Ellroy | Hügel der Selbstmörder | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 3, 252 Seiten

Reihe: Die Lloyd-Hopkins-Trilogie

Ellroy Hügel der Selbstmörder

Die Lloyd-Hopkins-Trilogie, Band 3
Version 1.null
ISBN: 978-3-8437-1840-0
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Lloyd-Hopkins-Trilogie, Band 3

E-Book, Deutsch, Band 3, 252 Seiten

Reihe: Die Lloyd-Hopkins-Trilogie

ISBN: 978-3-8437-1840-0
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Ellroy ist der wohl wahnsinnigste unter den lebenden Dichtern und Triebtätern der amerikanischen Literatur.« Süddeutsche Zeitung Lloyd Hopkins, laut psychiatrischem Gutachten schwer angeschlagen, ist vorübergehend vom Dienst suspendiert. Ehe man ihn in den vorzeitigen Ruhestand schickt, wird ihm ein letzter, scheinbar harmloser Fall zugewiesen: ein einfacher Bankraub. Niemand ahnt, dass die Garcia-Brüder dahinterstecken, die zusammen mit Duane Rice ihre blutige Spur quer durch Los Angeles ziehen.

James Ellroy, Jahrgang 1948, begann seine Schriftstellerkarriere 1981 mit Browns Grabgesang. Mit Die Schwarze Dahlie gelang ihm der internationale Durchbruch. Unter anderem wurde Ellroy fünfmal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, zahlreiche Bücher wurden verfilmt, darunter L.A. Confidential.
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1


Der Transporter des Sheriffs bog aus dem Tor des Malibu Fire Camp Nr. 7. Geladen hatte er 16 Häftlinge, denen Entlassung, Arbeitsurlaub und Straferlass bevorstanden, und sein Ziel war das Zentralgefängnis von L. A. County. Fünfzehn der Männer brüllten fröhlich Obszönitäten, trommelten gegen die Fenster und klapperten mit den Beinfesseln. Der sechzehnte, dem man in Anerkennung seines Status als Feuerbekämpfer 1. Klasse die Eisen erspart hatte, saß vorn beim Fahrer/Deputy und starrte auf einen Fotowürfel, in dem sich die Aufnahme einer Frau in Punkrock-Outfit befand.

Der Deputy schaltete in den zweiten Gang und stupste den Mann an. »Bist wohl scharf auf Cyndi Lauper?«

Duane Rice sagte: »Nein, Officer, Sie etwa?«

Der Deputy lächelte. »Nein, aber ich trag ja auch ihr Bild nicht mit mir rum.«

Rice dachte, halt dich zurück – er ist nur ein blöder Bulle, der Konversation machen will, und sagte: »Meine Freundin. Sie ist Sängerin. Sie sang Back-up für eine Bar-Band in Las Vegas, als ich das Foto schoss.«

»Wie heißt sie?«

»Vandy.«

»Vandy? Nur ein Name, so wie ›Cher‹?«

Rice blickte auf den Fahrer, dann herum zu den Häftlingen in Drillichzeug. Die meisten davon würden in einem, allerspätestens zwei Monaten wieder im Loch stecken. Ihm fiel ein Versehen des sprücheschmiedenden Dichters ein, der unter ihm gepennt hatte: »L. A. – mach her deine Ferien, geh heim auf Bewährung.« Und im Bewusstsein, jeden Cop, Richter oder Bewährungshelfer, den man ihm draufknallte, austricksen, ausdeichseln und ausmanövrieren zu können, und mit dem Wissen, dass sein Schicksal das exakte Gegenteil von dem jedes anderen Mannes im Bus war, sagte er: »Nein, Anne Atwater Vanderlinden. Ich hab sie’s abkürzen lassen. Ihr voller Name war zu lang. Nicht gut für Plakate.«

»Macht sie alles, was du von ihr willst?«

Darauf gab Rice dem Deputy ein spiegelvollendetes »Jawohl«.

