Eberth | Einheit | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 344 Seiten

Eberth Einheit

Berliner Tagebücher 1991-96
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-89581-392-4
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Berliner Tagebücher 1991-96

E-Book, Deutsch, 344 Seiten

ISBN: 978-3-89581-392-4
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Hysteriker/West trifft Staatszombie/Ost Michael Eberth folgt 1990 dem Ruf Thomas Langhoffs als Chefdramaturg an das Berliner Deutsche Theater, das ehemalige Staatstheater der DDR. Langhoff, mit dem Eberth eine langjährige Arbeitsbeziehung verbindet, will einen Westdramaturgen an seinem Theater haben. Eberth ist gespannt auf das Neue - und stößt auf ihm menschlich, organisatorisch und vor allem künstlerisch fremde Strukturen, die ihn an den Rand der Verzweiflung treiben. Bevor er das Theater verlässt, setzt er den Regiestudenten Thomas Ostermeier als Leiter der neuen Spielstätte 'Baracke' ein und verfolgt mit Genugtuung, wie der junge Künstler sie in anderthalb Spielzeiten zum 'Theater des Jahres' macht. Eberths Tagebücher sind Dokument eines Verständigungsversuchs am Rande des Scheiterns, sind theatergeschichtliches Zeitzeugnis, geben teils haarsträubende Einblicke hinter die Kulissen des von Eitelkeiten und Wahn durchdrungenen Kunst- und Politikbetriebs der neuen Hauptstadt - und sind leidenschaftliches Plädoyer für eine alte und vermeintlich unzeitgemäße Kunst.

Michael Eberth, geb. 1943, war Dramaturg und Chefdramaturg an Theatern in Berlin, Frankfurt, Hamburg, München sowie Wien und arbeitete mit Regisseuren wie Andrea Breth, Jürgen Gosch, Sebastian Hartmann, Alexander Lang, Thomas Langhoff, Claus Peymann und Stefan Pucher. Er hatte Gastprofessuren und Lehraufträge im In- und Ausland. Eberth lebt als Autor und Übersetzer in Berlin.
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Flug Berlin – Wien, 1. Januar 90

Mit Thomas und Hedi [Langhoff] in der Stunde vor Mitternacht zum Brandenburger Tor und im Gewimmel der Euphorisierten den Anbruch der neuen Zeit erwartet. Die Freude auf das, was beginnen wird, so rauschhaft, dass man sich dem Sog nicht entziehen konnte.

Am Morgen unter blauem Himmel noch mal zum Tor. Die Stadtreinigung hatte das Meer von zerbrochenen Flaschen und Gläsern bis auf eine dünne Schicht von zersplittertem Glas abgeräumt. Die Sonne spiegelte sich auf den Splittern. Der Pariser Platz glitzerte, wie ich noch nie ein Stück Welt habe glitzern sehen. Man konnte sich einbilden, nicht mehr die Welt von gestern vor Augen zu haben.

Fliege mit einem Gefühl des Bedauerns zurück. In Wien kann man jetzt Böhmen, Slowenen und Ungarn über den Graben laufen sehen, die die Pracht der Hauptstadt des einstigen Kaiserreichs angaffen. Im zusammengeflickten Berlin erwartet man die Verwandlung.

Oberhofen am Irrsee, 9. Juli 90

Deprimierende Proben zur Jüdin von Toledo mit Thomas in Salzburg. Es ist die achte Produktion, die wir zusammen machen, und es kommt mir so vor, als sei es die eine zu viel. Er hatte in München, Wien und Salzburg so viel Erfolg, dass er glaubt, keinen Lotsen durch die Gemütslagen der westlichen Welt mehr zu brauchen. Meinem von anderer Herkunft geprägten Blick hat er von Anfang an misstraut. Nach Kämpfen konnten wir uns aber einigen. Jetzt wehrt er meine Einsprüche so unwirsch ab, dass ich denke: Das war’s zwischen uns. Mit Uli Mühe, Suse Lothar, Anne Bennent, Sibylle Canonica hat er eine Truppe um sich versammelt, die den Text mit virtuoser Meisterschaft auffächern kann. Was entsteht, ist aber auf hoch aufgelöste Weise banal. Und wird sehr erfolgreich sein, weil’s so plausibel ist. Thomas hat eine Art, das Spielen mit Energie aufzuladen, in der keiner ihm gleichkommt. Es fehlt aber die Vision, die es übers tautologische Illustrieren der Texte hinaustreiben würde. Die Arbeit mit Achim Freyer und die Begegnung mit Andrea Breth haben die Sehnsucht nach einem Erzählen geweckt, das aus dem Verborgenen schöpft.

