E-Book, Deutsch, Band 2, 252 Seiten
Reihe: Das Volk der Bergwälder
Ederer Das Volk der Bergwälder
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-4867-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Teil 2 - Der verlorene Stamm
E-Book, Deutsch, Band 2, 252 Seiten
Reihe: Das Volk der Bergwälder
ISBN: 978-3-7693-4867-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Veronika Ederer studierte Ethnologie, Vor- und Frühgeschichte sowie Anthropologie und Humangenetik in München und Frankfurt. Nach ihrer Promotion war sie als freiberufliche Ethnologin vor allem in Schulen tätig. Seit mehr als 10 Jahren arbeitet sie als Begabtenförderlehrperson in Zürich. Die Autorin reist regelmäßig zu Recherchezwecken in den amerikanischen Südwesten und publiziert Artikel und Fachbücher. Dies ist ihr zweiter Roman.
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1. DER ÜBERFALL
An einem Tag im Frühsommer kamen unsere Bekannten, die Familie Eden mit ihrer Tochter Rosanne, aus der Stadt für ein paar Tage zu Besuch. Ihre Tochter würde in den nächsten Tagen heiraten, und ihre Mutter und sie füllten unsere Ranch mit Gesprächen über die zahllosen Vorbereitungen. Rosanne selbst schien sich in freudiger Erwartung aufzulösen und konnte gar nicht verstehen, dass mich die Aussicht auf eine baldige Hochzeit so völlig unbeteiligt ließ, selbst wenn sie wusste, dass es meine zweite war. Meine Mutter hingegen hoffte täglich, dass mich ihre Begeisterung anstecken würde, und entschuldigte meine Gleichgültigkeit geduldig als Trauer über den verschobenen Termin – insgeheim wusste sie es natürlich besser. Als Rosanne erfuhr, dass ich noch nicht einmal ein Hochzeitskleid ausgewählt hatte, bestürmte sie ihre und meine Mutter, dass ich eine Weile mit ihnen in die Stadt kommen sollte, um mir in Ruhe einen Stoff aussuchen zu können.
Was wäre geschehen, wenn ich diesem Besuch nicht zugestimmt hätte? Diese Frage stelle ich mir seitdem immer wieder. Ich wäre nicht mit ihnen an diesem Tag in die Stadt gefahren, wäre auf der Ranch meiner Eltern geblieben und hätte wahrscheinlich irgendwann Major Rolfe geheiratet. Ich hätte mir mein Kleid vielleicht erst dann ausgesucht, wenn der Hochzeitstermin festgelegt worden wäre. Mein Leben wäre vollkommen anders verlaufen, nur aufgrund dieser Entscheidung. Doch wie hätte ich wissen können – wie hätte irgendjemand wissen können?
So aber stimmte meine Mutter freudig zu, und meine Gleichgültigkeit verhinderte, dass ich mich dieser Abmachung widersetzte. Denn ich fühlte mich immer noch in dem Beschluss der Hochzeit gefangen, den meine Eltern getroffen hatten, und ich wusste keinen Ausweg mehr. Und so kam es, dass ich unsere Bekannten an dem Tag, an dem sie wieder in die Stadt zurückfuhren, begleitete, um einige Tage bei ihnen zu bleiben.
Am Morgen dieses Tages reichte ich meine kleine Tasche Rosannes Vater auf den einfachen zweispännigen Wagen. Ich hatte nicht viel gepackt, und im Nachhinein bin ich froh darum. Wenig von alledem, was ich besaß, hätte mich auf dieser Reise, die ich antrat, begleiten können, und vieles wäre verloren gewesen. Ich trug bequeme Reisekleidung, Stiefel und ein Schultertuch. Das einzig Ungewöhnliche, was ich mitnahm, war Ko ?ìga`s Perlenschnur, die er mir zurückgelassen hatte, als ich ihn aus der Gefangenschaft der Soldaten befreit hatte, und die ich mir heimlich unter meinem Reisekleid um den Hals gelegt hatte. Dies war die einzige Tat, die sich im Hinblick auf die Zukunft als sinnvoll erwies.
Mr. Eden saß auf dem Kutschbock, seine Frau und Tochter hinten auf den Sitzen, und während ich mich von meiner Mutter und meinem Vater verabschiedete, dachte ich nur mit tiefsitzendem Unbehagen daran, dass mir nun Tage voller Rü-schenspitzen, Duftwässerchen und Blümchen bevorstanden. Wie sehr ich mich irren sollte. Wir fuhren an, und ich drehte mich um und winkte. Der letzte Blick auf unsere Ranch an diesem Tag blieb mir lange im Gedächtnis.
Ich erinnere mich nicht mehr genau, worüber wir auf der Fahrt sprachen. Manchmal wirbelte der Staub um uns so heftig, dass wir schweigen und uns die Tücher vor das Gesicht ziehen mussten. Manchmal wünschte ich mir diese Staubwirbel, um schweigen und nachdenken zu können. Doch dann knallte ohne Vorwarnung ein Schuss, und noch einer, und alles Nachdenken hatte ein Ende.
Der Wagen kam ruckartig zum Stehen, als Rosannes Vater auf dem Kutschbock zusammensank und nach vorne derart in das Gespann sackte, dass die Pferde nicht weiterkonnten. Rosanne, die mit dem Rücken zu ihrem Vater gesessen hatte, starrte ihre gegenübersitzende Mutter einen kurzen Augenblick entgeistert an, als diese laut zu schreien begann. Dann wandte das Mädchen den Kopf, vermisste ihren Vater vor sich und schrie ebenfalls auf. Und ich fuhr, einen Überfall vermutend, von meinem Sitz in die Höhe und mit beiden Händen zu der Winchester, die auf dem Kutschbock lag. Gerade hatte ich die Waffe hochgerissen, als eine Gestalt neben dem Wagen auftauchte und Rosanne von ihrem Sitz zerrte.