»Ich frag ja nur«, sagte der Deputy. »Solche Pussen sind heute schwer zu finden.«

Die Plauderei war wirkungsvoll im Keim erstickt, und Rice lehnte sich zurück und starrte aus dem Fenster. Er nahm zwar beiläufig Notiz vom Pacific Coast Highway und den im Winter verlassenen Stränden, fühlte aber eigentlich nur das Summen des Busmotors und die Distanz, die es schuf zwischen den sechs Monaten, die er damit zugebracht hatte, Feuergräben zu buddeln, Flammen einzuatmen und zu beobachten, wie sich geistig verarmte Luschen mit billigsten Weinbrand volllaufen ließen, und den kommenden zwei Wochen, die er im New County abzusitzen hatte, wo ihm sein Straferlass wegen Tapferkeit als Häftlingsfeuerwehrmann einen Job als Kapo verschaffen würde, mit unbegrenztem Besuchsrecht. Er sah auf den Plastikstreifen an seinem rechten Handgelenk: Name, achtstellige Gefangenennummer, die Abkürzung des kalifornischen Strafrechts für schweren Fahrzeugdiebstahl und seinen Entlassungstermin – 30/11/84. Die letzten drei Zahlen ließen ihn an Vandy denken. Automatisch streichelte er den Fotowürfel.

Der Bus erreichte East L. A. und das Main County Jail eine Stunde später. Rice ging zur Aufnahme Seite an Seite mit dem Fahrer/Deputy, der seine Dienstwaffe aus dem Halfter zog und sie wie einen Hirtenstab dazu benutzte, die Häftlinge zu den elektrischen Türen zu lotsen. Als sie drinnen und die Türen hinter ihnen geschlossen waren, gab der Fahrer seine Waffe dem Deputy in der Plexiglaswachkabine und sagte: »Unser Kumpel hier geht zur Kapoeinstufung. Er ist Cyndi Laupers Liebchen, also keine Leibesvisitation: Cyndi sähe es nicht so gerne, wenn wir in sein Arschloch reinschielen. Die anderen Kerle haben Arbeitsurlaub und Wochenendfreigang anstehen. Die volle, übliche Prozedur in den verfügbaren Zellen.«

Der Kontrollbeamte deutete auf Rice und sprach in ein am Tisch festgeschraubtes Mikrofon. »Los, Blauer. Nummer vier, vierte Zelle zu deiner Rechten.«

Rice gehorchte. Er steckte den Fotowürfel in seine umgeschlagene Brusttasche und ging den Korridor entlang. Die Gangart, die er einschlug, war eine Art modifizierter Knastschritt, die es ihm erlaubte, seine Würde zu bewahren so auszusehen, als passe er sich an. Als er den richtigen Rhythmus gefunden hatte, ließ er seine Augen eine Szene in sein Hirn einbrennen, der er sich nie wieder aussetzen würde: Gefangene, wie Sardinen gequetscht in Sicherheitszellen, die auf der Vorderseite von der Decke bis zum Boden mit Kadmiumstahl vergittert waren; geschriene und gedämpfte Gesprächsfetzen, die aus den Zellen herausfluteten und in denen das Wort ›Scheiß‹ vorherrschte. Kapos, die Kakihosen mit Schlitzen am Hintern trugen und lustlos mit Besen den Korridor fegten; eine Gruppe davon stand außen vor dem Schwuchteltrakt und gurrte die Tunten darin an. Das Kreischen und Klirren vergitterter Türen, die auf- und zuflogen. Gewöhnlicher Alltag für institutionalisierte Bullen und Zuchthäusler, die nicht wussten, dass sie aufeinander angewiesen waren. Tod.

Die Tür von Nummer 4 glitt auf. Rice drehte sich kurz und trat ein. Sein Blick blieb auf dem einzigen anderen Häftling in der Zelle haften, einem kräftigen Burschen, der wie ein Rocker aussah, auf dem Schränkchen hockte und einen Groschenwestern las. Als die Tür zuknallte, sah der Mann auf und sagte: »Tag, Grünschnabel. Zur Einstufung hier?«

Rice entschloss sich, höflich zu sein.

