Dury Oh Tapirtier
Erste Ebook Auflage
ISBN: 978-3-941657-49-6
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 350 Seiten
ISBN: 978-3-941657-49-6
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Dury, geb. 1961, wuchs im pfälzischen Dahn auf. Er studierte Philosophie, Geschichte und Germanistik in Tübingen, München und Berlin und absolvierte eine Ausbildung als Programmierer. Heute arbeitet er selbstständig als Autor, in der Erwachsenenbildung und als Softwareentwickler. Er ist Vorstandsmitglied des VS-Saar. Zahlreiche Veröffentlichungen, v.a. '... als ich in die Stadt kam', (Erzählungen, 1999), 'Schachtelkäfer' (Roman, 2003). 1999 Georg-K.- Glaser-Preis, 2003 Martha-Saalfeld- Preis und Buch des Jahres Rheinland-Pfalz, 2005 Sonderpreis beim Sketch- und Geschichtenwettbewerb Dillingen a.d. Donau. Außerdem war Andreas Dury mit seinem Roman »Oh Tapirtier« für den Pfalzpreis für Literatur 2010 nominiert.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1 - Freitag, 8. Juni 2007
Kapitel 2 - Samstag, 9. Juni 2007
Kapitel 3 - Sonntag, 10. Juni 2007
Kapitel 4 - Montag, 11. Juni 2007
Kapitel 5 - Dienstag, 12. Juni 2007
Kapitel 6 - Mittwoch, 13. Juni 2007
Kapitel 7 - Donnerstag, 14. Juni 2007
Kapitel 8 - Freitag, 15. Juni 2007
Kapitel 9 - Samstag, 16. Juni 2007
Kapitel 10 - Sonntag, 17. Juni 2007
Kapitel 11 - Montag, 18. Juni 2007
Kapitel 1
Freitag, 8. Juni 2007
Hubschrauber sind wie Tiere. Besonders, wenn das Motorengeräusch ausgeblendet ist. Der Hubschrauber sieht aus, als handle es sich um ein flugfähiges Tier, vielleicht um eine schrecklich große Libelle. Und in diesem Film gibt es keinen Ton. Kein Sprecher mischt seine Stimme in diese Bilder, die in schlechter Qualität, vielleicht mit einer Handykamera aufgenommen, über den Bildschirm flimmern. Die Erinnerung springt sofort zu Nine/Eleven, dem elften September 2001, als zu Beginn der Nachrichtensendungen noch vor der ersten Meldung ein Amateurvideo abgespielt wurde, das jeden Kommentar übertraf. Aber das hier sind nicht die Twin Towers. Das ist die deutsche Ostseeküste, Heiligendamm oder irgendein Ort in der Nähe. Das braucht den Fernsehzuschauern niemand mehr zu sagen. Seit Tagen sieht man diese Gegend jeden Abend, man ist schon daran gewöhnt und weiß sofort: Beim Gipfeltreffen der acht mächtigsten Staatsmänner der Welt ist etwas passiert.
Dabei ist zunächst nur ein Gutshof zu sehen, davor ein Hubschrauber mit laufendem Rotor. Staub wirbelt auf, die Büsche, die den Landeplatz einrahmen, biegen sich weg vom Zentrum des Sturms. Langsam hebt er ab, nach unten geneigt der dicke Kopf mit der schönen runden Glasfront, die sich bis in den Fußraum wölbt, sodass der Pilot nach unten sehen kann. Einen Moment lang scheint er in der Luft stehen bleiben zu wollen, ein paar Meter erst vom Boden weg, aber dann kippt er zur Seite und sein kraftvoller Rotor wuchtet ihn, rasch höher steigend, in eine Kurve und in die Richtung, in die gerade eben noch sein Schwanz gezeigt hat. Der Hubschrauber fliegt mit leicht gesenktem Kopf auf die Kamera zu. Dann geschieht es. Man kann nicht erkennen, was. Es ist, wie wenn ein Stier vom Bolzenschuss getroffen wird. Da gibt es nichts zu erkennen, außer der Tatsache, dass es aus und vorbei ist. Genau so ergeht es diesem Hubschrauber. Er stürzt ab. Es dauert keine zwei Sekunden, bis er auf dem Boden aufkommt. Der sich weiter drehende Rotor sorgt dafür, dass er wie ein Knallfrosch noch ein paar Sprünge macht, bevor sich seine Kontur in einem rasch auflodernden und stark rußenden Feuer verliert.
