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E-Book, Deutsch, 186 Seiten

Engelmann Scherbengalerie Wintermoor

Die verlassene Klinik in Wintermoor, eine heimliche Foto-Ausstellung und die Wiederentdeckung der Vergänglichkeit
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-9378-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die verlassene Klinik in Wintermoor, eine heimliche Foto-Ausstellung und die Wiederentdeckung der Vergänglichkeit

E-Book, Deutsch, 186 Seiten

ISBN: 978-3-7526-9378-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Dutzend leerstehende Baracken mitten in der Heide strahlen eine Gelassenheit aus, die im Widerspruch steht zur Verwüstung und dem Scherbenmeer. Zwei Fotografen streifen durch das Gelände, nähern sich dem ehemaligen Krankenhaus mit Respekt und erfinden eine Fotoausstellung ohne Vernissage und Zuschauer. Die Recherche zur Geschichte des Hauses ergibt eine bunte Mischung und wird von Ingo Engelmann um Gespräche mit Zeitzeugen und literarische Ausflüge erweitert. Schließlich wird aus dem Fotoprojekt ein Weg durch die Scherbenwelt, ihre Landschaft und ihre Sprache. Ein Kaleidoskop, wie man es in der Heide nicht erwarten würde. Mit über fünfzig Fotos aus der "Scherbenwelt Nordheide". "Ingo Engelmann, das wissen wir längst, ist ein vorzüglicher Autor. Ihn zu lesen ist ein Vergnügen." (Soziale Psychiatrie)

Ingo Engelmann, geb. 1951, Dr.phil., Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Musiktherapeut. Nach 12 Jahren Berufstätigkeit in der ambulanten Sozialpsychiatrie langjährig im Psychiatrischen Krankenhaus tätig (Einzel- und Gruppentherapie, Musiktherapie). Mehrere Bücher und zahlreiche Artikel in Fachzeitschriften zu Themen der Sozialpsychiatrie, Psychodynamik und Musiktherapie. Zuletzt: "Wie ich die Holmer Müllerstochter kennenlernte. Psychodynamik einer Begegnung von Kunst und Heimat" (Verlag BoD 2019). Mehrere Foto-Ausstellungen seit 2012.

