E-Book, Deutsch, Band 2, 384 Seiten
Reihe: Finde-mich-Reihe
Engel Halte mich. Hier
19001. Auflage 2019
ISBN: 978-3-492-99453-8
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 384 Seiten
Reihe: Finde-mich-Reihe
ISBN: 978-3-492-99453-8
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kathinka Engel kennt die Buchwelt aus verschiedensten Perspektiven: Als leidenschaftliche Leserin studierte sie allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, arbeitete für eine Literaturagentur, ein Literaturmagazin und als Redakteurin, Übersetzerin und Lektorin für verschiedene Verlage. Wenn sie nicht gerade schreibt oder liest, trifft man sie in Craft-Beer-Kneipen, im Fußballstadion oder als Backpackerin auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer. Mit ihrem Debüt »Finde mich. Jetzt« schaffte Kathinka Engel es aus dem Stand auf die SPIEGEL-Bestsellerliste. Bei Instagram teilt sie unter @kathinka.engel ihre Begeisterung für Bücher.
Autoren/Hrsg.
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1 Zelda
Eine blonde Perücke überdeckt meine leuchtend pinken Haare. Meine Sommersprossen sind unter einer dicken Schicht Make-up verschwunden. Ich habe meine Fingernägel in einem konservativen Dunkelrot lackiert und einen farblich passenden Lippenstift verwendet. Allerdings ist der Großteil der Farbe in einem Kosmetiktuch gelandet, damit ich nicht zu puppenhaft aussehe. Mit etwas Rouge belebe ich meinen vollkommen ebenmäßigen Teint. Jedes Mal erscheint es mir wieder seltsam, meine natürliche Gesichtsfärbung zu überschminken, um mir danach künstliche Röte aufzumalen.
Die junge Frau, die mir aus dem Spiegel entgegenblickt, hat mit dem Mädchen, das ich bis vor zwanzig Minuten war, nicht mehr viel zu tun. Perfekt. Wenn ich jetzt noch meine Persönlichkeit überschminken könnte, wäre ich der absolute Traum meiner Mutter.
Vorsichtig öffne ich die Badezimmertür. Ich will um jeden Preis vermeiden, dass mich einer meiner Mitbewohner so sieht. Die Luft ist rein, und ich husche schnell in mein Zimmer. Auf dem Bett liegt bereits das dunkelgraue Kleid, das vor ein paar Tagen mit der Post geliefert wurde und vermutlich ein kleines Vermögen gekostet hat. Das Oberteil ist aus Spitze und betont meine eher zierliche Figur, während der ausladende Tüllrock meine Beine noch dünner wirken lässt, als sie ohnehin schon sind. Ich entledige mich meines Bademantels, schlüpfe von unten in das Kleid hinein und zupfe es zurecht. Mit der rechten Hand schiebe ich den Reißverschluss am Rücken so weit hoch, bis ich mit der linken Hand von oben drankomme und ihn ganz schließen kann. Es wäre leichter, Leon oder Arush um Hilfe zu bitten, aber dieser ganze Aufzug ist mir viel zu peinlich.
Die farblich passenden Wildlederpumps, die zusammen mit dem Kleid angekommen sind, packe ich in meine Handtasche. Jede Minute, die ich meine Füße nicht damit malträtieren muss, ist ein Geschenk. Ich schlüpfe in meine Sneakers, ziehe mir einen schwarzen Blazer über und schleiche mich aus meinem Zimmer. Von der Kommode im Flur schnappe ich mir meinen Schlüssel, den ich zu den Pumps in meine Tasche fallen lasse. Als ich schon beinahe aus der Tür bin, rufe ich schnell ein »Tschüss, Jungs, bis morgen« in die Wohnung. Ohne eine Antwort abzuwarten, ziehe ich die Tür hinter mir zu.
Von Pearley, wo ich studiere, ist es eine einstündige Autofahrt nach Paloma Bay. Das Haus meiner Eltern liegt hinter dem idyllischen Badeort auf einem Hügel. Von dort hat man an klaren Tagen einen traumhaften Blick über die Bucht – eines der beliebtesten Motive auf den Postkarten, die jedes Jahr von Unmengen Touristen ins ganze Land geschickt werden.
