E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Eisenhofer / Brooimans Handbuch Finanzinformationen
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96092-166-0
Verlag: FinanzBuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der digitale Wandel und die nächste Generation von Finanzinformationssystemen
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-96092-166-0
Verlag: FinanzBuch Verlag
Format: EPUB
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Alexis Eisenhofer studierte von 1993 bis 1997 Wirtschaftswissenschaften an der LMU München, wo er anschließend am Institut für Kapitalmarktforschung und Finanzierung promovierte. Seit 1999 ist er Gründungsgesellschafter und Vorstand der financial.com AG, eines Anbieters von Börseninformationssystemen mit Sitz in München. Zudem ist er seit 2005 Gründungsmitglied und ehrenamtlicher Vorstand des Münchner Finance Forum e. V., das sich der Förderung des Austauschs zwischen Finanzwissenschaft und institutioneller Kapitalanlage widmet. Kees Brooimans ist Gründer und CEO der Screen Group, eines weltweit führenden Unternehmens bei der Administration von Financial Market Data Services. Screen INFOmatch wird von mehr als einem Drittel aller Großbanken weltweit verwendet, um ihre Marktdatenkosten, Prozesse und Verträge zu optimieren.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Teil II
Organisatorische Aspekte und Administration von Finanzinformationen
9. Finanzinformationen – Überrendite, Markteffizienz und Marktarithmetik
Von Alexis Eisenhofer
1. Finanzinformationen, Vendoren und Investoren
Durch den fortlaufenden Handel werden an den Kapitalmärkten neue Informationen zeitnah in den Kursen eingepreist. Die Beschaffung und die schnelle Umsetzung von neuen Informationen ermöglichen Gewinne, weswegen die Marktteilnehmer zum Teil große Anstrengungen unternehmen, um schnell neue Finanzinformationen zu erhalten. Zahlreiche Vendoren bieten umfangreiche strukturierte Finanzinformationen an, damit Anleger hieraus Teilmengen filtern und weitere Analysen ableiten können.1 Investoren, die Kosten für die Informationsbeschaffung tragen, erwarten durch ihre Anlageentscheidung einen Mehrwert gegenüber einer passiven Anlage in einen Index.
Die Suche nach solchen Überrenditen ist vergleichbar mit dem Goldrausch aus dem 19. Jahrhundert, wobei die Vendoren als Schaufelhersteller agieren. Das gefundene Gold hat sich herumgesprochen und immer mehr Goldgräber angelockt. Der Finanzsektor (und hierbei insbesondere der Wertpapierhandel) ist in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen. Während sich die Wirtschaft Englands von 1980 bis 2008 verdoppelte, verdreifachte sich der Finanzsektor. In den Nachkriegsjahren betrugen die Gewinne des Finanzsektors regelmäßig 1,5 Prozent der Gesamtwirtschaft. Kurz vor der Lehman-Krise waren es kurzfristig sogar 15 Prozent.2 Im Jahr 2014 sank dieser Wert wieder auf 7,3 Prozent.3 Die Finanzinformationsindustrie ist in den letzten Jahrzehnten ebenfalls stark gewachsen. Weltweit beträgt der Umsatz mit Marktdaten ca. 27,5 Milliarden USD (+3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr).4
In diesem Beitrag werden die Erwartungen an die Industrie und die Leistungsversprechen der Vendoren diskutiert. Dabei werden folgende Fragen beantwortet:
- •Warum kaufen Investoren Informationen von Vendoren, anstatt diese selbst zu beschaffen?
- •Was passiert, wenn alle mit den gleichen Informationen versorgt werden?
- •Wie kann ein individueller Investor in einem immer transparenteren Markt weiterhin einen Informationsvorsprung erzielen?
- •Welche Trends in der Industrie lassen sich hieraus ableiten?
