E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Elvedal Station 22. Wo bist du sicher?
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8437-3670-1
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller | Ein nordischer Thriller, eisiger als ein Wintermorgen in Oslo
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-8437-3670-1
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anne Elvedal ist eine der gefragtesten Drehbuchautorinnen Norwegens für Fernsehen und Film. Sie hat Drehbücher für mehrere Krimiserien geschrieben, und ihre drei Spielfilme wurden alle für den Amanda Award nominiert. Sie hat das Drehbuch für den international preisgekrönten Dokumentarfilm 'Königin ohne Land' geschrieben. Sie arbeitet seit 18 Jahren als Drehbuchautorin, ist aber auch ausgebildete Krankenschwester und hat zuvor in der psychiatrischen Gesundheitsversorgung gearbeitet. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Asker, Südnorwegen. 'Station 22' ist ihr erster Thriller für Erwachsene.
Weitere Infos & Material
1
Verloren. Das ist die beste Beschreibung, die ich gerade über Fanny abgeben kann. Sie sitzt ganz vorn auf der Bettkante, ihre schmalen Füße hängen ein paar Zentimeter über dem Fußboden, eingeschnürt in die selbst gestrickten Wollsocken der Mutter. Ich mustere sie einen Augenblick, wie um ihr ein paar zusätzliche Sekunden zu verschaffen, ehe ich sie in die Welt zurückstoßen muss, vor der sie sich so sehr fürchtet.
Sie hat mich nicht wahrgenommen. Auch ihre Eltern nicht, die ich in das nackte Zimmer gelassen habe, in dem sie sich seit drei Monaten verschanzt. Ihr bleiches Gesicht ist zum Fenster gerichtet, auf dem die tief stehende Herbstsonne Fettflecken von tastenden Fingern und einer Nasenspitze anstrahlt, doch darauf starrt sie nicht. Ihr Blick ist nach innen gewendet, auf den Strom der Gedanken, der ihren Körper so knöchern, so zerbrechlich gemacht hat. Das dünne dunkle Haar ist zu einem strammen und hohen Pferdeschwanz gebunden, der ihre markante Kinnpartie, die ungeschminkten Augen und den Überbiss betont, der dazu führt, dass ihr Mund nur selten ganz geschlossen ist. Wüsste ich nicht, wer sie ist, hätte ich getippt, dass sie dreizehn Jahre alt ist, vielleicht vierzehn, mitten im Umbruch von Kind zu Erwachsener, aber sie ist achtzehn und volljährig. Jedenfalls alt genug, um hinter verschlossenen Türen in der psychiatrischen Klinik Østmarka zu sitzen, in der Station 22, Spezialabteilung für erstmals erkrankte junge Erwachsene mit psychischen Leiden und Drogenproblemen. In den Bericht werde ich schreiben, dass sie einen zuversichtlichen Eindruck macht.
Zumindest muss ich an dieser Darstellung festhalten. Ich habe versucht, Bescheid zu geben. Ich habe gesagt, dass Fanny meiner Meinung nach vorgibt, gesünder zu sein, als sie ist. Dass sie vermutlich Gedanken hat, die sie nicht zu erzählen wagt, weil sie sich einzig und allein wünscht, ein normaler Teenager zu sein. Doch ihr Psychologe hat sich entschieden, auf das restliche Pflegepersonal zu hören. Sie haben eine junge Frau beobachtet, die wegen Verfolgungswahn zur Untersuchung und Behandlung hergekommen ist und die gut auf Medikation und Milieutherapie, Realitätsorientierung und einen festen Rahmen anspricht. Ein Mädchen, das auf der Flucht vor der Angst war, aber jetzt zurückgefunden hat zum Schlaf, zum Appetit und zum Lächeln. Sie sei schon zu lange hier, meinen die anderen. Es gebe viele, die kränker seien und den Klinikplatz weitaus mehr brauchten.
