E-Book, Deutsch, Band 1, 232 Seiten
Reihe: Erdbeersommer-Trilogie
Einwohlt Erdbeersommer (1)
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-401-80586-3
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 232 Seiten
Reihe: Erdbeersommer-Trilogie
ISBN: 978-3-401-80586-3
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
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Meine Tante Isodora war so dick, dass sie nicht aufs Display passte. Egal, wie ich mein Handy drehte und wendete, ich bekam immer nur einen Teil von ihr aufs Foto: entweder ihre stämmigen Beine. Oder ihren üppigen Busen. Oder ihr fröhliches Gesicht. Nur wenn ich dreißig Meter Abstand hielt, schaffte ich eine Ganzkörperaufnahme. Aus der Ferne wirkte Isodora in ihrem bunten Kaftan wie ein Walfisch im Strandkleid. Dabei war sie mit ihren fünfzig Jahren und siebzig Kilo Übergewicht weitaus flinker als Onkel Piet, der als ehemaliger Marathonläufer höchstens die Hälfte seiner Frau auf die Waage brachte – und meistens lieber auf dem Traktor saß als im Strandkorb.
Die beiden waren meine Sommer-, Herbst- und Ostereltern. Seit ich denken konnte, verbrachte ich meine Ferien bei ihnen auf dem Friesenhof und war inmitten von Pferden, Ponys, Ziegen, Hühnern und Schafen groß geworden. Meine Mutter, die hier aufgewachsen war, hielt nichts von Landluft und das raue, unbeständige Klima der Nordsee mochte sie ebenso wenig wie das kleinkarierte Dorfleben. Lieber vergrub sie sich hinter ihren Aktenbergen, entwarf Marketingpläne für ihre Firma – am liebsten Tag und Nacht. Deswegen war sie jedes Mal froh, wenn ich in den Ferien zu ihrer Schwester fuhr, weit weg von unserem Großstadtalltag in Hamburg, denn dann konnte sie sich voll und ganz auf die Arbeit konzentrieren.
So wie in jenem Sommer, der für uns alle unvergesslich bleiben würde. Nicht nur, weil die Hinfahrt mit dem Zug statt der üblichen zwei Stunden fast drei Mal so lange dauerte. Ein Sturm hatte die Oberleitungen beschädigt und ich saß deshalb Ewigkeiten in einem kleinen Bahnhof fest, wo ich die Zeit mit endlosem Blättern im Fotoalbum meines Smartphones verbrachte. Dort hatte ich eine Sammlung meiner Lieblingsfotos von Hauke gespeichert, an denen ich mich nicht sattsehen konnte: Hauke, wie er mich anschaute, Hauke mitten im Erdbeerfeld, Hauke in den Dünen, Hauke im Sonnenuntergang …
Hauke war mein allerbester Freund. Genauer gesagt, ein feingliedriger Schimmelhengst, den ich mit der Flasche großgezogen hatte, nachdem seine Mutter bei der Geburt gestorben war. Sommerlang hatte ich auf seinem Rücken bei Wind und Wetter die Gegend erkundet, Strand, Moor, Wiese, Felder … Ich vertraute ihm blind – und er ließ sich nur von mir reiten. Während ich in Hamburg vor Sehnsucht nach ihm verging und Vokabeln büffeln musste, stand Hauke gemütlich auf der Weide und führte das beste Pferdeleben, das man sich vorstellen konnte. Ich war Piet und Isodora von Herzen dankbar dafür, dass sie mein Pferd einfach so durchfütterten und nicht auf die Idee kamen, er könne sich ja auch an jemand anderen gewöhnen.
Mit klopfendem Herzen scrollte ich durch die Fotos, nur noch wenige Stunden, dann würde ich ihn endlich, endlich wiedersehen. Ich schloss die Augen und träumte mich für einen Moment in seinen Sattel, voller Vorfreude auf unseren ersten Ausritt nach der langen Zeit. Denn natürlich wollte ich heute Abend noch ausreiten, ohne Frage, egal, wie spät ich ankommen würde!
Als es nach einer gefühlten Ewigkeit schließlich weiterging und ich Stunden später aus dem Regionalzug kletterte, war es bereits Nachmittag. Vom Meer wehte zur Begrüßung eine leichte Brise herüber. Die Luft schmeckte vertraut salzig, und als eine Möwe kreischend über den Bahnsteig segelte, fühlte ich mich sofort wie zu Hause. Suchend blickte ich mich um. Normalerweise wäre das der Moment gewesen, in dem Piet »Moin, moin, min Deern!« gerufen, meinen Rucksack geschnappt und mich Richtung Traktor bugsiert hätte. Doch heute erspähte ich meinen Onkel nirgends in der Menschenmenge, die sich auf dem Bahnsteig knäulte, obwohl ich die Verspätung längst gesimst hatte. Ich wunderte mich.
Sie hätten ja auch Wilm schicken können, dachte ich, während ich schließlich meinen Rucksack schulterte und mich auf den Weg zur Bushaltestelle machte. Der Stallknecht vom Friesenhof war für viel mehr als nur für Pferde und Fuhrwerke zuständig und es gab niemanden mit einem größeren Pferdeverstand als ihn. In diesem Moment hätte ich mich sehr darüber gefreut, neben ihn auf den Kutschbock klettern zu können und mich nach Hause bringen zu lassen, vorbei an den unzähligen Erdbeerfeldern, die im Sommer immer einen betörenden Duft verströmten. So machte ich mich allein auf den Weg und suchte nach dem passenden Bus, begleitet vom Geklapper der Fahnenmasten im Wind und dem Geschrei der Möwen am knallblauen Himmel.