Oberhofen am Irrsee, 16. Juli 90

Thomas war übers Wochenende in Berlin und bat mich in einer Probenpause, mich mit ihm aufs Bänkchen vorm Bühneneingang des Landestheaters zu setzen. »Es läuft auf mich zu, dass ich Intendant des Deutschen Theaters werde«, sagte er, als wir saßen. »Du musst mitkommen!« Ich war so perplex, dass ich gesagt hab, Lena sei schwanger, als wollte ich sagen, Berlin sei nicht möglich. Darauf er: »Lena Stolze ist eine Schauspielerin, die ich sehr gut gebrauchen kann.«

Oberhofen am Irrsee, 17. Juli 90

Mit den Schauspielern das Video der Jüdin von Toledo angeschaut, die Brandauer in den Siebzigern auf der Burg Forchtenstein inszeniert hat. Konventionelles, streckenweise laienhaftes Gemime. Entsprechend höhnisch wurde gelacht. Der Zugriff von Thomas ist dem himmelweit überlegen. Kann mich mit seiner Arbeit trotzdem nicht mehr so identifizieren, wie’s bisher selbstverständlich war. Was er macht, kommt mir nur noch bequem vor. Er spürt es, wird aggressiv, bügelt meine Einwände vor der Truppe polternd nieder. Müsste mir an dem gütigen Hermann Beil ein Beispiel nehmen, der sich als Dienender versteht. Bin aber voller Verachtung. Wenn die Beziehung zu Thomas so zerrüttet ist, wie ich sie in diesen Tagen erlebe, wär’s Wahnsinn, mit ihm ans Deutsche Theater zu gehen.

Oberhofen am Irrsee, 20. Juli 90

In einem Gespräch für Theater heute, das Thomas mir in der Abschrift zu lesen gab, bedauert er die wenig heroische Rolle, die er in der DDR gespielt hat, und präsentiert sich als einer, der mit der Macht nicht paktiert, aber auch nicht gegen sie aufbegehrt hat. Der Papa war an der Gründung des »besseren« deutschen Staates beteiligt. Die Generation der antifaschistischen Väter hat für ihre Überzeugungen die gewaltigsten Opfer in Kauf genommen. Deren heiliges Projekt konnte der Sohn nicht verraten. Um der Frage auszuweichen, ob man die einstigen Opfer dafür belangen müsste, dass sie beim Verteidigen des besseren Staates zu Tätern mutiert sind, und ob uns das nicht etwas höchst Verstörendes über die Spezies erzählt, hat sich Thomas den Dramen der Vergangenheit zugewandt: Hauptmann, Ibsen, Tschechow, Turgenjew. Jetzt spricht er vom Deutschen Theater als künftigem Nationaltheater. Was er sagt, klingt überzeugend. Wo aber nimmt er auf einmal den Anspruch her? Wo hatte er ihn vergraben?

Botho Strauß ruft in einem Aufsatz mit dem Titel Bemerkungen zu einer Ästhetik der Anwesenheit zum Aufstand gegen die sekundäre Welt auf und fordert eine neue Demut gegenüber dem Werk. Bin einer von denen, die er angreift. Ein Sekundärer. Ein Schänder der Werke durch Projektion. In der neuen Zeit wird aber einer gebraucht, der gelten lässt, was das Werk zu verkünden hat. Das kann nur ein Spielleiter sein, der sein Ego im Zaum hält. Die Zeit der Interpreten, die sich auf ideologiehaltige Welt-Bilder stützten, geht zu Ende. Der Dramaturg muss sich andere Aufgaben suchen. Will ich für Thomas am Deutschen Theater den Manager geben? Glaube ich so sehr an das, was er auf der Bühne verkünden kann, dass ich sein künftiges Nationaltheater organisieren will?

