E-Book, Deutsch, Band 3, 228 Seiten
Reihe: Das Volk der Bergwälder
Ederer Das Volk der Bergwälder
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-5010-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Teil 3 - Die wandernden Winde
E-Book, Deutsch, Band 3, 228 Seiten
Reihe: Das Volk der Bergwälder
ISBN: 978-3-6951-5010-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Veronika Ederer studierte Ethnologie, Vor- und Frühgeschichte sowie Anthropologie und Humangenetik in München und Frankfurt. Nach ihrer Promotion war sie als freiberufliche Ethnologin vor allem in Schulen tätig. Seit mehr als 12 Jahren arbeitet als Begabtenförderlehrperson in Zürich. Die Autorin reist regelmäßig zu Recherchezwecken in den amerikanischen Südwesten und publiziert Artikel und Fachbücher. Dies ist ihr dritter Roman.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2. AN DER QUELLE
Am nächsten Morgen erwachte ich durch und durch schläfrig und erwärmt. Das raue, schwere Fell über mir schien aus sich heraus zu glühen und meine eigene Körperwärme zu verdoppeln. Ich war in dieser Nacht kein einziges Mal vor Kälte erwacht. Ohne dass ich es wollte, musste ich zugeben, dass dies das absolut richtige Geschenk für den beginnenden Winter war. Sollte ich das als Zeichen sehen, dass ein umsichtiger Mann war?
Nun war ich plötzlich hellwach. Gleichgültig, wie sehr ich mich innerlich weigerte, dies zu akzeptieren, das Fell war eine Frage. Eine Frage, auf die ich antworten musste, auf irgendeine Art und Weise. Aber was geschah danach? Wie konnte es ein Leben nach der Antwort geben? Waren dies nicht eigentlich die letzten Zeilen eines Buches, bereits geschrieben und unveränderbar? Was geschah übermorgen? Was geschah in einem Jahr, was in fünf Jahren? War es überhaupt möglich, dass dies geschah? Ich hatte mich entschlossen, die Geschenke nicht zurückzuweisen. Aber darüber hinaus hatte ich mir keinen klaren Gedanken gemacht, hatte machen können. Ich hatte nur gewusst, was ich nicht wollte, wieder einmal.
In meine Überlegungen hinein spürte ich, wie sich neben mir regte. Hatte auch sie die Bedeutung des Fells verstanden und ahnte sie, was in mir vorging? Doch bevor ich den Gedanken vertiefen konnte, hörte ich, wie im Hintergrund der Hütte die Männer erwachten. Zunächst liefen die Jungen an mir vorbei, dann vernahm ich s Schritte. Eigentlich sollten die Frauen das ja mit oder kurz nach den Männern verlassen, und so wollte ich schon hastig die Decken zurückschlagen, um aufzuspringen, doch der Krieger ging ganz langsam an mir vorbei. Er hielt den Blick gesenkt, aber um seine Lippen spielte ein Lächeln, bei dessen Anblick mir ganz leicht ums Herz wurde. So setze ich mich ruhig auf und wandte mich zu um. Sie strich sich gerade die Haare aus dem Gesicht und sah ganz verschlafen aus, augenscheinlich hatte auch sie die Wärme unseres neuen Bettes sehr genossen. Mit einem stillen, lächelnden Einverständnis erhoben wir uns und schritten Hand in Hand zum Frauenbadeplatz des Lagers.
Auf dem Weg dorthin fragte ich mich zum ersten Mal, wie es gelungen war, das Fell in die Hände zu bekommen? War er in die Ranch meiner Eltern eingedrungen, heimlich und im Schutz der Nacht? Was dachten meine Eltern, wenn sie feststellten, dass das Fell fehlte – merkten sie es überhaupt? Da der Krieger wusste, wo mein Zimmer lag, war es für ihn sicherlich keine Schwierigkeit gewesen, das Fell zu finden. Hatte er es damals schon gesehen, als er nach dem Überfall auf Major Rolfes Familie bei mir eingestiegen war? Ich konnte mich nicht erinnern, das Fell an diesem Abend aus der Truhe genommen zu haben. Oder war er einfach in mein Zimmer gestiegen, in der Hoffnung, etwas für mich zu finden? Etwas, was ich bei den Apachen während des Winters brauchen könnte? Oder etwas, was mich an zu Hause erinnerte? Wenn letzteres der Grund gewesen war, so hatte er zielsicher den Gegenstand ausgewählt, der mich am wenigsten an meine Heimat erinnerte. Und vielleicht war dies auch sehr gut so, denn obwohl ich ab und zu an mein früheres Leben dachte, so verspürte ich keinen Wunsch dorthin zurückzukehren. Wenn ich ehrlich zu mir war, wollte ich mich mit diesem Gedanken schlichtweg nicht beschäftigen.
Den ganzen Tag über wartete ich darauf, dass mir begegnen würde, doch ich fürchtete mich auch davor. Eine Begegnung würde unweigerlich in einem Gespräch enden, dessen war ich mir sicher. Und gleichgültig, wie ich mir das Gespräch ausmalte, es endete immer mit einer Entscheidung, die ich zu treffen hatte. Wenn ich nur etwas besser gewusst hätte, wie man sich in so einer Situation bei den Mescalero verhielt, was angemessen war und was unmöglich?