Vor dem Bahnhof wimmelte es vor aufgeregten Urlaubern, die ein paar Wochen unbeschwerte Zeit an der Nordsee verbringen wollten, sich aber jetzt ärgerten, dass die Busse nicht gewartet hatten und die Taxen nicht parat standen. Unschlüssig lehnte ich mich an eine Säule und beobachtete das bunte Treiben auf dem Vorplatz: Kinder, die fröhlich zwischen Koffern und Taschen Fangen spielten, während ihre sichtlich gestressten Eltern mit Smartphone und Stadtplan hantierten. Verunsicherte Omis, die nicht wussten, wohin und wie weiter. Verliebte Pärchen, die sich nach wochenlanger Trennung endlich wieder in den Armen lagen und ausgiebig küssten …
Unangenehm berührt blickte ich schnell zur Seite, versuchte den Stich in meinem Herzen zu ignorieren, weil ich sofort an Eliyah denken musste, in den ich, wie alle Mädchen aus meiner Klasse, heimlich verknallt war. Natürlich hatte ich null Chancen bei ihm und von romantischen Küssen konnte ich nur träumen.
Erstens weil Julia, Vanessa und Pilar ihre Besitzansprüche klar definiert hatten, schließlich trugen sie BH und enge Jeans, färbten sich die Haare und hatten schon Erfahrungen mit Jungs.
Zweitens weil Eliyah einfach umwerfend gut aussah und sich locker aussuchen konnte, welches Mädchen er als Nächstes küsste.
Und drittens weil ich mit meinen feuerroten Lockenhaaren und den Dauereinsen im Zeugnis sowieso als Außenseiterin galt.
Trotzdem hatte Eliyah am vorletzten Tag vor seiner Abreise mit mir Handynummern getauscht und versprochen, mir jeden Tag eine Nachricht aus Amerika zu schicken, wo er nun seit ein paar Wochen ein Highschool-Jahr verbrachte. Natürlich hatte ich bisher noch keine einzige Message von ihm erhalten und würde es wohl auch nie. Trotzdem guckte ich ständig nach.
»Aua!« Jemand hatte mir im Vorübergehen seinen Ellenbogen in die Magengrube gehauen, für einen kurzen Augenblick wurde mir schwindelig und speiübel – und nicht nur deswegen schossen mir Tränen in die Augen.
»Kannst du nicht aufpassen!«, rief ich dem Blondschopf zu, doch der drehte sich nur lässig um und zeigte mir seinen Stinkefinger.
»Pass doch selbst auf, Feuerkopf, wem du mit deinem fetten Hintern den Weg verstellst!«
»Idiot!«
Für einen Moment starrten der Typ und ich uns feindselig an. Mir fiel auf, dass er die gleiche Augenfarbe wie Eliyah hatte. Blau.
»Großstadttussi!«, fauchte er zurück, funkelte mich noch einmal giftig an und war dann hinter einer Reklametafel verschwunden, das grelle Grün seines Fußballtrikots wehte hinterher.
»Idiot!«, wiederholte ich, atmete dreimal tief durch und versuchte, mich irgendwie zu beruhigen. Was fiel dem denn ein!
Da stand ich hier nun mitten in der Menschenmenge und fühlte mich bei der Erinnerung an Eliyah plötzlich fürchterlich einsam und alleine.
»Sei nicht so sensibel«, sagte meine Mutter immer. Auch meine Freundinnen Gizem und Kim waren der Meinung, ich solle nicht immer jedes Wort auf die Goldwaage legen. Echt ein toller Vorschlag! Ich kann schließlich nichts dafür, dass ich keine Elefantenhaut besitze und empfindlich reagiere, wenn jemand meine Gefühle verletzt oder sich einen Spaß auf meine Kosten erlaubt. Und Eliyah hatte in dieser Hinsicht ganze Arbeit geleistet. Ausgerechnet er, der Mädchenschwarm, hatte mich auf der Party bei Pilar so besonders angesehen, als ob er mich jeden Moment küssen wollte. Zum Abschied dann hatte er mir jeden Tag eine Message versprochen, doch jetzt war er einfach abgetaucht, reagierte auf keine Nachrichten von mir, stellte sich stumm und taub und blind oder alles auf einmal und nur ganz langsam kapierte ich, dass er sich mit mir einen Spaß gemacht hatte.
Zudem hatte der Typ gerade eben mit seiner fiesen Bemerkung voll ins Schwarze getroffen: Ich hatte zwar längst keinen dicken Hintern mehr wie damals in der Grundschule, als ich mich zwei Schuljahre lang nur von Chips und Pizza ernährt habe. Das war zu der Zeit gewesen, als Papa uns von jetzt auf gleich verlassen hatte und meine Mutter monatelang vor lauter Kummer nicht kochen konnte. Inzwischen hatte sie sich davon erholt und ich längst abgespeckt. Heute habe ich eine sportliche Figur, mit der ich mich echt sehen lassen kann. Trotzdem fühlte ich mich immer noch sofort angesprochen, sobald jemand mein Gewicht thematisierte.
Unschlüssig stand ich auf dem Bahnhofsvorplatz herum. Wie gut hätte es jetzt getan, wenn mich jemand vom Friesenhof abgeholt hätte! Warum hatten weder Isodora noch Piet geantwortet? War womöglich etwas passiert? Eine düstere Vorahnung machte sich in mir breit.
Abermals zückte ich mein Handy, mein Akku war so gut wie leer und das Display vermeldete keine Eingänge. Es...