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E-Book, Deutsch, 219 Seiten

Engler Lüge als Prinzip

Aufrichtigkeit im Kapitalismus
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-8412-0046-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Aufrichtigkeit im Kapitalismus

E-Book, Deutsch, 219 Seiten

ISBN: 978-3-8412-0046-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was der Kapitalismus aus uns macht. Aufrichtigkeit ist ein Schlüsselbegriff zum Verständnis der bürgerlichen Kultur. Durch Aufrichtigkeit und ihre Inszenierungen schuf sich das Bürgertum eine Vertrauensbasis in einer feindlichen Umwelt. Aufrichtigkeit war die Zauberformel für den Umgang unter freien und gleichen Menschen. Das reife Bürgertum entsorgte diese Utopie, setzte auf die unsichtbare Hand, auf Recht und Verträge. Eigennutz und Selbstinteresse, derart gezügelt, schienen hinreichende Garanten für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der jüngste Crash des globalen Kapitalismus widerlegt diese Doktrin ultimativ. Gerade moderne Gesellschaften leben von dem Vertrauen, das normale Menschen in die Redlichkeit der maßgeblichen Akteure setzen. Das Fazit von Englers brillanter Analyse der tiefgreifenden Wandlungen der bürgerlichen Lebenskultur: Nur wenn der Kapitalismus an sein sozialmoralisches Erbe anknüpft, bleibt er politisch mehrheitsfähig. Wolfgang Erler überrescht mit einer facettenreichen Darstellung über Aufrichtigkeit und Lüge im sozialen Umgang seit der Aufklärung. Seine Kulturkritische Studie gibt Orientierung bei der Suche nach Konsequenzen angesichts der Verwerfung in unserer Gesellschaft: Aufrichtigkeit ist ein Gebot der praktischen Vernunft. 'Ein Denker, der buchstäblich aufs Ganze, an die Wurzel der Dinge geht.' Die Zeit.

Wolfgang Engler, geboren 1952 in Dresden, Soziologe und langjähriger Dozent an der Schauspielhochschule 'Ernst Busch' in Berlin, von 2005 bis 2017 dort Rektor. Bei Aufbau erschienen 'Unerhörte Freiheit. Arbeit und Bildung in Zukunft', 'Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land', 'Die Ostdeutschen als Avantgarde' und 'Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft'. Zuletzt, zusammen mit Jana Hensel, 'Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein'. Er lebt in Berlin.

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1;Inhalt;6
2;In der Wahrheitsfalle;10
3;Aufrichtigkeit als Gebot der Gegenwart;22
3.1;Regeln für den Hausgebrauch;22
3.2;Die Regeln des Marktes;31
4;Das Theater der Aufrichtigkeit;62
4.1;Hommage an Michel Foucault Philosophisches Geleit: Gorgias;62
4.2;Zeigen und Schweigen;64
4.3;Aufrichtigkeit im Grundriss;78
4.4;Aufrichtigkeit in der Entfaltung;95
4.5;»Aufrichtige« Soziologie;115
4.6;Aufrichtigkeit im Umbruch;130
5;Aufrichtig, authentisch, echt;148
6;Anhang;174


(S. 61-62)


Der Zweifel an der Brauchbarkeit der menschlichen Sprache für Verständigungszwecke ist alt. Auch innerhalb der europäischen Denktradition reicht er weit zurück. Ausgangs des fünften vorchristlichen Jahrhunderts zieht Gorgias ein erstes Resümee. Angenommen, es gäbe ein Seiendes (das es nicht gibt) und dieses Seiende wäre erkennbar (was es nicht ist), so ließe sich diese Erkenntnis den Mitmenschen gleichwohl nicht adäquat vermitteln. Denn erstens erlischt im Wort die lebendige Vorstellung der Dinge. Wie »könnte das [Ding] dem deutlich werden, der es gehört, aber nicht gesehen hat?

Denn gerade wie das Auge nicht die Töne wahrnimmt, so hört auch das Gehör keine Farben, sondern Töne. Und es spricht der Sprechende [Worte], aber keine Farbe und überhaupt kein Ding. Wovon jemand nun [überhaupt] keine Vorstellung hat, wie könnte er das von einem anderen vermittels eines Wortes oder irgendeines Zeichens, das doch von dem Dinge selber verschieden ist, geistig aufnehmen?«43 Wären die Vorstellungen im Wort mitteilbar, so bedeuteten sie zweitens für den Sprecher und den Hörer nicht dasselbe. »Denn es ist doch nicht möglich, daß dasselbe [Ding] zugleich in mehreren Personen, die voneinander getrennt sind, vorhanden ist!

Denn dann wäre ja das Eine zwei! Wenn es aber auch in mehreren Personen vorhanden und dasselbe wäre, so spricht doch nichts dagegen, daß es ihnen nicht gleich erscheint, wenn sie nicht in jeder Hinsicht gleich sind und in demselben [Körper]. Denn wenn es so wäre, dann wäre es eine einzige, aber nicht zwei Personen!« Die Worte sind nicht die Dinge und repräsentieren sie auch nicht. Zumindest nicht so, dass auch nur zwei Menschen dasselbe darunter verstünden.

Falls doch, dann handelte es sich gar nicht um verschiedene Personen, sondern nur um eine einzige. In diesem Fall wäre das Verständnis gesichert, die Kommunikation hingegen entbehrlich. Bemerkenswert an diesen Äußerungen ist, dass sie von einem Meister der Rhetorik stammen. Aber vielleicht war es gerade die rhetorische Praxis, die Gorgias an der Sachdienlichkeit der Worte zweifeln ließ. Viele Bedingungen mussten zusammentreffen, ehe man die Unmöglichkeit, im Wort das Seiende unmittelbar auszusagen, als Tragödie statt als Eigenart der sprachlichen Kommunikation begriff.



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