Ebertowski | Hungerkralle | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 234 Seiten

Reihe: Mörderischer Osten

Ebertowski Hungerkralle

Ein Berlin-Krimi
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86789-580-4
Verlag: Bild und Heimat
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Berlin-Krimi

E-Book, Deutsch, 234 Seiten

Reihe: Mörderischer Osten

ISBN: 978-3-86789-580-4
Verlag: Bild und Heimat
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es ist der Beginn des Kalten Krieges: Fieberhaft suchen die westlichen Geheimdienste nach den Geldfälschern, die Reichsmark-Blüten in großem Stil in Umlauf bringen. Karl Meunier, früher Detektiv im Hotel Adlon, verdächtigt ehemalige Nazifunktionäre. Doch schon bald wird der Jäger zum Gejagten, während die ersten 'Rosinenbomber' in Tempelhof landen. Ein packender Roman - menschlich bewegende, hoch spannende Zeitgeschichte.

Jürgen Ebertowski geboren 1949 in Berlin, studierte Japanologie und Sinologie. Er arbeitete als Deutschlehrer am Goethe-Institut in Tokio. 1982 kehrte er nach Berlin zurück, wo er an der Hochschule der Künste Bewegung und Kampfsport lehrte. Er ist Autor zahlreicher Romane und Krimis.
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2. Kapitel


CAPTAIN MILLERS RÜCKKEHR


Am 2. Juli 1945 würden die Sowjettruppen den Flughafen Tempelhof an US-amerikanische Truppen übergeben und einen Tag später Einheiten der britischen und amerikanischen Streitkräfte ihre Sektoren in Berlin besetzen.

Captain Paul Miller, der designierte Berichterstatter für in der vormaligen Reichshauptstadt, flog mit einem mehrköpfigen Vorauskommando nach Tempelhof. Allen Offizieren in der Maschine war gemein, dass sie das Deutsche recht passabel beherrschten. Das von Miller war besonders gut. Fünf Jahre, bis einen Tag vor seinem dreißigsten Geburtstag, war er, dessen Großeltern den Familiennamen anglisiert und mit ihrem Enkel ausschließlich Deutsch gesprochen hatten, in Berlin als Journalist akkreditiert gewesen. Außer den Uniformierten befanden sich noch drei Zivilisten an Bord. Einer fiel Miller wegen der unmilitärisch langen Haare auf. Sie reichten bis über den Hemdkragen seiner abgewetzten braunen Cordjacke. Die drei Männer wirkten nicht sonderlich gesprächig über ihre Mission in Berlin. Miller tippte auf Geheimdienst.

Den Captain hatte »the theatre of war« an viele Stätten des Grauens geführt, aber Berlin sollte ihn zutiefst erschüttern. Gleich beim Landeanflug wurde ihm klar, was ihn erwartete. Der Pilot musste wetterbedingt eine Weile über der Innenstadt kreisen. Das Berlin, das Captain Miller gekannt hatte, bevor er beim Kriegseintritt der Vereinigten Staaten via Schweiz mit den anderen amerikanischen Journalisten ausgewiesen worden war, existierte nicht mehr. Bis zum Horizont erstreckten sich die zerbombten Stadtviertel. Es waren trümmerschuttbedeckte Ödflächen, wo er einstmals für die und das -Magazin bis spät nach Mitternacht in das pulsierende Leben der Metropole eingetaucht war, Quadratkilometer um Quadratkilometer von skelettierten Wohnsiedlungen oder Fabriken, eingestürzte Kirchen, bis zur Unkenntlichkeit zerstörte Gebäude, bei deren Anblick kein Zweifel darüber aufkam, wie sehr die Deutschen für ihre wahnsinnigen Lebensraumträume, ihren menschenverachtenden Rassenwahn und die breite Unterstützung des Braunauer Rattenfängers zu büßen hatten. »Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.« Dieses Lied war nach den phänomenalen Anfangserfolgen des Blitzkriegs oft und mit Inbrunst gesungen worden.