Es waren Apachen, sieben oder acht, alle mit Gewehren bewaffnet, zu Fuß, lautlos, wortlos. Zwei schnitten die beiden Wagenpferde frei, und mit einem dumpfen Geräusch fiel Mr. Edens Körper zu Boden. Rosanne, die wie am Spieß schrie, wurde von einem Krieger ein paar Meter weiter achtlos zu Boden gestoßen, und ihre Mutter, die mittlerweile hemmungslos schluchzte, wurde von zwei weiteren Männern aus dem Wagen geschleift. Ich allein stand noch, einen Fuß auf dem Wagenboden, den zweiten sprungbereit an den Rand des Kutschbocks gestemmt, das Gewehr in beiden Händen.
„Schieß! So schieß doch! Schieß!“, kreischte Rosanne mit sich überschlagender und schriller Stimme, sie keuchte und schluchzte hysterisch, allein und völlig unbeachtet am Boden sitzend. Und dann sah ich ihn, Ko ?ìga`, Tötendes Feuer, der nur wenige Schritte schräg vor mir und ungedeckt am Wegrand stand, ebenfalls ein Gewehr in den Händen.
„Schieß! Schieß! Nun schieß doch endlich!“
Ko ?ìga`s Augen und meine schienen sich ineinander zu verhaken. Nein, dachte ich, das kann ich nicht. Ich entsicherte mein Gewehr nicht. Ich bewegte mich auch nicht, als Ko ?ìga` sein Gewehr wiederum langsam entsicherte und auf mich richtete. Nein, dachte ich, ich werde nicht schießen. Und ich bin nicht bereit zu glauben, dass er schießt.
Da fasste mich ein anderer Apache überraschend fest und brutal von hinten an meinem hochgesteckten Haar und riss mich mit solcher Wucht vom Wagen auf die Erde nieder, dass ich das Gewehr fahren lassen musste, um mich abzufangen. Er hob die Waffe auf, ohne dabei seinen Griff zu lockern, und schleifte mich zu Rosanne und ihrer Mutter hinüber, die sich mittlerweile völlig panisch aneinanderklammerten.
Ko ?ìga` trat dem Krieger in den Weg und sprach ihn an, seine Waffe immer noch in der Hand. Er blickte dabei auf mich und auf die Stelle des Wagens, an der ich gestanden hatte. Mir wurde klar, dass er mich als Beute forderte, da es ihm möglich gewesen wäre, mich zu erschießen, und er es nicht getan hatte. Der andere Mann gab zunächst heftige Widerworte, doch schließlich stieß er mich grob zu Boden, ließ mein Haar los und drückte Ko ?ìga` mein Gewehr in die Arme. Ohne ein weiteres Wort schritt er davon.
Ko ?ìga` legte beide Schusswaffen beiseite, löste einen Rohhautriemen, den er am Gürtel trug, und schnürte mir beide Handgelenke vorne zusammen. Während er dies tat, konnte ich meinen Blick nicht von ihm wenden, doch er sah nicht hoch. Auch die anderen Krieger traten nun zu uns, beladen mit einzelnen Beutestücken wie unserem Gepäck, Mr. Edens Hut, Jacke und Revolver, die beiden Wagenpferde führend. Ein Mann riss Rosanne und ihre Mutter auseinander und fesselte ihnen ebenfalls die Hände. Außerdem zog er unter hysterischem Kreischen der Frauen sein Messer und durchtrennte die Schnürsenkel ihrer Schuhe. Nacheinander zerrte er ihnen die Schuhe von den Füßen und warf sie weit fort, dann wandte er sich mir zu.
Ich erinnerte mich in diesem Moment an Marias Erzählung von ihrer Gefangennahme, und dass man ihr in diesem unwegsamen Gelände die Schuhe genommen hatte, um sie an der Flucht zu hindern. Sofort verbarg ich meine Füße unter meinem Kleid und wehrte den Mann mit meinen gefesselten Händen ab.
„Nein,“, schrie ich dabei wütend, und schlug um mich, „ich habe euren Kindern Essen und Decken gebracht, ich habe die Soldaten von euch abgelenkt, ich habe euch im Gefängnis Wasser gebracht, ich lasse mich nicht anfassen!“
Rosanne und ihre Mutter verstummten plötzlich und starrten mich mit aufgerissenen Mündern an. Ko ?ìga` jedoch zog mich am Arm in die Höhe.
„Hàcké’isdzaa“, sagte er, und auch die anderen Männer betrachteten mich mit unsicheren Mienen. Dann, ohne ein weiteres Wort erhoben sich alle, brachten Rosanne und Mrs. Eden auf die Beine und trieben sie vom Weg hinunter in die sandige dornige Weite. In einer langen Reihe führten uns die Apachen hinein in die sonnendurchglühte Wildnis, einen leeren Wagen und Mr. Edens Körper hinter sich lassend.
****
Die auf dieses Ereignis folgenden Tage sind mir nur sehr vage in Erinnerung geblieben. Nur einzelne Passagen tauchten allmählich aus meiner verschwommenen Erinnerung auf. Der Schock über den Überfall, die Ermordung des Mannes und unsere Entführung betäubten mich vorübergehend, aber wenigstens ich verwendete alle Energie darauf, bei klarem Verstand zu bleiben. Denn je weiter wir von der Kriegergruppe in das Land getrieben wurden, desto kopfloser wurden Rosanne und ihre Mutter. Sie wimmerten und schluchzten leise bei jedem Schritt, und natürlich fühlte ich Mitleid, da man ja mir die Schuhe gelassen hatte. Aber ich wusste...