Nun erst setzt die Stimme eines Kommentators ein und man hört, dass es kein gefährlicher Einsatz gewesen sei, zu dem fünf Männer – ein Pilot, ein Dolmetscher und drei hohe Polizeioffiziere – in diesem fast nostalgisch anmutenden Fluggerät aufbrachen. Es sollte ein letzter Rundflug über den Einsatzort sein.
Es war ein Freitag. Immer wieder brachten sie diesen Film und immer mehr Fakten wurden den Fernsehzuschauern bekannt gegeben. Der Ort, an dem das Unglück geschah, hieß Linstow. Dort waren während der Zeit des Gipfeltreffens in einem ehemaligen Gutshof, den man nach der Wende zu einem Hotel umgebaut hatte, Sicherheitskräfte einquartiert. Bei dem Hubschrauber handelte es sich um eine BO 105. Früher war sie überall im Einsatz, beim ADAC, beim Bundesgrenzschutz, bei der Bundeswehr. Ihre militärische Version soll ein Exportschlager gewesen sein. Aber diese hier, die da vor einem umgebauten Gutshof in Linstow in Flammen aufgeht und brennend über die Wiese hüpft, immer wieder, dürfte eine der letzten gewesen sein, die sie bei der Polizei noch gehabt hatten.
Ich verbrachte den Abend allein vor dem Fernseher und trank Wein. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an diesem Film und je öfter ich ihn sah, desto besser konnte ich mich an mein Hubschrauberquartett erinnern. Ich hätte den Hubschraubertyp auch ohne die Unterrichtung durch die Kommentatoren erkannt. Damals, in meiner Kindheit, war er noch ganz neu. Jetzt war seine Zeit um, er wurde ausgemustert und durch den Nachfolger ersetzt, den EC 135. Ich erinnerte mich gerne an die BO 105, die mir fast wieder so ans Herz wuchs wie damals, obwohl sie gegen die großen Stecher, beispielsweise die Chinook mit ihren zwei Rotoren und fast achttausend PS, nie eine Chance gehabt hatte.
Ich versuchte, mich in die Situation hineinzuversetzen. In die Ruhe nach der tagelangen Aufregung. Der amerikanische und der russische Präsident waren hier gewesen, bei uns, in Heiligendamm, in diesem auch unter historischen Gesichtspunkten einzigartigen Badeort. Es hatte Krawalle gegeben, Polizeieinsätze, Verhaftungen. Die Welt als Ganze betreffende Appelle waren von diesem Gipfeltreffen in die eigenen und in die subordinierten Staaten ausgesandt worden. Aber nun waren die Politiker nach Hause, die Heerscharen der Einsatzkräfte in ihre Unterkünfte zurückgekehrt und hinter dem Zaun, im Inneren der Sicherheitszone, hatten die Aufräumarbeiten begonnen. Wahrscheinlich wäre es ein eindrucksvolles Bild gewesen, das der Deutsche seinen ausländischen Kollegen zu bieten gehabt hätte, als er sie zu jenem Rundflug einlud: das in der Sonne blinkende Metall der Sperranlagen, die Gischt hinter den patrouillierenden Schnellbooten, die wie Tierbauten aus der Landschaft herausgewachsenen Checkpoints und vor allem das ganze schöne und vornehme Ambiente dieses einzigartigen Badeorts, an dem vier Tage lang die Oberhäupter der acht mächtigsten Staaten die Ordnung der Erde diskutiert hatten.
Wie schon bei der Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2006 hatten die Deutschen unter Beweis gestellt, dass eine lockere und entspannte Atmosphäre mit größtmöglicher Sicherheit vereinbar war. Um auf dies noch einmal hinweisen zu können, hatte vermutlich der deutsche Polizeioffizier seinen russischen und amerikanischen Kollegen in die gute, alte BO 105 eingeladen.
