E-Book, Deutsch, 528 Seiten
El Ouassil / Karig Erzählende Affen
21001. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8437-2588-0
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mythen, Lügen, Utopien - wie Geschichten unser Leben bestimmen
E-Book, Deutsch, 528 Seiten
ISBN: 978-3-8437-2588-0
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Samira El Ouassil, geboren 1984 in München, ist eine deutsche Autorin, Schauspielerin, Musikerin und Politikerin (Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative). Seit September 2018 schreibt sie für das Onlineportal 'Übermedien' die Kolumne 'Wochenschau'.Seit 2019 moderiert sie zusammen mit Christiane Stenger den philosophischen Audible-Podcast 'Sag niemals Nietzsche'. Seit 2020 schreibt sie eine Online-Kolumne beim 'Spiegel'. Zusammen mit Friedemann Karig moderiert sie seit 2020 den Podcast 'Piratensender Powerplay'. El Ouassil ist Sängerin der Band Kummer und Mitglied im Verein Mensa
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2
Ruf des Abenteuers
Erlöser, Dämonen, Heldinnen
Eine Reise, sie alle zu verwandeln
Als der Held aufgeben will angesichts der Übermacht des Bösen und all der Opfer, die er bringen musste, um es zu besiegen, redet sein bester Freund ihm Mut zu:
Das ist wie in den großen Geschichten. In denen, die wirklich wichtig waren. Voller Dunkelheit und Gefahren waren sie. Und manchmal wollte man das Ende gar nicht wissen. Denn wie könnte so eine Geschichte gut ausgehen? Wie könnte die Welt wieder so wie vorher werden, wenn so viel Schlimmes passiert ist? Aber letzten Endes geht auch er vorüber, dieser Schatten. Selbst die Dunkelheit muss weichen. Ein neuer Tag wird kommen, und wenn die Sonne scheint, wird sie umso heller scheinen. Das waren die Geschichten, die einem im Gedächtnis bleiben, selbst, wenn man noch zu klein war, um sie zu verstehen. […] Ich weiß jetzt: Die Leute in diesen Geschichten hatten stets die Gelegenheit umzukehren, nur taten sie’s nicht. Sie gingen weiter, weil sie an irgendetwas geglaubt haben!1
Daraufhin fragt der Held: »Woran sollen wir glauben?«, und sein bester Freund antwortet: »Es gibt etwas Gutes in dieser Welt, Herr Frodo. Und dafür lohnt es sich zu kämpfen.«2
Frodo, Alice im Wunderland, Jesus, Ellen Ripley – der tapfere Hobbit, das neugierige Mädchen, der barmherzige Erlöser, die mutige Astronautin: Was haben diese so unterschiedlichen Figuren gemeinsam? Sie alle kämpfen für etwas. Sie ziehen los und begeben sich in ungewisse Abenteuer. Sie erleben Konflikte, Widerstände, Siege und Niederlagen. Und sie alle erreichen ein Ziel. Doch was macht sie wirklich zu Helden und Heldinnen? Ihr Glaube. Sie glauben fest genug an etwas, um alles zu riskieren. Die meisten Helden müssen ihren Glauben allerdings erst entdecken, tief in sich selbst, und dazu einen Wandel vollziehen. Sie sind Protagonistinnen* einer Geschichte, weil sie sich auf eine Reise begeben, auf der sie letztendlich sich selbst finden. Frodo findet den Mut, den Ring zu tragen und ihn schließlich zu vernichten. Alice wächst aus einer kindlichen Fantasiewelt heraus, die damit ihren Schrecken – und ihren Zauber – verliert. Jesus widersteht allen Versuchungen, opfert sich für die Sünden der Menschen und wird vom Prediger zum Messias. Ellen Ripley wird dank ihrer Entschlossenheit von der gejagten Soldatin zur kosmonautischen Drachentöterin.** Ihre Abenteuer sind jeweils der steinige Pfad zu ihrem heroischen Selbst, eine Tour de Force, die gleichzeitig Wachstum ist: eine Heldenreise.
