Endo | Samurai | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Endo Samurai


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-903061-39-2
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-903061-39-2
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Hasekura Rokuemon, Landadeliger und Samurai, führt ein zufriedenes Leben mit seiner Familie in eigenem Hof und Heim. Doch er gehorcht, als man ihn als Abgesandten in die Länder der sogenannten Südbarbaren schickt. Zusammen mit einer Gruppe von Kaufleuten und dem spanischen Franziskaner Velasco, dessen einziges Ziel es ist, Bischof in Japan zu werden, bricht er im Jahre 1613 zu einer gefährlichen Reise auf, die ihn nach Mexiko, Spanien und Italien führt. Der Auftrag lautet: Anknüpfung von Handelsbeziehungen zwischen Japan und Nueva España. Gegen seine innerste Überzeugung lässt Hasekura Rokuemon die Taufe über sich ergehen, um die Mission nicht zu gefährden. Dass dies Pater Velasco mehr dienen soll als ihm selbst, merkt er zu diesem Zeitpunkt nicht. Die Einblicke des Samurai in die fremde Welt des Abendlandes werden bei seiner Rückkehr zum Fluch. Während der jahrelangen Abwesenheit der Gesandtschaft haben sich die Verhältnisse in Japan geändert: Die Christen sind mittlerweile schärfsten Verfolgungen ausgesetzt, und an Handelsbeziehungen mit dem Westen besteht kein Interesse mehr.

Shusaku Endo (1923-1996) studierte französische Literatur in Japan und katholische Literatur in Frankreich. Er gilt in Japan als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller und erhielt u. a. den 'Akutagawa-Preis', den wichtigsten japanischen Literaturpreis. Seine Hauptwerke sind die Romane Schweigen, Samurai und Skandal. Letzteres erscheint 2017 ebenfalls bei Septime.

