E-Book, Deutsch, 295 Seiten
Emami Gottes böse Kinder
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95865-318-4
Verlag: 110th
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 295 Seiten
ISBN: 978-3-95865-318-4
Verlag: 110th
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Leila Emami, geboren 1970 im Land ihres Vaters, Iran, aufgewachsen in der Heimat Ihrer Mutter, Deutschland, machte nach dem Studium der Germanistik, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte das Schreiben zu ihrem Beruf. Ihr Motto: 'Ich liebe Krimis und Thriller, denn jeder von uns hat eine dunkle Seite, und jeder liebt Nervenkitzel.'
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Absichtlich trat er gegen die Tasse Tee, die sie soeben vor ihm auf den Boden gestellt hatte. Wie Nebel stieg der heiße Dampf aus dem kunstvoll geknüpften Teppich empor, bevor er sich vor ihren erschrockenen Augen in Nichts auflöste.
„Lass mich doch in Ruhe mit deinem Tee!“ Seufzend erhob er sich aus dem Schneidersitz, ging an ihr vorbei und stellte sich ans Fenster. Sein Blick schweifte über die kubischen, sandfarbenen Häuser von Bagdad. Antennen ragten wie Glieder toter Insekten in die Höhe. Am Horizont schraubten sich schwarze Rauchsäulen in den graublauen Himmel, bevor auch sie sich in Nichts auflösten. Eine Brise wehte die verstaubten Wedel der Palme in seinem Garten hin und her und den Gestank dieser Hölle in sein Haus. Da war er wieder, dieser Stein in seiner Kehle.
Sie warf ihm einen stechenden Blick zu. „Soll sich jeder wie du den ganzen Tag in eine Ecke setzen?“ Sie ließ sich auf ihre Knie fallen und begann mit einem Lappen den Tee aus den bunten Teppichfasern zu reiben. „Und wenn es da draußen brennt, du musst was essen und trinken! Den Teppich brauchen wir auch noch.“
„Wo soll ich ihn denn verkaufen? Auf dem Basar?“ Er krallte die Finger in seine dichten, graumelierten Haare, als wolle er aus ihnen eine Antwort herausquetschen.
„Ist mir egal, wo!“ Sie schleuderte den teegetränkten Lappen vor seine Füße. „Ich will fort von hier!“
Er starrte weiter aus dem Fenster. Was sollte er ihr antworten?
„Geh doch zu meinem Cousin! Der weiß, wo man was verkaufen kann“, unterbrach sie seine Gedanken.
Alawis Magen krampfte sich zusammen. Er wusste, was sie dachte. Er war nicht so ein gerissenes Schlitzohr, kein Geschäftsmann wie ihr toller Cousin. Er hatte es nicht einmal übers Herz gebracht die Handschrift zu verkaufen, die er seit letztem Jahr in demselben alten Gebetsteppich gewickelt, in seinem Keller versteckt hielt. Sollten sich etwa andere mit ihr schmücken, während er in einem syrischen Flüchtlingscamp unter Stofflappen hausen musste? Nein, sie war zu kostbar, um sie an Schwarzhändler und Diebe zu verhökern.
„Hörst du mir überhaupt zu? Am besten, du gehst gleich zu meinem Cousin!“, sagte Fatima. „Bete, dass er noch in Bagdad ist!“
In diesem Augenblick hämmerte jemand gegen ihr metallenes Gartentor. Beide fuhren zusammen. Sie erwarteten niemanden. Es klopfte heftiger. Fatima rannte in den Flur, zog ihren schwarzen Schleier vom Kleiderhaken und warf ihn sich über. Sie wurde, seit die Amerikaner über sie hergefallen waren, von Wahnvorstellungen getrieben. Für den Fall eines Übergriffs auf ihr Haus, hatte sie sich zwei Waffen bereitgelegt. Einen Fotoapparat und ein Fleischermesser. Zuerst wollte sie die Eindringlinge in ihrem Garten fotografieren. „So kann man sie später identifizieren und anklagen“, behauptete sie. Danach wollte sie durch das Küchenfenster, das sich zur hinteren Gasse öffnen ließ, fliehen. Mit dem Fleischermesser in der Hand, glaubte sie sich der amerikanischen Armee gewachsen.
