E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Reihe: Sissi Sommer, Klaus Vollmer
Edelmann Mordskrach
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96041-434-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Allgäu Krimi
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Reihe: Sissi Sommer, Klaus Vollmer
ISBN: 978-3-96041-434-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Barbara Edelmann ist in Mindelheim geboren und aufgewachsen. Seit Jahrzehnten lebt sie glücklich und zufrieden im Allgäu und möchte nirgendwo anders sein. Ihre Erfahrungen und Beobachtungen verarbeitet sie in ihren Allgäu Krimis.
Autoren/Hrsg.
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Samstagabend, Legau
Kalter Wind trieb durchnässtes Laub in Wirbeln durch die Gassen von Legau, dem schmucken Allgäuer Dorf zwischen Memmingen und Kempten. Bei so einem Wetter blieb man normalerweise am besten zu Hause, allerdings nicht an diesem Wochenende im Februar. Da grassierte in Legau nämlich das Faschingsfieber. Brave Angestellte verkleideten sich als verwegene Piraten, Hausfrauen verwandelten sich in Prinzessinnen, hart arbeitende Landwirte kramten den Stetson vom Onkel Sigi, der einmal in seinem Leben die USA bereist hatte, aus der Truhe auf dem Dachboden. Endlich ließen alle mal so richtig die Sau raus, denn das Leben auf dem Land ist hart, und man ist um jede Abwechslung dankbar.
Genau deshalb quoll der Festsaal des »Mohren«, direkt am malerischen Marktplatz in Legau gelegen, an ebendiesem Abend beinahe über vor ausgelassen feiernden Menschen. Ernestine, die Wirtin, kam samt ihren gehetzten Bedienungen den Bestellungen kaum hinterher. Übergewichtige Cowboys, farbenprächtig gekleidete Haremsdamen, gut genährte Ölscheichs und aus Faulheit nur mit einem aufgeklebten Bart verkleidete Herren absolvierten Polonaisen bis zum Schwindelanfall. Dicht an dicht drängten sich ausgelassene Gäste auf der Tanzfläche. Der Alkohol floss in Strömen, und für die frenetisch beklatschten Bühnenshows hatten viele Legauer Einwohner das ganze Jahr über geprobt.
Es gab amüsante Reden mit Anspielungen auf die Lokalpolitik und selbstverständlich Bier bis zum Umfallen. Das war der Sinn an der Sache, und darum war der Fasching in Legau eine Jahreszeit, über die man am besten im Frühling schon nicht mehr sprach, was ziemlich einfach war, weil sich die meisten gar nicht mehr daran erinnerten, was eigentlich genau gelaufen war. Was im Fasching passierte, das wurde, zusammen mit schmutzigem Konfetti und zerknautschten Luftschlangen, am Aschermittwoch von der großen Kehrmaschine beseitigt, und wehe, wenn nicht.
Die Fasnacht ist im Allgäu eine bierernste Angelegenheit, die zwölf Monate Planung, diszipliniertes Training mit in Kauf zu nehmendem schwerem Muskel- und sonstigem -kater sowie Unmengen ehrenamtlichen Engagements erfordert. Reden werden einstudiert und wieder verworfen, die Musikkapelle übt, bis sie Blasen an den Fingern bekommt, alle Gastwirte im Umkreis bestellen unzählige Fässer Bier oder härtere Sachen, und die Vorfreude auf das bunte Treiben beginnt normalerweise gleich nach dem Aschermittwoch, genau wie die nächsten Proben.
Gerade war die Stimmung auf dem Höhepunkt. Das beliebte Männerballett hatte eine seiner begeistert beklatschten Nummern dargeboten, was darin gipfelte, dass die Herren in blassrosa Tutus eine Art gut gemeinte, wenn auch wackelige Pyramide bildeten, die dann in sich zusammenfiel. Leider war während des Trainings der Anderl Hermann, seines Zeichens Pyramidenspitze, übel bei der Generalprobe gestürzt und nun zu seinem Widerwillen und der großen Freude seiner Ehefrau ans Bett gefesselt, denn die sah ihren Mann nicht gern in einem himbeerfarbenen Tüllröckchen, zumal er im wirklichen Leben auch nie an irgendeine Spitze gelangen würde. Deshalb war das Männerballett an diesem Abend zwar in seiner Handlungsfreiheit eingeschränkt, aber die ungelenken Bewegungen kräftiger, größtenteils unrasierter Waden entzückten Jung und Alt, und nachdem die Darbietung beendet war, ernteten die Herren stehende Ovationen.
