E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: Wolf-Club
ISBN: 978-3-417-22785-7
Verlag: R. Brockhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
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[ Zum Inhaltsverzeichnis ] Kapitel 2
Nachts sind sogar Einbrecher grau
Olaf stutzte und sah noch einmal genauer hin. Irgendetwas an der Uniform kam ihm seltsam vor. Sie lag nicht so, wie er sie zurückgelassen hatte. Oder bildete er sich das nur ein? »War Frau Jahn vielleicht hier oben?«, fragte er, doch Wuschel schüttelte sofort den Kopf. »Ganz bestimmt nicht, sie käme niemals die Treppe herauf.« Sie bückte sich und holte Freddy, ihre zahme, schokobraune Ratte aus der Tasche. Er machte ein paar vorsichtige Trippelschritte und hielt die Nase schnuppernd in die Luft. »Du lässt deine Ratte hier laufen?«, wunderte sich Latif. Auf diesem riesigen, vollgestellten Dachboden konnte das kleine Nagetier leicht verloren gehen oder unter etwas begraben werden. Katharina schien sich darüber keine Sorgen zu machen. »Er soll sich auch umsehen dürfen. Ratten sind neugierig und eine neue Umgebung zu erkunden ist gut für seine Psyche und seinen Verstand. Wir müssen eben aufpassen. Ihr wisst ja jetzt, dass Freddy hier ist.« Latif zog die Augenbrauen in die Höhe, erwiderte aber nichts. Olaf wandte sich wieder der Uniform zu, legte Jacke und Hose zusammen und platzierte sie mit dem Helm auf dem Sessel. Dann schaute er in die Kiste, in der er sie gefunden hatte. Wieder beschlich ihn dieses unheimliche Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Er sah genauer hin. Zum Schluss war er gestern zwar in Eile gewesen, weil sie gehen mussten, trotzdem war er sich ganz sicher, dass er den Inhalt anders zurückgelassen hatte. Er konnte nicht auf Anhieb sagen, was sich verändert hatte, doch in ihm wurde die Überzeugung immer stärker, dass er sich nicht irrte. »Könnte sonst jemand hier gewesen sein?«, fing er erneut an. »Bevor wir lange raten, sollten wir Frau Jahn fragen, wer hier war«, schlug Wuschel vor. Wenig später standen sie vor der alten Dame, die es sich im Garten auf einer Bank vor der Hauswand gemütlich gemacht hatte. Obwohl die Sonne schien, trug sie wieder die dicke Strickjacke, als ob ihr ständig kalt wäre. »Frau Jahn«, fing Wuschel an, »war außer uns eigentlich noch jemand auf dem Dachboden?« »Du meinst, seit gestern Abend?« Die alte Frau schaute sie verwundert an. »Aber nein, es war niemand außer euch hier. Warum?« Olaf faltete verlegen die Hände. »Ich hatte den Eindruck, dass jemand oben war und etwas – hm – gesucht hat.« »Vielleicht ein Marder oder ein Waschbär? Einmal meinte ich tatsächlich, dort oben etwas zu hören, aber ich höre nicht mehr so gut und meine Ohren spielen mir manchmal Streiche.« Olaf nickte und gab den anderen ein Zeichen, es dabei zu belassen. Auf dem Weg zurück zur Treppe hielt Olaf jedoch inne. »Ich bin mir inzwischen ganz sicher, dass jemand während unserer Abwesenheit oben war. Wir könnten uns umsehen, ob etwas auf Einbrecher hinweist«, schlug er vor. »Wenn jemand auf dem Dachboden war, muss er ja irgendwie ins Haus gekommen sein.