jutta Koslowski, Anne Kratzert, Ulrike Link-Wieczorek, Adrian Loretan, Barbara Meyer,
Katharina Peetz, Dorothea Sattler, Dorothea Wojtczak und Knut Wormstädt.

[Satisfactio. (Im-)Possiblities of Redemption]
With this anthology titled 'Satisfactio' the DFG-network 'Bearing Guilt. The Church and its Guilt' summarizes a three-year discussion process. After both the publications 'Contritio' (BÖR 114) and 'Confessio' (BÖR 118), it sheds light on the question of how relations that are broken by guilt can be transformed. Even more than it is the case with regret (confessio) and confession of guilt (contritio), the idea of human activity is central to 'satisfactio'. It aims at identifying responsibilities as well as demanding to accept these responsibilities. The publication closes with ten theses that can be understood as a 'condensate' of the network’s discussion.
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Weitere Infos & Material


Eschatologische Rettung als Raum
unerschöpflicher »Satisfaktion«
Ottmar Fuchs 1. Hinführung
Die Überlegungen zum Gericht haben ihre Wurzeln in einer mich persönlich bewegenden Problematik. Im Rückblick erkenne ich darin ein bedeutsames Element meiner biographischen Herkunft, die auch mein pastoraltheologisches Forschen und Lehren geprägt hat. Ich denke an meine ersten intensiven Lektüreerfahrungen hinsichtlich des Holocaust, die weit in meine frühe Jugendzeit zurückgehen. Ich fühle bis heute die Hilflosigkeit, weil man nicht in die Vergangenheit eingreifen und etwas verändern kann. Die Opfer bleiben unwiederbringbar vernichtet. Eine nachträgliche Rettung ist nicht möglich. Und viele Täter und Täterinnen entkommen ihrer Verantwortung. Mit diesem Thema bin ich bis heute nicht »fertig«. Wie könnte man auch. Fertig wird man damit erst im Tod sein, wenn sich alles erweisen wird. Diese Einsicht, die eindrucksvoll mit diesbezüglichen kontraeffektiven Vergebungsvorgängen gegenüber NS-Tätern konfrontiert wird, korrespondiert mit dem Anliegen, die eigene Sünde nicht nur in der Beziehung zu Gott »erledigt« glauben zu wollen, sondern dass gerade diese Gottesbeziehung zu den Sündern und Sünderinnen ermöglicht und fordert, die Beziehung zu denen, denen Leid zugefügt wurde, aufzunehmen, oder, wenn dies nicht mehr möglich ist, in einer gegenwartsbezogenen Sühne zu Gunsten gegenwärtiger Leidender jene Verpflichtung zu leben, die aus der Vergebung heraus ermöglicht und provoziert wird. Die Versöhnung mit Gott ist kein Umgehungsunternehmen hinsichtlich der »Wiedergutmachung«, sondern setzt sie in Kraft. Und auch die Bußwerke sind nicht Bedingungen der Lossprechung in der Beichte, sondern gehören als Genugtuung zum Bußsakrament insofern, als damit die Sündenfolgen bearbeitet werden. Die Sündenvergebung selbst tangieren sie nicht. Letztere steht nicht unter der Bedingung, dass die Umkehr gelingt. Auch und gerade hier muss Luthers Rechtfertigungstheologie radikal ernst genommen werden. Die satisfactio ist nicht Bedingung der Vergebung, aber wenn sie nicht geschieht, falsifiziert sie die Wirksamkeit der Vergebung, aber nicht die Vergebung, also nicht die Gnade, denn auch die reuelosen Täter bleiben geliebt. Niemand fällt aus der radikal gedachten Rechtfertigungsgnade heraus.3 Darin spiegelt sich die Vorgängigkeit der unblockierten Erfahrung der Liebe Gottes im Gericht, insofern Gott die Menschen aus unendlich Leben schenkender Wertschätzung heraus auferweckt und ihnen dadurch zeigt, dass er sie in Ewigkeit zuerst liebt (vgl. 1 Joh 4,10). In der »Konfrontation« mit dieser Vorgängigkeit der Liebe Gottes im Gericht ist jener unterschiedliche Reueschmerz möglich, wie er gerechterweise dem jeweiligen vergangenen Leben der Menschen entspricht. Was derart in der eschatologischen »Genugtuung« durch die »Gewalt« der unmittelbaren Ansichtigkeit der unendlichen Freiheit und Liebe Gottes unumgänglich ist, kann im diesseitigen Bußgeschehen noch weit auseinanderklaffen. Alle erfahren sich, wer immer sie waren, in die Liebe Gottes aufgenommen. Niemand wird mit Liebesentzug bestraft. Aber genau das verschärft das Gericht, denn als derart unbedingt Geliebte sehen die Menschen ihre Taten und die Opfer mit einem anderen Blick, mit dem Blick brennender Liebe, je nachdem, was sie anderen an Leid zugefügt haben. Das Gericht ist darin nicht nur ein Vorgang zwischen den Menschen und Gott, sondern zugleich hineinverwurzelt in die Begegnung derer, denen Leid zugefügt wurde, mit denen, die ihnen dieses Leid zugefügt haben. In der Gottesbeziehung des sündigen Menschen wird also der Mensch, dem Leid zugefügt wurde, nicht unsichtbar gemacht.6 2. Schrei nach Vergeltung