Es klopfte wieder. „Allah sei Dank, sind die Kinder bei meiner Schwester auf dem Land“, rief sie und griff nach dem Fotoapparat.
„Vielleicht ist es ja ein Nachbar“, versuchte er sie zu beruhigen. „Oder glaubst du, die Amerikaner klopfen vorher an? Ich sehe nach!“
„Sei vorsichtig! Falls wir uns verlieren, ich versuche mich zu den Kindern durchzuschlagen.“
Alawi schüttelte den Kopf. Er hatte es aufgegeben, sie von diesem abstrusen Plan abzubringen. Er eilte in den Garten. „Wer ist da?“, rief er. Keine Antwort. Nur Klopfen. Waren es doch die Amerikaner? Mit pochendem Herzen öffnete Alawi das blaue, metallene Gartentor um einen Spalt.
„Wo steckst du denn? Ich bin’s“, sprangen ihn die Worte seines Gegenübers an.
„Ah du!“ Erleichtert zog er das quietschende Tor weit auf.
Es war Al-Hashimi. Alawis Kollege aus der Nationalbibliothek.
„Ich habe hier einen Gast aus Deutschland. Er hat ein paar Fragen zur Bibliothek. Kommen Sie, kommen Sie herein!“, forderte Al-Hashimi den Fremden auf, ohne Alawis Reaktion abzuwarten.
Alawi sah zum Wohnzimmerfenster. Fatimas Schatten bewegte sich hinter der Gardine. Ob sie von Al-Hashimi Fotos gemacht hatte? Hoffentlich streckte sie ihn nicht mit ihrem Messer nieder.
„Kommen Sie herein!“, rief Alawi. „Sie entschuldigen, aber …“
„Machen Sie sich bitte keine Umstände“, sagte der Fremde in fließendem Arabisch. Alawi sah ihn verwundert an.
„Professor Schmidt ist Orientalist. Er ist extra aus Deutschland gekommen, weil er unsere Hilfe braucht“, erklärte Al-Hashimi.
Alawi führte Al-Hashimi und Professor Schmidt in sein Wohnzimmer. Dann eilte er in die Küche. Fatima stand mit dem Messer in der Hand vor ihm und zischte: „Was will Al-Hashimi mit dem Amerikaner hier?“
„Beruhige dich! Das ist kein Amerikaner. Das ist ein Professor aus Deutschland.“
„Ein Deutscher? Woher willst du das wissen?“
Alawi sagte in gedämpftem Ton: „Erstens ist er ein alter Mann. Zweitens sieht er aus wie ein deutscher Professor aussieht.“
„Die sehen doch alle gleich aus.“
Alawi flüsterte: „Drittens spricht er fließend Arabisch. Überzeugt?“
„Ich weiß nicht … aber, wenn er irgendetwas will, denk daran, wir brauchen Geld. Vergiss es nicht!“ Sie drohte mit dem Messer.
„Ja, schon gut. Schon gut. Koch uns Tee! Und leg dieses Ding da endlich weg!“
„Herr Alawi, ich bin schockiert über die Lage im Irak“, begann der Professor. „Kriege sind schrecklich! Ich selbst habe als Kind den Zweiten Weltkrieg erleben müssen. Aber wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben! Gerade in diesen Zeiten müssen wir an den Schutz Ihrer Kulturgüter denken!“ Der Professor seufzte. „Es ist eine Katastrophe, was hier geschieht.“
„In den Museen, unseren antiken Stätten, überall wird geplündert. Aber die Welt schaut nur zu.“ Al-Hashimi lehnte sich mit vor der Brust verschränkten Armen beleidigt zurück.
