mit Zeichnungen des Autors
Buch, Deutsch, 94 Seiten, GB, Format (B × H): 130 mm x 240 mm
ISBN: 978-3-945155-61-5
Verlag: edition GALERIE VEVAIS
"… Elf pointierte Geschichten mit überraschender, grotesker, ironischer Wendung, aus Alltagsbeobachtung oder aus einem Traumbild heraus verfremdet. Und die Literaturfreunde werden eine Reihe von literarischen Anspielungen entdecken, wie zu Umberto Eco, Michail Bulgakov oder Franz Kafka. Karl Kraus wäre ein Fan der Zerstreuten Sammlung geworden, ihren Bildern und Geschichten um das Thema Nummer 1. Und er hätte sich die Zeit genommen, jede einzelne der erotisch-fantastischen Kurzgeschichten Ehrts zu lesen – manche sogar zweimal – und sich die Zeichnungen ganz genau anzusehen. Letztere zum Glück nicht so kopflastig-konzeptionalistisch, sondern vielfältig inspiriert von Geschichte und Mythologie und herrlich altmodisch-narrativ, ganz in der guten Tradition der »Leipziger Schule«. So ist der männliche oder weibliche Akt allseits prall und sinnlich in Szene gesetzt und alte Papiere oder Werbegrafiken der zwanziger Jahre werden lustvoll überzeichnet. Um Schriftsatz und graphische Raffinessen gleichermaßen qualitätvoll in Druck zu bringen, werden die Farbabbildungen separat gedruckt und aufwändig von Hand eingeklebt.…"
Manfred Hammes in »Marginalien« IV/2021
Autoren/Hrsg.
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"…Johanna blickte vor sich in einen Spiegel unbestimmbar duftenden, vollkommen klaren Wassers: Von seinem Rand führten quadratische, sich gleichmäßig verkürzende Säulen wie Stufen hinunter. Es mussten sehr alte kostbare Mosaike sein, mit denen das Bassin ausgekleidet war. Man schritt hinab in eine leise tropfende Stille. In der Tiefe sah sie schattenhaft die Gestalten eines Minotaurus und einer Frau. Deren rötliches Haar ringelte und wehte in kom-plizierten Ornamenten um Köpfe und Körper, es bedeckte den ganzen Grund. Unvermittelt erinnerte sich Johanna: Diese Säulen, Böden, Wände, bedeckt von Delphinen, Stiertänzern und Tintenfischen hatte sie schon einmal gesehen: Das Bad des Königs Minos in den Ruinen des kretischen Palastes von Knossos. Mit einem träumerischen Lächeln streifte sie alles ab, stieg über den faltigen Wulst ihrer Kleider, ertastete mit den Zehen die Säulenstufen, fühlte das schwach kühlende Wasser balsamisch an sich heraufsteigen, über ihre Scham gleiten, ihren Bauch be-netzen, in ihren halb geöffneten Mund schwappen. Es ließ ihre Lider sich schließen, ihre Glieder schwerelos werden. Unten schwollen die harten Lenden und Nackenmuskeln des Minotaurus, der – anders als im Mythos – den Theseus besiegt haben musste, denn Ariadne war es, welche hier, am kühlen Boden des Labyrinths von ihm umarmt wurde. Zeitlos schwebte sie so in der feuchten Dämmerung und rings um sie glitten langsam phantastische Fische, die manchmal durch ihr schwebendes Haar huschten. Später, emportauchend, öffnete sich oben nun eine weite niedrige Halle, gestützt von dicken rotbraunen, sich zum Boden verjüngenden Säulen. Ein warmer mittelmeerischer Wind strich dazwischen hin. Die Alte reichte ihr schweigend das Ende des großen gefalteten Tuches, das auf der Bank gelegen hatte. Johanna wickelte sich in langsamer tänzerischer Drehung hinein. Ihr gegenüber, auf niedrigem steinernen Thron, flankiert von gemalten vogelköpfigen Fabelwesen saß der König Minos. Seine Hände umschlossen in zeremonieller Ruhe die nackten Knie über silbernen Beinschienen. Zu seinen Füßen spielten zwei Hunde, deren feines, rötliches Fell sehr dünn war, so dass eine blassrosa Haut darunter hervorschimmerte. Jetzt wandten sie sich ihr zu, dass sie ihren merkwürdig intensiven und gierigen Blick aus wasserblauen Augen auf ihrem Leib spürte. Aber sie fürchtete sich nicht mehr."