Übrigens stürzte sie viel schneller ab, als ich mir das vorgestellt hätte. Es gab keinen Moment, in dem ich glaubte, sie würde sich noch einmal fangen und mit irgendeinem Manöver doch noch in der Luft halten. Als ehemaliger Hubschrauberquartettspieler wusste ich, dass die BO 105 die erste derartige Maschine war, mit der man Loopings fliegen konnte. Aber hier, in diesem Film, zeigte sie nicht die geringste Spur dieser Wendigkeit. Im Gegenteil: Man hätte denken können, sie sei zum Abstürzen gebaut, so umstandslos, so entschlossen, so ganz ohne zu zögern brachte sie die schätzungsweise fünfzig, sechzig Meter hinter sich, um auf der Erde zu zerschellen. Wer von den Insassen jetzt noch lebte, dem machte das auflodernde Kerosin den Garaus.
Ich weiß nicht, ob es zum Wesen aller Menschen gehört, eine gewisse Befriedigung zu empfinden, wenn die öffentliche Ordnung an einem Punkt gestört und verletzt wird, der einen selbst nicht betrifft. Mich erschütterte es jedenfalls nicht besonders, dass dieser Hubschrauber auf so spektakuläre Weise seinen Dienst einstellte. Wenn man bedenkt, dass bei dieser Aktion fünf Menschen ihr Leben verloren, mag man versucht sein, zu denken, ich sei ein kaltblütiger Bursche. Aber das würde ich ohne mit der Wimper zu zucken und ohne die geringste Heuchelei weit von mir weisen.
Allerdings hatte ich zu dieser Zeit nicht viel Veranlassung, mich übermäßig mit der Ordnung zu identifizieren, die hier einen Schaden genommen hatte. Ehrlich gesagt genoss ich sogar die Genugtuung, die sich spontan bei mir einstellte. Sie war wie eine kleine hinterhältige Rache für die Frustration, in die in letzter Zeit alle meine Versuche gemündet hatten, so etwas wie Ruhe und Zufriedenheit in mein Dasein zu bringen.
Ich war vor ziemlich genau drei Jahren hierher gezogen, um neu anzufangen. Vorher hatte ich in Saarbrücken gelebt und es ist eine lange Geschichte, warum ich dort nicht hatte bleiben können. Kurz gesagt war ich fortgegangen, weil ich es nicht gewagt hatte, einer Frau – Eva – meine Liebe zu gestehen. Sie war mit meinem besten Freund verheiratet, und den aus dem Feld zu schlagen traute ich mich nicht. Ob mein Rückzug aus Feigheit geschah oder aus Respekt vor dem hohen Gut der Freundschaft, konnte ich nicht sicher entscheiden, aber meistens neigte ich dazu, mich für einen Feigling zu halten. Warum ich hierher gezogen war und nicht in irgendeine andere Stadt, lag einzig und allein daran, dass ich hier eine Arbeit gefunden hatte. Doch als ich gerade anfing, ein bisschen Fuß zu fassen, wurde die Firma verkauft und ich war den Job wieder los. Danach fand ich lange keine neue Stelle. Ich kam ziemlich herunter. Ich soff wie ein Loch und verlor völlig den Glauben an mich, sodass es mir wie ein Wunder erschien, als ich endlich wieder einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde und der Chef am Ende sagte: »Na gut, dann wollen wir es mal miteinander versuchen.«
Die Firma war nicht groß. Da war Otterbach, der Chef, dann Markward, Frau Binswanger und Elwert. Sie hatten alle privates Kapital in der GmbH stecken.
Ich fing Mitte Juli an und es war in meiner zweiten oder dritten Woche, da hielt mir Otterbach einen Stapel Visitenkarten unter die Nase, auf denen unter der Firmenanschrift mein Name stand und darunter Developer. Außerdem legte er mir eine Folie mit dem Firmenlogo auf den Tisch.
Es war heiß und still. Alle waren mit ihren Aufgaben beschäftigt. Die Fenster standen offen und davor parkten unsere Autos. Auf allen klebte dieses Firmenlogo nur auf meinem nicht und auch nicht auf dem Auto, das der Chef fuhr. Er fuhr nämlich den Wagen seiner Frau. Alle wussten, dass er sich einen neuen kaufen wollte, aber niemand wusste, was für einen. Den letzten hatte er bei Tempo zweihundertdreißig gegen eine Leitplanke gesetzt.
Otterbach stand neben mir und ich hatte den Eindruck, dass er auf etwas wartete. Ich betrachtete die Visitenkarten und fragte mich, was ich damit anfangen sollte. Schließlich sagte er: »Na los, auf was warten Sie noch?«
Ich sagte: »Keine...