2. Die Markteffizienzhypothese von Fama (1970)
Ob und mit welchen »Schaufeln« sich (noch) »Gold« finden lässt, ist Gegenstand einer umfangreichen empirischen Kapitalmarktforschung. Ausgangspunkt ist hierbei die im Jahr 1970 von Eugene Fama begründete Markteffizienzhypothese.5 Reflektieren die Kurse bereits alle Informationen vollständig oder kann man durch die Beschaffung von Informationen beim Wertpapierhandel noch Geld verdienen?
Die Markteffizienzhypothese geht davon aus, dass die an Märkten erzielbaren Preise sämtliche im Markt verfügbaren Informationen reflektieren. Fama unterschied dabei jedoch drei Stufen: Bei der schwachen Effizienz können aus historischen Kursen keine Aussagen über die zukünftige Entwicklung getroffen werden, weswegen man mit der Chartanalyse keinen Informationsvorsprung erzielen kann. Die mittelstarke Effizienz schließt die öffentlich verfügbaren Fundamentaldaten ein, weswegen eine fundamentale Aktienanalyse auch keinen Mehrwert liefert. Schließlich gibt es noch die starke Effizienz, wo selbst Insiderinformationen bereits in den Kursen verarbeitet sind.
In der Wissenschaft gibt es viele empirische Untersuchungen, ob und wie stark Märkte informationseffizient sind. Es herrscht weitgehend Einigkeit, dass eine starke Informationseffizienz nicht vorliegen kann. Nach der Veröffentlichung besonders wichtiger Informationen schwanken die Kurse oftmals so stark, dass eine starke Effizienz nicht begründet werden kann. Gleichzeitig bestätigen die meisten wissenschaftlichen Arbeiten eine schwache und mittelstarke Effizienz.
Über den Einkauf von Finanzinformationen bei Vendoren können Investoren ihre Informationsbeschaffungskosten aufgrund von Skaleneffekten reduzieren: Bevor alle Anleger Bilanzdaten zu einem Unternehmen selbst sammeln, sollte dies von einem Vendor getätigt werden und gegen Gebühr allen Anlegern zur Verfügung gestellt werden. Den gesunkenen Kosten steht dann allerdings eine weitgehend gleiche Informationsbasis aller Marktteilnehmer gegenüber, weswegen Informationsvorsprünge schwieriger werden. Je mehr Informationen durch viele Teilnehmer an den Markt gelangen, desto eher ist davon auszugehen, dass die Märkte effizient werden.
Theoretisch können Märkte aufgrund des Informationsparadoxons allerdings nicht vollständig effizient sein.6 In einem solchen Falle würde nämlich die kostenintensive Beschaffung von Informationen keinen Mehrwert bringen und folglich unterbleiben. Daher würden den Märkten gewisse Informationen fehlen, was wieder eine gewisse Ineffizienz herbeiführen würde.
Das beste praktische Beispiel für eine Ineffizienz der Märkte ist der Erfolg von Warren Buffetts Unternehmen Berkshire Hathaway. Zugleich zeigt der Anlageerfolg auch eindrucksvoll, wie sich der Markt für Finanzinformationen in den letzten fünf Jahrzehnten weiterentwickelt hat. Seit 1965 hat Warren Buffett 21,6 Prozent p.a. Rendite erzielt und damit den S&P 500 Index (9,9 Prozent p.a.) deutlich übertroffen, allerdings nimmt die Überrendite gegenüber dem Index stetig ab. Aus Sicht der Finanzmarktforschung ist ein solcher Anlageerfolg unerklärlich. Rückblickend gäbe es immer einen besonders erfolgreichen Anleger, der besonders viel Glück gehabt hat.
3. Die Superinvestoren von Graham-and-Doddsville
Als Antwort auf die Forschungsergebnisse veröffentlichte Buffett 1984 einen legendären Essay mit dem Titel »The Superinvestors of Graham-and-Doddsville«, in Anspielung auf die Autoren des Buches »Security Analysis« von Benjamin Graham und David Dodd.7 Das Buch wird von Buffett als das beste jemals veröffentlichte Investment-Buch bezeichnet. Sämtliche Personen, die nach der Value-Investing-Philosophie des Ziehvaters von Warren Buffett (Benjamin Graham) vorgehen, hätten ebenfalls beeindruckende Anlageergebnisse erzielt.