Endo Samurai jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


  1   Es schneite. Eben noch waren zwischen den Wolken hindurch ein paar spärliche Sonnenstrahlen auf die steinige Flussniederung gefallen, doch gegen Abend verdüsterte sich der Himmel und es wurde mit einem Mal still. Einzelne Schneeflocken schwebten zu Boden. Sie streiften den Kittel des Samurais, der zusammen mit seinen Leuten in der Niederung Holz schlug, legten sich auf Gesichter und Hände und schwanden, als wollten sie von der Unbeständigkeit des Lebens künden. Schweigend schwangen die Männer ihre Äxte. Der Schnee begann immer stärker zu wirbeln, mischte sich mit dem aufsteigenden Abendnebel und verwandelte alles in dichtes Grau. Der Samurai und seine Leute beendeten ihre Arbeit und luden sich die Holzbündel auf den Rücken. Sie brauchten Feuerung für den nahenden Winter. Schnee klebte ihnen an der Stirn, als sie wie ein Ameisenzug am Fluss entlang ihren Behausungen zustrebten. Am Rande der von laubkahlen Hügeln umschlossenen Ebene lagen drei kleine Dörfer. Unmittelbar hinter den Häusern stiegen die Hänge steil an und vor ihnen dehnten sich die Felder, sodass man schon von drinnen jeden Fremden, der ins Tal kam, erspähen konnte. Die strohgedeckten Häuser standen dicht beieinander, als wären sie zusammengeschoben. Unter den Dächern spannten sich Gestelle aus Bambus, in denen Brennholz und Schilfgras trockneten. In den Häusern war es dunkel und stickig wie in Viehställen. Der Samurai wusste um alles in den drei Dörfern. Sie und das dazugehörige Land waren seiner Familie zu Zeiten seines Vaters vom Fürsten als Lehen übertragen worden. Jetzt fiel es ihm als dem Erben zu, eine bestimmte Zahl von Bauern zu stellen, wenn der Befehl zum Frondienst erging, oder, wenn ein Krieg ausbrach, mit Bewaffneten zum Sitz seines Landvogts, des Edlen Herrn Ishida aus dem Ältestenrat, zu eilen. Das Anwesen des Samurais machte zwar einen stattlicheren Eindruck als die Behausungen der Bauern, dennoch war es lediglich eine Zusammenballung strohgedeckter Gebäude. Eigentlich unterschied es sich von den Bauernhöfen nur dadurch, dass es mehrere Scheunen und einen größeren Pferdestall hatte und von einem Erdwall umschlossen war. Richtig befestigt aber war es trotz dieser Einfriedung nicht. Auf einer Kuppe am Nordrand des Tals standen noch die Ruinen der Feste jenes Samurais, der einmal diese Gegend beherrscht hatte, bevor der Fürst ihn vernichtet hatte. Doch jetzt, da überall in Japan die Fehden beendet waren und der Fürst einer der mächtigsten Landesherren des Nordens geworden war, brauchte keine Samuraifamilie ihren Wohnsitz mehr zu befestigen. Den Standesunterschied gab es zwar nach wie vor, aber der Samurai arbeitete gemeinsam mit seinen Leuten auf den Feldern und brannte zusammen mit ihnen Holzkohle in den Bergen. Und seine Frau sah, wie die anderen Frauen auch, nach den Rindern und Pferden. Die Abgaben, die von den drei Dörfern jährlich an den Fürsten zu entrichten waren, beliefen sich auf insgesamt fünfundsechzig Kan, sechzig für die Reisfelder und fünf für das übrige Land. Der Schneefall verdichtete sich zum Gestöber. Die Fußspuren des Samurais und seiner Leute hinterließen auf dem langen Pfad dunkle Flecken. Ohne ein überflüssiges Wort zogen die Männer gleich friedfertigen Rindern ihres Weges. Als sie sich der kleinen Brücke, genannt »Zu den zwei Tannen«, näherten, sah der Samurai dort Yozo wie eine Buddha-Statue stehen. Auch sein Haar war weiß vom Schnee. »Euer Onkel ist gekommen.« Der Samurai nickte und ließ das Holzbündel von den Schultern vor Yozos Füße gleiten. Wie den Bauern haftete dem Samurai der Geruch von Erde an. Er hatte die gleichen eingesunkenen Augen und hervorstehenden Wangenknochen wie sie. Und genauso wie sie sprach er wenig und zeigte selten seine Gefühle. Obwohl er das Oberhaupt der Familie war, wurde ihm bei der Nachricht, dass sein betagter Onkel ihn erwartete, doch recht beklommen zumute. Seit dem Tod seines Vaters stand der Samurai zwar der Familie Hasekura vor, dennoch hatte er bisher nie eine Entscheidung getroffen, ohne sich zuvor mit seinem Onkel zu beraten. Der Onkel war zusammen mit dem Vater für den Fürsten in so manche Schlacht gezogen. »Sieh sie dir an, Roku!«, hatte er oft gesagt, als der Samurai noch ein Kind gewesen war, und ihm, wenn er an der in den Boden eingelassenen Feuerstelle saß, das Gesicht vom Trinken gerötet, eine bräunliche Narbe auf seinem Oberschenkel gezeigt hatte. Diese Schusswunde stammte aus der Schlacht von Suriagehara, die ihr Fürst gegen die Familie der Ashina geschlagen hatte. Sie war sein ganzer Stolz. In den letzten vier, fünf Jahren war er alt geworden. Wenn er gelegentlich zu Besuch kam, jammerte er nur noch vor sich hin, während er einen Becher nach dem anderen leerte. Hatte er sich seinen Kummer von der Seele geredet, ging er wieder. Dabei zog er sein versehrtes rechtes Bein nach wie ein hinkender Hund. Der Samurai ließ seine Leute zurück und stieg allein den Hang zu seinem Gehöft hinauf. Schneeflocken wirbelten vom grauen Himmel, vor dem sich das Wohnhaus, die