›Hochmut kommt vor dem Fall und der Absturz desto heftiger‹, dachte Miller, als das Flugzeug zum Landeanflug ansetzte und er aus seiner Vogelschau direkt in die ausgebrannten Dachstühle und auf die durch Geröllmassen zu Trampelpfaden verengten Straßenzüge blickte. »Heute gehört uns Deutschland …« – Den Überlebenden da unten gehörte allenfalls eine düstere kleine Welt des täglichen Kampfes um Nahrung und Wohnstatt. Bei aller Genugtuung darüber, dass Hitler-Deutschland endlich besiegt war, verspürte Captain Miller keinen ungetrübten Triumph wegen dessen Niederlage. Viele gute deutsche Freunde hatten in der unter ihm dahingleitenden Trümmerlandschaft gelebt. Es waren zumeist Journalisten gewesen, die das braune Regime abgelehnt, aber nicht vermocht hatten, sich wirkungsvoll dagegenzustemmen. Wer als Nazigegner nach der Machtergreifung keinen Ärger mit der Gestapo bekommen wollte, dem war nur der Weg in eine Art innere Emigration geblieben. Und auch dann hatte er die allgegenwärtigen Gesinnungsschnüffler in den langen Ledermänteln zu fürchten. Ein falsches Wort, beiläufig geäußert, und der Betreffende war in »Schutzhaft« gesteckt worden. Miller hatte erlebt, wie sich die Reihen derer von Zeit zu Zeit lichteten, die so unvorsichtig waren, und sei es nur im sogenannten Freundeskreis, kritisch über die neuen Machthaber zu reden. – Was war aus Richard, dem Rundfunkreporter, geworden? Was aus dem kleinen Herbert, einem Halbjuden und Herausgeber einer Literaturzeitschrift? Was aus Gisela vom Pressestammtisch im , deren Bruder beim Verteilen von kommunistischen Flugblättern während der Olympischen Spiele verhaftet und ins Zuchthaus gesteckt worden war? Oder aus Mister Charles vom selben Hotel, der die braune Bande wie die Pest verabscheut hatte? Der Hausdetektiv hatte ihn bis zur Ausweisung in die Schweiz stillschweigend zu seinen Interviewpartnern gefahren, obgleich klar gewesen war, dass diese Leute alle auf den Gestapo-Listen gestanden hatten.

Captain Miller wurde abrupt aus seinen Gedanken gerissen, als das Flugzeug, eine enge Kurve beschreibend, sich stark zur Seite neigte. Durch das gegenüberliegende Kabinenfenster sah er jetzt den Flughafen. Im Gegensatz zu den anderen Großbauten der Stadt schien der gigantische Gebäudekomplex von Europas einstmals größtem Luftkreuz bis auf abgedeckte Dächer oder das von zugeschütteten Bombentrichtern narbenübersäte Rollfeld noch weitgehend intakt zu sein. Captain Paul Millers Sitznachbar, ein Pionier-Oberst, der sich ebenfalls im Vorkriegs-Berlin gut auskannte, deutete auf das unzerstörte Lichtspielhaus . »Dort habe ich Leni Riefenstahls gesehen.« Er schnaubte. »Danach bin ich mit meiner damaligen Freundin im Tiergarten spazieren gewesen. Elfriede arbeitete bei der Gartenverwaltung. In einem Schuppen zeigte sie mir eine von den Parkbänken, die man vor den Olympischen Spielen in ganz Deutschland eilig entfernt hatte. Sie trug die Aufschrift: ›Für Juden verboten‹.«

Miller nickte. Er hatte für die darüber berichtet, aber der Artikel war nie erschienen, damals, als man auch in Amerika noch an »Herrn Hitlers« Friedensbeteuerungen geglaubt hatte.