****
So entschloss ich mich, wieder einmal ins Vertrauen zu ziehen. Ich wählte einen Zeitpunkt, als wir beide etwas außerhalb des Dorfes an einigen Rinderhäuten arbeiteten. Die Häute waren bereits eingeweicht worden, und nun hatten wir je eine davon über einen schräg stehenden, entrindeten Baumstamm gelegt. Jede von uns hielt ein leicht gebogenes Holzwerkzeug in den Händen, das wie zwei zusammengesteckte Hörner von Longhornrindern aussah. In deren Mittelteil war längs eine schmale Metallklinge eingelassen, mit der wir die nun locker sitzenden Fellbüschel von den Außenseiten der Häute abstreifen mussten. Ich hatte mich schon eine Weile gegen das Werkzeug gestemmt, damit es nicht so aussah, als wollte ich mich vor der Arbeit drücken, dann säuberte ich mit der Hand die Klinge von den Haaren und blickte auf:
– jüngere Schwester, ich brauche deine Hilfe.“
Am Klang meiner Stimme erkannte , dass ich damit nicht die Bearbeitung der Haut meinte. Dass ich sie mit einer Verwandtschaftsbezeichnung ansprach, sagte ihr zusätzlich, dass ich wirklich etwas von ihr benötigte. Sie hielt ebenfalls kurz inne und sah mich an, um mir zu zeigen, dass sie zuhörte, dann arbeitete sie verhalten weiter. Auch ich legte den Schaber wieder an und fuhr fort:
„Ich möchte keinen Fehler machen und niemanden verletzen, aber ich kenne eure Regeln noch nicht so gut und weiß nicht, was ich tun soll.“
Wieder machte ich eine kurze Pause und legte mir die Worte zurecht.
„Ich weiß auch nicht, ob es richtig ist, mit dir darüber zu sprechen.“
Sie blickte mich lächelnd an.
„ brachte mir das Bisonfell vom Haus meines Vaters. Ich verstehe dies als ein Geschenk und eine Frage – stimmt das?“
– ältere Schwester, du weißt wahrscheinlich auch die Frage?“
„Ja, ich vermute es. Und ich vermute auch, indem ich das Fell annahm, habe ich eine Art Antwort gegeben.“
ließ ihren Schaber sinken und trat einen Schritt auf mich zu.
„So weißt du doch alles, was du wissen musst!“
„Aber bin es nun ich, die etwas tun muss? Muss ich mit ihm sprechen? Habe ich Verpflichtungen?“
Die junge Frau sah mich immer noch lächelnd an, aber ich meinte Anerkennung in ihrem Blick zu sehen, dass ich mir darüber Gedanken machte.
„Unsere Mädchen und Jungen werden sehr scheu erzogen. Manchmal braucht es Jahre, bis ein junger Mann sich getraut, mit dem Mädchen zu sprechen, mit dem er den Weg zusammen gehen möchte. Oft bittet er einen Vermittler, mit der Familie des Mädchens zu sprechen, und erst dann bindet er ein Pferd vor dem , Tipi des Mädchens an. Wenn das Mädchen und seine Familie den Preis akzeptieren, werden das Fest gefeiert und weitere Geschenke ausgetauscht. Menschen, die schon einmal verheiratet waren, brauchen keinen Vermittler und sie können offener miteinander sprechen. Trotzdem – Frauen und Männer, die sich laut und rasch miteinander einlassen, schätzt man nicht.“
Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und meinte schelmisch:
„Mein Bruder ist kein Junge mehr, er wird hoffentlich nicht Jahre brauchen. Und nein, du kannst warten. Du bist vorbereitet. Er hat dir ein Zeichen gegeben, und du hast es verstanden. Du machst ihm Hoffnung. Er wird mit dir sprechen, wenn die Gelegenheit günstig ist. Und wenn er dich fragt, kannst du immer noch ablehnen.“
„Was geschieht, wenn ich ablehne?“, fragte ich hastig und war mir im gleichen Moment gar nicht mehr sicher, dass ich die Antwort hören wollte.
„Nichts. Vielleicht fragt er Zweig, s Schwester. Ich glaube, sie wartet.“
Ich blickte völlig verwirrt an. Wollte sie mich eifersüchtig machen? Ahnte sie, dass ich den Gedanken bohrend empfand, wenn unsere kleine Familiengruppe auseinanderbrechen würde? Was geschah dann mit ihr, mit , mit mir? Meine Gefühle mussten sich deutlich auf meinem Gesicht widerspiegeln, denn die junge Frau lachte herzhaft auf.
„Schwester, ich will dich nur necken. Mein Bruder hat kein Interesse an , soweit ich sagen kann. Warte, bis er die richtige Situation vorfindet. Und…“
Sie nahm den Schaber wieder auf und blickte mich verschmitzt an,
„… mache dich darauf gefasst, dass die Frauen reden werden. Sie werden versuchen, über dich und zu lachen, sie werden dich aufziehen. Werde nicht ärgerlich, es ist wie ein Spiel.“
Ich schöpfte tief Atem. Ein guter Rat, den man einer wütenden Frau geben konnte, die zumal die Sprache, in der die Neckereien vorgetragen wurden, noch wenig verstand.
„Tröste dich, die Männer werden auch peinliche Fragen...