* Vom Altgriechischen prótos = »der Erste« und ágo = »ich handle, bewege, führe«.
** Die 1979 mit dem ersten Alien-Film begonnene Heldinnenreise der Astronautin Ellen Ripley war auch deshalb so speziell, weil es der Hauptdarstellerin Sigourney Weaver und dem Regisseur Ridley Scott hier gegen alle Regeln des Genres gelang, eine Frau als Heldin eines Sci-Fi-Actionfilms zu etablieren. Interessanterweise steht gleich zu Beginn des Originaldrehbuchs von Alien, dass alle Rollen von allen Geschlechtern gespielt werden könnten, wobei die Drehbuchautoren zugaben, beim Schreiben einen männlichen Protagonisten vor Augen gehabt zu haben. Scott fand dann aber einfach keinen geeigneten Schauspieler für die Rolle – bis Weaver vorsprach. Sie war der Held, nach dem man die ganze Zeit gesucht hatte.
Obwohl der Mann diesen Begriff nicht erfand, gilt er als Entdecker dieser erzählerischen Grundstruktur: Joseph Campbell. In seinem 1945 veröffentlichten Opus magnum Der Heros in tausend Gestalten*** analysierte der amerikanische Mythenforscher Tausende von Geschichten, Sagen und Legenden aus aller Welt. Dabei identifizierte er ein Muster, das er den ›Monomythos‹ nannte. In keltischen wie arabischen Mythen, bei indischen wie griechischen Halbgöttern, ja sogar in den uralten, kulturell autarken Erzählungen der Native Americans oder Aborigines findet sich das immer gleiche Schema, welches Campbell wie ein narratives Genom entschlüsselte: eine äußere Reise als physisches Abenteuer neben der inneren Verwandlung als psychische Entdeckung.****
*** Der englische Originaltitel Hero with a thousand faces ist noch näher an der zentralen Eigenschaft der Heldinnen, sich durch ihre Reise verwandeln zu können.
**** Der französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss untersuchte die Bestandteile dieser Mythen und fand »Mytheme«, kleinste Einheiten von Gegensatzpaaren, die immer neue Geschichten ergeben. In den Messiasgeschichten zum Beispiel wäre das die Opposition von Versuchung und Widerstehen, von göttlicher Macht und einem diabolischen Antagonismus. Auch sie sind sich, ähnlich wie die Heldenreise, quer durch viele Kulturen und ihre Erzählungen sehr ähnlich. Für Lévi-Strauss sind Mythen keineswegs primitive Sinnbildungen, sondern ausgefeilte Techniken der Weltdeutung.
Campbell fragte sich nun, wie diese eine Art des Erzählens sich überall so ähnlich verbreiten konnte. Dabei griff er auf psychoanalytische Theorien der Verdrängung und Sublimierung von Trieben und Ängsten zurück: auf Sigmund Freud, Otto Rank und Carl Gustav Jung. Weil Heldenmythen seiner Ansicht nach ihren Ursprung in unseren kulturell übergreifend ähnlich gestalteten Psychen haben, glaubte Campbell, dass sie für alle Menschen universell seien und ähnlichen, wenn nicht sogar identischen Mustern folgten. In gewissem Sinne erlaubt uns diese Schablone, den Helden als Archetypen für den psychischen Reifungsprozess zu betrachten, den wir alle in unserem Leben durchlaufen. Denn Heldinnen sind keine Außerirdischen* und keine Maschinen. Sie erzählen uns etwas über uns selbst und damit über das Menschsein an sich. Sie sind Persönlichkeiten, die wir gerne wären oder die wir sein könnten – oder die wir sogar schon sind, ohne es zu wissen.
* Manchmal allerdings schon – wie Alf vom Planeten Melmac. Der ist jedoch kein Held im klassischen Sinne, denn die meisten komischen Genres zeichnet aus, dass die Helden eben keine Entwicklung durchlaufen.
