Du Bois / Lubrich | 'Along the color line' | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 168 Seiten

Reihe: textura

Du Bois / Lubrich 'Along the color line'

Eine Reise durch Deutschland 1936
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-406-79155-0
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Reise durch Deutschland 1936

E-Book, Deutsch, 168 Seiten

Reihe: textura

ISBN: 978-3-406-79155-0
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



1936 reist der afroamerikanische Bürgerrechtler W. E. B. Du Bois nach Deutschland. Als Kritiker des Rassismus in den USA beobachtet er das Leben in der totalitären Diktatur und die Entrechtung der Juden. Seine Reportagen aus diesen Monaten erscheinen hier erstmals auf Deutsch. 1936 reist der afroamerikanische Soziologe W. E. B. Du Bois zu einem mehrmonatigen Forschungsaufenthalt ins nationalsozialistische Deutschland. Als scharfer Kritiker des Rassismus in seinem eigenen Land beobachtet er den Antisemitismus und die Entrechtung der Juden im 'Dritten Reich'. Seine wöchentlichen Reportagen aus diesen Monaten erscheinen hier zum ersten Mal in deutscher Sprache. Du Bois berichtet über die Wagner-Festspiele in Bayreuth und das Deutsche Museum in München, über deutsche Bierlokale und die Olympischen Spiele in Berlin, bei denen auch schwarze Sportler antreten. Mit der Vertrautheit des Deutschlandkenners und dem fremden Blick des schwarzen Amerikaners betrachtet er die totalitäre Diktatur. Du Bois beobachtet entlang der 'Farbenlinie', 'along the color line', und stellt überrascht fest, dass er persönlich kaum Diskriminierung erfährt. Umso mehr erschüttert ihn die Verfolgung der Juden: «Sie übertrifft an rachsüchtiger Grausamkeit und öffentlicher Herabwürdigung alles, was ich je erlebt habe», fasst er seine Eindrücke zusammen, «und ich habe einiges erlebt».

W. E. B. Du Bois (1868-1963) war Soziologe und Bürgerrechtler und gehört zu den einflussreichsten afroamerikanischen Intellektuellen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er studierte vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin und promovierte als erster Afroamerikaner in Harvard. Als Professor lehrte er an der Universität von Atlanta. 1909 wurde er Gründungsmitglied der National Association for the Advancement of Colored People. Sein Essayband "The Souls of Black Folk" (1903) ist ein Klassiker der amerikanischen Literatur.

Oliver Lubrich ist Professor für Germanistik und Komparatistik an der Universität Bern. Zu seinen Forschungsthemen gehören die Berichte internationaler Autoren, die zwischen 1933 und 1945 Deutschland bereisten. In der Reihe "textura" hat er herausgegeben: Alexander von Humboldt, "Die Russland-Expedition" (2019).
Du Bois / Lubrich 'Along the color line' jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


W. E. B. Du Bois: «Forum für Fakten und Meinungen». Kolumnen aus dem «Pittsburgh Courier»


13. Juni 1936


Wenn Sie dies lesen, werde ich schon in See gestochen sein. Der Frieden des Meeres wird mich begleiten – seine Stille, seine unendliche Tiefe und Weite. Snobs und Narren werden mich umgeben, und es wird Probleme geben, einen Platz im Speisesaal oder im Rauchsalon für mich zu finden. Das wird mir nichts ausmachen. Ich werde frei sein und wunderbar allein. Ich werde alberne Unterhaltungsromane lesen und ins Leere starren. Und schlafen. Und schlafen.

***

Viele Orte werde ich besuchen. Ich möchte durch den Ägyptischen Saal des British Museum gehen und Big Ben am Themseufer hören. In Paris gibt es das Restaurant «Des Escargots» und von jeder beliebigen Brücke den Anblick der Seine. Im Tiergarten werden die Rosen blühen, und es ist schon Jahre her, dass ich das Wiener Opernhaus gesehen habe. Über Bern werden sich die Alpen erheben.

***

Doch eine Reise allein eignet sich bestens, um mit sich selbst ins Gespräch zu kommen. Man schließt mit sich Bekanntschaft und erneuert diese immer wieder. Als kühler und unerbittlicher Richter sitzt man sich gegenüber und fragt: «Was soll das?», und sagt: «Sprich, Pilger», und flüstert: «Stirb.»