Angesichts des unermesslichen Leidens, das die Menschen den Menschen antun, verbindet sich die Frage nach Gott elementar mit der Frage danach, ob die Opfer ewig verloren sind und ob die Täter und Täterinnen ewig triumphieren können oder ob es einen Gott gibt, der intervenieren wird, der nicht alles »egal« ausgehen lässt, sondern eine Zäsur setzt, in der die Opfer gerettet und gehört und in der die Täter angeklagt und zur genugtuenden Rechenschaft gezogen werden. Gibt es kein diesbezügliches Gottesgericht, dann wäre ein Weiterleben nach dem Tod letztlich durch die Verhöhnung der Opfer und die nachträgliche Legitimation der Täter und Täterinnen erkauft. Aus der Gerechtigkeitsperspektive träfe sich eine solche Eschatologie mit dem Atheismus, der ebenfalls davon ausgehen muss, dass es für die geschichtliche Aporie des Leidens und der Ungerechtigkeit keine Lösung gibt. Dafür stehen auch die Rachepsalmen. Vieles ist und bleibt unverzeihbar. Vergebung kann nicht geschehen. Mit Vergebung allein wäre auch noch nicht viel wieder gutgemacht. aber doch eine notwendige, die das Schlimmste verhindert und vor allem die Erstreaktion blockiert. Wer noch nicht so fähig ist, »die andere Wange hinzuhalten«, wird wenigstens im Gewaltaufruf Gottes die eigene Gewalt hintanstellen. In der biblischen Spiritualität wird also die Unfähigkeit sehr schlimm Geschädigter zu vergeben, ihrerseits in die Gottesbeziehung aufgenommen. Aber dann muss Gott auch wirklich »vergelten«, aber wie? Der Schrei nach Vergeltung darf nicht ins Leere gehen. »Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! […] Rächt euch nicht selber, liebe Brüder, sondern lasst Raum für den Zorn (Gottes); denn in der Schrift steht: Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr. Viel mehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt. Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute.«9 Die Aussicht auf die Rache Gottes verhindert nicht nur Gewalt, sondern ermöglicht in ihrem Rücken die »Feindesliebe«, genauer Taten der Feindesliebe, die aber letztlich eschatologische Taten des Feindeshasses sind. Auch hier findet sich gewiss nicht die Höchstform von gewaltabrüstender Motivationsarbeit. Immerhin begegnet damit eine biblische Version, mit den Rachewünschen der Menschen umzugehen, und zwar so konstruktiv, dass jedenfalls menschliche Gewalt die Menschen nicht mehr erreicht. Und dann ist es immer noch einmal eine Frage, wie die Überantwortung an die Rache Gottes in der Gnade Gottes selber aussieht. Letztlich wird das Ganze seiner Verfügbarkeit und letztlich auch jenem Rechtfertigungshandeln Gottes übergeben, das Paulus so intensiv zu präzisieren wusste. Aber wie, ohne den Aspekt der Vergeltung, der »Wiedergutmachung« zu verlieren? betone ich jetzt den Vergeltungsaspekt, der mit der Hoffnung gegeben ist, dass jene sogenannten Fluchpsalmen, die die Rache Gottes für die schlimmsten Täterinnen und Täter aufrufen, nicht ungehört bleiben.11 Es ist tatsächlich »eine moralisch anmaßende Heuchelei«, Menschen, denen Schlimmstes zugefügt wurde, zum Verzeihen aufzufordern und dies als Pflicht zur Nächstenliebe zu deklarieren.12 Dies gilt auch eschatologisch! innerhalb der Seligkeit selber und innerhalb einer Versöhnung, die nie aufhört und genau darin unendliche Seligkeit erfahren lässt.14 Satisfactio ist reine Gnade, geschieht aus der reinen Gabe heraus.15 Satisfactio ist die »bittere« Seite der Gnade.16 3. Verwundungen
Der Zorn Gottes auf alles Lieblose und auch auf die Lieblosen, diese entscheidende Kategorie in der Bibel, nämlich dass Gott zornig wird, wird sich auch im Gericht ereignen, wird darin nicht verschwinden, sondern seine präziseste Qualität in der Anklage und Verurteilung der Sünder und Sünderinnen erreichen. Es ist weiterhin in Christus der im Zorn richtende Gott, der nichts vergibt, was nicht in der Liebe aufgenommen und darin dem entsprechenden Prozess übergeben ist.17 dass das Unverzeihliche, ohne die Unverzeihlichkeit aufzulösen, gleichwohl »verziehen« wird (aber dieses Wort stimmt dann auch schon nicht mehr), können sich die Sünder und Sünderinnen, im Sprachspiel des Paulus, als verurteilt und gerecht gesprochen erfahren. Gott ist hier die reine Unmöglichkeit, theologisch formuliert die reine Gnade.19 Den Satz, dass Gottes Liebe »nicht der Sündenmenge«20 denkt, halte ich eschatologisch für falsch: Gott erinnert an jede Sünde, bringt sie in die Anklage und Verurteilung, und begegnet ihr darin mit unendlicher Liebe. Eine Versöhnung kann es in Ewigkeit nicht, also niemals geben, so sagen viele Betroffene: Eben deswegen gibt es sie nur in der Unmöglichkeit der göttlichen Ewigkeit. Denn Leid hat in der Liebe Ewigkeitswert. Es ist buchstäblich not-wendig, dass sie nicht dadurch ein zweites Mal leiden müssen und zu Opfern gemacht werden, dass das ihnen zugefügte Leiden nichts »wert« ist und nicht einmal den Wert hat, bei den Täterinnen und Tätern Reaktionen auszulösen, in denen auch sie diese Versöhnung enorm viel kostet.23 So begegnet in...


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