Dumas Fils | Die Kameliendame | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

Dumas Fils Die Kameliendame

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8412-2759-1
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

ISBN: 978-3-8412-2759-1
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Romeo und Julia in Paris.

Marguerite liebt Armand, einen jungen Mann aus den besten Pariser Kreisen. Als ihr von seinem Vater vorgehalten wird, sie stehe dem Glück Armands im Wege, beugt sie sich den Forderungen der Gesellschaft, die keine ehemalige Kurtisane in ihren Reihen dulden will ... 

'Dumas verpackt in seine Geschichte subtile Kritik an einer Gesellschaft, die mehr Wert auf Abstammung und Besitz legt als auf den Menschen selbst.' NZZ am Sonntag.



Alexandre Dumas d. J. (1824-1895) war der uneheliche Sohn seines berühmten Vaters und wurde von diesem erst anerkannt, als Ruhm und Mittel es ihm erlaubten. Früh in die Pariser Lebewelt eingeführt - deren Bezeichnung als demi-monde auf den Titel eines seiner Stücke zurückgeht -, verkehrte er in ihr als Dandy, wie sein Vater, aber auch als sensibler Beobachter ihrer Leere und Nichtigkeit. Mit 20 Jahren lernte er die gleichaltrige Marie Duplessis, eine zauberhafte Modistin kennen und später auch lieben, die bald die begehrteste Mätresse von Paris werden sollte. 'Die Kameliendame' ist die Geschichte dieser Marie Duplessis.
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I


Gestalten erschaffen kann meiner Meinung nach nur, wer die Menschen lange Zeit erforscht hat, wie ja auch niemand eine Sprache beherrscht, der sie nicht gründlich erlernt hat.

Ich selber habe freilich das Alter noch nicht erreicht, in dem man dichtet, und darum will ich mich begnügen, hier nur zu berichten. Das heißt, der Leser darf von der Wahrheit dieser Geschichte überzeugt sein, deren Personen mit Ausnahme der Heldin alle noch leben. Überdies gibt es in Paris für viele der Geschehnisse, die ich hier vorbringe, genügend Zeugen, die sie bestätigen können, wenn man mir etwa nicht glaubt. Den Bericht niederzuschreiben aber ermöglicht mir ein seltsamer Zufall, denn mir allein sind die besonderen Zusammenhänge mitgeteilt worden, ohne welche er weder vollständig sein würde noch Anteilnahme zu erregen vermöchte.

Die Sache kam folgendermaßen zu meiner Kenntnis. – Am 12. März 1847 las ich in der Rue Laffitte auf einem großen gelben Maueranschlag die Anzeige einer Versteigerung von Möbeln und zahlreichen Luxusgegenständen, und zwar einer Versteigerung wegen Todesfall. Der Anschlag nannte den Verstorbenen nicht, der Verkauf aber sollte am Sechzehnten in der Rue d’Antin Nr. 9 von zwölf bis fünf Uhr vor sich gehen.

Ferner war unter anderem angegeben, dass man Wohnung und Möbel am Dreizehnten und am Vierzehnten besichtigen könne.

Ich war immer ein Liebhaber von Kunstdingen und nahm mir vor, diese Gelegenheit nicht zu versäumen und mir, sollte ich nichts kaufen, wenigstens etwas anzusehen. So begab ich mich des andern Tages in die Nr. 9 der Rue d’Antin.

Trotz der frühen Stunde hatten sich bereits Menschen zur Besichtigung eingefunden, sogar Frauen, die, obwohl in Samt und Kaschmirschals gehüllt und in eleganten Kutschen vorgefahren, die Kostbarkeiten, die sich ihren Blicken darboten, staunend und sogar voller Bewunderung betrachteten.

Ich begriff sehr rasch dies Staunen und Bewundern, denn sobald ich mich genauer umzusehen begann, erkannte ich unschwer, dass ich mich in der Wohnung einer ausgehaltenen Frau befand. Wenn nun Damen von Welt, und es waren solche da, etwas zu sehen begierig sind, so ist es die Einrichtung solcher Frauen, deren Kutschen täglich ihre eigenen in Schatten stellen, die wie sie und neben ihnen in der Großen Oper und im Italienischen Theater ihre Logen haben und Paris durch ihre freche Schönheit, durch ihre Juwelen und ihre Skandale in Aufregung halten.

