E-Book, Deutsch, 528 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
Roman
E-Book, Deutsch, 528 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
ISBN: 978-3-8437-0602-5
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
In der Pfalz, Januar 1898 »Du bist zum Heiraten erzogen worden, nicht zum Kartoffelschälen!« Isabelle schrak zusammen, als sie plötzlich wie aus dem Nichts die Stimme ihrer Mutter hörte und gleich darauf ihr zirpendes Lachen. Das Lachen, mit dem Jeanette Herrenhus Isabelles Einwände stets unwiderruflich vom Tisch gewischt hatte. Erschrocken legte Isabelle das Messer aus der Hand. Wurde sie verrückt? War es schon so weit, dass sie Stimmen hörte? Ihr Blick wanderte durch die Küche mit der rußgeschwärzten, tiefhängenden Decke und den kleinen Fenstern, durch die kaum ein Lichtstrahl fiel. Wundern würde sie sich nicht darüber … Die Enge des Raumes wie auch des ganzen Hauses sorgte immer stärker dafür, dass sich Isabelle wie ein Vogel in einem viel zu kleinen Käfig fühlte. Ganz gleich, wie sehr sie sich drehte und wendete, der Platz wurde nicht mehr. Die Luft zum Atmen auch nicht. Sie schob eine lockige rote Strähne, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, hinters Ohr, dann nahm sie angewidert ihre Arbeit wieder auf. Wie schrecklich, wenn ihre Mutter tatsächlich hier wäre – die ehemalige Grande Dame des Berliner Staatsballetts würde auf der Stelle einen Nervenzusammenbruch erleiden. Und Isabelle hätte es ihr nicht einmal verdenken können. Hier – das war ein kleines pfälzisches Dorf nahe der französischen Grenze, tief in einem Talkessel gelegen. Diese Tallage war schuld daran, dass durch die winzigen Fenster des Fachwerkhauses so wenig Licht fiel. In Richtung Westen erhoben sich riesige schwarze Wälder, die schon zu Frankreich gehörten, im Osten gab es ein paar Weinberge, auf denen Silvaner und Grauburgunder angebaut wurde. Dazwischen lag Nothzeit. Isabelle schauderte es, wenn sie nur an den Namen des Dorfes dachte. Keiner hätte besser gepasst. Das Dorf bestand aus gerade einmal ein paar Dutzend gedrungenen Fachwerkhäusern, einer Kirche und einer Dorfschule. Einen Laden gab es nicht, für Einkäufe musste man in die nächstgelegene Stadt fahren. Und selbst dort schien nach Isabelles Auffassung alles lebendig begraben zu sein. Genau wie sie selbst hier in diesem Haus. Nicht, dass irgendjemand außer ihr schuld daran wäre! In der näheren Umgebung von Nothzeit ragten auf den Berghängen eine Handvoll düstere Burgen in die Höhe, die irgendwelche Landesfürsten vor Zeiten erbaut hatten. Leon hatte angekündigt, im kommenden Frühjahr mit ihr Ausflüge dorthin machen zu wollen. Voller Besitzerstolz, als hätte er eigenhändig an den trutzigen Bauwerken mitgebaut, hatte er von der historischen Vergangenheit dieser Gegend geschwärmt. Von den Kelten, den Römern und den Germanen. Sie hatte nichts gesagt, sich aber ihren Teil gedacht: Alte Steinhaufen besichtigen – da konnte sie gleich in Nothzeit hocken bleiben! Selbst wenn Isabelle noch Kontakt mit ihrer Familie in Berlin gehabt hätte, hätte sie es nie übers Herz gebracht, ihrem Vater, dem erfolgreichen Unternehmer Moritz Herrenhus, und seiner schönen Gattin, der ehemaligen Primaballerina des Berliner Staatsballetts, zu schreiben: »Ich wohne in Nothzeit. Besucht mich doch einmal!« Isabelle lachte trocken auf. Dafür hatten ihre Eltern sie nicht in die Höhere Mädchenschule geschickt. Sie, die schöne Debütantin, hatte eine gute Partie machen sollen. Geld heiratet Geld, und die Macht liegt als Dritte mit im Bett – so hatte ihres Vaters Plan gelautet. Einen Heiratskandidaten nach dem anderen hatte er für sie angeschleppt, Fabrikantensöhne, junge Grafen und einen alten Baron, ausländische Diplomaten mit besten Kontakten. Er hatte so große Hoffnungen in sie gesetzt und kräftig investiert! Die schönsten Kleider, edler Schmuck, aufwendige Frisuren – für seine Prinzessin gab es immer nur das Beste. Und tatsächlich war sie auf jedem Fest der umschwärmte Mittelpunkt gewesen. Ihr Charme, ihre Unkompliziertheit und ihr ansteckendes Lachen hatten ihr mindestens so viel Bewunderung eingebracht wie ihr gutes Aussehen. Eine Haut wie Milch und Honig, rotgoldene Locken, die ihr bis zur Taille reichten und die sie stets nur zur Hälfte aufsteckte, so dass die Haare ihren Rücken hinabwallten wie geschmolzenes Kupfer. Ihre smaragdgrünen Augen wurden durch den dichten dunkelbraunen Wimpernkranz noch akzentuiert, ihre feingeschwungenen Brauen verliehen ihnen stets einen kühnen, herausfordernden Ausdruck, als wollte sie sagen: »Was kostet die Welt? Gleichgültig, ich kann mir alles leisten!