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E-Book

E-Book, Deutsch, 546 Seiten

Engel Neondunkel

Jeder bekommt, was er verdient hat.
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7427-5659-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Jeder bekommt, was er verdient hat.

E-Book, Deutsch, 546 Seiten

ISBN: 978-3-7427-5659-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als innerhalb kurzer Zeit zwei ihrer Mentoren sterben und der dritte nur knapp dem Tod entgeht, stößt die Physikerin Dr. Melanie Glanz auf verwirrende Indizien. War es Mord? Aber wer außer ihr hätte ein Motiv? Mel gerät in einen Strudel aus Leistungsdruck, Schuldgefühlen und Angst. Die Schatten einer längst verdrängten Vergangenheit kriechen empor. Sie lauern im flackernden Neonlicht des unterirdischen Labors, durchdringen schwere Stahltüren und meterdicke Betonwände, bis sie niemandem mehr traut, am allerwenigsten sich selbst.

Solveig Engel ist Sabine Engels Böser Zwilling. Sabine hat Physik studiert, an der Bochumer Uni und am TRIUMF-Lab promoviert und nebenbei für Spektrum der Wissenschaft geschrieben. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren Kindern bei Berlin. 2013 erschien ihr Kinderbuch 'Mission mit Schwein' im Baumhaus Verlag. Ihr Evil Twin jedoch liebt Wissenschaftskrimis, in denen unterirdische Labore, einsame Sternwarten und Forschungsschiffe dazu verführen, die dunklen Flecken der Seele tiefer zu erforschen.
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Mittwoch, 10. Dezember


Aus dem alten Fernsehapparat spielt eine unbeschwerte Melodie von Wolfgang Amadeus Mozart. Ich weiß nicht, welches Stück es ist, aber es gefällt mir. Es unterstreicht die feierliche Atmosphäre im Stockholmer Konserthuset. Die Kamera fährt über die mit einem dicken, blauen Teppich ausgelegte Bühne, und ich erkenne die langen Stuhlreihen mit den Honoratioren, allesamt Mitglieder der schwedischen Akademie der Wissenschaften. Links von ihnen sitzen die Preisträger, und vorne rechts thront die schwedische Königsfamilie. Aber was mich am meisten beeindruckt, ist der üppige Blumenschmuck. Entlang des Podests, auf der Wand hinter der Bühne und an der Balustrade darüber hängen riesige, gerahmte Bilder aus frischen Blüten. Es müssen Zigtausende sein. Ich frage mich, wie sie riechen. Doch die Kamera schwenkt bereits von ihnen weg, über den Saal, wo nicht ich, sondern andere den Duft der Blumen einatmen und der Musik lauschen. Ich sehe Frauen in festlichen Kleidern mit funkelnden Diamanten im Haar und Männer in schwarzen Smokings. Trotz all des Prunks, oder gerade deswegen, bin ich froh, dass ich hiergeblieben bin.

Natürlich hat mich Rüdiger sofort gefragt, ob er mir eine Einladung zur Feier und auch für das große Bankett im Anschluss besorgen soll. Doch ich habe abgelehnt. Selbstverständlich bin ich stolz auf unsere Arbeit. Daran liegt es nicht. Nur mag ich dieses Spektakel nicht, die Show. Ich habe bei solchen Ehrungen das Gefühl, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Einige wenige werden ausgewählt, ihnen wird applaudiert, gratuliert, sie werden mit Medaillen und auch mit Geld überhäuft. Doch was ist mit den anderen? Ist ihre Arbeit weniger wert?

Der Fernsehkommentator erklärt für die Zuschauer noch einmal, welche herausragende Leistung unser Experiment darstellt. Unsere Ergebnisse hätten die Astrophysik neu geordnet. Das stimmt wahrscheinlich. Andererseits sind die Theorien, auf die wir uns damals beriefen, nicht vom Himmel gefallen. Sie waren das Resultat vieler kleiner Schritte, wie immer in den Naturwissenschaften. Yamakura in Japan hatte bereits ein ähnliches Modell zur Sternentstehung entwickelt. In Italien machten Roggero und Gialani fast identische Versuche. Allerdings hatten sie die Energie ihres Teilchenbeschleunigers etwas niedriger eingestellt, wodurch die natürliche Hintergrundstrahlung die Auswertung ihrer Ergebnisse erschwerte. Ist ihre Arbeit deswegen weniger wert? Die Tatsache, dass wir mit unserem Energiefenster genau eine Resonanz trafen, war reines Glück und lag letztendlich an den Eigenschaften der Ionenquelle, die ein begnadeter, aber namenloser Ingenieur entwickelt hatte, ohne die jedoch unsere Versuche undenkbar gewesen wären.

