Engelmann / Freund | Stell dir vor, es wäre Frieden | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Engelmann / Freund Stell dir vor, es wäre Frieden

20 Texte für den Frieden
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-641-30235-1
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

20 Texte für den Frieden

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-641-30235-1
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Plädoyer für den Frieden!

Die Invasion der Ukraine kam wie ein Schock. Plötzlich war Krieg mitten in Europa – für viele unvorstellbar! Dabei hat es in der Menschheitsgeschichte kaum eine Zeit gegeben, in der auf der Welt kein Krieg herrschte. Weltfrieden bleibt eine Wunschvorstellung. Doch wie wäre das, wenn Frieden wäre? Zwanzig Autor*innen haben ihren Wunsch nach Frieden in diesem Buch zusammengetragen. In Kurzgeschichten, Gedichten und Tatsachenberichten teilen sie ihre Gedanken, Wünsche, Träume – und ganz reale Erfahrungen – zum Thema Frieden.

Texte für den Frieden: aufrüttelnd, inspirierend und hoffnungsvoll
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Christian Linker


Grabt da, wo die Disteln stehen!


Lieber M.!

Ich weiß gar nicht, warum ich mir vorstelle, dass dein Name mit M. beginnt. Es kommt mir so vor.

Du könntest Mesut heißen oder Mohamed, Malik oder Mustafa. Oder Murat. Wie unser Torwart. Also von meinem Fußballteam.

Ich weiß nichts von dir, außer dass du männlich bist. Und dass mein Vater es war, der dich gefunden hat.

Ich stelle mir vor, dass du sechzehn warst, wie ich jetzt. Heute wärst du Anfang vierzig, du hättest vielleicht Kinder in meinem Alter. Hast du aber nicht, du bist nie vierzig geworden, du bleibst für immer sechzehn.

Ich stelle mir vor, dass du nicht gern zur Schule gegangen bist. Du hast lieber Fußball gespielt. So wie ich. Auf dem Rasen des Sportplatzes in eurem Dorf. Eigentlich war es mehr ein Acker als ein Rasen, stelle ich mir vor. Nur echte Ballkünstler können auf so einem Boden vernünftige Flanken schlagen. Da war einer in deinem Team, stelle ich mir vor, der konnte das millimetergenau. Er hat dir die Bälle aufgelegt, und du, M., du warst das Kopfballungeheuer, du kamst wie aus dem Nichts angerauscht und hast dich in die Luft geschraubt, du hattest es einfach raus, den richtigen Augenblick des Absprungs abzupassen, damit du den Ball am optimalen Punkt triffst; du hast ihn mit deinem Schädel in die Maschen gehämmert, schön gegen die Laufrichtung vom Torwart, nicht mal Murat hätte gegen dich eine Chance gehabt.

Aber an diesem Tag warst du selbst derjenige, der keine Chance hatte.

Ich versuche mir vorzustellen, wie ihr dort gekauert habt. Zu Hunderten. Männer. Auch ganz alte. Und ganz junge. Du. Und ein paar Leute, die du kanntest. Deine Brüder nicht, dein Vater und deine Onkel nicht, dein Großvater nicht, ihr wart zerstreut worden, als die Soldaten euch gejagt hatten. Deine Mutter und deine Schwestern, deine Tanten, deine Oma hatten sie vorher schon weggebracht in stinkenden, überhitzten Bussen, auch die kleineren Jungen. Du wolltest mit ihnen einsteigen, warst schon halb im Bus, doch einer der Soldaten packte dich und hielt dich zurück, zu alt, ab zu den anderen dort drüben. Weinen, Schreie, manche von den Frauen brachen regelrecht zusammen, aber schlimmer als das waren die Gesichter derer, die nicht weinten. Das bleiche Entsetzen, Minen eingefroren, stumme Schreie. Die Türen schlossen sich, und die Busse fuhren davon, und du ahntest vielleicht, dass ihr euch zum letzten Mal gesehen habt.

Vielleicht aber hast du auch nichts geahnt, vielleicht wolltest du einfach nichts ahnen, vielleicht hält man sich da an die allerkleinsten Fünkchen Hoffnung: dass sie euch doch nicht töten würden, dass sie euch doch bloß einsperren und verhören wollten, wie sie behaupteten, weil sie ja angeblich einfach nur auf der Suche nach Kriminellen seien.