Ställe und die anderen Gebäude wie eine schwarze Festung abhoben. Als er am Pferdestall vorüberkam, drang ihm der Geruch von Stroh und Dung in die Nase. Die Pferde scharrten mit den Hufen, sobald sie die Schritte ihres Herrn wahrnahmen. Der Samurai klopfte sich sorgfältig den Schnee von den Kleidern, bevor er ins Haus trat. Das steife rechte Bein von sich gestreckt, saß der Onkel dicht an der Feuerstelle und hielt die Hände über die Glut. Der älteste Sohn des Samurais, ein Junge von zwölf Jahren, kniete respektvoll neben ihm. »Bist du es, Roku«, rief der Onkel, als der Samurai noch in der Tür stand, hielt sich die Hand vor den Mund und hustete, als hätte er sich am Qualm des Feuers verschluckt. Als Kanzaburo seinen Vater erblickte, verbeugte er sich wie erlöst rasch vor ihm und entfloh in die Küche. Der Rauch stieg am Topfhaken vorbei an die verrußte Decke. An dieser rundum schwarzen Feuerstelle war schon zu Zeiten seines Vaters so manche Entscheidung getroffen worden, und hier wurde auch zu Gericht gesessen, wenn es einmal Streitigkeiten zu schlichten gab. »Ich war in Nunozawa beim Vogt.« Der Onkel hüstelte wieder. »Wegen des Landes in Kurokawa gibt es noch immer keine Antwort aus der Burg, hat er gesagt.« Der Samurai verharrte in Schweigen, griff nach den neben der Feuerstelle aufgestapelten Zweigen und zerbrach sie. Dabei lauschte er dem dumpfen Knacken und bemühte sich, zu dem üblichen Gejammer seines Onkels Gleichmut zu bewahren. Doch das bedeutete keineswegs, dass er nichts empfand oder dachte. Es war seinem Wesen nur fremd, sich etwas anmerken zu lassen oder jemandem zu widersprechen. In Wirklichkeit berührte ihn die alte Geschichte durchaus, auf die sein Onkel mit so großer Beharrlichkeit immer wieder zurückkam. Vor elf Jahren hatte der Fürst, als er sich eine neue Burg und Stadt erbaute und die Lehen neu vergab, der Familie des Samurais anstelle des Landes in Kurokawa, wo sie seit Generationen zu Hause war, dieses Tal mit seinen drei Dörfern zugewiesen. Es hieß damals, man habe sie in diese Gegend, die sehr viel ärmer war als ihr früheres Lehnsland, nur deshalb umgesiedelt, weil dem Fürsten an der Erschließung von Ödland gelegen sei. Aber sein Vater hatte dazu seine eigene Meinung gehabt. Als der Fürst nämlich seinen Frieden mit dem Regenten Hideyoshi schloss, kam es, mit den Familien Kasai und Ozaki an der Spitze, zu einem Aufstand all derer, die sich damit nicht abfinden wollten. Darunter waren einige sehr entfernte Verwandte der Familie des Samurais. Und weil der Vater ihnen dann nach der Niederschlagung dieses Aufstands auch noch heimlich zur Flucht verholfen hatte, war der Fürst wohl darauf verfallen, ihm diese Ödnis anstelle der Ländereien in Kurokawa zu geben. Jedenfalls glaubte das der Vater. Aus dem Knistern der verbrennenden Zweige schien der Unmut des Vaters und des Onkels über die Art, wie man sie behandelt hatte, zu sprechen. Riku, die Frau des Samurais, kam aus der Küche. Wortlos stellte sie Reiswein vor die beiden Männer und reichte ihnen dazu auf getrockneten Magnolienblättern gesalzenes Bohnenmus. Aus den Mienen des Onkels und ihres Mannes, der stumm die trockenen Zweige zerbrach, hatte sie erraten, worüber auch an diesem Abend wieder geredet wurde. »Ja, ja, Riku«, meinte der Onkel, während er sich zu ihr umdrehte. »Wir werden wohl weiter in dieser Wüstenei hausen müssen.« Dieses Wort gebrauchte er gern für das einsame Ödland; mit dem Fluss voller Geröll und Feldern, auf denen außer etwas Reis nichts weiter zu ernten war als Buchweizen, Hirse und Rettich. Zudem stellte sich hier der Winter früher ein als andernorts, und es war auch kälter. Sobald die ganze Gegend, Hügel und Wälder, unter dem makellosen Weiß des Schnees begraben lag, konnten die Menschen während der langen Nächte nur noch mit angehaltenem Atem in ihren düsteren Häusern sitzen, dem Heulen des Sturms lauschen und auf den Frühling warten. »Ja, wenn Krieg wäre! Man könnte in die Schlacht ziehen, hätte Gelegenheit, sich auszuzeichnen, und würde als Belohnung Land dazubekommen.« Der Onkel stimmte immer wieder das gleiche Klagelied an und rieb sich dabei fortwährend die knochigen Knie. Aber die Zeiten waren vorbei, da der Fürst über Wochen und Monate ins Feld zog. Mit Ausnahme der Westprovinzen hatte sich das ganze Land, vor allem der Osten, der Macht der Tokugawa gebeugt, und selbst ein so mächtiger Fürst des Nordens wie ihr Landesherr war nicht mehr in der Lage, nach eigenem Belieben Truppen in Marsch zu setzen. Wie der Samurai zerbrach nun auch seine Frau die neben der Feuerstelle liegenden trockenen Zweige und hörte ebenso geduldig dem Onkel zu, der sich wie...


Shusaku Endo (1923–1996) studierte französische Literatur in Japan und katholische Literatur in Frankreich. Er gilt in Japan als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller und erhielt u. a. den "Akutagawa-Preis", den wichtigsten japanischen Literaturpreis. Seine Hauptwerke sind die Romane Schweigen, Samurai und Skandal. Letzteres erscheint 2017 ebenfalls bei Septime.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.