Auf der Hinfahrt verzichte ich immer darauf, Musik zu hören, um mich in die richtige geistige Verfassung zu bringen. Das bedeutet: Ich male mir das Schlimmste aus, was an diesem Abend eintreten kann. Ich stelle mir die Situation plastisch vor. Ein uninteressanter Schleimbolzen in perfekt sitzendem Anzug versucht, meinen Eltern in den Allerwertesten zu kriechen, während er mir gleichzeitig durch seine erbärmlichen Fummelversuche unter dem Tisch zeigt, dass er keinerlei Respekt vor Frauen im Allgemeinen und vor mir im Besonderen hat. Wenn ich dann diese Vorstellung potenziere, weiß ich ungefähr, was mich erwartet.
Wäre ich nicht finanziell von meinen Eltern abhängig, hätten sie mich nicht komplett im Griff, würde ich mir diesen ganzen Käse gar nicht geben. Aber zu studieren ist teuer. Und die Studienzeit ist meine letzte Chance, ich selbst zu sein. Deshalb lasse ich mich beinahe jedes Wochenende von meinen Eltern in diese demütigende Rolle drängen, im Gegenzug für ein wenig Freiheit.
Ich nehme die Straße, die mich durch Paloma Bay führt, auch wenn die Umgehungsstraße mich schneller ans Ziel bringen würde. Allerdings steht ein frühes Ankommen ganz weit unten auf meiner Prioritätenliste. Ich fahre gern durch die kleine Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Hier laufen die Uhren langsamer. Wenn es einen Ort der Entschleunigung gibt, dann ist es Paloma Bay. Neben Hotels in modernen Glaspalästen, vor denen Limousinen auf Gäste warten, gibt es hier vor allem hübsche kleine Strandbars und edle Fischrestaurants, deren Terrassen hinter der palmengesäumten Straße einen direkten Blick auf den Strand bieten. Die Hälfte davon gehört vermutlich meinen Eltern. Die Saison hat noch nicht angefangen, obwohl hier, direkt am Meer, eigentlich das ganze Jahr über angenehme Temperaturen herrschen. Die Promenade ist kaum bevölkert, und die Strandbäder – eine der sinnlosesten Erfindungen überhaupt – haben noch nicht einmal geöffnet. Denn nur Touristen zahlen in dieser Gegend Geld, um im Meer schwimmen zu gehen.
Gleich hinter dem Ortsausgang biege ich ab und folge einer schmalen Straße, die sich den Paloma Hill hinaufschlängelt. Hier und da sind beeindruckende moderne Villen in die Landschaft gebaut. Je weiter ich hinauffahre, desto einsamer wird es – bis ich an einem schweren Eisentor zum Stehen komme. Ich muss nur einen kurzen Augenblick warten, dann öffnen sich wie durch Geisterhand die beiden Torflügel. Ich weiß allerdings, dass es Rory, unser Pförtner, war.
Ich rolle langsam die Auffahrt zum Haus hinauf, das sich groß und mächtig gegen den dunkelblauen Himmel abhebt. Die weiße Fassade ist beleuchtet, und aus den meisten Fenstern im Erdgeschoss und im ersten Stock scheint ebenfalls ein kaltes Licht. Ich parke meinen Mini – ein Geschenk meiner Eltern zum Schulabschluss – vor dem Haus. Aus meiner Handtasche hole ich die Pumps und tausche Fußkomfort gegen blutleere Zehen. Etwas staksig steige ich aus. Sofort eilt Miloš, der Fahrer meiner Eltern, herbei, um mein Auto umzuparken.
»Guten Abend, Ms Zelda«, begrüßt er mich. »Schön, Sie zu sehen.«
»Nur ›Zelda‹, Miloš, wir haben darüber gesprochen«, korrigiere ich ihn. »Geht’s Ihnen gut?«
»Danke, sehr gut«, sagt er und lächelt. »Allerdings fehlen Sie uns allen sehr.«
»Sie fehlen mir auch«, sage ich und meine es absolut ernst. Die Angestellten meiner Eltern waren für mich immer so etwas wie ein Familienersatz. Unter ihnen sind die besten Menschen, die ich je kennengelernt habe.
»Kommen Sie nachher in der Küche vorbei?«, fragt Miloš, als ich ihm meinen Autoschlüssel gebe.
