E-Book, Deutsch, Band 1, 144 Seiten
Engel Vision
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-417-27051-8
Verlag: R.Brockhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alles ändert sich, weil Gott dich sieht. Dein Plan für das Jahr. 1. Mose 16,13
E-Book, Deutsch, Band 1, 144 Seiten
Reihe: Jahreslosungsbuch Young Edition
ISBN: 978-3-417-27051-8
Verlag: R.Brockhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gunnar Engel (Jg. 1987) lebt in Norddeutschland und ist Pastor der ev.-luth. Apostelkirchengemeinde in Kiel. Mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern genießen sie die Ruhe und Gelassenheit des Nordens. Zudem betreibt er einen erfolgreichen YouTube-Kanal zu Fragen des christlichen Glaubens. Es ist seine Herzensangelegenheit, Menschen auf neue und kreative Weise mit dem Evangelium zu erreichen. 2019 erhielt er dafür den Medienpreis 'Der Goldene Kompass' der christlichen Medieninitiative pro. www.gunnarengel.de
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Vor dir, Herr, kann ich nichts verbergen, prüfe meine geheimsten Gedanken und Gefühle! Deine Liebe habe ich ständig vor Augen, und deine Treue bestimmt mein Leben.
Psalm 26,2-3
Kennst du den Ausspruch: »Feel you …« oder »Fühl’ ich voll«? Offensichtlich ist das bei den Jugendlichen in unserer Gemeinde eine vollständige Antwort auf beinahe alles, was jemand anderes erzählt. Und nicht nur das. Es ist auch noch eine vollständige Antwort, die von den anderen Jugendlichen verstanden wird. »Ich fühl’ das.« Beim ersten Mal, als ich diese Antwort gehört habe, musste ich ein wenig stutzen. Was war damit gemeint? Hier wurde doch gerade gar nicht von Gefühlen gesprochen! Oder hatte nur ich etwas nicht mitbekommen?
Verstehen konnte ich es erst, als ich den Satz durch eine Antwort ersetzte, die ich selbst als Zustimmung auf eine Aussage vielleicht gegeben hätte: »Ich verstehe das«, »Sehe ich auch so«, »Da bin ich ganz bei dir.« »Ich fühl’ das voll«, ist für meine Jugendlichen also Anteilnahme. Es ist Verständnis und Zustimmung. Die Worte sagen: »Ich verstehe dich. Nicht nur mit Worten, sondern auch emotional. Ich bin auf deiner Seite.«
Ich glaube, dass Sprache und vor allem auch solche Ausdrücke immer ein Spiegel unseres Inneren sind. Mit Sprache transportieren wir unsere Meinungen, Positionen und Überzeugungen nach außen und kommen miteinander ins Gespräch. Und für die Jugendlichen in dieser Generation spielt das Gefühl eine große Rolle. Spreche ich selbst eher davon, dass ich etwas verstehe oder nachvollziehen kann, fühlen sie es, denn sie leben viel mehr in der Welt der Gefühle und sprechen eher aus, was sie emotional beschäftigt. Dazu gehört, dass sie sich im Zweifel wohl auch eher von Gefühlen leiten lassen. Vielleicht kennst du das auch. Ganz unbewusst werden unsere Gefühle zu einem Maßstab in unserem Leben. Hast du schon einmal eine Entscheidung getroffen, weil sie sich in dem Moment einfach richtig anfühlte? Hast du schon einmal etwas gesagt, weil es sich wie der perfekte Moment anfühlte? Ich weiß jedenfalls, dass ich das habe. Öfter, als ich zugeben möchte.
Unsere Welt wird emotionaler und vieles daran ist positiv. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der zum Beispiel Männer keine Gefühle zeigen oder zumindest nicht darüber sprechen dürfen. Das fällt aber nicht immer leicht, denn Gefühle sind unsichtbar. Sie sind selbst für den, der sie fühlt, oft nicht wirklich greifbar oder mit Worten zu beschreiben. Gefühle überraschen. Gefühle können uns wie eine Welle überrollen, und wir müssen lernen, damit umzugehen.
