Duffy | Kind der Liebe. Roman | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Duffy Kind der Liebe. Roman

Ein Sommerroman mit sprachlicher Finesse - "Eines der 10 besten Bücher für den Sommer" (VOGUE)
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-15-962356-6
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Sommerroman mit sprachlicher Finesse - "Eines der 10 besten Bücher für den Sommer" (VOGUE)

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-15-962356-6
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die britische Antwort auf »Bonjour Tristesse« Kit, ein scharfsinniger Teenager, ist eifersüchtig auf die Affäre der Mutter. In den heißen Sommermonaten, eingehüllt in das malerische Ambiente einer italienischen Villa, schmiedet Kit Rachepläne - mit fatalen Folgen ... Eindeutig ist in Maureen Duffys Roman nur die sommerliche Kulisse, zweideutig bleiben die Motive und Absichten ihrer Figuren sowie ihre Identitäten: Welches Geschlecht hat Kit, und was ist mit Aias, der Affäre der Mutter? Ein sprachlich virtuoses Leseerlebnis voller Vieldeutigkeiten und überraschender Wendungen.

Maureen Patricia Duffy, geb. 1933, ist eine mehrfach ausgezeichnete britische Dichterin, Dramatikerin und Autorin zahlreicher Romane und Sachbücher. Sie gilt als erste Frau, die sich Anfang der 1960er Jahre in Großbritannien als lesbisch outete. Bis heute engagiert sie sich für LGBTQ+- und Tierrechte. Katharina Herzberger, geb. 1993, lebt in München und arbeitet als Übersetzerin für literarische Belletristik, populäre Sach- sowie Kinder- und Jugendbücher. N. N. (Nachwort)
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Signora Gambardellas Assistent, der Doktor, diagnostizierte Sonnenstich, Hitzschlag und Erschöpfung. In Italien hängt man noch immer sehr an der Beschaffenheit des Nervenkostüms. Zweifelsohne bestimmte auch sie sein Urteil. Sobald meine Erholung ausreichend vorangeschritten war, reiste meine Mutter mit mir zu Grand’mère. Es herrschte Einvernehmen darüber, dass die Ruhe und der kühle, helle Sommer des Nordens zu meiner Genesung beitragen würden. Meinen Zorn zu verbergen, war eines meiner Spezialgebiete, doch mein Vater war von einer seiner Entscheidungen erfasst worden, an denen, wie ich wusste, nicht zu rütteln war. Meine Eltern waren ratlos; meine Mutter zutiefst beunruhigt von der Plötzlichkeit meines Zusammenbruchs. Aber es stimmte, ich war tatsächlich sehr erschöpft. Ich schrieb Gerry und schickte ihr, mit etwas Geld, meine Bitte, sie möge nicht vor meiner Rückkehr gehen. Beinahe begann ich den Brief mit »Ich muss nach England, wisst ihrs?«, doch ich befürchtete, sie würde mich beim Wort nehmen. Dann probierte ich es mit »… der nun toll geworden und nach England geschickt ist«, aber das hätte sie nur verwirrt, also beließ ich es bei einfacher Kommunikation. Ich bat die Signora, den Brief abzuschicken. Ich sollte drei Wochen dortbleiben. Zuerst war es ein Monat gewesen, aber ich hatte gefleht, bis mir die Tränen kamen, so dass sich meine Mutter, wie erwartet, sorgte, ich könne erneut krank werden, und für mich einschritt.

Das Leben mit Grand’mère verlief im Schlittentempo mit etwas Glockengeklimper und fröhlichem Rentiergestapfe. Das Nimmernimmerland der ewigen Kindheit, das den langen Sommertagen gleicht, die düstere Nächte und dunkle Ängste vertreiben. Ich hatte Zeit zum Lesen. In der immerwährenden Dämmerung las ich meinen Band der . Vielleicht war es ein Fehler gewesen, mich so auf Venus zu konzentrieren und Jupiter zu vernachlässigen. Aber nein. Er liebte zu wenig und nicht gut genug. Allesamt hatte ich sie kommen und gehen sehen. Daran war nichts bemerkenswert, außer der Tatsache, dass keinerlei Wissen über diese Geschehnisse mir ausreichen würde. Mit einem gelegentlichen Seitenblick sollte ich mich auf dem Laufenden halten können. Ich schien inmitten eines Netzwerks aus Agenten meiner Wahrnehmung und meiner Sinne zu stehen. Was verpasste ich, während ich fort war? Zwar schrieb meine Mutter immer wieder, doch ich konnte nicht von ihr erwarten, mir zu berichten, was ich wissen wollte, oder es auch nur zu erraten. Ich studierte jedes Wort, selbst ihre Handschrift, sollte es einen Unterschied zu ihrem früheren Stil geben, irgendetwas Verborgenes zwischen den Zeilen, das unbeobachtet hineingerutscht war. Es gab nichts: nur denselben monotonen, humorvollen Ton voller Liebe für mich, dessen sie sich immer bediente.