Junge Legauer Damen aus der Garde schwenkten straffe, feinbestrumpfte Beine, wie es die Mädels im Moulin Rouge in Paris nicht besser hinbekommen hätten. Der diesjährige Faschingsprinz hielt eine launige Ansprache, die mit Anspielungen auf lokale Größen gespickt war wie ein saftiger Rehbraten, währenddessen seine Prinzessin bekräftigend die Zähne bleckte und an ihrem Sekt schlürfte, denn jetzt kam die Musikkapelle zum Einsatz und brachte mit ein paar zünftigen Liedern weiteren Schwung in den Saal.
Auch der große, an den Festsaal anschließende Nebenraum war überfüllt, es herrschte drangvolle Enge, in der sich alle wohlzufühlen schienen.
In der zugigen Diele im Erdgeschoss kollidierte Pfarrer Sommer, nach der rüstigen Witwe Erna Dobler höchste moralische Instanz des Ortes, soeben mit einem farbenprächtigen, jedoch irgendwie gruselig wirkenden Clown, der ihn auf dem Weg zur viel frequentierten Toilette definitiv absichtlich angerempelt hatte.
»Na, Hungerleider? Wie lang hältst dich schon an einem Bier fest? Hast dir tatsächlich so viel leisten können, dass was rausmuss? Drum schmeiß ich alleweil so viel in den Klingelbeutel, dass du dir wenigstens a Halbe ab und zu gönnen kannst.«
Sommer blieb wie vom Blitz getroffen stehen, denn diese gemeinen Worte und den Tonfall kannte er gut.
»Jürgen, grüß dich«, erwiderte er mit seiner »Kanzel-Stimme«, um den Lärm, der von oben aus dem Festsaal drang, zu übertönen. »Wie immer auf Krawall gebürstet? Ich hab leider keine Zeit. Bitte lass mich vorbei.« Er machte eine angedeutete Verbeugung, doch der ihn um Haupteslänge überragende Clown hielt ihn am Ärmel fest.
»Letzten Sonntag hast wieder angefangen mit deinem sozialistischen Krempel, kannst es net lassen, gell?«, rief er laut. »Dich muss der Neid umtreiben.«
»Nix treibt mich um, bloß das Bier«, wehrte sich Sommer. »Lass mich los, wir sind nicht Don Camillo und Peppone, und Bürgermeister wirst du, wenn’s nach mir geht, nie.«
Er entriss dem Clown seinen Jackenärmel und wollte seinen Weg zur Toilette fortsetzen.
»Da kannst dich drauf freuen, wenn ich gewählt bin, weht frei ein anderer Wind!«, brüllte der Clown Sommer nach und stolzierte hoch erhobenen Hauptes die Treppe hinauf, um seinen Platz am überdimensionalen Tresen einzunehmen.
Er wurde von einem zweiten Clown in einem identischen Kostüm erwartet, der ihn mürrisch nickend begrüßte. »Du brauchst länger auf dem Klo als jedes Weibsbild«, rief er, während er sich mit ehemals weißen Handschuhen an seinem Wodkaglas festhielt. Vor ihm stand eine angebrochene Flasche, in der einiges fehlte.
Die Clowns wandten dem um sie herrschenden Trubel den Rücken zu und versuchten, eine Unterhaltung zu führen, was daran scheiterte, dass beide nicht sehr gesprächig waren.