Die hier gewohnt hatte, war freilich tot. Die tugendsamen Damen durften daher getrost bis in ihr Schlafzimmer vordringen. Der Tod hatte die Luft dieses gleißenden Lasterpfuhles gereinigt, und überdies konnten sie sich falls nötig damit rechtfertigen, dass sie zu einer Versteigerung kämen, ohne eine Ahnung zu haben, wo sie sich befinden. Sie hätten die Anschläge gelesen, wollten besichtigen, was diese Anschläge ankündigten, und im voraus ihre Wahl treffen. Weiter nichts! Was sie indessen nicht abhielt, zwischen all diesen Wunderdingen einem Kurtisanenleben nachzuspüren, von dem man ihnen zweifellos so Seltsames erzählt hatte. Unglücklicherweise hatte aber die Göttin ihre Geheimnisse mit ins Grab genommen, und die Damen konnten beim besten Willen nur in Erfahrung bringen, was die Mieterin nach ihrem Abscheiden, aber nichts von dem, was sie bei Lebzeiten anzubieten hatte.

Im übrigen gab es sehr viel zu erstehen. Die Einrichtung war großartig. Möbel aus Rosenholz mit Metalleinlagen, Sèvres- und China-Vasen, Meißner Figuren, Atlasstoffe, Samt und Spitzen, es fehlte nichts.

Ich schlenderte durch die Wohnung und folgte den vorausgegangenen neugierigen feinen Damen. Sie gingen in ein mit persischen Geweben ausgeschlagenes Zimmer, und ich schickte mich an, ebenfalls einzutreten, als sie lächelnd und gleichsam schamrot ob einer neuen Merkwürdigkeit flugs wieder herauskamen. Desto lebhafter verlangte mich, das Zimmer zu sehen. Es war das bis auf die kleinsten Stücke unveränderte Ankleidezimmer, in welchem die Verschwendungssucht der Verstorbenen ihren Gipfel erreicht zu haben schien.

Auf einem großen drei Fuß breiten und sechs Fuß langen Tisch, der an der Wand stand, funkelten alle Kostbarkeiten von Aucoc und Odiot. Es war eine prachtvolle Sammlung, und jedes der hundert Dinge, die eine Frau wie die, bei der man sich befand, zur Toilette bedarf, war aus Gold oder Silber. Indessen konnte sich eine solche Menge nur mit der Zeit angehäuft haben und stammte unmöglich von ein und demselben Liebhaber. Mich konnte nun der Anblick des Putzzimmers einer ausgehaltenen Frau keineswegs erschrecken, und ich besah die verschiedenen Stücke mit Vergnügen näher, wobei ich entdeckte, dass alle diese herrlich ziselierten Gegenstände ungleiche Namenszeichen und verschiedene Kronen aufwiesen.

Indem ich so die Dinge betrachtete, deren jedes mit einer Preisgabe des armen Mädchens bezahlt war, sagte ich mir, dass Gott es gut mit ihr gemeint haben muss, da er sie vor dem üblichen Ende bewahrte und sie in Glanz und Schönheit und vor dem Altwerden hinwegnahm, bei dem die Kurtisanen ein erstes Mal sterben.

Wahrhaftig, was gibt es Traurigeres als das Altern in Verworfenheit, zumal bei einer Frau? Man vermisst die Würde dabei, und es erregt keine Teilnahme. Ihre ewige Reue, nicht etwa über den verfehlten Lebenswandel, sondern über die falschen Berechnungen und das vergeudete Geld, gehört zu den erbärmlichsten Eindrücken, die man haben kann. Ich kannte eine alt gewordene galante Frau, der aus ihrer Vergangenheit nichts geblieben war als eine Tochter, die fast ebenso schön war, wie die Mutter zu ihrer Zeit gewesen sein soll. Das arme Kind, zu dem die Mutter nur sagte: Du bist meine Tochter, damit es sich verpflichtet fühle, sie in ihren alten Tagen zu ernähren, wie sie es ja in seiner Kindheit ernährt habe; dieses arme Geschöpf hieß Luise und gab sich, weil es die Mutter verlangte, den Männern willenlos hin, ohne Leidenschaft und ohne Genuss, so wie sie ihrem Beruf nachgegangen wäre, wenn man daran gedacht hätte, sie einen ergreifen zu lassen.

