E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Edelmann Rothenburg sehen und erben
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96041-919-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Ermittlerduo Dodo Haug und Kurti Voggel
ISBN: 978-3-96041-919-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Barbara Edelmann ist in Mindelheim geboren und aufgewachsen. Seit Jahrzehnten lebt sie glücklich und zufrieden im Allgäu. Ihre Erfahrungen und Beobachtungen verarbeitet sie in ihren Allgäu-Krimis. Außerdem liebt sie Rothenburg ob der Tauber und widmet der Stadt ihre zweite Krimireihe.
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1
»Ich bin absolut sicher, dass es hier spukt.« Der hochgewachsene ältere Herr in legerer Freizeitkleidung legte seinen Zimmerschlüssel auf die blank polierte Mahagonitheke und blinzelte dem Hotelportier verschwörerisch zu. »Das gerade eben habe ich mir nämlich nicht eingebildet.«
Kurz ließ er seinen Blick durch die leere Hotellobby schweifen. Gleich neben dem offenen Kamin, über einer gepolsterten Sitzgruppe aus dem vorvorigen Jahrhundert, blickte eine schlanke Dame in eleganten Gewändern aus einem Ölgemälde in die ausgestorbene Halle, sie schien ihn geflissentlich zu ignorieren. Alles im Raum atmete die Atmosphäre und den etwas verstaubten Charme längst vergangener Zeiten. Dafür war das Hotel nämlich berühmt.
»Ganz schön unheimlich hier«, nuschelte er. »Bestimmt sind hier schon Gäste auf merkwürdige Weise in ihren Betten gestorben. Sie haben uns selbst erzählt, dass das Hotel bereits seit knapp dreihundert Jahren besteht. Was ich vorhin gehört habe, stammte aus einer anderen Dimension – Sie waren nicht dabei und können das gar nicht beurteilen.«
Unsicher hielt er sich an der Theke fest und warf dabei die zierliche Messingklingel um. Wilfried Schulze, Buchhalter im Vorruhestand und im Sternzeichen Stier geboren, war heute Nachmittag zusammen mit seiner Gattin Henriette und der insgesamt sechsunddreißigköpfigen Chorgemeinschaft »Zweitstimme« aus Castrop-Rauxel nach Rothenburg ob der Tauber gereist, um in der weltweit bekannten historischen Stadt in Mittelfranken ein paar schöne Tage zu verbringen. Das vielversprechende Motto des Busreiseveranstalters lautete: »Frankens edle Tropfen«.
Aus diesem Grund hatte sich die stimmgewaltige Truppe bereits am ersten Abend in der Trinkstube »Zur Höll« kräftig an diesen edlen Tropfen delektiert und anschließend den überraschten anderen Gästen der Lokalität traditionsreiche Perlen deutschen Liedguts angedeihen lassen. Der laute Klang aus sechsunddreißig wohlgeschmierten Kehlen übertönte jegliches Gespräch.
Nach einer erbitterten Debatte darüber, welches Lied nun als Nächstes ertönen sollte, einigte man sich frustriert darauf, ins Hotel zurückzukehren und über die Angelegenheit gründlich zu schlafen. Man wollte ohnehin am nächsten Morgen in der nahe gelegenen St.-Wolfgangs-Kirche, einer alten Wehrkirche, ein kleines Spontankonzert geben.
Und so war die Reisegesellschaft geschlossen in der Hotelhalle eingefallen, hatte mit schweren Zungen ihre Zimmerschlüssel verlangt und war dann mehr oder weniger schwankend im dritten Stock verschwunden. Alle bis auf zwei, nämlich Herrn Schulze und seine Gattin Henriette.
Herr Schulze, ein großer Fan der um die Jahrtausendwende beliebten Fernsehserie »X-Factor«, wollte ums Verrecken noch nicht ins Bett. Beim Betreten ihres Zimmers waren er und seine Frau nämlich von einem unheimlichen Geräusch erschreckt worden, das ihnen Gänsehaut beschert hatte. Und nun wollte er dem gestressten Portier ein paar gruselige Details aus der schillernden Historie des altehrwürdigen Beherbergungsbetriebes entlocken.