Das DT liegt an der Schnittlinie der deutschen Teilung. Der Gedanke, das Gemeinsame da wiederherzustellen, wo es zerrissen wurde, ist bestechend. Was Thomas für die erste Spielzeit geplant hat, lässt aber befürchten, dass er ein DDR-Nostalgie-Zentrum im Sinn hat: Heiner Müller soll Quartett und Mauser von Heiner Müller kanonisieren, Frank Castorf soll ein Stück von Lothar Trolle uraufführen, Friedo Solter, der Chefregisseur des Staatstheaters der DDR, von dem ich noch nie was gesehen habe, und Rolf Winkelgrund, von dem ich immerhin einen beachtlichen Blauen Boll kenne, sollen weiterarbeiten, er selbst will seine Ära dem Beispiel von Max Reinhardt folgend mit einem Käthchen von Heilbronn einleiten, Anselm Weber, sein einstiger Assistent an den Münchner Kammerspielen, soll als Vertreter der West-Kultur einen Tartuffe machen, von Dorn und Flimm soll es vage Zusagen geben. Was geht mich das alles an?

Irritierend auch, dass Thomas weder im Ensemble noch in der Dramaturgie jemandem kündigen will. Das Deutsche Theater ist für ihn das beste der Welt. Damit sind auch die dort Engagierten die Besten. Der Kronprinz besteigt den Thron, den ihm die Umstände so lang vorenthalten haben. Die Krönung wird ihn noch selbstherrlicher machen. Er wird mir endgültig nicht mehr zuhören. Ich werde mit ihm nicht mehr so kämpfen können, wie’s bisher möglich war. Mir stehen schmerzliche Entscheidungen bevor …

Wien, 3. Oktober 90

Im Fernsehen das jubelnde Deutschland vorm Brandenburger Tor. Fahnen, Fanfaren, Feuerwerk, Weizsäcker, Beethoven, Kohl, Genscher, Bach, Willy Brandt, de Maizière, Jubel, Champagner, Berliner Philharmoniker, Schwarzrotgold, Wunderkerzen, Gewoge deutscher Begeisterung. Stralsund und Greifswald, Rügen, Bad Muskau und Weimar, Görlitz und Gotha sind ab jetzt Teil meines Vaterlands. Für Momente blitzt Freude auf. Wenn man aber bedenkt, was da geschieht, ist das Getue, das auf dem Bildschirm zu sehen ist, geradezu lächerlich.

Wien, 8. Januar 91

Auf einer Direktionssitzung des Burgtheaters hat Peymann den Fall Steirischer Herbst/Botho Strauß diskutieren lassen: Zwei junge Theater-Enthusiasten, Kritiker mit literarischen Ambitionen, wollten das vor sich hin dümpelnde Festival neu beleben und baten Botho um ein Stück, das sie in Graz als Uraufführung präsentieren könnten. Botho schickte ihnen Angelas Kleider. Die Enthusiasten erkannten, dass das Projekt zu groß für sie ist, und boten dem Burgtheater eine Kooperation an. »Wir« waren interessiert, ließen uns das Stück schicken und halten es für einen Knüller. Botho hat es in Venedig geschrieben. Peymann will ihn »auf das Venedigmotiv gebracht« haben und leitet davon das Recht ab, die Sache an sich zu reißen.

Es zeigt sich aber, dass das Projekt auch für die Koop Burgtheater/Graz zu groß ist. »Wir« würden zwar in Wien probieren, müssten die Schauspieler aber zu den Endproben für zehn Tage nach Graz schicken. Peymann will im Herbst mit dem Männerensemble Macbeth machen und kann auf niemanden zehn Tage warten. Er hat Luc Bondy angeboten, die Strauß-UA in Wien zu machen. Dagegen haben die Enthusiasten protestiert. Ist ja auch ihr Projekt. Peymann nennt sie Dilettanten, was sie wahrscheinlich sind, und sagt, für Stück und Autor wär’s am besten, wenn »wir« die Sache in die Hand nehmen würden. Was aber ist mit den Grazern? Darf nur noch gelten, was die Höhen der Weltkunst erklimmt?

Peymann war gerade in Brüssel, Florenz und Salzburg und steht vor Reisen nach Bochum, Essen, Recklinghausen und Amsterdam, um Gastspiele auszuhandeln. Die Szene internationalisiert sich. Das Stadttheater muss mit den...


Michael Eberth, geb. 1943, war Dramaturg und Chefdramaturg an Theatern in Berlin, Frankfurt, Hamburg, München sowie Wien und arbeitete mit Regisseuren wie Andrea Breth, Jürgen Gosch, Sebastian Hartmann, Alexander Lang, Thomas Langhoff, Claus Peymann und Stefan Pucher. Er hatte Gastprofessuren und Lehraufträge im In- und Ausland. Eberth lebt als Autor und Übersetzer in Berlin.



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