« Anträge hatte es mehr als genug gegeben. Doch wann immer ein Bewerber mit Blumenstrauß in der Hand stotternd einen Antrag hervorbrachte, hatte Isabelle den Kopf geschüttelt und »Nein danke« gesagt. Keiner war ihr gut genug gewesen. Sie hatte die große Liebe gewollt. Leon Feininger. Nie würde Isabelle vergessen, wie er in den Berliner Radsportverein, bei dem auch sie Mitglied gewesen war, spaziert kam. Mit erhobenem Kopf und nach vorn gereckter Brust, so lässig, als gehörte ihm der Laden. Die braunen Locken, die ungebändigt in alle Himmelsrichtungen von seinem Kopf abstanden, sein markantes und männliches Gesicht, das von Abenteuer und Verwegenheit erzählte. Die kräftigen Waden, der durchtrainierte, muskulöse Oberkörper, der so gar nichts mit dem kraftlosen Erscheinungsbild der blassgesichtigen Berliner Salonlöwen zu tun hatte. Bei seinem Anblick hatte ihr Herz bis zum Hals hinaufgeschlagen. Diesen Mann wollte, nein, musste sie unbedingt näher kennenlernen, das hatte sie vom ersten Moment an gewusst. Und die Anziehungskraft hatte auf beiden Seiten bestanden. Auf ihren Radtouren ins Berliner Umland hatte Leon dann erzählt. Von seiner Familie, die auf einem Weingut lebte. Von ihren jahrhundertealten Wurzeln und von den Traditionen, denen sich die Familie Feininger verbunden fühlte. Eigentlich würden sie leben wie englische Landgrafen, nur eben in der Pfalz, hatte er Isabelle erklärt. Von der Weinernte hatte er ebenfalls geschwärmt, von traditionellen Festen und von den Verkostungen im großen Weinkeller, zu denen stets ein deftiger Happen serviert wurde. Vor Isabelles innerem Auge waren immer farbenfrohere Bilder entstanden. Ländliche, romantische Szenen, wie sie die großen Maler auf ihren Ölgemälden für die Ewigkeit festgehalten hatten. Und sie mittendrin, als Grande Dame des Landhauses … Empfänge im Rosengarten, Weinfeste, bei denen sie die Schönste war, gemütliche Abende am Kamin, in intimer Runde, mit einem Glas edlem Rotwein in der Hand. Auf Leons Weingut würde sie freie Hand haben, endlich nicht mehr nach der Pfeife ihres Vaters tanzen müssen. Sie konnte es kaum erwarten, ihre Fähigkeiten endlich irgendwo sinnvoll einzubringen. Warum Leon aus der Pfalz weggegangen war, obwohl dort alles so schön war – diese Frage hatte sich Isabelle nie gestellt. Hatte er sich in Berlin wirklich nur mit den besten Radfahrern Deutschlands messen wollen? Oder hatte er es in der Enge seiner Heimat auf Dauer doch nicht ausgehalten? Und warum hatte sie seine Schilderungen nicht in Frage gestellt? Das wäre klug gewesen! Stattdessen war sie blindlings mit ihm durchgebrannt wie die Heldin in einem billigen Groschenroman. Dass diese Geschichten meist in jenem Augenblick endeten, wenn der Prinz und seine Prinzessin in einer Kutsche oder hoch zu Ross in eine unbekannte Zukunft davoneilten, wunderte Isabelle inzwischen nicht mehr. Denn was danach kam, eignete sich nun wirklich nicht für die romantischen Gemüter der Leserinnen. Wer wollte schon miterleben, wie aus der Prinzessin ein Aschenputtel wurde … Ach Leon, wenn ich dich bloß nicht so sehr lieben würde, dachte Isabelle nicht zum ersten Mal. Seine Familie hatte es mit erstaunlichem Gleichmut aufgenommen, dass Leon nach den Monaten seiner Abwesenheit plötzlich mit ihr als frisch angetrauter Ehefrau aufgetaucht war. Die Mutter, eine verhärmte Frau in den mittleren Jahren und viel zu früh gealtert, hatte ihrem Sohn einmal verschämt über den Arm gestrichen. Erst später hatte Isabelle verstanden, dass dies für Anni Feininger eine große Liebesbekundung gewesen war. Der Vater, ein vierschrötiger, wortkarger Mann, hatte Leon kurz zugenickt, und Isabelle hätte schwören können, dass sich seine Miene dabei ein wenig verdüsterte. Vater und Sohn hatten so gut wie nichts gemeinsam. Natürlich hatte es Fragen gegeben, ein paar Vorwürfe und sehr verhaltene Glückwünsche zur Hochzeit. Mehr aber nicht. Man hatte ihnen eines der Schlafzimmer im ersten Stock zugewiesen – es lag direkt neben dem von Leons Eltern. Das war der erste Schock für Isabelle gewesen, hatte sie doch geglaubt, man würde ihnen einen Seitentrakt des Anwesens zur Verfügung stellen. Doch im »Seitentrakt« des einfachen Bauernhauses wohnten die Kühe. Hier würde sie keinen Tag länger als nötig bleiben!, hatte Isabelle beschlossen und sich geweigert, ihre Koffer auszupacken. Doch als sie am nächsten Tag sah, wie ihre eleganten Kleider im Koffer zerknitterten, blieb ihr nichts übrig, als sie doch in den viel zu kleinen Schrank zu hängen. Für ein paar Tage würde sie diese Notlösung akzeptieren, danach musste Leon ein neues Domizil für sie beide...