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2. Romantisierung, Verfolgung, Therapie
Stichworte zur Geschichte der Schwindsucht
Jedes Zeitalter findet eine Krankheit, die besonders gefürchtet ist, besonders viele Opfer fordert und sowohl die Phantasie als auch die seelische Abwehr besonders herausfordert. In früheren Jahrhunderten waren das beispielsweise die Pest oder die Syphilis gewesen. Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ist es die Schwindsucht9. Namhafte Schriftsteller sterben daran und hinterlassen literarische Dokumente ihres Leidens, Friedrich von Schiller, Novalis, Arthur Schnitzler, Franz Kafka, Klabund und andere. Thomas Mann besucht seine Frau Katja im Lungensanatorium in Davos und schreibt zehn Jahre später seinen Roman „Der Zauberberg“ (s. Kapitel 3.1.). Edvard Munch lebt zeitlebens in der Gewissheit, sich bei seiner an Tuberkulose verstorbenen Mutter angesteckt zu haben, als er fünfjährig ihren Tod erlebt hatte, und malt sein „Krankes Kind“ ein halbes Dutzend Mal. 1826 stirbt der Komponist Carl Maria von Weber an Tuberkulose. Frederic Chopins Gesundheitszustand verschlechtert sich nach dem „Winter auf Mallorca“ mit Georges Sand (1838) bedeutend, und er erholt sich nicht so recht wieder, bis er elf Jahre später an der Schwindsucht stirbt. Die drei Standardwerke der Schwindsucht-Oper sind „La Traviata“ von Giuseppe Verdi, „La Bohéme“ von Giacomo Puccini und „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach. Der österreichische Dichter Thomas Bernhard ist schon als Jugendlicher lungenkrank, wird lange in Lungenheilstätten behandelt und leidet lebenslang unter der Krankheit. Er schildert das in seiner Autobiografie so schonungslos wie beeindruckend. Letztendlich versagt sein Herz, und er stirbt. Aber sein Leidens-Organ war die Lunge (dazu mehr im Kapitel 3.3.). Im neunzehnten Jahrhundert war das Bild der Schwindsucht eher romantisch verklärt, obwohl es sich um eine weit verbreitete und fast immer tödlich verlaufende Erkrankung handelte. Schwindsüchtige Menschen hatten oft eine vornehme Blässe, aber gerötete Wangen. Sie wirkten wie vom Schicksal gezeichnet, das zumindest phasenweise aufgedreht-quirlige Wesen ergab damit eine interessante Melange. Allerdings richtete sich das Interesse stärker auf die frühe Phase der Erkrankung. Das blutige und qualvolle Elend („Blutsturz“) mit dem tödlichen Ausgang wurde eher ausgeblendet. Mit zunehmender Industrialisierung zogen mehr Menschen in die Städte, das neu entstandene Proletariat musste über lange Zeit extrem ungesunde und beengte Lebensbedingungen ertragen. Das begünstigte die Ausbreitung der Schwindsucht massiv, und sie betraf vor allem die Altersgruppe zwischen 20 und 40 Jahren – also diejenigen, die in der Produktion unverzichtbar waren. Die „Schwindsucht“ der Literaten und der Bohéme verlor ihren zwiespältigen Reiz, und an ihre Stelle trat sie unter dem Namen „Tuberkulose“ als Geißel des Proletariats auf die Bildfläche. Der Ruf der Erkrankung veränderte sich entsprechend, und die soziale Komponente mit den entsprechenden Disksiminierungen und Abwertungen bestimmte den Umgang mit der Krankheit und den Kranken. Es wurde mehr und mehr eine Arme-Leute-Krankheit. Verständnis und ambivalentes Interesse wurden abgelöst von Diskrimierung und Unterdrückung. Mit der Entdeckung der Bakterien, die die körperlichen Veränderungen vor allem im Lungengewebe hervorriefen, wurde die Erbtheorie über den Haufen geworfen – aber das nützte den Kranken zunächst nicht viel, denn ein Heilmittel gab es lange Zeit nicht. Es wirkte sich hingegen auch sozial aus, dass die Tuberkulose als Ansteckungskrankheit erkannt wurde und damit der offen tuberkulöse Mensch ein Risiko für alle in der Familie und der Umgebung darstellte. Man ging davon aus, dass die persönliche Reinlichkeit und Disziplin eine wichtige Rolle bei der Erkrankung spielte – und im Umkehrschluss somit der Patient selbst durch Nachlässigkeit und unzuverlässige Selbstfürsorge sein Elend verursacht haben sollte. Ende des 19. Jahrhunderts wurden drastisch disziplinierende Kur-Strategien entwickelt, um den Patienten auf ein „hygienisch diszipliniertes Leben außerhalb der Anstalt“ (Forßbohm e.a. 2009, S. 19) vorzubereiten. Walter Jens beschrieb in seiner Rede zum 75. Jubiläum der Deutschen Heilstätte in Davos-Wolfgang die Haltung in den Lungenheilstätten so: Disziplin ist alles, Der Aufenthalt in einer Anstalt hat, der Rekrutenausbildung vergleichbar, den Charakter eines