***

Präsident Roosevelt ist wieder beliebt, und das zu Recht. Er hat wenig vollbracht, es aber zumindest versucht. Seine schärfsten Kritiker haben nichts versucht, als Selbstbesteuerung zu propagieren, um den heißen Brei herumzureden und die Verfassung zu verteidigen.

27. Juni 1936


Schadenfreude


Einer der Gründe, eine Fremdsprache zu lernen, besteht darin, dass es in jeder Sprache einige unübersetzbare Ausdrücke gibt, die bestimmte menschliche Gedanken und Sachverhalte besser wiedergeben, als es in irgendeiner anderen Sprache möglich ist. Dies ist der Fall bei dem deutschen Wort «Schadenfreude». Wörtlich bedeutet es «Freude über Unglück», oder anders gesagt, es beschreibt das unwiderstehliche Gefühl der Genugtuung, das man verspürt, wenn jemand in Schwierigkeiten gerät, es gerade nicht leicht hat oder leidet. Letztendlich schämen wir uns natürlich immer für dieses Gefühl und rechtfertigen uns, indem wir sagen, er oder sie verdiene es, eine Lektion erteilt zu bekommen, da er oder sie ebenso herzlich über unser Unglück frohlockt habe. In Wahrheit sieht die harte menschliche Natur es gerne, wenn das Unglück möglichst weit verbreitet ist, damit sich nicht allzu viele Menschen etwas auf ihr Glück einbilden können.

Unter amerikanischen Negroes wird diese Schadenfreude durch ihre Lage verstärkt. Instinktiv fürchten wir uns vor Negroes, die Erfolg haben. Sie sollen sich nicht zu weit von unserem Elend entfernen und uns mit unserem Negro problem allein zurücklassen. Wenn also jemand entlarvt wird, der versucht hat, «als weiß durchzugehen», erzeugt das unter farbigen Menschen insgeheim eine tiefe Befriedigung, ungeachtet der Tatsache, dass die fragliche Person sehr viel eher weiß als dunkelhäutig ist und nach allen Regeln der Vernunft jedes Recht hat, sich selbst als weiß zu bezeichnen. Zugleich werden dieselben Menschen, die über «diese Enttarnung» frohlocken, entschieden darauf beharren, dass diese Person jedes Recht der Welt hat, sich als weiß zu bezeichnen.

Ich hatte einmal ein solches Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Ein prominenter Schwarzer, der weiß aussah und der zu neun Zehnteln oder mehr weißer Abstammung war, heiratete eine prominente weiße Frau, deren einwandfreier Ruf und Charakter außer Frage stand. Und dennoch weigerten sich die farbigen Freunde und Verwandten des Paares, es zu besuchen, und zwar ohne jeden Grund, denn sie selbst waren es, die stets argumentiert hatten und es nach wie vor tun, dass der Mann das Recht hatte zu heiraten, wen er wollte, ungeachtet der Grenzen der Hautfarbe.

Schadenfreude ist daher etwas, wogegen wir immer ankämpfen müssen. Sie ist eine Art natürliche Kleinlichkeit, die unseren Freunden das Leben unnötig schwer macht. […]

29. August 1936


Kontakte


Zivilisation ist Kontakt zwischen Menschen. Aus isolierten Gruppen oder Rassen entsteht keine stabile Kultur. Nur das Feuer, das von Geist zu Geist überspringt, die gegenseitige Nachahmung gelungener oder geglückter Versuche, verbreitet Ideen, ermöglicht Erfindungen und lässt zivilisiertes, fortschrittliches Leben entstehen.

Eines unserer Probleme in Amerika ist dieses Kontaktproblem, das Problem, mit modernen kultivierten Menschen in Berührung zu kommen, die Welt durch ihre Augen zu sehen und ihnen unsere Sichtweise zu vermitteln. Dies wird durch die künstlich errichteten Barrieren zwischen den nach Hautfarbe bestimmten Kasten nicht leichter, die nicht nur die Wege einengen, auf denen man sich natürlicherweise begegnen würde, sondern auch unser Inneres verschließen, selbst wenn sich einmal Gelegenheiten bieten. Ich selbst habe von den Chancen, die sich mir boten, Freundschaft mit Weißen zu schließen, nur wenig Gebrauch gemacht, und dies allein wegen eines geradezu unkontrollierbaren Widerwillens dagegen, irgendjemandem auch nur die geringste Gelegenheit zu geben, mich oder meine Anwesenheit abzulehnen.