Das Flugzeug setzte rumpelnd auf und rollte bis zu dem langen, bogenförmigen Hallenkomplex, der bereits während der Bauphase vom Volksmund mit dem Spitznamen »Kleiderbügel« belegt worden war. Die Gesamtlänge der stützenfreien Flugzeughangars betrug 850 Meter, ihre Einfahrtshöhe 12 Meter und die Tiefe 49 Meter. Häufig war er von dort für die in die europäischen Hauptstädte gereist, einmal sogar im September 1938 nonstop in knapp fünfundzwanzig Stunden mit einer Condor der Lufthansa, einer viermotorigen Focke-Wulf, nach New York geflogen. – Zentralflughafen Tempelhof. Der Presseoffizier hatte ihn noch in voller Geschäftigkeit in Erinnerung. Jetzt standen vor dem Abfertigungsgebäude zwei einsame Transportmaschinen mit den russischen Hoheitssymbolen.

Als Captain Miller aus dem Flugzeug stieg, erkannte er, dass der »Kleiderbügel« doch nicht so ungeschoren davongekommen war, wie es aus der Kabine den Anschein gehabt hatte. Durch die entglasten, dem Rollfeld zugewandten Fensterhöhlenreihen bot sich ihm ein anderes Bild. Die Gebäudefronten aus schweren Steinplatten zeigten sich bis auf Beschussspuren schwerer MG-Projektile und leichterer Artilleriegranaten zwar relativ unversehrt, aber im Innern des Halbrunds war alles rauchgeschwärzt. Offenbar hatten dort heftigste Brände gewütet.

Drei verbeulte Jeeps mit aufgemaltem Hammer-und-Sichel-Emblem näherten sich der Ausstiegsleiter vor der Mittelklappe. Miller hatte als Berichterstatter einmal einen Konvoi mit amerikanischem Kriegsmaterial aus Alaska nach Sibirien begleitet, und japanische U-Boot-Torpedos hatten sein Schiff nur um Meter verfehlt. Keiner der russischen Verbindungsoffiziere war des Englischen mächtig gewesen. Um den Hauptmann, der nun den amerikanischen Voraustrupp auf dem Rollfeld auf Russisch begrüßte, war es nicht besser bestellt. Es stellte sich aber während der Fahrt zum sowjetischen Hauptquartier nach Karlshorst heraus, dass er und der Fahrer, ein Oberleutnant, fließend Deutsch sprechen konnten. Die Verständigung unter den Vertretern der beiden Siegermächte klappte in der Sprache ihres vernichteten Gegners fortan prächtig. In Karlshorst wurde den Amerikanern ein provisorisches Quartier zugewiesen, die beschlagnahmte Villa einer Nazigröße, Gau-Reichsarbeitsführer oder so ähnlich. Im Gegensatz zu vielen »Goldfasanen« hatte er sich nicht nach Westen abgesetzt, sondern wie Goebbels erst seine Frau, die drei Kinder und dann sich selbst umgebracht.

Nachdem der offizielle Teil ihrer Mission erledigt war, lud ein russischer Oberstleutnant Captain Miller und seine Offizierskameraden ins Kasino des Generalstabs ein. Die Zivilisten aus dem Flugzeug kamen ebenfalls mit. In der jeweiligen Muttersprache geäußert, wurden die Trinksprüche auf den Sieg, auf die Waffenbrüderschaft, auf Genosse Stalin und Genosse Roosevelt bei kontinuierlich steigendem Wodkapegel immer lauter und auch ohne Fremdsprachenkenntnisse verstanden. Gegen Mitternacht dezimierte ein Wettschießen der Waffenbrüder die Kristallkugeln der beiden Kronleuchter an der Kasinodecke. Die Stimmung war ausgelassen. Nur die drei Zivilisten blieben weiterhin reserviert und hielten sich selbst beim Trinken zurück.

Als der Wecker Captain Miller am nächsten Morgen um halb sieben aus dem Schlaf riss, erwachte er wie gerädert. Er hatte nicht erwartet, dass es im Bad noch fließend Wasser gäbe, und war umso überraschter, als ein starker...



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