Oder dein Kopf war völlig leer, weil es rein gar nichts mehr zu denken oder zu ahnen gab. Weil Köpfe von Menschen eben nicht dafür gemacht sind, das Grauen zu erwarten. Sondern zum Beispiel, um eine millimetergenaue Flanke in ein traumschönes Kopfballtor zu verwandeln, auf diesem Fußballplatz. Ja, dafür sollte man seinen Kopf gebrauchen, verdammt, Mann!

Dort, auf dem Rasen, der eher ein Acker war, hatten sie euch zusammengetrieben wie Vieh. Unter der sengenden Julisonne kauertet ihr im braunen Gras, das von der Hitze des Sommers hart und stopplig war, ihr hocktet dort bis zum Abend, ohne Essen und Trinken, unter den Augen der Soldaten und den Mündungen ihrer Maschinengewehre.

Irgendwo am Rand sahst du noch ein Häuflein anderer Soldaten in anderen Uniformen. Sie trugen blaue Helme und ratlose Mienen, und diese Ratlosigkeit hat dir vielleicht den letzten Hoffnungsfunken ausgelöscht, sollte da noch einer geglommen haben. Die Blicke dieser Männer sagten dir, dass alles verloren war. Für sie und für euch.

Die Männer mit den blauen Helmen würden damit weiterleben müssen.

Ihr nicht.

In der Dämmerung zogen sie sich zurück.

Diese Männer sollten später berichten, sie hätten zwischen halb drei und halb vier Uhr in der Nacht Schüsse gehört. Salven von Handfeuerwaffen aus Richtung des Fußballplatzes.

Ich will nicht darüber urteilen. Natürlich frage ich mich, warum man, wenn man eine Stunde lang Schüsse hört, nicht wenigstens mal nachschauen geht. Die Männer mit den blauen Helmen haben es jedenfalls nicht getan, sie haben rein gar nichts getan. Sie waren zu wenige, hatten keine Befehle oder keinen Mut oder beides nicht, was weiß ich.

Ich habe viel darüber gelesen. Eigentlich alles, was ich kriegen konnte, das Internet ist voll davon. Nur Antworten gibt es nicht, nicht auf meine Fragen.

Am nächsten Morgen hast du da gelegen. Du und mehr als fünfhundert andere. Für euch war es vorbei. Für viele andere noch nicht, denn das Morden und Schlachten dauerte mehr als eine Woche in der ganzen Gegend, bis kein einziger von euren Leuten dort mehr am Leben war. Achttausend Männer und Jungen sind umgebracht worden, das muss eine Menge Arbeit gewesen sein für die Mörder. Um sich zwischendurch ein wenig zu entspannen, blieben ihnen ja die Frauen und Mädchen.

Es macht mich total fertig, das alles nachzulesen, die Videos zu sehen, immer, immer, immer wieder, aber ich kann nicht anders. Frau Reinhard meint, sie kann das verstehen.

Ich versuche mir die Stille vorzustellen, am Morgen nach dem Töten. Die Fliegen, die über dein Gesicht krabbeln und sich am noch nicht ganz getrockneten Blut laben.

Bis dann die Mörder mit Bulldozern zurückkamen und riesige Erdlöcher aushoben und euch darin verscharrten wie Abfall.

Wenig später aber kamen sie ein zweites Mal zurück, gruben euch wieder aus und brachten euch fort. Denn die Gräber waren auf Satellitenbildern aufgetaucht und jetzt wollten die Henker ihre Spuren verwischen. Also hoben sie neue Löcher an anderen Orten aus, tiefer diesmal, und vergruben dich ein zweites Mal.

Und da hast du dann in der Erde gelegen, M.

Fast zehn Jahre lang.

Bis mein Vater kam.

Damals gab es in Deutschland noch die Wehrpflicht. Aber wenn ich das richtig verstanden habe, galt es als uncool, zur Bundeswehr zu gehen, jedenfalls bei seinen Leuten. Die meisten seiner Freunde haben Zivildienst gemacht, so nannte man das damals. Altersheim, Kindergarten, solche Sachen. Mein Vater nicht.

Letztes Jahr, als ich in der Zehnten war, gab es an unserer Schule einen Berufsorientierungstag, da konnte man zu verschiedenen Vorträgen gehen: ein Typ von der Sparkasse und eine Architektin, eine Oberärztin und ein Steuerberater, lauter so Leute, und ein Offizier von der Bundeswehr war auch da. Stand da in seiner geleckten Uniform und erzählte was von »Deutschland dienen« und »Teil von was Großem sein«. Ich fand es bescheuert. Bin halt ein ziemlich anderer Typ als mein Vater.