praktischen Kurses; wer durch eine Heilanstalt gegangen ist, gehört zum Kader derjenigen, die der Bevölkerung Anschauungsunterricht in persönlicher Gesundheitsführung erteilen. Die Zentralbegriffe hießen: Gehorsam, Strenge Hierarchie … absolute Autorität, Konsequenz und strengstes Reglement" (Jens 1976, S. 101). Und fast hellsichtig ( aus der Sicht der aktuellen Corona-Zeit) beendet er den Absatz mit dem Hinweis: Die in den Luxushäusern übliche Privat-Liegekur auf separatem Balkon galt für Turban10 bereits als Entartung: Die Kompanie hatte gefälligst in corona zu ruhen! Der Begriff „corona“ dürfte hier in der militärischen Bedeutung („Truppenkette“) gemeint sein. Das Militärische hatte der Bohème in Davos eigentlich nicht so gelegen, aber es fand immer stärkeren Eingang in die Behandlungsstrategien. Jens hatte sich mit medizinischen, sozialen und kulturgeschichtlichen Facetten von Davos beschäftigt, diesem Ort „halb Lourdes und halb Charité“, dem „Mekka der Schwindsüchtigen“. Die Hochgebirgsklinik in Davos-Wolfgang, 1901 von dem genesenen Hamburger Tuberkulose-Patienten und Kaufmann Herman Burchard als Volksklinik gegründet, war eine Art Gegenstück zum vornehmen „Berghof“ bei Thomas Mann. Trafen sich dort der Adel und das Geld, so war die Volksklinik für den einfachen Durchschnittspatienten gedacht, sozusagen die „Kassenvariante“. Damit ist auch die alpine Tuberkulose-Behandlung nun in der rauen Wirklichkeit angekommen. Die Wirklichkeit sah anders aus, sehr anders sogar, wie alte Briefe und Tagebücher beweisen. - Dokumente, in denen von Nordzimmern in bescheidenen Privatunterkünften, von Dienstbotenpflege, von versetztem Schmuck, von entwürdigender Petition – Mütter, die mit ihrem kranken Kind in der Dachkammer lebten-, von verwegenen Hoffnungen - was, am Ende, soll denn helfen wenn nicht Davos? - und von kläglicher Heimkehr die Rede ist: vom Tod im Hotel, auf der Rückfahrt, oder, oft genug, dem Exitus im Eisenbahn-Coupé (Jens 1976, S.90) Die autoritären Strategien sollten sich, eingepasst in autoritäre Gesellschaftsstrukturen bis hin zum Faschismus noch bis weit ins 20. Jahrhundert immer wieder finden. Es gab schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts Versuche, die Zwangsabsonderung offen tuberkulöser Patienten gesetzlich vorzusehen, aber 1905 kam es zunächst nur zur Meldepflicht für Todesfälle durch TBC. In Preußen wurden flächendeckend Dienststellen zur Tuberkulose-Fürsorge eingerichtet, die sowohl Beratung, Aufklärung und Begleitung zur Aufgabe hatten, als auch Datenerfassung und Kontrollfunktion. 1923 wurde dann in Preußen ein Gesetz zur Meldepflicht von TBC-Erkrankungen erlassen. Der Fürsorge-Gedanke wird immer mehr zurückgedrängt vom Aspekt der Seuchenbekämpfung. Nur in einzelnen Fällen finden sich in den zwanziger Jahren auch die fürsorgerischen, humanistischen Elemente des Umgangs mit der Tuberkulose und den an ihr Erkrankten. Ein Beispiel dafür ist der in Celle über zwei Jahrzehnte bis 1933 tätige Architekt des Neuen Bauens, Otto Haesler. Sein Ziel ist erschwinglicher Wohnraum für Arbeiterfamilien. Dabei sollen gesundheitliche und soziale Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen. In dem stilistisch ans Bauhaus erinnernden Projekt „Blumläger Feld“ kann Haesler diese Ziele in den Jahren 1930/31 weitergehend als zuvor umsetzen. Die kleinen Wohnungen liegen in Ost-West-Ausrichtung, so dass morgens die Schlafräume und nachmittags der Wohnraum belichtet sind und quergelüftet werden können. Jede Wohnung verfügt über ein eigenes WC und einen Heizkörper, der über Fernwärme aus einer Zentrale beheizt wird. Kinder können in einem winzigen Arbeitszimmer ungestört ihre Schularbeiten machen. Duschen und Badewannen gibt es im gemein-schaftlichen Waschhaus, in dem auch die Wäsche gleich durch die Abwärme der Fernheizung getrocknet wird. Abbildung 19: Im Waschhaus, Haesler-Museum, Celle Zu jeder Wohnung gehört im großen Innenhof zwischen den beiden über 200 Meter langen Bauriegeln ein Kleingarten. Und es gibt zwischen den beiden langen Bauriegeln einen Querriegel, der „Lungenflügel“ genannt wird und der mit Terrassen und Balkonen in Südausrichtung versehen ist. Dieser Bauteil soll lungenkranken Familienmitgliedern ermöglichen, die Liegekur zuhause durchzuführen und nicht in wohnortferne Heilanstalten gehen zu müssen. Diese humane Architektur verkörpert eine Haltung gegenüber der Tuberkulose, die schon wenig...



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