Die Überrenditen von Berkshire Hathaway sind im Zeitverlauf geringer geworden. Während in den Anfangsjahren hohe zweistellige Überrenditen pro Jahr erzielt wurden, sanken diese auf niedrige einstellige Überrenditen in den letzten Jahren. Dies kann im Wesentlichen durch zwei Faktoren erklärt werden. Erstens sind die Informationsvorsprünge heute deutlich kleiner, weil Finanzinformationen über das Internet in Echtzeit weltweit verteilt werden. Anfänglich hatte Buffett sein Wissen aus dem Moody’s Manual, einem kleinen Heft, das kaum Leser hatte. Die Einführung der Pink Sheets an der Nasdaq und schließlich der Siegeszug der Bloomberg- und Reuters-Terminals ab den 1980er-Jahren hatten den Vorsprung weiter schmelzen lassen. Der zweite wichtige Treiber ist jedoch schlichtweg die Größe des Portfolios. Während Warren Buffett früher weitgehend unbemerkt günstige Aktien kaufen konnte, sind Transaktionen von ihm heute so groß (und meistens meldepflichtig), dass sie immer (kurzfristig) nachteilige Kurseffekte zur Folge haben.
Wenn Märkte also nicht vollständig effizient sein können, sollte es Fondsmanagern möglich sein, durch sorgfältige Analysen eine Überrendite gegenüber ihrer Benchmark zu erzielen. Der Siegeszug von Indexfonds ist jedoch Ausdruck von meist enttäuschenden Ergebnissen aktiver Fondsmanager.
4. Aktives und Passives Management
Im Jahr 1973 veröffentlichten Jack Treynor und Fischer Black im Journal of Business ihren Aufsatz »How to Use Security Analysis to Improve Portfolio Selection« und begründeten die heute verwendete Trennung von Aktivem und Passivem Portfolio-Management.8 »Aktive« Fondsmanager versuchen, eine Benchmark (»passiv«) zu übertreffen. Hierzu können sie die »richtigen« Titel innerhalb einer Anlageklasse auswählen (Selektionsfähigkeit). Oder sie wählen die Anlageklasse im »richtigen« Moment (Timingfähigkeit).
Das »Delegated Portfolio Management« ist in den letzten drei Jahrzehnten stark gestiegen. Aktuell werden weltweit mehr als 72 Billionen USD in mehr als 190 000 Fonds verwaltet. Seit einigen Jahren sind insbesondere kostengünstige Indexfonds (Passive Investments) auf dem Vormarsch, weil sich die Erkenntnis durchsetzt, dass aktive Fondsmanager im Mittel nicht erfolgreich sind und ihre Benchmark schlagen. Bei passiven Investments werden die Portfolios nach den Regeln des Index konstruiert (meist eine Gewichtung nach Marktkapitalisierung), weswegen die Beschaffung von Finanzinformationen hier nicht nötig ist.
Empirisch verlieren tatsächlich die meisten Fondsmanager langfristig. Je länger der Betrachtungszeitraum, umso wahrscheinlicher wird die Underperformance. Nach zehn Jahren sind meistens weniger als 10 Prozent der aktiven Manager noch vor ihrer Benchmark. Warum ist dies so? Einerseits kann dies über hohe Gebühren erklärt werden, die nicht durch gute Anlageentscheidungen kompensiert werden. Andererseits ist jedoch auch der Kassenanteil im Portfolio ein Grund, weil er keine Risikoprämie verdient (aber Managementgebühr kostet). Wenn die Fondsmanager Informationsquellen nutzen, die eine große Verbreitung haben, ist ihr individueller...