Alawi erhob den Zeigefinger. „Nein, man schaut nicht zu! Man verdient daran. Es dauert nicht lange, dann taucht die irakische Geschichte in Ihren Museen auf.“
„Aber das darf nicht geschehen!“, entgegnete Professor Schmidt. „Vor allem habe ich große Angst um ihre Bibliotheken. Wie sieht es mit dem Schutz Ihrer Bibliotheken aus?“
„Die Bibliotheken wurden alle geschlossen. Ich glaube, es gibt jetzt Wichtigeres zu verteidigen, denn …“
„Wichtigeres? Was könnte wichtiger sein?“, rief der Professor.
Er sprach Alawi aus der Seele.
„Ich weiß auch, wie wichtig unsere Bibliotheken sind. Aber wer wird schon eine Bibliothek angreifen?“, fragte Al-Hashimi und breitete seine Arme aus.
„Ein Volk ohne Bibliothek ist ohne Erinnerungen! Und ein Volk ohne Erinnerung ist leichter zu kontrollieren! Oder etwa nicht?“
Die Männer sahen ihn schweigend an.
„Was ist mit der Koranbibliothek?“, fragte der Professor. „In ihr lagern einzigartige Dokumente. Islamische Handschriften von immenser Bedeutung. Deshalb bin ich jetzt mitten im Krieg nach Bagdad gekommen. Gemeinsam müssen wir wenigstens für die Sicherheit der ältesten Schriften sorgen.“
„Ich weiß nicht“, gab Al-Hashimi zu bedenken, „ist es jetzt nicht schon zu spät? Oder suchen Sie etwas Bestimmtes?“, fragte er rund heraus.
„Mein Interesse gilt vor allem dem Schutz der ältesten Handschriften und ersten Zeugnissen des Islam. Dafür ist es nie zu spät! Sie dürfen nicht zerstört werden oder in die falschen Hände geraten!“
Alawis Atem stockte. Suchte er etwa seine Handschrift? War er deswegen hier? Konnte irgendjemand herausgefunden haben, was er im Keller versteckt hielt? Al-Hashimi? Nein, das war unmöglich. Nicht einmal Fatima wusste davon. „Warum … kommen Sie ausgerechnet zu uns?“, fragte Alawi bemüht gelassen zu klingen. „Ich meine, wir … wir haben mit der Koranbibliothek nichts zu tun. Wir sind Archivare der Nationalbibliothek.“
Al-Hashimi lachte trocken: „Weil außer uns keiner mehr da ist. Alle, die es sich leisten konnten, sind aus Bagdad geflohen.“
„Ich bitte Sie, mir zu helfen, Zugang zur Koranbibliothek zu bekommen. Ich will Ihre Hilfe natürlich nicht ohne Gegenleistung in Anspruch nehmen“, sagte Professor Schmidt.
Al-Hashimi setzte ein breites Grinsen auf.
Fatima, die hinter der Tür lauschte, schickte ein Stoßgebet gen Himmel.
Nur Alawi sah den Fremden skeptisch an.
„Seien Sie unbesorgt. Ich will keine Handschriften mitnehmen, falls Sie das befürchten. Mir genügen Kopien für die Forschung und die Gewissheit, dass sich die Originale hier in Bagdad an einem sicheren Ort befinden. Es wäre eine Katastrophe, wenn sie Plünderern, Dieben oder Leuten, die den wahren Wert der Handschriften nicht zu schätzen wissen, in die Hände fielen.“
Deshalb hielt er ja seinen Schatz versteckt, statt ihn zu verkaufen und zu fliehen. Sollte er diesen Professor in seinen Keller führen? Er konnte die Handschrift womöglich lesen oder wenigstens datieren. Ihm war es bislang nicht gelungen. Doch Vorsicht! Er musste diesen Mann erst genau unter die Lupe...