« »Gute Idee«, stimmten die beiden anderen zu. Sie teilten sich auf, die Türen und Fenster genau zu untersuchen. Es hatte auch wirklich jeder eine Lupe dabei. Olaf suchte die Haustür ab, konnte aber nicht den kleinsten Hinweis darauf finden, dass sich jemand mit Gewalt Zugang verschafft hatte. Auch Latif und Wuschel fanden nichts. »Das heißt dann wohl«, überlegte Latif, als sie wieder auf dem Dachboden waren, »dass derjenige, der hier war, einen Schlüssel hat.« »Oder dass Olaf sich irrt«, warf Wuschel ein, die nach Freddy Ausschau hielt. »Nein, bestimmt nicht«, widersprach Olaf. »Irgendjemand war hier und hat etwas gesucht.« »Tja, dann sollten wir uns fragen, ob er es wohl gefunden hat. Oder wird er vielleicht wiederkommen?« Latif blickte nachdenklich zum Fenster. »Und vor allem: Was sucht er?« »Ich hätte da eine Idee«, meinte Wuschel. »Ich könnte mich heute Nacht auf die Lauer legen und das Haus beobachten. Wenn er zurückkommt – oder sie –, werde ich ihn – oder sie – vielleicht identifizieren können. Womöglich kann ich sogar herausbekommen, was er sucht und wie er ins Haus kommt!« In ihrem wachsenden Eifer vergaß sie am Ende jedes Mal zu erwähnen, dass natürlich auch eine Frau den Dachboden durchsucht haben könnte. Wuschel war immer sehr für Gleichberechtigung und fand, dass man nicht automatisch annehmen sollte, dass alle Verbrecher nur Männer waren. Latif klopfte ihr auf die Schulter. »Das wäre wirklich sehr nobel von dir, Wuschel.« Katharina zog die Nase kraus. Sie hatte sich immer noch nicht vollständig mit ihrem Spitznamen angefreundet. »Bist du sicher, dass du das hinkriegst?«, erkundigte sich Olaf vorsichtig. »Es ist echt schwer, eine ganze Nacht aufzubleiben, und morgen ist Schule, vergiss das nicht.« Wuschel warf ihm einen erbosten Blick zu. »Natürlich schaffe ich das. Das ist doch ein Klacks!« Drei Stunden später ging Katharina müde, schmutzig und total erledigt mit dem ebenfalls eingestaubten Freddy nach Hause. »Ab in die Wanne«, meinte ihre Mutter, als sie ihre Tochter sah und diese widersprach nicht. Ein warmes Bad erschien ihr unheimlich verlockend. Gähnend saß sie anschließend beim Abendessen und fing an sich zu wundern, wie sie die Nacht ohne Schlaf überstehen sollte. Aber zu kneifen kam überhaupt nicht in Frage. Ganz bestimmt würde sie nicht vor Latif und Olaf zugeben, dass sie es nicht geschafft hatte, wach zu bleiben. Katharina wünschte ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester Sissi eine gute Nacht und erklärte, sie wolle früh zu Bett gehen. In ihrem Zimmer richtete sie alles her, was sie brauchte – eine Flasche Wasser, eine Packung Kekse, die sie aus einem Küchenschrank stibitzt hatte, das Teleskop auf dem Stativ, das sie zu ihrem elften Geburtstag geschenkt bekommen hatte, und einen Stuhl mit einem weichen Kissen. Stuhl und Teleskop baute sie am Fenster auf. Gut, dass ihr Zimmer direkt gegenüber von Frau Jahns Haus lag. Sissis Zimmer lag auf der anderen Seite und auch, wenn sie manchmal fand, dass es das schönere war, hätte sie gerade heute nicht mit ihrer Schwester tauschen wollen. Katharina sah zum Fenster hinaus, bis es dunkel wurde. Sie hörte, wie Sissi heraufkam, empört polterte und die Türen hinter sich zuschlug, bevor sie sich lautstark die Zähne putzte und in den Schlafanzug schlüpfte. Sie war abends meistens sauer, weil