Ebert Zeuglesweber
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8425-1616-8
Verlag: Silberburg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-8425-1616-8
Verlag: Silberburg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ines Ebert, ist 1949 in Heubach im Ostalbkreis geboren. Nach kaufmännischen und kunsthandwerklichen Tätigkeiten, dem Umzug ins Allgäu und mehreren Jahren als selbständige Dorfhelferin absolvierte sie in Leipzig 1998 das Studium der Museologie. Als freiberufliche Diplom-Museologin (FH) lebte sie ihre Leidenschaft für Geschichte, deren Erforschung und Vermittlung in Ausstellungen, Museen und Archiven aus. Nun im Ruhestand pflegt sie ihren Schrebergarten und schreibt historische Romane. Ines Ebert hat zwei Töchter aus erster Ehe und lebt mit ihrem Mann und ihrer Katze Lilli in Wangen im Allgäu.
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Kapitel I
Von Heubach bis Lautern konnte Bernhard auf einem Fuhrwerk mitfahren. Den steilen Weg hinauf nach Lauterburg schien er nun aber zu Fuß zurücklegen zu müssen. Er hoffte inständig, dass ein weiteres Fuhrwerk vorbeikommen und ihn mitnehmen möge, denn die Riemen seines schweren Rucksacks schnitten schon nach kurzer Zeit schmerzhaft in seine Schultermuskulatur ein. Allzu viele Muskeln befanden sich ohnehin nicht dort, denn Bernhard war mit seinen vierzehn Jahren hoch aufgeschossen und viel zu dünn.
Vor ein paar Wochen, nach seiner Konfirmation und kurz vor der Schulentlassung, war er schon einmal zusammen mit seinem Vater in das kleine Dorf auf der Alb hinaufgewandert, um den Lehrvertrag mit Webermeister Andreas Burkhardt unter Dach und Fach zu bringen. Warum er seine Lehre denn ausgerechnet in Lauterburg machen müsse, hatte er den Vater damals auf dem steilen Weg hinauf auf die Alb gefragt. In Heubach gebe es doch auch Lehrstellen und zudem würde er lieber weiterhin zu Hause wohnen.
»Du solltest froh sein, dass ich eine so gute Lehrstelle für dich gefunden habe!«
Jakob Schroths Stimme klang rau, als er seinen Sohn, der ihn bereits um einen halben Kopf überragte, von der Seite anblickte. Sein Hals war wie zugeschnürt und sein Herz war schwer bei dem Gedanken, sein einziges Kind ziehen zu lassen. Immerhin hatte er selbst damals in der Werkstatt seines Vaters gelernt und deshalb auch zuhause gewohnt.
»Du weißt doch, wie es inzwischen ist, dass nicht nur ich, sondern auch viele andere Weber die Gebühren für die Ausstellung des Meisterbriefes längst nicht mehr aufbringen konnten und der damit verbundene Verzicht auf das Meisterrecht eben auch bedeutet, dass man nicht mehr zünftig ausbilden darf«, erklärte Jakob Schroth zum wiederholten Male.
»Ja, schon, aber der Onkel Thomas hätte mich vielleicht doch genommen«, beharrte Bernhard.
»Schlag dir das aus dem Kopf, Bernhard. Die Weberzunft hat meinem Bruder im Meisterprüfungsprotokoll zwar sehr gute Kenntnisse bescheinigt, aber wie ich hat er auf die Mitgliedschaft in der Zunft verzichtet. Dafür hat er die Seidenweberfabrik gegründet, was in meinen Augen eine mehr als unsichere Geschichte ist. Ganz abgesehen davon, dass er ja schon seinen Sohn Johann, der wie du ebenfalls aus der Schule kommt, in die Lehre nehmen wird.«
»Ja, aber vielleicht hätte er uns beide genommen!«, beharrte Bernhard trotzig.
»Die Seidenweberei – ach, ich weiß nicht.« Jakob wischte sich mit dem Taschentuch die Schweißperlen von der Stirn. »Schon vor zwanzig Jahren hat es in Frankreich Aufstände der Seidenweber gegeben, weil sie mit ihren Erzeugnissen immer weniger verdient haben. Und jetzt hat das ganze Weberhandwerk zunehmend mit der Konkurrenz aus England, Schlesien und sogar Sachsen zu kämpfen. In den neuen Manufakturen stellen sie auf mechanischen Webstühlen die Stoffe viel kostengünstiger her als wir Handweber. Und als ob das nicht schon genug wäre, werden neuerdings auch noch in Gefängnissen billige Tuche gewebt, die nicht nur ans Militär, sondern auch an private Abnehmer geliefert werden. Die Strafanstalt Gotteszell in Gmünd ist da ganz vorne mit dabei. Ich weiß nicht, wie wir Handweber noch mithalten können, wenn uns noch etwas zum Leben übrig bleiben soll. Und ob dein Onkel Thomas mit seiner Seidenweberei auch in Zukunft gut über die Runden kommen wird, bleibt abzuwarten. Es ist schon besser, wenn du deine Lehre bei einem Meister der Zunft machst, da weißt du wenigstens, was du hast.«
»Ich würde aber lieber in Heubach bleiben«, wiederholte Bernhard verbissen und starrte während des Gehens stur auf seine festen Lederstiefel, die vom weißen Staub der Kalksteine der Alb bedeckt waren, mit der die Straße geschottert war. Tief in seinem Innersten wusste er genau, dass er den Vater nicht mehr umstimmen konnte. »Lauterburg«, maulte er trotzdem, »das ist doch …« – Bernhard suchte nach den passenden Worten, um seinem Unmut angemessenen Ausdruck zu verleihen – »… das ist doch am Ende der Welt.«
Obwohl Jakob Schroth die Verzweiflung seines Sohnes nicht entging, musste er nun doch lachen. »Am Ende der Welt, du bist gut. Ich glaube, das Ende der Welt liegt schon noch ein Stückchen weiter entfernt als Lauterburg, das man von Heubach aus immerhin bequem in zwei bis drei Stunden zu Fuß erreichen kann.« Und um Bernhards Aufmerksamkeit in eine andere Richtung zu lenken, deutete er mit dem ausgestreckten Arm über die Baumwipfel hinweg. »Da, schau einmal: Man sieht schon die Ruine Lauterburg. Das war einmal das Stammschloss der Herren von Woellwarth, bevor es vor über hundert Jahren einem Brand zum Opfer gefallen ist.«
»Hm«, machte Bernhard und sah nun doch neugierig zu den Resten der Schlossanlage hinüber. Alles schien nicht abgebrannt zu sein, denn er konnte neben der Ruine eine Kirche und ein paar intakte Nebengebäude ausmachen.