»Wenn ich mich wegstehlen kann, auf jeden Fall!«, verspreche ich. Ohne die Aussicht auf einen Kaffee mit den einzig sympathischen Personen im Haus wäre dieser Abend nicht auszuhalten.
Ich gehe auf die massive Eingangstür zu. Nach nur drei Schritten muss ich schon stehen bleiben, um das erste Mal meinen linken Schuh zurechtzurücken. Ich balanciere auf dem rechten Bein, was gar nicht so leicht ist, wenn man sein ganzes Körpergewicht auf einem Pfennigabsatz und einer verschwindend kleinen Schuhspitze verteilen muss. Seiltänzerin werde ich in diesem Leben nicht mehr. Das steht fest.
Plötzlich höre ich hinter mir ein Auto vorfahren. Ich will mich umdrehen, vergesse aber, dass mein linker Fuß noch keinen Halt im Schuh hat. Beinahe komme ich aus dem Gleichgewicht und kann mich gerade so an einer der großen weißen Säulen festhalten, die den Eingangsbereich zieren. Na toll, jetzt bin ich auch aus dem anderen Schuh rausgerutscht.
»Vorsicht«, sagt der Fahrer des Wagens, der in diesem Moment die Tür geöffnet hat. Er lächelt mich an. »Philip Englander. Ich glaube, ich bin deinetwegen hier?«
Ich beeile mich, meine Schuhe wieder anzuziehen. »Hi, ich bin Zelda«, sage ich.
Philip Englander kommt auf mich zu und streckt seine Hand aus. »Freut mich, dich kennenzulernen.«
»Die Freude ist ganz meinerseits«, sage ich und versuche, den ironischen Unterton, der sich bei diesem Satz immer automatisch in meine Stimme mischt, auf ein Minimum zu beschränken. Wenn ich ihn jetzt schon brüskiere, wird der Abend für mich unerträglich.
Miloš kehrt zurück, um Philips Wagen wegzufahren. Während ihrer Interaktion mustere ich mein Date für heute Abend das erste Mal. Er sieht nett aus – und intelligent. Das ist immerhin mal etwas Neues. Er hat rotblonde Locken, einen sauber getrimmten Bart und trägt eine runde Brille. Im Gegensatz zu den anderen jungen Männern, die meine Eltern an vergangenen Wochenenden eingeladen hatten, ist er nicht im Anzug erschienen, sondern in einer etwas legereren dunkelblauen Stoffhose, einem hellblauen Hemd und einer grauen Anzugweste. Mir fällt außerdem auf, dass er nett zu Miloš ist. Ich habe gelernt, dass Nettigkeit gegenüber Hausangestellten keine Selbstverständlichkeit ist, weswegen ich angenehm überrascht bin, als Philip sich bedankt.
»Also dann«, sagt er, während Miloš seinen Wagen parkt, »lasset die Spiele beginnen.« Er zwinkert mir zu.
»Du sagst es«, gebe ich zurück.
In dem Moment, da ich die Tür öffnen will, wird sie von innen aufgerissen.
»Ich wusste, dass ich etwas gehört habe«, ertönt die süßlich-überdrehte Stimme meiner Mutter. Nach hinten ruft sie: »Ich habe doch gesagt, sie sind da.« Wieder an uns gewandt: »Ich habe Agnes dreimal gesagt, sie soll nachsehen, aber anscheinend muss man hier alles selbst machen.« Sie lächelt betont gequält.
»Verzeihung, Mrs Redstone-Laurie«, hört man nun Agnes, die vermutlich aus der Küche herbeieilt, wo sie eigentlich alle Hände voll zu tun hat. Ich lächle ihr aufmunternd zu, als sie in die Eingangshalle kommt.
»Darf ich Ihnen die Garderobe abnehmen?«, fragt sie an Philip und mich gewandt, und wir händigen ihr unsere Jacken aus.
»Sie haben wirklich ein atemberaubendes Haus, Mrs Redstone-Laurie«, sagt Philip zu meiner Mutter. Er blickt sich in der Eingangshalle um, die mit den Augen eines Fremden wohl tatsächlich relativ beeindruckend ist. Der Boden ist ein Mosaik aus rotem, weißem und grünem Marmor, das in...




