E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Engelhardt / Kühne Künstliche Intelligenz in der Beratung
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-647-99257-0
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Kompass für die systemische Praxis
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-647-99257-0
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
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Emily M. Engelhardt, M. A. Pädagogik, Psychologie und Soziologie, ist seit 2023 Professorin an der Hochschule München mit dem Schwerpunkt Digitale Transformation in Sozialen Handlungsfeldern und Gesellschaft. Zuvor war sie zehn Jahre an der Technischen Hochschule Nürnberg als Geschäftsführerin des Instituts für E-Beratung tätig. Sie ist Systemische Beraterin und Supervisorin (DGSF/SG) und seit über 20 Jahren Onlineberaterin. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind die digitale Transformation der Beratung, sowie die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf die Beratung.
Autoren/Hrsg.
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1Entdeckung der KI-Landschaften
Als Ende November 2022 das US-amerikanische Unternehmen »OpenAI« das Programm »ChatGPT« vorstellte, hatten sich bis dahin wohl die wenigsten Menschen mit den Themen »Künstliche Intelligenz« (KI) und Chatbots beschäftigt. In den Wochen und Monaten danach änderte sich dies, weil es nun sehr einfach möglich war, verschiedene Programme zu nutzen und die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz richtig Fahrt aufgenommen hatte.
Dabei beginnt die Auseinandersetzung mit KI schon wesentlich früher. Viele der grundlegenden Einführungen in das Thema KI widmen der kultur- und medienhistorischen Einordnung jeweils einen eigenen Platz (Lenzen, 2018; Rosengrün, 2021; Spitzer, 2023; Wildenhain, 2024). Fasst man das Thema etwas weiter, indem KI auch und gerade als Aushandlungsprozess einer Mensch-Maschine-Kommunikation aufgefasst wird, kann man philosophische Diskurse bis zurück in die Antike verfolgen: Gibt es künstliche Menschen? Was macht eine Maschine intelligent? Was ist ein Roboter und was ist ein Cyborg? In der umfangreichen Materialsammlung »Maschinenmenschen. Von Golems, Robotern und Cyborgs« (Kähler, 2020) werden diese und weitere Fragen mit einem medienhistorischen Blick behandelt. Dabei schlägt die Autorin einen Bogen von den Mythen der Antike (Prometheus, Pygmalion) über Goethes »Zauberlehrling« und Shelleys »Frankenstein« bis hin zur Entwicklung von Automaten und Robotern, Cyborgs und dem Transhumanismus.
Dieser sehr interessante und umfassende kulturhistorische Blick würde jedoch den Rahmen dieser Einführung sprengen. Versucht man die KI-Landschaften in ihrer Entwicklung zu beschreiben, gibt es dennoch einige historische Wegmarken, die im Folgenden dargestellt werden, da sie für den Blick auf aktuelle Entwicklungen der KI wichtig erscheinen. Insbesondere während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden in der technischen Entwicklung von KI wichtige theoretische und praktische Fortschritte gemacht4.
Für einen aktuellen Blick auf die Auswirkungen und Einsatzmöglichkeiten von KI-Anwendungen in der systemischen Beratung sollen hier drei Positionen beleuchtet werden: Alan Turing (1950) und seine Arbeit »Computing Machinery and Intelligence«, das Programm »ELIZA« von Joseph Weizenbaum im Jahr 1966 und das Beispiel des »Chinesischen Zimmers« von John Rogers Searle (1980).
Alan Turing – Können Maschinen denken?
Der englische Mathematiker Alan Turing (1912–1954) veröffentlichte 1950 einen Aufsatz zum Thema »Computing Machinery and Intelligence«, in dem er die Frage aufwirft, ob Maschinen denken können. Gleich die erste Überschrift dieses Aufsatzes ist aktuell in Hinblick auf KI relevant: »The Imitation Game« (das Imitationsspiel).
Im ersten Kapitel beschreibt Turing dieses Spiel, indem er eine Versuchsanordnung darstellt, bei der ein Mann (A) und eine Frau (B) von einer Person befragt werden, die in einem separaten Raum sitzt. Aufgabe des Fragestellers ist es, durch geschicktes Fragen herauszufinden, wer der Mann und wer die Frau unter den befragten Personen ist. In weiterer Folge stellt Turing die Frage, was passiert, wenn die Rolle des Mannes (A) von einer Maschine übernommen werden würde. Unter einer Maschine versteht Turing in diesem Zusammenhang digitale Rechner, also das, was heute unter dem Begriff Computer zusammengefasst ist.
Dies ist die Ausgangsfrage: Ist ein Computer dazu fähig, die Rolle eines Menschen in dem Spiel zu übernehmen und diese vielleicht sogar so gut zu imitieren, dass der Fragesteller am Ende nicht sicher sagen kann, ob er mit einem Menschen oder einer Maschine spielt? Insbesondere, wenn die Maschine erfolgreich Eigenschaften vortäuscht, die sie nicht besitzt (wie z. B. Empathie)? Gelingt einer Maschine dies, besteht sie den »Turing-Test«. Das Imitation Game besteht also darin, dass ein Computer die Kommunikation eines Menschen so gut imitiert, dass nicht mehr klar erkennbar ist, ob ein Mensch oder eine Maschine antwortet.