»Ich denke doch. Ich spekulierte ja auf einen Job als blauer Kapo, aber die Bullen haben offensichtlich andere Pläne.«

Der Rocker legte sein Buch auf den Boden und kratzte sich an den Bartstoppeln. »Offensichtlich, häh? Sei nur froh, dass du nicht so groß bist wie ich. Ich komme zur Ladeabteilung, sicher wie die Hölle. Ich werde also mit Niggern Wäschesäcke rumwuchten, während du irgendwo mit dem Besen fegst. Wofür haben sie dich verknackt?«

Rice lehnte sich an die Gitter. »Schwerer Autodiebstahl. Bekam ein Jahr, saß sechs Monate im Fire Camp und erhielt etwas Straferlass.«

Der Rocker betrachtete Rice mit Augen, in denen Misstrauen stand, aber auch Neugier nach Informationen. Rice entschloss sich, selbst nach Informationen zu wühlen, und sagte: »Kennst du einen Burschen namens Klein? Ein Weißer um die vierzig? Müsste so vor sechseinhalb, sieben Monaten hergekommen sein. Sie hatten ihn wegen Besitz und Verkauf von Kokain am Wickel, machten dann ein kleineres Delikt daraus. Er ist wahrscheinlich jetzt schon wieder draußen.«

Der Rocker stand auf, streckte sich und kratzte seinen Bauch. Rice sah, dass er mindestens 1,90 war, und spürte ein Warnlicht in seinem Kopf aufflackern, »’n Freund von dir?«.

Mit Verspätung registrierte Rice die Intelligenz in seinen Augen. Zu schlau, um ihn anzuschmieren. »Nicht wirklich.«

»Nicht wirklich?« Der große Mann ließ die Worte dröhnen. »Nicht wirklich? denkst du, ich bin blöde. denkst du, ich kann zwei und zwei nicht zusammenzählen. denkst du, ich weiß nicht, dass dieser Klein dich verpfiffen, einen Handel mit der Schmiere gemacht hat und so ungefähr zur selben Zeit, als sie dich geschnappt haben, wieder gehen durfte. weißt du nicht, dass du dich in Gegenwart eines hervorragenden Gefängnisintellekts befindest, der es nicht mag, wenn man ihn verscheißern will.«

Rice schluckte trocken, hielt Augenkontakt mit dem großen Mann und wartete darauf, dass sich dessen rechte Schulter senkte. Als der Rocker einen Schritt nach hinten machte und lachte, trat Rice zurück und zwang sich ein Lächeln ab.

»Ich habe es sonst nur mit Stumpfköpfen zu tun«, sagte er. »Nach einer Weile passt man sein Denken ihrem Niveau an.«

Der Rocker lachte leise in sich hinein. »Bumst dieser Klein dein Mädchen?«

Vor Rices Augen wurde alles rot. Er vergaß die Warnungen seines Lehrers, niemals eine Attacke zu beginnen, und er vergaß die rituellen Schreie, als er mit dem rechten Fuß durchzog und fühlte, wie der Kiefer des Rockers unter seinem Fuß brach. Blut spritzte durch die Luft, als der große Mann gegen die Gitter krachte; aus den anliegenden Zellen erklangen Rufe. Als der Rocker zu Boden fiel, trat Rice noch einmal zu; durch seinen roten Schleier hindurch hörte er, wie eine Rippe brach. Die Rufe wurden lauter, als die elektrische Tür ruckartig aufging. Rice fuhr herum und sah ein halbes Dutzend Schlagstöcke in hohem Bogen auf sich zukommen. Flüchtige Gedanken an Vandy hielten ihn davon ab anzugreifen. Dann wurde alles dunkelrot und schwarz.

Einheit 2700 des Los Angeles Main County Jail ist bekannt als der Irrentrakt. Sie besteht aus drei Reihen Sicherheitseinzelzellen, die durch enge Gänge und Treppen miteinander verbunden sind, und ist der Unterbringungsort für nicht gewalttätige Gefangene, die psychisch zu gestört sind, um innerhalb der allgemeinen Gefängnisgemeinschaft existieren zu können: Sabberer, Brabbler, Leute, die in der Öffentlichkeit masturbierten, Jesus-Kreischer und mystische Gurus, die ihr Gehirn mit LSD...


Ellroy, James
James Ellroy, Jahrgang 1948, begann seine Schriftstellerkarriere 1981 mit Browns Grabgesang. Mit Die Schwarze Dahlie gelang ihm der internationale Durchbruch. Unter anderem wurde Ellroy fünfmal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, zahlreiche Bücher wurden verfilmt, darunter L.A. Confidential.



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