Keine Ahnung, ob es dem wirklich darum ging, dass er »Deutschland dienen« wollte. Aber dass er »Teil von was Großem« sein wollte, das stimmt. Hat mir jedenfalls mein Opa so erzählt. Mein Vater ging also zur Bundeswehr und wurde Berufssoldat, genau genommen Sanitäter, mit dem Plan, später noch Medizin zu studieren. Eines Tages schickte meine Regierung ihn in dein Land, M.

Dort herrschte inzwischen eine Art Frieden. Und Soldaten aus allen möglichen Ländern sollten helfen, diesen Frieden zu sichern.

Was nicht so einfach war, weil die Leute in deinem Land noch immer ziemlich viel Hass aufeinander hatten. Also fuhr mein Vater die meiste Zeit in einem gepanzerten Fahrzeug herum, wurde mal hierhin und mal dorthin gerufen und versorgte die Verletzten. Einen Kollegen zum Beispiel – sie nennen es »Kameraden«, aber irgendwas sträubt sich in mir bei diesem Wort –, der sich bei Bauarbeiten verletzt hatte. Oder einen anderen zum Beispiel, auf den irgendein Arschloch aus einem vorbeifahrenden Pick-up völlig random mit seiner Knarre geschossen hatte, die Kugel steckte im Bein verdammt nah an der Schlagader. Oder die Kinder, die beim Spielen alte Handgranaten gefunden hatten. Die Granaten waren explodiert und die Hände der Kinder auch.

Davon abgesehen herrschte eintönige Routine, »jeder Tag ist Mittwoch«, sagten sie. Das Feldlager dufte man sicherheitshalber nur mit Genehmigung verlassen, so friedlich war der Friede.

Und manchmal rückte mein Vater aus und half dabei, nach den Toten zu suchen.

Nach dir, M.

Es gab Leute, die kannten sich mit so was aus, die sagten: »Grabt da, wo die Disteln stehen.«

Ich hab es nicht verstanden, bis jetzt, obwohl ich viel danach gegoogelt habe: Aus irgendeinem Grund wachsen Disteln besonders gern da, wo viele Tote in der Erde liegen. Oder auch einfach nur dort, wo viel Erde aufgewühlt wurde, auch nach Jahren noch. Jedenfalls hat es funktioniert. Sie gruben bei den Disteln und fanden dich.

Was von dir übrig war.

Ich stelle mir vor, dass das unter anderem dein Schädel war. Noch mit Resten von deinem dichten schwarzen Haar. Der Schädel, der das Grauen nicht denken wollte und den du lieber für Kopfballtore benutzt hast.

Man konnte aus deinem Schädel, deinen Zähnen, deiner DNA irgendwie rauskriegen, wer du bist. Dass du du bist, M., du und kein anderer.

Ich stelle mir vor, dass deine Mutter genauso zusammenbrach, als man ihr die Nachricht brachte, wie sie damals zusammengebrochen war, als man dich aus dem Bus gezerrt hatte. Oder dass ihr Gesicht genauso reglos war vor bleichem Entsetzen, so reglos, wie es an jenem Tag gewesen und seither immer geblieben ist. Dass deine Schwester leise geweint hat und ihr Unterleib noch mehr wehgetan hat als an den anderen Tagen; die Verletzungen von damals, weißt du, sind nie ganz geheilt, sie war ja in dem Jahr, wo es geschah, gerade mal...


Engelmann, Reiner
Reiner Engelmann wurde 1952 in Völkenroth geboren. Nach dem Studium der Sozialpädagogik war er im Schuldienst tätig, wo er sich besonders in den Bereichen der Leseförderung, der Gewaltprävention und der Kinder- und Menschenrechtsbildung starkmachte. Für Schulklassen und Erwachsene organisiert Reiner Engelmann regelmäßig Studienfahrten nach Auschwitz. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Anthologien und Bücher zu gesellschaftlichen Brennpunktthemen. Für sein engagiertes Wirken in der Gedenk- und Erinnerungsarbeit wurde Reiner Engelmann mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Freund, Claudia
Claudia Freund wurde 1969 in Bad Dürkheim geboren. Noch heute lebt sie mit ihrer Familie in einer kleinen beschaulichen Gemeinde in der Pfalz, wo sie ihre Gedichte verfasst.



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