Wer bereits mit Programmen wie ChatGPT gearbeitet oder mit anderen Chatbots experimentiert hat, war vielleicht manches Mal verblüfft und irritiert, ob hier wirklich ein Computerprogramm antwortet. In der Praxis der psychosozialen Onlineberatung, wie z. B. der Chatberatung, berichten Berater:innen immer wieder, dass Klient:innen verunsichert im Chat fragen, ob sie hier mit einem Menschen oder mit einem Chatbot schreiben.
Wir stehen daher in der Beratung derzeit vor der Frage, wie wir einen umgekehrten Turing-Test bestehen können, indem wir in schriftlicher Kommunikation überzeugend darlegen, dass wir menschliche Berater:innen sind. Und es zeigt sich, dass diese Umkehrung des Tests gar nicht leicht zu bewerkstelligen ist.
| Ratsuchende: | Ich bin mir nicht sicher, sind Sie ein Mensch oder ein Chatbot? |
| Beraterin: | Hm, ich bin ein Mensch, das können Sie mir glauben. |
| Ratsuchende: | Wie kann ich mir da sicher sein? |
| Beraterin: | Fragen Sie mich etwas, das eine KI nicht weiß! |
Turing erweitert in seinem Aufsatz dann die Überlegung: »Können Maschinen denken?«, hin zur Frage: »Sind digitale Rechner vorstellbar, die beim Imitationsspiel gut abschneiden würden?«. Und er prognostiziert:
»Meiner Meinung nach, wird es in etwa 50 Jahren möglich sein, Rechner mit einer Speicherkapazität von etwa 109 zu programmieren, die das Imitationsspiel so gut spielen werden, dass ein durchschnittlicher Fragesteller eine Chance von nicht mehr als 70 Prozent hat, die richtige Identifizierung nach fünf Minuten Befragung vorzunehmen. […] Dennoch glaube ich, dass sich am Ende des Jahrhunderts der Gebrauch der Worte und die allgemein gebildete Auffassung derart gewandelt haben werden, dass man von denkenden Maschinen reden kann, ohne dass Widerspruch zu erwarten wäre« (Turing, 1950; übers. von A. Stephan u. S. Walter, 2021, S. 39 ff.).
In weiterer Folge seines Artikels begegnet Turing dann verschiedensten Einwänden, die gegenüber »denkenden Maschinen« bestehen. Hierbei geht er auf theologische und mathematische Perspektiven sowie auf Einwände, bezogen auf das »Bewusstsein« einer Maschine, ein.
Insbesondere die von ihm ausgeführten Überlegungen, was Maschinen niemals zu tun möglich sein wird, sind aus heutiger Sicht interessant nachzuvollziehen. Betrachtet man, welche Merkmale heute bereits von KI-Systemen imitiert bzw. dargestellt werden können, dann wird die Liste an vermeintlich unmöglichen Dingen immer kürzer. Turing selbst verweist darauf, dass diese beschriebenen Unzulänglichkeiten vor allem eine Frage des zur Verfügung stehenden Speicherplatzes sind. Doch welche menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten sind es, die den damaligen Kritiker:innen zufolge nicht von Maschinen erworben werden können?
»Lieb, einfallsreich, schön, freundlich sein, Initiative zeigen, einen Sinn für Humor haben, Richtiges von Falschem unterscheiden, Fehler machen, sich verlieben, Erdbeeren mit Schlagsahne genießen, jemanden in sich verliebt machen, aus Erfahrung lernen, Wörter richtig gebrauchen, Gegenstand seiner eigenen Gedanken sein, über ebenso vielfältige Verhaltensweisen wie ein Mensch verfügen, etwas wirklich Neues tun« (Turing, 1950; übers. von A. Stephan u. S. Walter, 2021, S. 57).
Gleicht man diese Punkte mit den Fähigkeiten der heutigen KI-Systeme ab, welche Unzulänglichkeiten bleiben dann noch übrig, die von diesen nicht bzw. noch nicht bewältigt werden können? Aspekte wie »sich verlieben« und »Erdbeeren mit Schlagsahne genießen« bleiben nach wie vor Menschen vorbehalten. Aber die Vermutung liegt nahe, dass ein KI-Chatbot zumindest so tun kann . Und bei allen anderen Aspekten hat KI deutlich aufgeholt.
Alan Turing diskutiert in seinem Artikel schließlich die Möglichkeit, ob es Maschinen geben kann (und geben wird), die als »denkende Maschinen« beschrieben werden können. Für unseren heutigen Blick auf die aktuellen Entwicklungen im Bereich der KI wird uns von diesen Überlegungen vor allem die Frage beschäftigen, ob es sich bei den teils verblüffenden Ergebnissen diverser Chatbots nicht im Grunde genommen nur um genau das handelt, was Turing mit dem Begriff »Imitation Game« beschrieben hat: eine sehr gute Imitation menschlichen Handelns, eine genaue Simulation menschlicher Kommunikation.
Joseph Weizenbaum – ELIZA
Im Jahr 1966 stellte Joseph Weizenbaum (1923–2008) sein Computerprogramm ELIZA vor. Dieses Programm wurde ursprünglich entwickelt, um zu zeigen, wie einfach es ist, den Eindruck einer...