»Jetzt mal Butter bei die Fische«, bat Herr Schulze mit verwaschener Stimme. »Nur eine Geschichte, eine einzige, dann gehe ich schlafen. Ich weiß doch, was ich gehört habe! Glauben Sie, ich habe es an den Ohren?«
Dieter Manz, in Ehren ergrauter Nachtportier, blieb gelassen. »Ich kann Ihnen versichern, dass sich noch keiner unserer Gäste wegen einer Geistererscheinung beschwert hat, Herr Schulze«, versicherte er ihm. »Sie und Ihre Frau können unbesorgt schlafen gehen. Niemand wird Sie stören. Hier, bitte schön.«
Behutsam schob er den silbernen Zimmerschlüssel, an dem einer dieser großen kegelförmigen Anhänger hing, wieder über den glänzenden Tresen vor seinen Gast und lächelte Frau Schulze, deren Gesichtszüge vor Ungeduld mit jeder Sekunde mehr zu entgleisen schienen, entschuldigend zu.
An solchen Abenden kam es Manz vor, als würde seine kurz bevorstehende Pensionierung nie kommen. Dann spürte er jedes seiner beinahe fünfundsechzig Lebensjahre doppelt und dreifach, obwohl ihm im Laufe seines Berufslebens, das er größtenteils an der Rezeption der Blauen Kutsche verbracht hatte, schon etliche ähnlich wissbegierige Gäste begegnet waren. Hätte er jedes Mal, wenn ihn jemand nach ruhelosen Gespenstern in den dunklen, langen Fluren des Hotels aushorchen wollte, Geld bekommen, säße er längst am Strand von Honolulu auf seiner eigenen Veranda. Stattdessen musste er mit einem unbequemen Bürostuhl vorliebnehmen, von dem aus er abwechselnd in drei verschiedenen Sprachen Fragen beantwortete, die er teilweise nicht einmal verstand. Denn mit seinem Japanisch haperte es nach all den Jahrzehnten nach wie vor.
»Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht«, sagte er nun erlesen höflich. Immerhin war er ein Profi. Nach vierzig Jahren an der Rezeption konnte einen so leicht nichts mehr erschüttern.
»Ja, von wegen.« Wilfried Schulze zwinkerte nochmals vertraulich.
»Doch«, versicherte ihm Manz irritiert. »Sie werden schlafen wie Gott in Frankreich. Oder in Rothenburg.«
»Das meinte ich nicht«, erklärte ihm Schulze, der sich mittlerweile anhörte, als wäre sein Mund mit Wattebäuschchen gefüllt. »Ist Ihnen wirklich noch nie aufgefallen, dass sich in diesen Gängen etwas herumtreibt? Das merkt man doch sogar am helllichten Tag. Mich hat eben noch ein eisig kalter Hauch gestreift. Eisig, sage ich Ihnen. Als wäre jemand über mein Grab gelaufen.«
»Bestimmt ein Luftzug«, sagte Manz beschwichtigend. »Es ist ein altes Haus, irgendwo wurde vielleicht ein Fenster geöffnet. Außer der Ihren ist nur eine einzige weitere Suite in diesem Flur belegt. Neue Gäste erwarten wir erst am Wochenende, dann sind wir ausgebucht.«
»Willi«, schaltete sich seine Frau nun ein, eine drahtige Dame mit brünettem Kurzhaarschnitt, der vor Müdigkeit beinahe die Augen zufielen. »Lass uns endlich aufs Zimmer gehen. Mit euch fahre ich nie mehr irgendwohin. Wenn ich gewusst hätte, dass diese Reise in ein Besäufnis ausartet, wäre ich daheimgeblieben. Wehe, du trinkst noch mal so viel!«
Verdrossen sah sie sich in der mit antiken Möbeln ausgestatteten Empfangshalle um. »Außerdem wollte ich eigentlich in dieses schnieke kleine Hotel in der Herrngasse mit dem entzückenden Garten, aber du hast mir die ganze Zeit erzählt, was alle anderen wollen, und was von Geschichte und Flair gebrabbelt. Dabei sind das nur alte Stühle und Teppiche, die gibt es hier überall in der Stadt. Und jetzt zerrst du mich hier zur Rezeption, nur weil du dir was einbildest. Für mich klang es, als hätte jemand seinen Koffer fallen lassen. Mehr nicht. Soll vorkommen. Jetzt komm, ich will mir endlich die Zähne putzen.« Ungehalten kniff sie die Augen zusammen und unterdrückte ein Gähnen.