sie unerbittlich ins Bett geschickt wurde, obwohl sie wie ein Baby um weitere fünf Minuten bettelte, die sie aufbleiben wollte. Kurz vor elf kamen ihre Eltern leise die Treppe hoch und zogen sich ins Schlafzimmer zurück, wo sie ein eigenes Badezimmer hatten. Eine Weile hörte Katharina noch die Geräusche des Wassers in den Leitungen, dann kehrte Ruhe ein. Jetzt schliefen bestimmt alle, nur sie nicht. Bei Frau Jahn brannte Licht im Erdgeschoss, es drang durch die Vorhänge, die sie zugezogen hatte. Katharina wusste, dass es die Küche und das Wohnzimmer waren. Nach Mitternacht ging endlich auch ihre Nachbarin schlafen. Zum tausendsten Mal gähnte Katharina und kniff sich in die Arme, um munterer zu werden. Wenigstens konnte es jetzt nicht mehr lange dauern, redete sie sich gut zu. Doch die Minuten schlichen dahin. Warum kam dieser doofe Einbrecher denn nicht endlich? Wehe, wenn Olaf sich doch geirrt hatte und sie umsonst aufblieb! Katharina stand auf und ging umher, versuchte es mit einem Handstand, aß Kekse, holte Freddy aus dem Käfig und spielte mit ihm. Vom Wassertrinken musste sie bald aufs Klo und schlich hastig ins Bad und wieder zurück, weil sie Angst hatte, etwas zu verpassen. Das Nachbarhaus lag so unberührt da wie zuvor. Katharina lehnte sich auf dem Stuhl nach hinten. Nur mal kurz die Augen schließen. Natürlich würde sie nicht schlafen, nur eben die Lider ausruhen … Mit einem Ruck kam sie zu sich. Erschrocken sah sie hinüber. Nein, nichts. Puh, Glück gehabt. Sie hatte auch nicht lang geschlafen, nur wenige Minuten. Das durfte ihr nicht noch einmal passieren! All ihr guter Wille half nicht viel – sie nickte immer wieder ein und jedes Mal fuhr sie mit Herzrasen auf und befürchtete, sie hätte alles versäumt. Irgendwann war Katharina dann so weit, das Vorhaben aufzugeben und sich ins Bett zu legen. Wahrscheinlich kam der Unbekannte in dieser Nacht gar nicht. Bestimmt hatte er doch schon gefunden, was er gesucht hatte, und sie saß unnötig hier herum und versuchte, wach zu bleiben. Sie sollte vernünftig sein und schlafen. Also aß sie einen letzten Keks, gab Freddy eine Ecke davon ab und drückte die Packung zu, gähnte herzhaft und streckte ihre vom Muskelkater steifen, schmerzenden Glieder. Gerade als sie aufstehen wollte, bemerkte sie einen flackernden Lichtschein vor Frau Jahns Haustür. Mit einem Schlag war ihre Müdigkeit wie weggeblasen und Katharina drückte ihr Auge an das Teleskop. Sie suchte nach der Schattengestalt, fand sie, stellte das Bild scharf und sah angestrengt ins Dunkle, um herauszufinden, wer dort drüben war und wie er die Tür öffnete. Dummerweise konnte sie nicht viel erkennen, nur graue Schemen, wo das fahle Licht der Straßenbeleuchtung hinfiel, und ein wenig mehr an den Stellen, wo die Taschenlampe des Unbekannten ihren Lichtkegel warf. Katharina biss sich auf die Lippe. Wenn sie sich nicht täuschte, steckte der Einbrecher etwas in das Schloss der Haustür. Was benutzte er? War es ein Dietrich? Ein Schlüssel? Jetzt drehte er die Hand … »Was machst du da?«, fragte eine Stimme neben ihrem Ohr. Katharina fiel beinahe vom Stuhl, so sehr erschrak sie sich. Sie stupste sich durch die heftige Bewegung das Teleskop ins Auge und unterdrückte einen...