Als ich auf sie zugehe, quietschen meine Gummisohlen, wie ein Echo all der unglücklichen und gequälten Schreie, die an den hundert Jahre alten Backsteinwänden haften. Ein Duft nach Kokos weht mir zu und verrät mir, dass sie sich heute Morgen die Haare gewaschen hat, obwohl sie es auch schon gestern während der Abendschicht getan hat. Ein Versuch, den Aufenthalt wegzuschrubben? Ich strecke den Arm aus, um sie von dort zurückzurufen, wo sie sich gerade befinden mag, aber genau da friert die Sekunde ein.
Ich habe etwas entdeckt.
Gleich hinter dem Knöchel meines Handgelenks.
Ein Haar.
Ein schwarzes, einsames Haar. Es ragt steif und rebellisch aus der Haut hervor.
Die natürlichste Reaktion wäre jetzt, die Hand zurückzuziehen, zu lächeln, glaubwürdig zu versichern, dass ich etwas vergessen habe, und hinauszugehen, mich in einem Winkel zu verstecken und dem Haar das Lebensrecht zu entziehen. Aber ich bin dazu erzogen worden, meine Impulse zu bekämpfen. Daher führe ich jetzt die Bewegung aus. Ich berühre Fanny leicht an der Schulter, und während ich sie gleichzeitig freundlich anspreche, ziehe ich die Hand schnell zurück und vergrabe sie tief in der Hosentasche.
Genau davor wurde ich gewarnt. Genau das geschieht, wenn ich einen anderen Menschen zu nah heranlasse: Ich werde unaufmerksam.
Fannys fragender Blick umfängt mich.
Ich lächle. »Bist du bereit?«
Sie nickt schwach.
An der Tür hat die Mutter bereits die schwarzen Schnürstiefel vom Boden aufgehoben. »Komm, Schatz, jetzt fahren wir nach Hause.«
Sie wartet nicht auf eine Reaktion, streift Fanny bloß die soliden Schuhe über und zieht sie fast aus dem Bett. Obwohl die Mutter klein und zierlich ist, vom Typus satt von einem kärglichen Salat, ist sie stark, eine wütende Bärin. Sie reicht ihrer Tochter eine abgenutzte hellblaue Windjacke, die sie von zu Hause mitgebracht hat, aber Fanny macht keine Anstalten, sie anzuziehen.
»Draußen ist es kalt«, sagt die Mutter.
Fanny ist stumm. Ihre Arme hängen trotzig an den schmalen Hüften herunter. Die Mutter hebt das Brustbein, sodass sich die Knöpfe an dem engen Vintage-Mantel spannen.
»Hast du erzählt, dass du morgen einen Termin in der Poliklinik hast?«, frage ich in dem Versuch, einen weiteren Streit abzuwehren.
Fanny nickt erneut. Ich weiß, dass sie es erzählt hat. Ich habe es den Eltern ebenfalls gesagt.
Die Mutter weicht meinem Blick aus. Verstärkt den Griff um die Windjacke.
»Wir werden Punkt zwölf Uhr da sein«, sagt der Vater. »Kein Problem.«
Er schenkt mir ein dankbares Lächeln, das sich bis in die runden Wangen ausbreitet. Am ersten Abend, als er uns sein einziges Kind überlassen musste, hatte er mir das gleiche Lächeln geschenkt und gesagt, wie gut es doch sei, zu sehen, dass wir vom Personal wirkten. Er war am häufigsten hier zu Besuch, jeden Abend, mit Bärenumarmungen und Schokoladenbären. Wenn die Mutter dabei war, sind sie Hand in Hand gekommen, um die Distanz und die Entfremdung zwischen ihnen zu verbergen.
»Papa? Hast du es?«, fragt Fanny.
»Natürlich.« Er zieht ein flaches, viereckiges Paket aus der großen Jackentasche. Das grelle Logo des Familienbetriebs prangt auf beiden Seiten des Reißverschlusses, den er kaum zubekommen hat. Er geht auf die sechzig zu, und obwohl er ein aktiver Handwerker ist, hat er es nicht so gut wie seine vierzehn Jahre jüngere Frau geschafft, dem Verfall des Alters entgegenzuwirken.
