E-Book, Deutsch, 390 Seiten
Ebner-Eschenbach Die arme Kleine
1. Auflage 2016
ISBN: 978-80-268-5175-2
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geschichte der vier Kosel-Geschwister
E-Book, Deutsch, 390 Seiten
ISBN: 978-80-268-5175-2
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Die arme Kleine' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Marie Freifrau Ebner von Eschenbach (1830-1916) war eine österreichische Schriftstellerin und gilt mit ihren psychologischen Erzählungen als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Erzählerinnen des 19. Jahrhunderts. Ihr ganzes Leben lang kämpfte sie gegen die etablierten Gedanken ihrer Zeit. Sie schrieb nicht etwa, um den Familienunterhalt zu finanzieren, sondern vielmehr mit der Inspiration und Überzeugung, ihre Schriften könnten die Gedanken ihrer Zeit verändern. Ihre Absicht war, Sittlichkeit und Humanismus zu vermitteln. Aus dem Buch: 'Bald darauf wurde Familienrat gehalten und beschlossen, zum Beginn des nächsten Schuljahrs nach Wien zu ziehen. Herrn von Kosel würde einige Zerstreuung gut tun, den Knaben das Studieren in öffentlichen Schulen leichter und lieber sein als das Studieren zu Hause. Und für Elika, die in letzter Zeit um ein paar Deka ab- statt zugenommen hatte, wäre es gut, einige Monate unter den Augen einer ärztlichen Celebrität zu verbringen.'
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2.
Ein trauriger Tag auf Schloß Velice. Die Kleine hatte einen der Schwächeanfälle gehabt, die sogar Frau Apollonia Budik in Bestürzung versetzten. Aber Elika erholte sich und verlangte nach ihren Brüdern. Sie kamen und rauften miteinander um den besten Platz zunächst am Gitterbettchen der Schwester, was ihr zwar Vergnügen zu machen schien, von Frau Budik jedoch nicht lange geduldet wurde. Sie mußten sich alle drei schön in eine Reihe setzen, und Josef erzählte Geschichten, die Leopold und Franz über alle Begriffe dumm fanden, die aber der Kleinen gefielen. Sie hörte ganz zufrieden zu, bis sie einschlief.
Der schwere Augenblick, auf den man sich immer gefaßt machte und vor dem man immer zitterte, war einmal wieder in die Zukunft verlegt worden. Im Hause atmeten alle freier, als die Gefahr. in der das Leben des Kindes geschwebt hatte, glücklich vorüberging. Es wird noch trauriger werden, wenn sie fort sein wird. Man hat sich an den Anblick des blassen Geschöpfchens gewöhnt, die Kühlsten, die Gleichgültigsten fühlten eine warme, teilnehmende Regung, wenn sie an ihnen vorbeigetragen oder vorübergeführt wurde in ihrem Korbwägelchen. Sie hatte etwas in ihrer Miene, das sagte: Seid gut mit mir, ihr werdet nicht mehr lange Gelegenheit dazu haben. Jedem flößte sie Erbarmen ein und machte niemandem Mühe. Stundenlang konnte sie in ihrer Gehschule sitzen, mit einer Puppe, einem Schächtelchen, einem Knäuel spielen, oder eine ganze Weile hindurch laut- und bewegungslos mit geöffneten Augen vor sich hinschauen.
»Wie der Papa. Sie denkt auch, lauter gescheite Sachen,« sagte dann Frau Budik, deren Zuneigung für ihren Gebieter sich, nach dem Tode seiner Gattin, durch Mitleid verstärkt, zu einer Art Fanatismus ausbildete. »Sie würde gewiß ein eben solcher Engel und ebenso gescheit werden, wie er ist, wenn sie am Leben bliebe.«
Dem traurigen Tage folgte ein trübseliger Abend. Das Nachtmahl war vorüber, das Kindervolk schlafen gegangen; man hielt, was Charlotte die Orgie der familienüblichen Langweile nannte, im Schreibzimmer Kosels ab.
