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E-Book

E-Book, Deutsch, 292 Seiten

Reihe: Endler - Werke

Endler Nebbich

Eine deutsche Karriere
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-8353-0695-0
Verlag: Wallstein Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: 0 - No protection

Eine deutsche Karriere

E-Book, Deutsch, 292 Seiten

Reihe: Endler - Werke

ISBN: 978-3-8353-0695-0
Verlag: Wallstein Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: 0 - No protection



'Ich lese ganz gern in Autobiographien', bekennt Adolf Endler, 'aber glaube ich ihnen? ... Ne, ne ne, daß zumal ein Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts in befriedigender Weise in der Lage sein könnte, seine 'Biographie zu erzählen'', hält Endler für ganz und gar unmöglich. Und wenn er hier mit 'Nebbich' ein Buch präsentiert, das er ausdrücklich als Autobiographie versteht, so liegt auf der Hand, daß es sich nicht um die brave Darstellung des eigenen Lebens in chronologischer Folge zu einem der Vollkommenheit nahen Ende hin handeln kann. Endlers 'Autobiographie aus Splittern' ist, wie wir es schon für einen begrenzten Zeitabschnitt in 'Tarzan am Prenzlauer Berg' kennengelernt haben, montiert aus Tagebuchnotizen und zeitkritischen Glossen, bös-sarkastischen Zitat-Collagen, essayistischen Porträts von Zeitgenossen und Kollegen und erzählerischen Fragmenten nicht selten phantasmagorischen Charakters. Denn daß sich das Leben eines Menschen nicht nur aus 'real' Erlebtem, sondern zu 'drei Vierteln aus Träumen und Tagträumen ('längeren Gedankenspielen')' zusammensetzt, ist für den Autor, der die Vokabel 'Karriere' selbstverständlich nur mit Augenzwinkern ausspricht, keine Frage. Was entsteht, ist ein Kaleidoskop, in dem Erinnerungsbilder des fünfzehnjährigen Gymnasiasten, der zwischen Düsseldorf und Benrath in der Straßenbahnlinie 18 sitzt, ebenso aufgehoben sind wie Expeditionstagebücher, die etwa über die Sprache der Regenbogen-Esser Auskunft geben. Und freilich finden sich wilde Notizen von den endlerschen alter egos Bobbi Bergermann und Bubi Blazezak, die nicht zuletzt auch eine Art DDR-Geschichte fern jeder Nostalgie bergen.

Adolf Endler, geb. 1930 in Düsseldorf, siedelte 1955 in die DDR über, 1979 Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR. Lyriker, Prosaautor, Essayist. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise, darunter: Bremer Literaturpreis, Peter-Huchel-Preis, Kritikerpreis der SWR-Bestenliste, Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau, Ehrengabe der Schiller-Stiftung, Rainer-Malkowski-Preis.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1;VORBEMERKUNG;5
2;NEUNZEHNHUNDERTVIERUNDVIERZIG;7
3;ZWEI FRÜHE LIEBESGESCHICHTEN;9
4;MOMENTE / WIDMUNG FÜR PETER HUCHEL;15
5;ZU EINER GRAFIK VON MAX ERNST;19
6;DER WITTENBERGE- ZYKLUS / EINE MEMOIRE;22
7;NEBELZEIT;31
8;IN GEDANKEN AN ELKE ERB NOTIERT;36
9;SIEBEN SÄCKE;42
10;NACHTRÉGE ZUM "TARZAN";49
11;BOBBI BERGERMANNS VORMITTAGSWEG;69
12;WOHNUNGEN, WOHNUNGEN;72
13;DIE SARAH- KIRSCH- KISTEN;81
14;DIE WELT UWE GRESSMANNS;83
15;ZWEI KRIEGSTRÄUME BUBI BLAZEZAKS;98
16;DIE FRÜHEN ACHTZIGER / EIN ZITATEN- SLALOM;107
17;DIE SÄKULAR- SAUFTOUR BUBI BLAZEZAKS / TAGEBUCHBLATT UND PROSAFRAGMENT;116
18;BESCHREIBUNG ZWEIER GESCHENKE / FÜR KATJA LANGE- MÜLLER;130
19;DER PHANTASMAGORISCHE NOVEMBER ACHTZIG / AUS DEN "KONFESSIONEN" BOBBI BERGERMANNS;135
20;LEIPZIGER JAHRE;144
21;ZWEITE BEGEGNUNG MIT DER SCHMAROLLE/ AUS EINEM EXPEDITIONSBERICHT ( I);155
22;HÄFNER, EBERHARD ( JAHRGANG 41);158
23;WOTRUBA / EIN TRAUM;165
24;ICH MÖCHTE KOTZEN;166
25;BUBI BLAZEZAKS GEDENKEND / SEITENBLICK AUF EINEN ROMANHELDEN;169
26;GRUNDZÜGE DER DDR / EINE COLLAGE;183
27;MODEBERICHTERSTATTUNG DER DRITTEN ART / AUS EINEM EXPEDITIONSBERICHT ( II);190
28;ZWEI "WENDE" - BRIEFE;201
29;VERLUSTANZEIGE;208
30;DIE PKZ;211
31;DER RETTER / EIN ENTWURF;216
32;DURCH WÜSTE UND DSCHUNGEL / ZU JOACHIM WALTHERS "SICHERUNGS-BEREICH LITERATUR";224
33;ORTE OHNE "I. M.";232
34;"GESCHLOSSENE LÄDEN" / EIN EPILOG;239
35;EDE NORDFALLS "WENDE- ROMAN";249
36;IN MEMORIAM INGE MÜLLER ( 1925- 1966);259
37;SPRACHE DER REGENBOGENESSER- STÄMME / AUS EINEM EXPEDITIONSBERICHT ( III);262
38;BÜRGERPARK / ZWEI PROLOGE;269
39;EINE GEFÄHRLICHE EHRUNG / FRAGMENT;277
40;DIE BESTEN TAGE;284
41;INHALT;289