In Iticino wurde es heißer. Nach meiner Rückkehr würde ich vorsichtiger sein müssen. Ich durfte nicht noch einmal zusammenbrechen. Ich wollte verstehen, was vor sich ging, doch dazu durfte ich nicht einschlafen, wie an den vielen Abenden in Massachusetts, an denen ich den Gesprächen unter mir gelauscht hatte und mich doch dahintreiben spürte, bis ich schließlich auffuhr und feststellte, dass ich etwas verpasst hatte; dann gab ich es auf. Jetzt war ich älter und musste gewisse Dinge einfach wissen. »Das hat nichts mit Liebe zu tun, Kit«, sagte Jude, und meine Mutter antwortete: »Wir haben uns verliebt.« Trotzdem war ich mir nicht im Klaren darüber, was ich eigentlich herauszufinden versuchte. Vielleicht würde es sich, wie bei jeder guten Diskussion, im Laufe der Zeit herausstellen: Das Mittel wurde gleichzeitig zum Zweck. Ich wusste nur, dass tief in mir eine unterirdische Debatte tobte, von der ich, wie bei den Gesprächen, denen ich schlaftrunken gelauscht hatte, nur einen Teil mitbekommen hatte und deren Ausmaß ich nicht im Ansatz einschätzen konnte.

Das geplante Dinner bei Ellie hatte stattgefunden. Es tat mir leid, dass ich den Abend verpasst hatte. Auch die Diskussionen gingen ohne meine Beteiligung weiter; meine Mutter schickte mir Zusammenfassungen samt den entscheidenden Argumenten. Ich schrieb Gerry. Mir war vor allem wichtig, dass sie nicht abreiste. Ich musste mich schnell erholen. Ich durfte Grand’mère keinen Anlass zur Sorge bieten, wahrscheinlich stand sie in ständigem Austausch mit meinen Eltern. Zurückhaltend, aber fröhlich, ohne das geringste Anzeichen eines Wutanfalls: So sollte sich ein Kind verhalten. Nicht zu viel Bewegung, hatte der Arzt empfohlen, aber genauso wenig durfte ich nur zuhause hocken und Trübsal blasen. Das Atmen bei Grand’mère fiel mir tatsächlich leichter; in Iticino schien mein Kopf immerzu in ein Leichentuch eingewickelt zu sein, und der Atem blieb mir im Halse stecken wie ein Tennisball. Doch es bestand die Gefahr, dass die kühlere Nordluft zu einem verräterischen Überfluss an Hochgefühlen beitrug. Ich musste genau aufpassen. Ich fühlte mich wie ein Mitglied eines Jagdfliegerteams, das sich vom Frontdienst erholen, aber gleichermaßen wieder ins Cockpit springen sollte, immer in dem Wissen, dass ich der strengsten aller medizinischen Untersuchungen standhalten musste: den Adleraugen meiner besorgten Mutter.

Zufrieden beobachtete Grand’mère, wie ich las und den nächsten Spaziergängen entgegenblickte wie ein aufgeregter Welpe. In meinem Lesematerial schien sie keine Gefahr zu wittern, wie es auch die strengsten puritanischen Eltern im neunzehnten Jahrhundert nicht getan hätten. Gefahr ist nicht inhärent. Wie die Schönheit liegt sie im Auge des Betrachters. John Milton hat mich dem Exzentrismus nähergebracht als John Lennon. Seit Hunderten von Jahren hält man diese lasziven Geschichten für nichts anderes als Mythen, die dementsprechend harmlos sein sollen. Für mich sind sie aufrührerisch, anarchisch, ganz und gar verlockend. Endlich stand die Befreiung aus meinem hölzernen Wiegensarg an, den die Pinienwälder hinter der Kleinstadt mir boten, um ausgesandt zu werden wie alle messianischen Kinder, die nicht den Frieden bringen sollen, sondern das Schwert. Nicht das Flugzeug brachte mich in den Süden, sondern ich mich selbst, mit meiner Kraft trug ich das Flugzeug. Hätten die anderen Mitreisenden darum gewusst, wären all ihre Sorgen verflogen. Meine Entschlossenheit ließ sie nicht im Stich.