Die beständige Gewohnheit des Lasters, eines vorzeitigen Lasters, das durch die anhaltende Kränklichkeit des Mädchens noch verderblicher wurde, erstickte in ihr das Gefühl für gut und bös, das Gott sicherlich in sie gepflanzt hatte, das zu entfalten aber niemand in den Sinn gekommen war.

Ich muss oft an das junge Mädchen denken, das täglich fast zur selben Stunde auf den Boulevards promenierte. Die Mutter wich ihr nicht von der Seite, genau wie eine richtige Mutter ihre richtige Tochter zu begleiten pflegt. Ich war damals blutjung und eher geneigt, die lockeren Sitten der Zeit anzunehmen, und doch entsinne ich mich, dass der Anblick dieser sündhaften Begleitung mir Abscheu und Ekel einflößte.

Dabei sah ihr Gesicht jungfräulich aus, ihre Miene war unschuldig und trug einen unvergleichlichen Ausdruck schwermütigen Duldens.

Man musste sie für die verkörperte Ergebenheit halten. Eines Tages lag eine Art Verklärung über dem Antlitz des Mädchens. Es sah aus, als ob Gott der Sünderin mitten in den Ausschweifungen, zu denen ihre Mutter sie anhielt, ein Glück verheißen habe. Und warum auch sollte Gott, der ihr keine Kraft mitgegeben, sie, nach alledem, unter der Bürde ihres Leides trostlos zusammenbrechen lassen! Eines Tages also entdeckte sie, dass sie schwanger war, und was an ihr noch rein geblieben, erbebte vor Freude. Das Herz geht wunderliche Wege. Luise erzählte der Mutter rasch, was sie so froh machte. Es ist schrecklich zu sagen – aber ich erzähle hier nicht aus Lust am Unsittlichen, sondern berichte eine Tatsache, die ich lieber verschweigen würde, wenn ich nicht meinte, es sei bisweilen angebracht, mit dem Martyrium solcher Geschöpfe bekannt zu machen, die man verurteilt, ohne sie zu hören, und ohne Grund verachtet – es ist schrecklich zu sagen, dass die Mutter ihrer Tochter antwortete, sie hätten jetzt schon für zwei nicht zuviel und würden für drei nicht mehr genug haben; Kinder seien unter solchen Umständen unerwünscht und Schwangerschaft verlorene Zeit.

Den anderen Tag stattete eine Hebamme – wir wollen sie als die Freundin der Mutter ansehen – Luise einen Besuch ab, die dann etliche Tage im Bett blieb und bleicher und schwächer als je wieder aufstand.

Ein Vierteljahr später erbarmte sich ihrer ein mitleidiger Mann und versuchte Leib und Seele zu retten. Aber der letzte Schlag war zu hart gewesen, Luise starb an den Folgen der Fehlgeburt.

Die Mutter lebt noch – Gott mag wissen, wie.

Diese Geschichte war mir wieder eingefallen, als ich die silbernen Geräte betrachtete, und es musste offenbar während meines Nachsinnens etliche Zeit verstrichen sein, denn es war außer mir nur noch ein Wärter in der Wohnung, der von der Tür aus Obacht gab, damit ich nichts mitgehen heiße.

Ich ging zu dem guten Mann hin, dem ich diese Besorgnis erregt hatte. »Lieber Mann«, sagte ich, »können Sie mir sagen, wer hier wohnte?«

»Fräulein Marguerite Gautier.«

Das Mädchen war mir dem Namen nach und von Ansehen bekannt.

»Was!« erwiderte ich dem Wärter, »ist Marguerite Gautier gestorben?«

»Ja, mein Herr.«

»Wann denn?«

»Es mag drei Wochen her sein.«

»Und weshalb lässt man die Wohnung besichtigen?«

»Die Gläubiger meinen, es könne der Auktion dienlich sein. Die Leute sehen vorher, wie die Stoffe und Möbel sich ausnehmen. Verstehen Sie, das weckt die Kauflust.«

»So hatte sie Schulden?«

»Ach Herr! Massenhaft.«

»Aber der Verkauf deckt...



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