Das Orchester beendet die Darbietung, während sich der schwedische König von seinem Platz erhebt, um meinem Chef, Rüdiger Neuhaus, und unseren beiden Kollaborationspartnern, dem Kanadier George Kinsley und John Dalen aus den USA, den diesjährigen Nobelpreis für Physik zu überreichen.

Rüdiger tritt als Erster vor, um Urkunde und Medaille entgegenzunehmen. Im Frack kommt er mir beinahe fremd vor. Ich kenne ihn nur in verwaschenen Jeans und ausgetretenen Sandalen, in denen er durch das Labor streift, immer auf der Suche nach einer neuen Idee. Wie es scheint, kommt er sich in diesem Aufzug selbst komisch vor, dabei steht er ihm ganz gut. Offensichtlich hat seine Frau die Sachen maßschneidern lassen. Jedenfalls schmiegen sich das weiße Hemd, die helle Weste und der Frack sanft um seinen genussfreudigen Bauch. Nur die weiße Fliege hängt ein wenig schief.

Die Kamera zoomt heran, sodass ich das Gefühl habe, meinem Chef direkt ins Gesicht zu sehen. Seine Augen leuchten trotz seines Alters wie die eines Kindes. Er wirkt wie ein Lausbub, nicht wie ein renommierter Wissenschaftler. Ich glaube, am liebsten würde er dem schwedischen König zum Dank kumpelhaft auf die Schulter klopfen. Aber er beherrscht sich, schüttelt mit so viel Würde, wie er aufbringen kann, die königliche Hand und trottet nach kurzer Verbeugung zurück zu seinem Platz.

George, der als Nächster an der Reihe ist, sieht neben Rüdiger aus, als hätte er einen Stock verschluckt. Er ist kaum größer, allerdings deutlich sportlicher. Sein schmaler Frack sitzt wie angegossen. Natürlich ist seine Fliege perfekt ausgerichtet. Mit vor Stolz geschwellter Brust schreitet er zielstrebig auf den König zu, schüttelt ihm die Hand, verbeugt sich zackig in alle Richtungen und nimmt seinen Platz wieder ein.

John Dalen hingegen überstrahlt alle, einschließlich der Mitglieder des schwedischen Königshauses, mit seiner unglaublichen Würde. Obwohl er leicht gebeugt geht, überragt er jeden um mindestens einen halben Kopf. Sein volles, weißes Haar leuchtet im Licht der Scheinwerfer, um seinen Mund spielt ein Lächeln, und die blitzenden Augen verraten seinen Humor.

Ich merke, wie mir die Tränen in die Augen treten. Jetzt, wo ich meine drei Mentoren auf dieser besonderen Bühne sehe, ist alle Logik dahin. Ein Gefühl drängt sich in meinen Bauch, zieht sich darin zusammen und hinterlässt eine eigenartige Leere. Ist es Ehrfurcht? Alles erscheint plötzlich größer, bedeutsamer. Vielleicht ist dieser Preis doch wichtig, auch für mich und für uns alle, die wir nicht auf einer Bühne stehen. Vielleicht gibt er jedem von uns ein Stück Hoffnung. Hoffnung, dass unsere Arbeit anerkannt wird, dass alles einen Sinn ergibt, dass auch andere, Laien, den Wert unserer Anstrengungen zu schätzen wissen. Selbst wenn wir keine neue Energiequelle gefunden haben, nicht das Allheilmittel gegen Krebs oder die Weltformel, sondern man aufgrund unseres Experiments einfach nur ein bisschen besser versteht, wie alles begann, unser Sonnensystem, die Sterne und das gesamte Weltall. Dann war es all die Mühen wert, die durchwachten Nächte und die im Labor verbrachten Feiertage, den Frust und die Aufregung, den Kampf um die Geldmittel und gegen die allzeit drohenden Stellenstreichungen.