Protagonistinnen erleben an unserer Statt kolossale Abenteuer und drastische Emotionen, kämpfen auf Leben und Tod, erfahren größtes Glück und Unglück. Sie erschlagen Drachen, finden Schätze, verlieben sich, retten ihre Kinder und verraten ihre Eltern. Sie riskieren oft alles, gewinnen jedoch meist noch mehr. Doch wozu genau müssen sie diese Wagnisse auf sich nehmen? Um uns zu unterhalten, gewiss. Doch die Unterhaltung ist hierbei nur das Medium einer tieferen Verbindung.
Worum es im Kern geht, fassen die Mythenforscherinnen Eva M. Thury und Margaret K. Devinney wie folgt zusammen: »Wir sind alle Helden, die darum kämpfen, unser Abenteuer zu vollenden. Als menschliche Wesen nehmen wir an einer Reihe von Kämpfen teil, um uns als Individuen zu entwickeln und unseren Platz in der Gesellschaft zu finden. Darüber hinaus sehnen wir uns nach Weisheit: Wir wollen das Universum und die Bedeutung unserer Rolle darin verstehen.«3 Die Mission des Helden ist folglich eine Metapher für eine unbewusste Sehnsucht vieler Menschen, insbesondere die nach Orientierung, nach Einsicht in die Ordnung der Dinge, nach Erkenntnis. Als Vorbilder und Vorkämpferinnen, als Champions unserer Bedürfnisse und Narzissmen personifizieren Heldinnen die Aussicht auf Wunsch- und Trieberfüllung. Auf ihrem Weg erleben sie übermenschliche Prüfungen und allzu menschliche Transformationen – wenn sie sich diesen nicht verweigern und letztlich scheitern. Damit bieten sie uns einen raren Zugang zu unserem Unbewussten. Indem wir mit Heldinnen Beziehungen eingehen, uns mit ihnen identifizieren und verbinden, loten wir immer auch unsere eigenen Fragen, Hoffnungen und Werte aus. Doch anders als die Heldinnen gehen wir dabei kontrollierbare Risiken ein. Der lustvolle Selbstverlust des Mitfieberns am Verlauf einer spannenden Erzählung ist immer zeitlich begrenzt. Die Empathie mit den Figuren einer Geschichte ist eine mit »emotionaler Rückfahrkarte«4, wie der Germanist Fritz Breithaupt es nennt, da wir selbst während der wildesten Abenteuer wissen, dass wir jederzeit das Buch weglegen oder den Fernseher ausschalten können. Und jede Geschichte ein Ende hat.
Dafür ist es egal, ob die Helden echt oder erfunden sind. Man kann bei den meisten der hier (und später) aufgeführten großen Geschichten bezweifeln, ob sie sich jemals so zugetragen haben.* Inwiefern sie Fiktionen mit einem verschütteten authentischen Kern, fiktionalisierte Dramatisierungen historischer Ereignisse oder schmissig erzählte wahre Biografien sind, ist nicht relevant für unser Buch. Denn an ihrer Funktion für und ihrer Macht über unser Leben änderte keine dieser Einschätzungen etwas, und sei sie noch so begründet. Zumal wir es hier nicht mit Problemen der Historizität, sondern der Symbolik zu tun haben. Wie Campbell es formulierte: »Ob Rip van Winkle, Kamar ez-Zamán oder Christus wirklich gelebt haben, ist nicht unsere primäre Sorge. Ihre Geschichten sind es, was uns angeht, und diese Geschichten sind so weit über die Welt verbreitet, nur in verschiedenen Ländern verschiedenen Personen zugeschrieben, daß die Frage, ob dieser oder jener Träger dieser universellen Themen eine historische Persönlichkeit, ein lebender Mensch gewesen sein mag […], nur von zweitrangigem Interesse sein kann. Sie würde die Botschaft, die aus...