Die Sonne schien an diesem strahlenden Samstagmorgen schon kräftig vom Himmel und Bernhard keuchte und schwitzte mittlerweile die Steige hinauf. Außer einem einzigen Fuhrwerk, das hinunter nach Lautern gefahren war, lag die Straße wie ausgestorben da. Nachdem er gut drei Viertel der Strecke zurückgelegt hatte, streifte er in einer Kehre seinen Rucksack ab und rieb sich die schmerzenden Schultern. Es war genau die Stelle, an der sein Vater ihn beim letzten Mal auf die Ruine von Lauterburg aufmerksam gemacht hatte. Bernhard ließ sich erschöpft auf einem Baumstumpf nieder und kramte in seinem Rucksack herum, bis er die Wasserflasche und das Päckchen mit dem Butterbrot fand, das ihm die Mutter am Morgen fürsorglich eingepackt hatte. Bei dem Gedanken an sein Zuhause verspürte er ein schmerzliches Ziehen in der Brust. So viele Erinnerungen stiegen in ihm auf.
Erst im Januar war der Großvater mit dreiundsiebzig Jahren gestorben. Immer weniger war er geworden und eines Morgens einfach nicht mehr aufgewacht. Er hatte seine letzte Ruhestätte neben der Großmutter gefunden, die bereits fünf Jahre vor ihm gestorben war. Als eine der Ersten war sie auf dem neu angelegten Friedhof an der Lauterner Straße beigesetzt worden. Bernhard vermisste seinen Großvater sehr. Auch seinen Vetter und Freund Johann und vor allem seine Mutter. Sie vermisste er schon jetzt am allermeisten, auch wenn er sich damit tröstete, dass er sie ja wiedersehen würde. In ein paar Monaten vielleicht, irgendwann, möglicherweise an Weihnachten.
Die Mutter war, seit er denken konnte, der ruhende Pol in der Familie gewesen. Im Gegensatz zum Vater, einem ernsten und nicht besonders lebenslustigen Mann, der Bernhard allerdings nie im Unklaren darüber gelassen hatte, wie lieb er ihn hatte. Tiefe Melancholie wechselte sich beim Vater ab mit Rebellion und Aufbegehren gegen Lebensumstände, die er seiner Ansicht nach nicht verdient hatte und für die er in erster Linie die Politik verantwortlich machte. Eine Politik, der es einfach nicht gelang, die alten, feudalen Strukturen zugunsten einer Liberalisierung aufzubrechen, von der auch Bürger wie er profitieren konnten. Oder – so schimpfte er oft – war es etwa seine Schuld, dass er in eine Familie von Webern hineingeboren worden war, die seit Generationen eher schlecht als recht von ihrem Handwerk lebten und neuerdings sogar in die Abhängigkeit von Verlegern gerutscht waren, die vor allem ihren eigenen Vorteil suchten. War es etwa seine Schuld, dass die Schroths es nicht zu mehr gebracht hatten als zu einem kleinen Anteil eines Hauses auf dem Bühl, der nur durch die kleine gemeinsame Tenne und einem gemeinsamen Abort vom Nachbarn, dem Schneider Hofele, getrennt war?
Jakob Schroths regelmäßiges persönliches Aufbegehren erschöpfte sich meist in Schimpftiraden im häuslichen Kreis, die Bernhard als Kind ängstlich und mit aufgerissenen Augen verfolgte hatte, ohne wirklich zu verstehen, was den Vater so erzürnte. Mit seinem kindlichen Gemüt suchte er die Schuld am stetigen Zorn seines Vaters bei den bescheidenen Mahlzeiten und dem Hunger, den sie in dieser Zeit litten und der sie abends nicht selten mit knurrenden Mägen ins Bett gehen ließ.
Bernhard hatte erst später verstanden, dass sein Vater in den Umtrieben der 1848er Revolution, als er selbst noch ein Kind von erst neun Jahren war, endlich ein wohltuendes Ventil für seine Hilflosigkeit, die innere Not und den aufgestauten Ärger über all die äußeren Umstände gefunden hatte. Für Umstände, die ihn daran hinderten, seine Familie angemessen zu versorgen. Der Revolution vorangegangen waren nasskalte Sommer mit Missernten. Vor allem die Kraut- und Knollenfäule der Kartoffeln hatte große Ernteeinbußen verursacht. Nicht nur auf dem kleinen Schroth’schen Feld am Fuße des Hochbergs breitete sie sich aus, sondern in ganz Württemberg und darüber hinaus in Europa. In Irland wüte die Kartoffelkrankheit besonders stark, war damals in der Remszeitung zu lesen.
Jakob Schroth hatte seine Familie stets mit Neuigkeiten versorgt, die er der Zeitung entnahm. Wenn der Vater die Zeitung ausgelesen hatte, nahm...