Fanny greift nach dem Geschenk und hält es mir entgegen. »Das ist für dich, Ida. Weil du so lieb zu mir gewesen bist.«
Ich weiß nicht, ob es an der Zartheit in ihren Augen liegt, daran, dass ich nie zuvor ein Geschenk von einer Patientin bekommen habe, oder an der Tatsache, dass Fanny sich auf dem Weg hinaus in eine Welt befindet, die tatsächlich völlig grausam ist, jedenfalls muss ich jetzt hart schlucken, damit meine Stimme fest bleibt.
»Fanny. Ich habe doch bloß meine Arbeit gemacht.«
»Sie haben viel mehr als das getan«, sagt der Vater. »Ohne Sie wäre es nie so gut gegangen, Ida.«
Ich widerspreche nicht. Ich habe mehr getan, als ich tun musste. Ich habe nicht nur einen guten und individuellen Patientenplan erstellt und dafür gesorgt, dass Fanny Vertrauen, Krisenbewältigung und Fortschritt erlebt hat; ich habe meine Pausen ausgelassen und ihr stattdessen ein Gespräch oder einen Spaziergang angeboten, ein paar extra Käsesandwiches, ich habe eine Extrarunde Tischtennis gespielt, sie extra lange im Zeichen- und Malzimmer gelassen, ihr meine Lieblingsbücher ausgeliehen, ihr die Hand gehalten, wenn es Schlafenszeit war. Ich bin die Einzige, die ihre Angst wirklich verstanden hat.
»Pack es ruhig aus«, sagt Fanny.
Ich folge ihrer Bitte. Erwähne nicht, dass wir vom Personal verpflichtet sind, alle Geschenke in den Besprechungsraum zu legen. Es ist eine Schachtel Schokoladenherzen. Feine Schokoladenherzen, die zwischen den Fingern leicht zerbrechen.
»Oh, vielen Dank«, sage ich. »Ich liebe Schokolade.«
Fanny lächelt mit der natürlichen Scheu eines Kindes. »Ich weiß. Du bist genau wie Papa.«
»Fanny hat Sie wirklich lieb gewonnen«, sagt der Vater. »Sie wissen ja gar nicht, wie viel es uns bedeutet, dass Sie sich so sehr um unser Mädchen gekümmert haben.«
Die Mutter dreht mir den Rücken zu, und mit gereizten Bewegungen durchforstet sie den leeren Kleiderschrank.
Ich nehme Fanny in den Arm. Sie wirkt angespannt. Ich würde sie eigentlich gern länger an mich drücken, ziehe mich stattdessen jedoch zurück. Sie darf nicht merken, wie besorgt ich bin. Dass ich denke, sie wird aus dem Nest geworfen, ehe sie flügge ist; dass ich befürchte, sie wird eine von denen, die in ein paar Wochen oder Monaten zurückkommen, jedes Mal ein bisschen kränker.
»Ich begleite euch hinaus«, sage ich und will schon die große Tasche nehmen, die zu packen ich ihr gestern Abend geholfen habe, doch der Vater hindert mich daran.
»Das übernehme ich.« Er wirft sich die Tasche über die Schulter und tut so, als ob er wegen des Gewichts zu Boden gedrückt würde, entlockt Fanny ein spontanes und süßes Lachen, ehe er den Arm um sie legt und sie gemeinsam den Gang entlangschlendern.
Die Mutter knallt die Schranktüren zu und dreht sich zu mir um, bleibt stehen, ihr ganzes Ich zittert jetzt.
»Ich glaube, wir haben alles eingepackt«, sage ich und schaffe es nicht, mich zurückzuhalten: »Wir haben sogar alle Hautzellen und abgeknipsten Zehennägel in einen verschließbaren Beutel gelegt.«
Sie lacht nicht, wie...