Renate saß neben dem Herrn Pfarrer auf dem Kanapee vor dem runden Tische und arbeitete an einem Wunderwerke der Strickkunst, einem Prachtkleidchen für ein beneidenswertes Dorfkind. Über ihr schönes, sanftes Gesicht glitt von Zeit zu Zeit ein Schatten resignierter Müdigkeit. Sie beugte sich vor, die schweren Lider fielen zu, aber nur einen Augenblick. Sofort hatte sie sich aufgerichtet und strickte bedächtig weiter. Der Pfarrer, ein alter, freundlicher Herr mit rundem, slavischen Gesichte und kahlem Haupte, war nicht viel munterer. Er zog sehr oft die Tabaksdose aus der Tasche seines langschößigen Rockes und schnupfte ohne rechtes Bedürfnis und ohne rechten Eifer. Sein Gegenüber bildete Kosel und das Renatens die im stillen rebellierende Charlotte.
Ihr war jedes Talent zu Handarbeiten versagt, und doch hatte sie einen wahren Abscheu gegen den Müßiggang; stillsitzen und nichts tun verursachte ihr Pein, und diese Pein rief aggressive Gefühle gegen ihre Umgebung, natürlich nur die unbelebte, hervor. Gegen den faden, runden Tisch, auf dem die fadeste Lampe stand, unter deren grünem Schirm ein Hanswurst in Gähnkrämpfe verfiele! Gegen das ganze Zimmer, gegen die blaugrauen Überzüge der Möbel und die flachen, blanken Stahlknöpfe in den Stepplöchern! Hat man je etwas so Albernes gesehen wie blanke Stahlknöpfe als Möbelschmuck? Gegen den riesigen Schreibtisch, auf dem immer große Unordnung herrschte und an dem nie ein vernünftiges Wort geschrieben wurde. Ach Gott, nicht einmal ein unvernünftiges! . . . Langweile! Langweile! Sie kauerte auf aschgrauen Flügeln oben an der Decke, und sobald Menschen eintraten in das Zimmer, das sie zu ihrem Wohnort erkoren hatte, ließ sie sich hinuntergleiten an den Wänden und fiel ihnen auf die Brust.
Nun suchte der Herr Pfarrer die Feindin zu bekämpfen und das Gespräch aufzufrischen. »Haben die Herrschaften schon gehört,« fragte er, »daß der Herr Bornholm einmal wieder angekommen ist aus Neusüdwales und in Valahora umgeht?«
»Sie sprechen von ihm wie von einem Gespenst,« erwiderte Renate, und Herr von Kosel, der Harmlose, der Schweiger, öffnete seinen Mund zu den unguten Worten:
»Wenn er nur schon eins wäre!«
Sein einziger Haß, dieser Herr Levin Bornholm, der ein Lotterleben führte, dieser moderne Frechling, der einen nicht grüßte, nicht an Gott glaubte, nie eine Kirche betrat. Er gehörte auch gar nicht hierher, war als Kind mit seinen Eltern vor fünfundzwanzig Jahren aus Schweden gekommen. Warum die Familie ausgewandert war, wußte man nicht und war voll Mißtrauen und auch voll Neid. Bornholm, ein rauher, düsterer Geselle, schien wohlhabend und hatte Valahora, als es nach dem Tode seines letzten, zu Grunde gegangenen Besitzers unter den Hammer kam, viel zu billig erworben. In allem Anfang schon – Kosel setzte das umständlich auseinander – verfeindete sich der nordische Bär mit der ganzen Nachbarschaft, warf den Leuten Prügel vor die Füße, zettelte Grenzstreitigkeiten an.