(S. 7)

Gespielt hab ich mit Bombensplittern. Günter Grass Bücher, halb verbrannt, angekohlt, feucht, verdreckt: »Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei, Deutsche Frauen, deutsche Treue, Der Gasmann, Reiter in deutscher Nacht.« – Mit elf, mit zwölf hat E. Bomben- und Flaksplitter gesammelt und getauscht gleich Rühmkorf oder Wosnessenski, die es beide für mitteilenswert hielten.

Als er 13 Jahre alt wurde, war E. zum Sammler von Broschüren und Büchern geworden, wie sie nach jedem Luftangriff verwaist in den schwelenden Trümmern herumgeflattert sind. (Nein, E. ist kein Feind der Bomberpiloten gewesen, die Vokabel »Terrorangriff«, wiewohl dem Vorgang gerecht, ist nie über seine Lippen gekommen, erkannt als Nazi-Ausdruck.

Schon 1941 war das Kind – unklar die Gründe – in Gedanken zu jenen übergelaufen, die BBC London oder Radio Moskau hießen, schon das klirrende Strüppicht »Stalingrad«, das ist gewiß, hat es mit den Augen der Alliierten gesehen und bewertet.) Was nur hat der aufgeregt sammelnde Knabe von den Büchern gehalten, die er zu Dutzenden, zu Hunderten aus den Schuttbergen Düsseldorfs gebuddelt hat – wie manchmal auch Leichen –, von süßlichem Kalkgeruch umschwärmt?, sind sie ihm vor allem Kuriositäten gewesen?

Immer wieder wurden die Bücher gezählt, immer wieder neue Titel-Listen verfaßt, als gelte es, der Um- oder Nachwelt Kunde zu geben von etwas Merkwürdigem: »Die Helden von Scapa Flow, Blitzkrieg in Polen, Nacht über Malmaison, Mit der Leibstandarte im Westen, Orlog und Safari, Feldpostblüten, Narvik.« Gezählt und gezählt, als wäre das da, aufgestapelt im Kohlenkeller, ein kostbarer Schatz gewesen: »Deutsche am Nanga Parbat, Von der Maas bis an die Memel, Alle Wasser Böhmens fließen nach Deutschland.

« Manche der Bücher mußten auf dem Hängeboden getrocknet, manche neu zusammengeklammert, zusammengeklebt werden, nicht wenige blieben Halboder Viertelbücher, und alle sind nun dahin, dahin … Erhalten haben sich Reste der Listen, halb verbrannt, angekohlt, feucht, verdreckt, Zeugnisse des Beginns einer Sammler- Karriere der anderen Art. (November 1999)

ZWEI FRÜHE LIEBESGESCHICHTEN

Das Schreckliche am Altern ist, daß man jung bleibt. Oscar Wilde 1 Der Rostfleck Der Quasi-Kehrreim meines längsten Gedichtes aus den Fünfzigern lautet recht reimlos: »Papiermühle, Wasserwerk, Henkel, / Dreieck, in dem ich wohne.

« Daß die »Papiermühle« am Rheinknie zwischen Düsseldorf- Holthausen und Düsseldorf-Benrath zuerst genannt wird, hat sicher rhythmische Gründe, und trotzdem … Ja, das heute nicht mehr existente Backsteinhaus, das der Papiermühle als Direktionsgebäude rheinwärts vorgelagert war, hatte für den fünfzehnjährigen Gymnasiasten eine ganz besondere Aura: In einem Zimmerchen im dritten Stock hauste Charlotte Branitzer. (Wohin mag sie entschwunden oder entführt worden sein?, lebt sie überhaupt noch?)

Ein ganzes Jahr lang stieg ich zweimal täglich in die Linie 18 der Straßenbahn, es muß noch vor der »Währungsreform« gewesen sein, die zwischen dem Düsseldorfer Hauptbahnhof und dem Schloß in Benrath verkehrte und auf der Charlotte Branitzer zwischen ihrem Lyzeum in der Innenstadt und der Haltestelle am Rheinknie pendelte.

Ihr Stammplatz war auf dem hinteren Perron des Anhängerwagens, meiner bald auf dem vorderen Perron, ihr genau gegenüber, wenn auch getrennt durch den übrigen Wagen. Niemals habe ich ein Wort mit dem etwas älteren Mädchen gesprochen, ihren Namen hatte mein damaliger Freund Oswald Toppelt auf meine Bitte hin ausgespitzelt, niemals habe ich mit Charlotte Branitzer auch nur einen Gruß getauscht, zehn Minuten seliges Anstarren bis zur Haltestelle an der Papiermühle oben am Rhein, das war alles, was ich der stets gleichmütig Blickenden bot – bemerkt haben müßte sie mich …


Endler, Adolf
Adolf Endler (1930-2009), Lyriker, Prosaautor, Essayist; geboren in Düsseldorf, 1955 Übersiedlung in die DDR. Er erhielt bedeutende Literaturpreise, darunter: Bremer Literaturpreis, Peter-Huchel-Preis, Hans Erich Nossack-Preis, Kritikerpreis der SWR-Bestenliste, Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau, Ehrengabe der Schiller-Stiftung, Rainer-Malkowski-Preis.



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