Bei den zwei Männern handelte es sich um Jürgen Reichelt, Bauunternehmer aus Legau, und Erich Eisermann, seines Zeichens Architekt aus Erkheim, die seit Jahrzehnten miteinander befreundet waren, genau wie ihre Frauen Gerlinde und Angelika. Sie schanzten sich gegenseitig Aufträge im Rahmen des gerade noch Legalen zu und fühlten sich offensichtlich nicht besonders wohl in diesem lärmenden Treiben.
Jürgen war in Legau eine lebende Legende, denn er hatte aus dem Spruch »vom Tellerwäscher zum Millionär« eine feststehende Tatsache gemacht. In der gesamten Umgebung gab es kein Einfamilien- oder Reihenhaus, das nicht von der Reichelt GmbH errichtet worden war. Man kam an Jürgen nicht vorbei, was nicht nur an seiner Statur, sondern auch an seinem Einfluss im Gemeinderat und seinen Verbindungen in die höchsten Ebenen der Kommunalpolitik lag. Jürgen hatte die joviale Ausstrahlung eines Lokalpolitikers, das schlüpfrig-aggressive Gebaren eines Vertreters und das herrische Auftreten eines mittelalterlichen Fürsten, was die besten Voraussetzungen sind, es im Allgäu zu etwas zu bringen. Er war knapp einen Meter neunzig groß, braun gebrannt, mit grünen durchdringenden Augen, vollem, allmählich ergrauendem Haar und einem gewinnenden Lachen, das er ausschließlich bei Vertragsabschlüssen seinen Kunden oder jungen Damen unter dreißig zukommen ließ.
Sein Freund Erich Eisermann, in Statur und Äußerem Jürgen auf beinahe unheimliche Art ähnlich, hatte es vor fünfunddreißig Jahren geschafft, sich lukrativ mit einer sehr wohlhabenden jungen Dame zu verheiraten, und lebte seither auf jenem großen Fuß, mit dem er geboren worden war. Kurz nach der Hochzeit hatte er sämtliche hochfliegenden Pläne, wie das Errichten eines monumentalen, mit Preisen überhäuften Baudenkmals in irgendeiner deutschen Metropole, auf Eis gelegt, nachdem er festgestellt hatte, dass man sich mit Geld ganz ausgezeichnet selbst verwirklichen konnte und dazu nicht unbedingt Kompetenz oder Arbeit nötig war. Jürgen und Erich hatten sich vor Jahrzehnten bei einem Treffen des Rotary Clubs kennen- und schätzen gelernt, da sie nach dem dritten Glenfiddich ohne Eis viele ausbaufähige Gemeinsamkeiten entdeckt hatten, wie zum Beispiel ihrer beider Vorliebe für bildhübsche junge Frauen ohne Anhang oder Skrupel. Eine Zusammenarbeit in beruflicher Hinsicht ergab sich anschließend aufgrund dieser signifikanten Schnittmenge an Gemeinsamkeiten automatisch, nachdem sich ihre Gattinnen Gerlinde und Angelika beschnuppert und sympathisch gefunden hatten.
Erich war fast genauso groß wie Jürgen, mit vollem braunen Haar, blitzend blauen Augen und dem gefährlichen Charisma eines in die Jahre gekommenen Sean Connery, was zum Teil daran lag, dass er quasi sein gesamtes Leben im Schongang verbracht hatte. Er unterhielt seit vielen Jahren ein luxuriös eingerichtetes Büro in Memmingen. Willige Praktikanten oder frisch von der Uni gepurzelte Architekten, die für einen Hungerlohn sämtliche Arbeit erledigten, gab es genug. Mehrmals wöchentlich schneite er in die von Glas und Chrom dominierte Dependance, scheuchte die Angestellten durcheinander wie der schneidende Ostwind das Legauer Laub an diesem Februarabend und verschwand dann wieder in einem seiner butterweichen Kaschmirmäntel, denn ein Gesicht wie seines brauchte viel Pflege. Merkwürdigerweise funktionierte das Architekturbüro wie eine gut geölte Maschine, weil seine Angestellten wussten: Je effizienter sie arbeiteten, umso weniger würde sich der Chef bei ihnen sehen lassen.
Jürgen...