Meine Mutter und Aias holten mich mit dem Auto und einer angemessenen Freudendarbietung am Flughafen ab. Die Veränderung, die ich ihren Briefen nicht hatte entnehmen können, erkannte ich sofort, als ich ihnen gegenüberstand, sie war so stark und scharf wie ihr Parfüm. Sie waren zusammengewachsen wie Pech und Schwefel, eine unverkennbare, miteinander verflochtene Intimität, die sich zweifelsohne daraus ergab, dass sie ein Bett teilten. In manchen Augenblicken war es, als verschmölze ihr Fleisch miteinander oder diffundiere durch eine Wolke aus Ektoplasma, so dass sich ihre Hände zu berühren schienen, auch wenn sie es nicht taten, oder als könnte der Esstisch den elektrischen Strom zwischen ihnen beiden leiten, der sie miteinander verband wie eine unsichtbare Nabelschnur. Ich wusste, dass sie in meiner Abwesenheit miteinander geschlafen hatten; es war kein schnelles Rein und Raus gewesen, stattdessen hatten sie die ganze Nacht lang beieinander gelegen, im Gleichtakt geatmet, ihre Gliedmaßen und Herzschläge miteinander verschmolzen, bis sie eins wurden.

Meine erste Aufgabe war es, Gerry zu besuchen, doch mein Kommen und Gehen würde ab jetzt eindeutig schwerer werden.

»Geh es erstmal ruhig an«, sagte mein Vater. »Deine Mutter hat sich große Sorgen um dich gemacht. Das haben wir alle.«

»Mir geht es gut. Ehrlich. Hat euch Grand’mère das nicht gesagt?«

»Na dann mach nicht all eure guten Taten zunichte«, antwortete mein Vater doppeldeutig, auch wenn nur ich zur Doppeldeutigkeit beitrug, nicht er. Ich beschloss, mich an seinen Rat zu halten. Doch zuerst musste ich Gerry sehen.

»Vielleicht gehen wir heute Abend ausnahmsweise nicht in die Bar?«, sagte meine Mutter nach dem Abendessen.

»Ich würde sehr gerne an die frische Luft«, sagte ich. »Nach der Zeit im Norden ist es hier etwas stickig, vor allem drinnen. Mit etwas Erfrischung würde ich sicher besser schlafen.«

Sie wirkte besorgt, aber gab nach. »In Ordnung, aber nur eine halbe Stunde.« Ich verbarg meinen Triumph nicht nur hinter diesem kleinen Erfolg, sondern hinter meiner Siegesgewissheit, meiner Raffinesse.

Schon aus einiger Entfernung sah ich Leo auf dem Bürgersteig der Piazza sitzen und hörte die gezupften wie geschrammelten Töne, die scheinbar zusammenhanglos, aber nie disharmonisch waren, als lösten sie eine Gedankenspirale im Labyrinth der Stühle und Tische. Als wir uns niedergelassen hatten, ging ich zu ihm, meiner Gruppe den Rücken zugewandt, damit niemand erkennen konnte, was ich tat.

»Hey, Kiddo! Lang ist’s her!« Leo sah auf, spielte aber weiter.

»Hey. Ich war eine Weile weg, bin krank geworden.«

»Hab ich gehört. Du nimmst alles viel zu ernst; lass sie doch machen. Ist aber trotzdem schwer, wenn man noch so jung ist. Du solltest nichts wie weg in die Freiheit. So bleibt man gesund.«

»Vielleicht, wenn ich älter bin.«

»Du bist ein anständiges Kind. Es ist die Zivilisation, die beschissen ist.«

»Ich muss mit Gerry reden.«

»Sie hat sich schon gefragt, ob du jemals wiederkommst.«

»Ich hab ihr doch geschrieben. Aber egal, jetzt bin ich ja da. Kannst du ihr das bringen?« Ich zog einen Zettel aus meinem Oberteil.

»Ich bin nicht dein kleiner Bote, Kiddo.«

»Ich weiß, aber ich kann nicht zu ihr hoch. Die passen genau auf mich auf.« Noch einmal wühlte ich in meinem Oberteil. »Ich hab...



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