ACTIONSTEP
In deinem Leben tauchen immer wieder die unterschiedlichsten Gefühle auf. Aber hast du dir in letzter Zeit mal einen Überblick darüber verschafft? Für Hagar brauchte es den Zusammenbruch in der Wüste. Ich würde mir wünschen, dass es bei uns nicht so weit kommen muss.
Notiere hier die Gefühle, die in den letzten Wochen und Monaten, in der Zeit der Pandemie und darüber hinaus in deinem Leben immer wieder aufgetaucht sind.
Wenn die Gefühle zu viel werden
Ich wünsche mir für dieses Buch nichts mehr, als dass wir dadurch entdecken, dass Gott uns sieht. Er sieht uns mit unserem Schmerz, unseren Fragen und Zweifeln. Er sieht unsere Verletzungen und unsere Angst und alles andere, was immer unsichtbar und verborgen war. Diese Botschaft aus der Geschichte von Hagar ist unglaublich aktuell: Alles ändert sich, weil Gott uns sieht. Es ist eine Botschaft für das Leben in einer Welt, die alles zeigt, alles teilt und alles vergleicht. In genau diese Welt spricht Gott, dass er gerade das Verborgene und Versteckte sieht. Das, was wir uns oft nicht trauen zu zeigen. Mit unseren Gefühlen sind wir da an einem guten Startpunkt angelangt. Ich kenne es aus meiner eigenen Kindheit: »Ein Indianer kennt keinen Schmerz« und »Große Jungs weinen nicht«. Letztens habe ich mich dabei erwischt, wie ich das zu meinem eigenen Sohn sagen wollte. Es ist tief in uns verankert, dass Gefühle erst einmal suspekt sind – zumindest die, die wir als negativ ansehen.
In der Theologie ist es ein ewiges Thema: Als Gläubige sind wir dazu aufgerufen, aus dem Glauben zu leben und uns nicht von unseren Gefühlen leiten zu lassen. Doch wie ist das möglich? Hagar hatte nie die Chance, ihre Gefühle offen zu äußern, denn das stand ihr als Dienerin nicht zu, sie hatte zu gehorchen. Erst als sie allein in der Wüste war, brach die Erkenntnis über sie herein: In den Augen von Abram und Sarai hatte sie nur einen begrenzten Wert, doch plötzlich sah sie, dass jeder Teil ihres Lebens für Gott wertvoll war und er ihre Geschichte verwandeln wollte. Eine Sensation für eine damalige Sklavin! Sie nannte Gott El Roi – »Gott, der mich sieht«, und dieser Name taucht in der Bibel nur hier auf, in der Geschichte der schwangeren Sklavin. Es scheint mir beinahe, dass es für sie – die keine eigene Meinung, keine Selbstbestimmung, kein eigenes Leben hatte – besonders wichtig war, Gott so kennenzulernen. Er vermittelte ihr, dass er sie sah und sie ihm so wichtig war, dass er einen Plan für sie und ihr ungeborenes Kind hatte. Seit ich diese Geschichte kenne, ist das mein Lieblingsname für Gott.
Für Hagar muss dieser Moment mit Gott echt strange gewesen sein, allein in der Wüste mit wahrscheinlich unvorstellbarem Hunger und Durst und dem Auf und Ab der Gefühle. Durch Umstände, die wir nicht mehr rekonstruieren können, war sie in die Sklaverei geraten. Abram hatte sie bei seinem Aufenthalt in Ägypten vielleicht als Geschenk bekommen (vgl. 1. Mose 12,16), und so hatten Abram und Sarai sie schließlich ins fremde Land mitgenommen, wo sie einige Jahre als persönliche Dienerin Sarais lebte. Ich stelle mir vor, dass es trotz ihres Sklavendaseins Momente der Hoffnung für sie gab, in denen sie fühlte, dass das Leben auch anders verlaufen konnte. Eines Tages entschied Abram dann, dass sie seinen Nachkommen zur Welt bringen sollte. Für unsere Ohren ist das eine komplett verrückte Idee, in Hagars Welt konnte es aber bedeuten, dass ihr Leben und das ihres späteren Sohnes für immer abgesichert war. Sie konnte aus dem Stand der Dienerin zur Mutter des Erben werden. Sie fühlte, wie die Zukunft sich öffnete, doch einige Monate später erlebte sie das genaue Gegenteil und fand sich in der Einsamkeit und Verlassenheit der Wüste wieder. Ihr Traum war zerstört. Tagelang war sie gerannt, außer Atem, hungrig und durstig. Hatte geweint und gebetet, bis sie sich sicher war, dass es keinen Sinn mehr ergab: Sie wollte sterben. Ihr Leben war in die Verletzungen und Kämpfe von Abram und Sarai hineingezogen worden. Die Kinderlosigkeit der beiden hatte sie völlig gebrochen.