In Europa ist das anders, oder zumindest scheint es so. Bei verschiedenen Besuchen hatte ich Gelegenheit, mit Männern wie Henry James, Havelock Ellis, H. G. Wells, Ramsay MacDonald und Keir Hardie zu sprechen. Und bisweilen geschieht dann etwas zugleich Natürliches und doch Unerwartetes, das eigentlich kaum der Rede wert sein sollte. Und doch ist es das: Da ist dieser belgische Professor an der Kolonialuniversität in Antwerpen, Natal De Cleene. Ich kannte ihn als einen der besten Afrikaexperten unserer Zeit. Ich wollte mit ihm sprechen, schrieb ihm und bat ihn um ein Interview. Er antwortete umgehend und bot an, mich in Brüssel zu treffen. Wäre er Amerikaner gewesen, hätte ich in dem Moment, wo ihm klar wurde, dass ich ein Negro bin, auf alles gefasst sein müssen, von Zurückhaltung bis zu offener Beleidigung. Sollte Dr. De Cleene meine Hautfarbe überrascht haben, so ließ er es sich nicht im Geringsten anmerken, und ich meinerseits ließ weder durch ein Wort noch durch eine Geste erkennen, dass ich irgendetwas anderes erwartet hätte. Es wurde eine lange, angenehme Unterhaltung. Es tat ihm leid, dass ich nicht nach Antwerpen in seine Seminare kommen konnte, und wir verabschiedeten uns voller Bedauern. So ist Europa.

Belgien


Wenn die Schwierigkeiten der Großmächte heute fast unüberwindlich erscheinen, so ist die Notlage der kleinen Länder noch schlimmer. Ihre Währung ist abhängig von den großen, nicht übermäßig rücksichtsvollen Nachbarn: Der belgische Franc war früher vierundzwanzig Cent wert. Heute sind es noch viereinhalb Cent. Ein Hundert-Franc-Schein, der aussieht wie ein kleines Vermögen, ist weniger wert als fünf Dollar. Man gibt zehn Centimes Trinkgeld und stellt konsterniert fest, dass sich diese Großzügigkeit auf einen halben Cent beläuft!

Doch Brüssel ist fröhlich, auch wenn die Leute arm sind. Die Straßen und Cafés sind voll, und die durch Streiks und Arbeiterunruhen verursachten Turbulenzen ausgerechnet in der Woche meines Besuchs brachten das Alltagsleben nicht aus dem Takt. Ab einem gewissen Punkt lässt man sich von nichts mehr aus der Fassung bringen, und Belgien hat diesen Punkt überschritten.

Belgien ist ein kleines Land, das zwischen hungrigen Nachbarn liegt. Die Bewahrung seiner Unabhängigkeit ist kein kleines Problem. Gegenwärtig versucht es verzweifelt, ein neues Locarno herbeizuführen, um das alte zu ersetzen. Doch das ist nicht sein einziges Problem: Es hat ein Rassenproblem – ein Problem mit Rasse und Sprache –, das Außenstehenden fast abstrus vorkommt. Wir haben es mit einem kleinen Land zu tun, das in eine französische und eine flämische Hälfte geteilt ist. Gesetze müssen in zwei Sprachen veröffentlicht werden, Schulunterricht muss für zwei Rassen in zwei Sprachen angeboten werden, und Straßenbahnschilder müssen doppelt angefertigt...


W. E. B. Du Bois (1868–1963) war Soziologe und Bürgerrechtler und gehört zu den einflussreichsten afroamerikanischen Intellektuellen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er studierte vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin und promovierte als erster Afroamerikaner in Harvard. Als Professor lehrte er an der Universität von Atlanta. 1909 wurde er Gründungsmitglied der National Association for the Advancement of Colored People. Sein Essayband "The Souls of Black Folk" (1903) ist ein Klassiker der amerikanischen Literatur.

Oliver Lubrich ist Professor für Germanistik und Komparatistik an der Universität Bern. Zu seinen Forschungsthemen gehören die Berichte internationaler Autoren, die zwischen 1933 und 1945 Deutschland bereisten. In der Reihe "textura" hat er herausgegeben: Alexander von Humboldt, "Die Russland-Expedition" (2019).



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.