Die Kamera wendet sich wieder dem Publikum zu. Die meisten Gäste haben sich von ihren Plätzen erhoben und applaudieren Rüdiger, George und John, die strahlend, mit steifer Miene und einem leisen Lächeln auf den Lippen, jeder auf seine eigene Art, die heutige Ehrung genießen.

Ich kann nicht anders. Ich merke, dass mir die Nase läuft, meine Augen feucht werden und sich schließlich eine Träne löst. Zum Glück sieht mich niemand. Sonst müsste ich zugeben, dass ich tatsächlich gerührt bin.

Ich stehe direkt neben Mel, der in diesem Moment eine dicke Träne die Wange hinab kullert. Ich weiß nicht warum. Ich meine, natürlich weiß ich, dass Rüdiger, George und John gerade den Nobelpreis bekommen haben. Ich bin vielleicht erst acht Jahre alt, aber ich kriege trotzdem einiges mit. Nur warum Mel jetzt weint, das verstehe ich nicht. Es macht mich ganz unsicher. Ich kann sie ja nicht fragen. Normalerweise ist sie nicht so. Sie sagt immer, dass Preise nur Politik seien. Dass es viel zu viele gute Forscher und viel zu wenige Preise gibt. Ich finde, wenn jemand einen Preis, jeden Preis, selbst den Nobelpreis verdient hat, dann ist es Mel. Sie schuftet wie ein Esel. Wenn sie nicht wäre, würde hier alles drunter und drüber gehen. Das sagt sogar Rüdiger. Oft ist es nämlich Mel, die die Idee für ein neues Experiment oder eine Verbesserung des alten hat, obwohl Rüdiger der Chef ist. Mel ändert dann etwas am Aufbau, ohne groß darüber zu sprechen. Und wenn, dann tut sie so, als wäre es Rüdigers Idee gewesen.

Natürlich war es Mel, die zuerst den Einfall für das neue Experiment hatte. Sie hat einfach eine Skizze des Versuchsaufbaus mit ein paar mathematischen Berechnungen auf Rüdigers Schreibtisch vergessen. Am nächsten Tag hat Rüdiger den Zettel gefunden und war so begeistert, dass er allen davon erzählte. Irgendwann hat er vergessen, Mel zu erwähnen, sodass jetzt alle glauben, Rüdiger sei das Genie.

Was ich nicht verstehe, ist, dass es Mel egal ist. Manchmal glaube ich sogar, dass sie es extra macht. Denn sie schmunzelt nur, wenn Rüdiger ihr von ihrem eigenen Entwurf erzählt. So, als wäre genau das ihr Plan gewesen. Ich weiß, dass sie kein Rampenlicht mag. Sie will nur in Ruhe forschen, egal wer nachher die Lorbeeren einheimst. Sie ist glücklich, wenn das Experiment funktioniert und das Ergebnis stimmt. Aber warum weint sie dann jetzt?

Mel hat wohl genug gesehen, denn sie schaltet den Fernseher aus. Mir ist das egal. Die Preise für Chemie, Medizin und was es sonst noch so gibt, interessieren mich nicht. Ich lasse mich auf das Klappbett fallen, spiele an meinen Zöpfen und beobachte Mel. Hier, im Hinterzimmer unseres unterirdischen Labors, fühlen wir uns beide am wohlsten. Eigentlich ist diese Ecke mit dem abgetretenen Teppich und dem gelben Ohrensessel unser wahres Zuhause. Es gibt einen wackligen Tisch, ein paar alte Hocker, ein Regal mit Büchern und einer Sammlung bunter Kaffeebecher. In der Ecke balanciert ein alter Schreibtisch auf drei Beinen, das vierte ist etwas kürzer als die anderen und muss mit einem dicken Stück Kupferrohr gestützt werden. Das ist aber nicht schlimm. Es funktioniert ja und ist viel gemütlicher, als wenn alles neu und perfekt wäre. Ich liebe es, mit Mel in dem zerschlissenen Sessel zu sitzen und die neu erschienenen Fachartikel zu lesen oder bei einer Tasse Kaffee über einer neuen Idee zu brüten. Wenn besonders viel zu tun ist, schlafen wir sogar auf dem rostigen Klappbett unter dem Poster irgendeines Südseehotels, das ein ehemaliger Student einmal an die Betonwand geklebt hat, wie ein Fenster nach draußen.

Echte Fenster gibt es nämlich nicht. Die Wände und Stahltüren schirmen nicht nur die radioaktive Strahlung...



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