Das Thema Bornholm war eines der wenigen, die Kosel mit Interesse ergriff und nicht wieder losließ. Die Schwestern wußten jeden Satz auswendig, der nun kommen, und daß der Herr Pfarrer nach dem Worte »Grenzstreitigkeiten« sagen würde:
»Bah, bah, bah! An den paar Streifen Feld ist ihm nichts gelegen. Er wollte Zank und Hader erregen und gemieden werden, daran lag ihm . . . Wegen der Frau!« Und nun richtete der gute Pfarrer seine Augen auf die Damen, und sein blinzelnder Blick machte sie aufmerksam: Geben Sie acht, jetzt kommt's: »Aus Eifersucht,« fuhr er mit geheimnisvoll gesenkter Stimme fort. »Es sollte ihr niemand in die Nähe kommen außer der alten Alwilde, der Dienerin, die sie mitgebracht hatten. Er war eifersüchtig auf sein eigenes Kind, auf eine Blume, an der sie gerochen hat, auf ihren Seelsorger war er eifersüchtig. So ein Protestant!«
»Er Protestant, sie Katholikin. Daß sie ihn aber geheiratet hat, ich hab es nie begriffen,« sprach Renate, die immer im richtigen Augenblick in das Tonstück einfiel. »Arme Frau, sie hat gebüßt, sie hat viel gelitten.«
»Vielleicht doch nicht ganz unschuldig,« sagte Kosel, und der Pfarrer erwiderte eifrig:
»Verzeihung, ganz unschuldig!«
Sein Widerspruch blieb unbeachtet: »Ja, die Geschichte mit dem jungen Schweden, der plötzlich hier aufgetaucht ist, und den Bornholm geschwind wieder auf die Eisenbahn gebracht hat.« Auch Kosel hatte nicht das Bewußtsein, daß er gar Wohlbekanntes vorbrachte. Wenn er es aber gehabt hätte, würde ihn das nicht gehindert haben, einmal im Zuge, in seinem langsamen Tempo fortzufahren: »Sie sind zusammen abgereist, und als Bornholm zurückgekommen ist, hat er gehinkt. Hat eine Kugel in der Hüfte gehabt und zeitlebens behalten. Er hatte sich mit dem Schweden duelliert und ihn erschossen, vermutet man. Gewiß ist nur, daß er seine Frau nachher bis zu ihrem Tod im Schloß gefangen gehalten hat. Ja, die Geschichte mit dem Schweden,« wiederholte Kosel und blickte so aufmerksam vor sich hin, als ob ein ganzes Panorama an ihm vorüberzöge.
»Er war ein furchtbarer Mensch, dieser alte Bornholm,« rief Charlotte. »Lassen wir ihn aber jetzt in Frieden ruhen.«
»Der Sohn ist, fürchte ich, ärger als der Vater,« murmelte Renate im Halbschlafe. In wachem Zustande würde sie eine solche Anklage nicht über die Lippen gebracht haben.
»Ich weiß es nicht, möchte es aber nicht glauben,« versetzte der Pfarrer. »Am Totenbett seiner Mutter hat er sich sehr gefühlvoll gezeigt. Man hätte freilich auch ein Stein oder – Gott verzeih mir's – der alte Bornholm sein müssen . . . Eine Märtyrerin . . . Als ich gerufen worden bin, um ihr die letzten Tröstungen zu spenden, war ich jung – jetzt bin ich alt. Bei einem Sterben wie dem ihren bin ich nie mehr gewesen. Kein Sterben – eine Himmelfahrt!«
»Aber die Geschichte mit dem Schweden,« sagte Kosel. Sein Gedankenapparat hatte eine Stockung erlitten; er war beim letzten Satz stehen geblieben.
Die große Pendeluhr am Pfeiler hob zum Schlagen aus: Freundin, schlag Zehn! rief Charlotte sie im stillen an; verkündige die Stunde der Erlösung! Die Angeflehte schlug, aber –was? Schnöde Neun und dann Eins. Ein Viertel nach Neun. Drei Viertelstunden hat man noch sitzen zu bleiben und zu tun, als ob es nicht anders sein könnte! Warum so tun? Weil's Hausgebrauch ist. – Was ist Brauch? Was erhebt sogar die blödsinnigste Einrichtung zum Brauch? – das sklavische und gedankenlose Festhalten an ihr.
O, den Mut haben, zu protestieren! »Nein« zu sagen zu der öden Tyrannei, sich zu erheben, Gute Nacht zu wünschen und in sein Zimmer zu gehen, wo die vielen Rechenbücher warten und wo es Arbeit in Hülle und Fülle gibt. Charlotte hat den Mut nicht und nicht die Kraft, die Ordnung der Dinge umzustürzen, aber sie hat anarchistische Gefühle, und die dämonische Macht, die den Arm des Bombenschleuderers lenkt, brennt ihr auf der Zunge.
»Felix,« sagt sie plötzlich, »deine Buben brauchen einen Hofmeister.«
Die Wirkung dieser gesprochenen Bombe war sehr groß. Kosel blickte verstört um sich, überall Hilfe suchend gegen das Attentat Charlottens auf seine Selbstbestimmung und Selbstherrlichkeit. Wußte er nicht ohnehin, was jeder in seinem Hause brauchte? war nicht für alles aufs beste gesorgt? war die Einzige, die in derlei Angelegenheiten mitzureden gehabt hätte, nicht für immer verstummt? Traurige Verlassenheit, in der er sich befand, herzbrechende! Nun ja, sie war ja fort, die ihn geliebt,...