»Liebelein«, versuchte Herr Schulze seine Gattin zu besänftigen, während er sich schwankend an den Tresen lehnte. »Wir fahren nächstes Jahr noch mal zu den edlen Tropfen, und dann schlafen wir, wo du willst. Wegen dir habe ich extra diese teure Suite gebucht, statt wie alle anderen ein normales Zimmer im dritten Stock zu nehmen. Und du schimpfst trotzdem mit mir, weil du es einfach nicht lassen kannst.« Er wendete sich wieder dem genervten Portier zu. »Geben Sie doch einfach zu, dass es hier spukt, dann verschwinden wir, nicht wahr, Henriette?«
Seine Gattin kniff verstimmt die Lippen zusammen und schwieg.
»Herr Schulze«, Manz bemühte sich, so vertrauenerweckend wie möglich zu klingen, »ich versichere Ihnen …«
Schulze schnitt ihm das Wort ab. »Sie haben uns selbst erzählt, wie viele Berühmtheiten hier schon übernachtet haben, sogar ein Kaiser und ein Präsident!« Er öffnete sicherheitshalber den obersten Knopf an seinem Polohemd, denn ihm wurde ein wenig schwindelig.
»Sogar mehrere Präsidenten«, korrigierte ihn Manz, aber Schulze ignorierte den Einwand.
»Die sind jetzt alle tot«, fuhr er nuschelnd fort. »Vielleicht schauen sie ja gelegentlich mal vorbei? In dem Salon dahinten«, Herr Schulz deutete auf eine verschlossene Glastür in der Lobby, hinter der man bei genauem Hinsehen Umrisse alter Ohrensessel erkennen konnte, »da saßen vor zweihundert Jahren bestimmt die ganzen Adeligen, haben Cognac getrunken, Kekse gegessen und ihre Diener schikaniert. Kann ich mal reinsehen? Ist doch ohnehin gleich Geisterstunde. Bitte.«
»Willi.« Seine Frau zupfte ihn gereizt am Ärmel. »Lass den Mann in Ruhe. Du siehst doch, dass er nicht reden will.« Sie deutete auf Manz, der genau wie Henriette ein Gähnen unterdrückte.
Es war ein langer Abend mit ständigem Kommen und Gehen gewesen, und der Einmarsch der gesamten Sängergruppe vor einer halben Stunde hatte ihm den Rest gegeben. Außerdem wurde es Zeit für seinen Mitternachtssnack. Den würde er sich gönnen, sobald die Schulzes verschwunden waren. Er hatte ihn sich redlich verdient.
Verstohlen schielte er auf die uralte Standuhr neben dem Aufzug. Schon dreiundzwanzig Uhr fünfunddreißig. Seit einer Viertelstunde löcherte ihn dieser Mensch bereits. Wenn er endlich gehen würde, hätte Manz seine Ruhe, denn bis auf zwei weitere Gäste, die aber nicht zu der Reisegruppe gehörten, wurde niemand mehr erwartet.
»Na gut.« Wilfried Schulze gab auf, besiegt vom fränkischen Bocksbeutel, sechsunddreißig Jahren Ehe und einem verstockten Portier. »Wir gehen schlafen, Liebelein«, sagte er zu seiner Frau. »Aber das war nicht unsere letzte Unterhaltung, Herr Maus. Ich weiß, was ich gehört habe. Machen Sie sich auf was gefasst.«
»Manz«, korrigierte ihn der Hotelportier müde, aber immer noch formvollendet. »Wenn Sie noch irgendetwas benötigen, lassen Sie es mich wissen. Ich bin die ganze Nacht für Sie...