Für einen kurzen Moment hatte es so ausgesehen, als würde es aufwärtsgehen. Ihr bescheidener Status als Dienerin hatte sich geändert, als Abram sie nach der damaligen Sitte zu sich nahm, um für die unfruchtbare Sarai ein Kind zu zeugen. Doch als Hagar schwanger wurde, legte sie Sarai gegenüber eine gewisse Überlegenheit an den Tag, was dazu führte, dass ihre Herrin sie schlecht behandelte. In die Wüste zu gehen, war eine gefährliche Sache für eine Frau. Sie hätte missbraucht oder von nomadischen Händlern gefangen genommen werden können. Da sie schwanger war, hätte sie ihr Kind durch die Strapazen der Reise in diesem unwegsamen Gelände verlieren können. Zusätzlich bedeutete die Flucht auch, dass sie mit nur wenigen Vorräten und Wasser unterwegs war. Aber irgendwie schaffte sie es bis zu einer Wasserquelle in der Wüste und setzte sich erschöpft hin.
ACTIONSTEP
Wie oft versteckst du, was du fühlst? Wie oft verbirgst du in deinem Herzen, was eigentlich raus will? Warum tust du das?
Nutze die nächste leere Seite und mache dir dazu Notizen.
Nicht alles glauben, was wir fühlen
Lass uns jetzt ein wenig tiefer in die Welt der Gefühle eintauchen. Denn wenn wir über die Dinge in unserem Leben reden, die wir nicht sehen können, haben unsere Gefühle einen enormen Einfluss auf unser Handeln und unsere Hoffnung.
Eine Info am Rande: Neurowissenschaftler unterscheiden oft zwischen Emotionen, also der körperlichen Reaktion auf einen äußeren Reiz hin, und Gefühlen, bei denen das Gehirn die Reaktionen des Körpers verarbeitet. Nur Emotionen, die in die Hirnrinde gelangen, werden als bewusste Gefühle wahrgenommen.5
Zu Beginn gebe ich dir einen ganz simplen Satz mit: Glaube nicht alles, was du fühlst. Gefühle sind keine Fakten. Nur weil wir uns nutzlos, hoffnungslos, nicht liebenswert und wertlos fühlen, heißt das nicht, dass wir es auch sind. Das mag für manche offensichtlich erscheinen, aber Gefühle können überzeugend sein, und die Beweise, die diese subjektiven Erfahrungen bestätigen, scheinen zahlreich zu sein.
Hagar wusste von Abrams Gott, dem lebendigen und wahren Gott. Sie muss sich gefragt haben, ob dieser Gott sich für ihre Situation interessierte. Zweifellos war sie verwirrt. Was konnte eine schwangere, alleinstehende Frau tun, selbst wenn sie ihr Heimatland erreichte? Wenn sie dort eine Familie hatte, wäre diese zu arm gewesen, um ihr zu helfen. Ihre Zukunft war ungewiss, ihre Vergangenheit zu schmerzhaft, um daran zu denken. Sie fühlte sich von allen Menschen und von Gott vergessen. Aber entsprach das der Wahrheit? Nein!
Und der Engel des Herrn fand sie.
1. Mose 16,7
Der Engel sagte ihr, was sie tun sollte, und versprach ihr, dass er ihre Nachkommenschaft durch das Kind, das sie unter dem Herzen trug,...




